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2/2020 | Theorie & Praxis
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How beautiful is small?

In Europas Fondsindustrie gibt es etwas, was viele schon vermuteten: eine Boutiquenprämie. Den Nachweis dafür hat eine britische Universität jüngst erbracht. Die Ergebnisse im Detail.

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Ob man die Maßarbeit talentierter Handwerker billiger Massenware vorzieht, ist bei Konsumgütern vor allem eine Frage des individuellen Geschmacks. Bei Investmentprodukten wird man in Boutiquen hingegen auch objektiv betrachtet – also unter Ertragsgesichtspunkten – tendenziell besser bedient.

© CASS BUS. SCHOOL, GECKO STUDIO | STOCK.ADOBE.COM
Was eine Investmentbou­tique genau ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen hängen es an den verwalteten Vermögen auf. Da kann es in Ländern mit einem großen Kapitalmarkt und tiefen Kapitalsammel­becken schon vorkommen, dass Assets under Management bis zu 50 oder 100 Milliarden Euro Boutiquencharakter bedeuten, während man anderswo mit solchen Zahlen als Asset Manager schon zum Mittelbau gehört. Für Andrew ­Clare, Professor für Asset Management an der Londoner Cass Business School, sind Investmentboutiquen Vermögensverwalter, die eine vergleichsweise ge­rin­ge Anzahl von Fonds anbieten, einem unverwechselbaren ­Investmentstil folgen und dabei von Managern gestioniert werden, die Gründer oder Miteigentümer der Vermögensverwaltungsgesellschaft sind. 
Bis zur Cass-Studie gab es erst eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Bouti­quen. Sie stammt von AMG und wurde im Jahr 2015 erstellt, bezieht sich aber nur auf US-amerikanische Boutiquen. Sie trägt den Titel „The Boutique Premium: Do Boutique Investment Managers Create Value?“. Die Berechnungen erfolgten auf Basis von Monatsrenditen, gesucht wurde nach Alpha bei Fonds von US-Boutiquen. Im Ergebnis gelangte man zu dem Schluss, dass die risikoadjustierten Renditen von Asset-Management-Boutiquen tatsächlich höher ausfallen als bei Nicht-Boutiquen. Die plausibelste Erklärung für diese besseren Ergebnisse ­besteht darin, dass Boutiquenmanager häufig ihre eigenes Geld in den Fonds verwalten, was zu einem Interessengleichlauf führt. Nennenswert ist auch ein im Mai 2019 publizierter Artikel in der „Review of Finance“ von Miguel A. Ferreira, Aneel Keswani, António F. Miguel und Sofia B. Ramos. Das Quartett untersuchte Performanceunterschiede zwischen den von der Asset-Management-Division der Kommerzbanken und von anderen Firmen gemanagten Fonds und stellte dabei fest, dass die banknahen Fonds pro Jahr um 92 Basispunkte schwächer abschnitten als die Vergleichsgruppe – im aktuellen Renditeumfeld ist dies ein durchaus beträchtlicher Unterschied. Die Autoren schreiben diesen Ertragsunterschied dem Umstand zu, dass es beim Asset Management im Bankenbereich zu Interessenkonflikten kommt. Diese Fonds tendieren demnach dazu, Investments in Gesellschaften von Kunden der Bank überzugewichten. 
 
Dass diese Interessenkollisionen die Quelle einer Boutiquenprämie sein sollen, sei zwar möglich, für ihn aber schwer zu akzeptieren, meint der britische Kapitalmarktforscher Clare. Ihm erscheint es plausibler, dass die unterschiedliche Eigentümerstruktur und ein anderer Fokus des Boutiquenmanagers für die Performanceabweichungen verantwortlich sind. Um der Sache auf den Grund zu gehen, errechnete Clare risikoadjustierte Alphas für zwei Fonds­teilmengen. Zum einen untersucht er Long-only-Aktienfonds, die auf Euro lauten und von einem der Top-120-Asset-Manager in Europa, die sich aus dem „IPE Annual Survey of European Asset Managers“ ergeben, verwaltet werden – Clare bezeichnet sie als „Mega Funds“. Die zweite Gruppe bilden in Euro denominierte Aktienfonds, die von kleineren Investmenthäusern gemanagt werden und als „Boutiquenfonds“ bezeichnet werden. Die Liste dieser Boutiquenmanager erstellte die Cass Business School auf Basis der Angaben von zwei führenden britischen Investment Consultants sowie aus dem Mitgliederverzeichnis der „Group of Boutique Asset Managers“ (GBAM).
 
Fast Neuland
 
Von Morningstar stammten die Total-­Return-Daten für die beiden Fondsgruppen, wobei die Brutto- und Nettomonatsrenditen der jeweils ältesten Anteilsklasse dieser ­selektierten Fonds über den Zeitraum von Januar 2000 bis Juli 2019 herangezogen wurden. Berücksichtigt wurden dann jene Fonds, die im Zeitraum zwischen 2007 und 2019 für Investments durchgehend geöffnet waren; um sich als Teil der Stichprobe zu qualifizieren, mussten mindestens 36 Monate durchgängige Performancehistorie vorliegen. Am Ende des Selektionsprozesses blieben 783 Long-only-Megafonds übrig. Wie sich diese Fonds entsprechend ihrer Morningstar-Kategorisierung zusammensetzen, zeigt die Tabelle „Stichprobe Megafonds und Alpha“. Die Ertragsdaten vor Kosten dieser Fonds wurden nun jenen der „Boutiquenprodukte“ gegenübergestellt. 
 
Fehlende Definition
 
Zu betonen ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass es keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs Boutique gibt. AMG beispielsweise verwendete für die Arbeit von 2015 die MercerInsight Global Database. Als Boutiquenmanager betrachtete das AMG-Research Vermögensverwalter, deren Eigentümerstruktur, Breite des Geschäfts und Umfang der verwalteten Vermögenswerte einem von AMG selbst festgelegten Muster entsprachen. Als Boutique qualifizierten sich bei AMG beispielsweise Firmen, deren Schlüsselkräfte (Principals) mindestens zehn Prozent des Kapitals der Firma besaßen. Zudem musste das Investment Management das einzige Geschäftsfeld des Asset Managers sein, und die Assets under Management durften den Wert von 100 Milliarden US-Dollar nicht übersteigen. Zudem durfte das Unternehmen nicht ausschließlich Dachfonds- oder Smart-Beta-Strategien anbieten. AMG eruierte mit dieser Methodik 816 Investmentboutiquen – weltweit. Wirtschaftsforscher Clare wandte sich eingedenk dieses Wissens für die ­europäische Stichprobe an zwei Consultants, deren Leistungen schwerpunktmäßig von institutionellen Investoren wie Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds nachgefragt werden, und gab ihnen mit, dass sie dieselben Maßstäbe wie AMG zur Identifizierung von Investmentboutiquen anlegen sollten. Die „Group of Boutique Asset Managers“ wurde ersucht, anhand der gleichen Kriterien passende europäische Fondshäuser namhaft zu machen. Die drei Listen, die naturgemäß sehr ähnlich aussahen, wurden dann zu einer verdichtet, wobei am Ende des Tages 299 Boutiquenfonds ­übrig blieben (siehe Tabelle „Stichprobe Boutiquenfonds und Alpha“). Auch hier wurden Bruttorenditen analysiert. 
 
Ein- und Fünf-Faktor-Modell
 
Die risikoadjustierte Performance (Alpha) der Fonds berechnet Andrew Clare auf zwei unterschiedliche Arten: einmal auf Basis des Capital-Asset-Pricing-Modells (Ein-Faktor-Modell mit der Marktrendite als Faktor), wo jeder Fonds mit seinem dazugehörigen MSCI Index – neun an der Zahl – verglichen wird. Alpha ist dann jener Teil der Fondsrendite, der von der Marktrendite ­unabhängig ist. Die nach dieser einfacheren Methode errechneten Alphas sind in den beiden Stichprobentabellen für Mega- und Boutiquenfonds dargestellt.
 
Bei der zweiten Methode stellt die Studie auf das Fünf-Faktor-Modell nach Fama und French ab. Neben den drei bekannten Faktoren Markt, Size und Value kommen im 2015 vorgestellten Modell noch „Profitability“ – Aktien mit einer höheren operativen Rentabilität performen besser – und „Low Investment“ – Aktien von Firmen mit ­einem hohen Wachstum der Total Assets performen unterdurchschnittlich – hinzu. Aus den Regressionsrechnungen ergibt sich dann das Fünf-Faktor-Alpha, das die Fähigkeiten des Managers repräsentiert. 
 
Bruttorenditenanalyse
 
Betrachtet man die Resultate des Ein-Faktor-Modells, so liegt der Durchschnittswert für das Bestimmtheitsmaß R² über alle Regressionen bei Megafonds bei 93 Prozent (siehe Tabelle „Stichprobe Megafonds und Alpha“). Das bedeutet, dass das Modell generell eine gute Beschreibung der generierten Alphas liefert. Für die Boutiquenfonds liegt der Wert mit 91,2 Prozent ähnlich hoch. Das durchschnittlich von Megafonds generierte Alpha liegt bei 0,02 Prozent pro Monat oder 0,21 Prozent pro Jahr. Die Standardabweichung des durchschnittlichen Alphas liegt hier bei 0,24 Prozent, woraus sich schließen lässt, dass die Dispersion der ­Alphas ziemlich hoch ausfällt. Spalte sechs zeigt dies anhand des hohen Anteils von ­negativen Alphas, der bei 46,4 Prozent liegt. Tatsächlich sind nur wenige positive Alphas tatsächlich statistisch signifikant auf einem Signifikanzniveau von 95 Prozent, nämlich gerade einmal 9,6 Prozent der Stichprobe, wie die vorletzte Spalte der Grafik zeigt. Andererseits sind 6,1 Prozent aller Alphas signifikant negativ.
 
Die gleiche Analyse bei Boutiquenfonds durchgeführt, zeigt ein anderes Bild. Wie aus der Tabelle „Stichprobe Boutiquenfonds und Alpha“ abzulesen ist, ist das durchschnittliche Alpha mit 0,9 Prozent pro Monat beziehungsweise 1,03 Prozent pro Jahr wesentlich höher. Im Mittel outperformen die Boutiquenfonds also jene Fonds, die von großen Asset Managern gemanagt werden, um zirka 0,8 Prozent jährlich. Dieser Unterschied in den risikoadjustierten Ren­diten ist im Übrigen statistisch hoch signifikant, die Irrtumswahrscheinlichkeit liegt hier nur bei einem Prozent. Ähnlichkeiten gibt es bei der Streuung der Alphas zu berichten, die Standardabweichung beträgt hier 0,28 Prozent. Jedenfalls ist bei den Boutiquenfonds der Anteil der Fonds mit positivem Alpha größer, dieser liegt bei 61,9 Prozent und damit 15,5 Prozent höher als bei den Megafonds. Allerdings ist der Anteil von Boutiquenfonds mit signifikant positivem Alpha mit 13,7 Prozent ebenfalls nicht sonderlich groß. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der risikobereinigte Renditevorsprung von 80 Basispunkten pro Jahr für Boutiquenfonds beim Vergleich von Bruttorenditen existiert. 
 
Nettorenditenvergleich
 
Wiederholt man exakt die gleichen Berechnungen, aber auf Basis von Netto­monatsrenditen der beiden Fondsgruppen, so verringert sich das durchschnittliche ­Alpha von 0,02 auf –0,11 Prozent pro ­Monat bei den Megafonds respektive von 0,09 auf –0,07 Prozent bei Boutiquenfonds. Dabei zeigt sich zweierlei: einmal, dass Boutiquenfonds teurer als Megafonds sind, was auch verständlich ist, da Economies-of-Scale-Effekte bei den großen Fondsmanagementhäusern eben vorhanden sind. Zum ­anderen bleibt ein Alpha-Vorsprung der Boutiquenfonds in Höhe von 0,56 Prozent pro Jahr bestehen, und dieser ist bei der Nettobetrachtung auch statistisch signifikant, wenngleich nur auf dem 95-Prozent-Niveau. 
 
Fünf-Faktor-Analyse
 
Was die Verteilung der Alpha-Renditen von Mega- und Boutiquenfonds (siehe gleichnamige Grafik) anbelangt, so zeigt sich, dass die Verteilung des Boutiquen-­Alphas im Vergleich zu jener der Megafonds weiter nach rechts gerückt ist. Auch das Bestimmtheitsmaß R² ist mit Werten von 87,6 respektive 84,8 Prozent etwas niedriger als im Ein-Faktor-Fall. Das heißt, dass der Erklärungswert des Modells etwas geringer für die Risiko- und Ertragscharakteristika der zwei Fondsarten ist. Die durchschnittlichen Brutto-Alphas sind hier mit –0,07 Prozent für Mega- und –0,02 Prozent für Boutiquenfonds niedriger als bei der Ein-Faktor-Betrachtung.
 
Nichtsdestotrotz besteht hier ein Unterschied in den Brutto-Alphas zugunsten der Boutiquenfonds von 0,52 Prozent pro Jahr. Ähnlich dem Ein-Faktor-Fall produziert auch hier ein höherer Anteil der Boutiquenfonds als der Megafonds ein positives Alpha (42,5 Prozent versus 33,1 Prozent). Wenn es allerdings um statistisch signifikante Alphas geht, lichten sich die Reihen deutlich: Während wenigs­tens acht Prozent der Boutiquenfonds auf ein solches Fünf-Faktor-Alpha verweisen können, sind es bei den Megafonds gar nur mehr 2,7 Prozent. Bei der Nettobetrachtung stehen sich durchschnittliche Fünf-Faktor-Alphas von –0,19 Prozent bei den Megafonds und –0,17 Prozent bei den Boutiquenfonds gegenüber. Die annualisierte Prämie von Boutiquenfonds ist hier freilich auch vorhanden und beträgt 0,23 Prozent jährlich.
 
Auffällige Unterschiede
 
Eine sehr interessante Analyse beschäftigt sich mit der unterschiedlichen Ausprägung der fünf Betas von Markt, Value, Size, Profitabilität und Low Investment bei Mega- und Boutiquenfonds, wobei hier Nettoren­diten die Ausgangsbasis darstellten. Tatsächlich weisen die Boutiquenfonds ein ­höheres Marktrisiko auf und haben ein ­höheres Exposure zum Size-Faktor – und damit mehr Small Caps – sowie zum Faktor Profitabilität. Damit einher geht ein etwas geringeres Exposure zum Value- und Investment-Faktor (siehe Grafik „Unterschiedliches Beta-Exposure“).
 
Auch Vergleiche der Anlageschwerpunkte fördern Erstaunliches zutage. Tatsächlich scheinen sich Mega- und Boutiquenfonds auf unterschiedliche Anlagebereiche zu fokussieren. Genügend große Fondszahlen in beiden Fondsarten gibt es für Vergleiche ­eigentlich nur in den Bereichen „Europe Lage Caps“, „Europe Mid/Small Caps“, „Global Emerging Markets“ und „Global Large Caps“. Bei der Ein-Faktor-Analyse outperformen Boutiquenfonds in der Kategorie „Europe Large Caps“ die Megafonds um 0,33 Prozent pro Jahr brutto beziehungs­weise um 0,08 Prozent netto. Noch besser schneiden Boutiquenfonds gegenüber Mega­fonds in der Kategorie „Europe Mid/Small Caps“ ab: Brutto erzielen ­Erstere um 1,45 Prozent pro Jahr mehr, netto sind es immer noch 0,94 Prozent. Boutiquenfonds haben auch das bessere Ende für sich, wenn es um Global Emerging Markets geht: Hier sind es 0,54 ­respektive 0,42 Prozent. Und schließlich schlagen sie auch noch die Megafonds bei Global Large Caps (brutto 0,28 Prozent, netto 0,01 Prozent jährlich). In allen vier Sektoren ­gelingt damit der Nachweis einer sogenannten Boutiquenprämie. 
 
Die gleiche Übung beim Fünf-Faktor-Modell durchgeführt, ergibt drei Parallelen und eine Abweichung: Während Boutiquenfonds bei European Large Caps (0,45 Prozent brutto versus 0,18 Prozent netto), Europe Mid/Small Caps (1,86 versus 1,04 Prozent) und Global Emerging Markets (2,14 versus 1,74 Prozent) die Nase deutlich vorn haben, ändert sich das Bild bei Global Large Caps: Hier ist die Boutiquenprämie mit 0,37 Prozent brutto beziehungsweise 0,29 Prozent netto pro Jahr negativ.
 
Boutiquenprämie bestätigt
 
Was sich bei der AMG-Studie von 2015 bereits angedeutet hatte, nämlich die Exis­tenz einer Boutiquenprämie, wird durch die vorliegende Arbeit bestätigt. Während AMG im Schnitt eine Boutiquenprämie von 141 Basispunkten pro Jahr gegenüber vergleichbaren Benchmarks feststellte, findet Andrew Clare im Vergleich zu Megafonds auf Bruttobasis eine solche zwischen 82 und 52 Basispunkten in Abhängigkeit vom angewandten Faktormodell. Netto sind dies dann zwischen 56 und 23 Basispunkten pro Jahr. Im Speziellen finden sich besonders Belege für eine deutliche Prämie in zwei Sektoren, nämlich bei europäischen Mid und Small Caps sowie den Global Emerging Markets. Tim Warrington, der Vorsitzende der Group of Boutique Asset Managers (GBAM), der die Ergebnisse der Arbeit von Clare kennt, meint dazu: „Boutiquen sind für uns kleinere, hoch motivierte und spezialisierte Gesellschaften, die eine ­beständige Outperformance anstreben und deren Interessen mit denen ihrer Kunden in Einklang stehen. So gesehen ist es keine Überraschung, dass der Brite eindeutige ­Belege dafür gefunden hat, dass es so etwas wie eine Boutiquenprämie bei kleineren ­Gesellschaften gibt. Da sich dabei mit der Zeit praktisch ein Zinseszinseffekt einstellt, der beachtliche zusätzliche Erträge für In­ves­toren generieren könnte, müssten Consultants noch sehr viel mehr tun, um diese Vorteile gegenüber langfristig orientierten Anlegern herauszustellen.“ Die Erkenntnisse der Arbeiten von AMG und der Cass School of Business sollten auch Wasser auf die Mühlen etwa von Natixis Investment Managers sein, die einen Kranz von Boutiquen um die eigene Kompetenz herum gebunden haben. Doch jedes Ding hat zwei Seiten: Wenn man keine Durchgriffsrechte hat wie im Fall von H2O Asset Management, wo Starmanager sich vom Risikomanagement nicht einfangen lassen, kann dieser Vorteil auch einmal ins Negative umschlagen. Clare wünscht sich mehr ­Kapitalmarktforschung in diese Richtung. So könnten sich Wissenschaftler etwa im Detail mit der Eigentümerstruktur von Investmentboutiquen beschäftigen oder sich auch mit dem Ansatz der Portfoliokonstruktion eines typischen Boutiquenfonds befassen.
 
Dr. Kurt Becker

Boutiquenprämie lässt sich auch in Deutschland nachweisen

Boutiquencharme verifiziert (II): Von der Theorie zur Praxis

Vor etwas mehr als einem Jahr haben sich drei ehemalige Mitarbeiter des Berenberg Vermögensverwalter Office selbstständig gemacht und die Pro BoutiquenFonds GmbH (PBF) in Frankfurt am Main gegründet. Die Geschäftsführer Frank Eichelmann, Michael Gillessen und Sven Hoppenhöft haben sich zum Ziel gesetzt, ausgewählten Fondsboutiquen Marketing-und Vertriebsunterstützung zu bieten, ohne jedoch als Third Party Marketer aufzutreten. Das Trio steht aber auch allen Marktteilnehmern im Vermögensverwalter- und Fondsboutiquenmarkt als Consultingpartner zur Verfügung. Dazu gehören neben Vermögensverwaltern auch KVGen, Asset Manager, Depotbanken und Family Offices.

„Das Interesse institutioneller Investoren an den oftmals sehr erfolgreichen Fondskonzepten mit markanten Alleinstellungsmerkmalen nimmt stetig zu. Dennoch liegt der Marktanteil der unabhängigen Vermögensverwalter in Deutschland bisher nur bei im internationalen Vergleich eher mageren vier bis fünf Prozent“, sagt Sven Hoppenhöft. „Der aktuelle Konzentrationsprozess bei den Banken dürfte dazu führen, dass immer mehr Kunden sich den sehr individuellen und passgenauen Anlagekonzepten der Vermögensverwalter und Fondsboutiquen zuwenden“, erwartet Frank Eichelmann.

Boutiquen-Alpha in Deutschland

Die drei Gründer haben eine Vielzahl von Aufgabenfeldern identifiziert. Neben der Begleitung bei der Existenzgründung und bei strategischen Weichenstellungen im Unternehmen ist dies auch die systematische Nachfolgeplanung. Bei der Auflage eigener Investmentfonds ist die richtige Partnerwahl oftmals die größte Hürde für einen erfolgreichen Start. Allerdings gilt es auch, die beste rechtliche Hülle für das Projekt zu finden und sowohl die Gesellschaft als auch den neuen Fonds mit Marketing- und Vertriebsaktivitäten bekannt zu machen. PBF stellt in seiner Analyse auf das Segment der mindestens fünf Jahre alten Mischfonds ab, deren Anzahl – 31 – am relevantesten unter den von deutschen Boutiquen gemanagten Fondssegmenten ist. Zudem ist es die Königsklasse des Fondsmanagements, und es gibt eine ausreichend große Vergleichsgruppe, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Damit knüpft man an die Studie der Cass Business School an und bestätigt, wie sich zeigt, deren Ergebnisse für den deutschen Markt. Grundlage der Analyse ist die Morningstar-Peergroup „EUR Flexible Allocation Global“, die über insgesamt vier Zeitfenster – year-to-date per 31. März 2020 und über ein, drei und fünf Jahre hinweg – untersucht wird. Datenquellen sind Morningstar, PBF selbst und Verkaufsprospekte der KVGen. Untersuchungsgegenstand sind jene Fonds von unabhängige Fondsboutiquen mit Sitz in Deutschland, die in Deutschland zum öffentlichen Vertrieb zugelassen sind, ihr Fondsdomizil in Deutschland und Luxemburg haben und über ein Mindestfondsvolumen von 50 Millionen Euro verfügen. Dabei wird immer auf die älteste Anteilsklasse eines Fonds abgestellt.

Vergleichsgruppen

Um ein Boutiquen-Alpha ermitteln zu können, braucht es zumindest eine Vergleichsgruppe; PBF benutzt deren zwei. Einmal sind es Fonds von deutschen konzernabhängigen Asset Managern und damit insbesondere jene, die zu Banken oder Versicherungen gehören, wobei auch hier jeweils auf die älteste Anteilsklasse eines Fonds referenziert wird, das andere Mal alle Fonds – und damit schwerpunktmäßig ausländische Anbieter – der gesamten Morningstar-Vergleichsgruppe, wobei hier jeweils alle Anteilsklassen aller Peergroup Members, also sowohl die Fonds der deutschen Boutiquen als auch der deutschen konzernabhängigen Anbieter und der ausländischen Anbieter, erfasst sind. Ein Vergleich der Gesamtfondsvolumina der drei Gruppen zeigt, dass die 31 Boutiquenfonds 30,5 Milliarden Euro schwer sind, während die Fonds der abhängigen Asset Manager auf aggregiert 19,2 Milliarden Euro kommen. Die Morningstar-Peergroup in ihrer Gesamtheit bringt per Stichtag 31. März 2020 149 Milliarden Euro auf die Waage. Dass 31 Boutiquenfonds fast 31 Milliarden und damit im Durchschnitt annähernd eine Milliar de Euro auf die Waage bringen, verwundert fürs Erste, ist aber intuitiv erklärlich, wenn man an die Fondsgröße der darin enthaltenen Fonds von Flossbach von Storch denkt; einen Einfluss auf die Alpha-Aussage hat das FvS-Schwergewicht aber nicht, da diese Berechnungen nicht volumensabhängig sind, sondern eine Gleichgewichtung der Fonds-Alphas durchgeführt wird. Was die Managementgebühr betrifft, so liegt der Medianwert der 31 deutschen Boutiquenfonds bei 95 Basispunkten (bps) jährlich und vergleicht sich vorteilhaft mit jenem der abhängigen Asset Manager in Deutschland (122 bps), die praktisch deckungsgleich mit der gesamten Morningstar-Peergroup über alle Anteilsklassen ist (siehe Grafik „Günstige Boutiquenfonds“).

In allen vier Untersuchungszeiträumen, die von einem Quartal bis zu fünf Jahren reichen, lässt sich ein „Alpha“ von deutschen Boutiquenfonds gegenüber der Morningstar-Peergroup und auch den Fonds abhängiger deutscher Asset Manager nachweisen. Liegen die deutschen Boutiquenfonds im Durchschnitt über fünf und drei Jahre per Ende März noch leicht im Plus, so performen die Fonds der beiden Vergleichsgruppen über diese Zeiträume bereits negativ (siehe Grafik „Performancereigen“). Auch auf kürzere Sicht – ein Jahr beziehungsweise das Startquartal 2020 – haben deutsche Boutiquenfonds die Nase vorn. Dies gilt sowohl gegenüber den Fonds konzernabhängiger deutscher Anbieter als auch gegenüber der gesamten Kategorie Mischfonds der Morningstar-Peergroup. Diese Prämie scheint noch dazu erstaunlich stabil zu sein, liegt doch deren annualisierter Wert zwischen 2,09 und 3,29 Prozentpunkten pro Jahr (siehe Grafik „Stabile Prämie“). Im ers ten Quartal dieses Jahres liegt man auch schon 1,49 respektive 2,50 Prozent vor den beiden Vergleichsgruppen.

Mittelzuflüsse trotz Corona

Die Untersuchung der Pro Boutiquen-Fonds GmbH bestätigt, dass unabhängige deutsche Boutiquen grosso modo – und nicht nur der Platzhirsch Flossbach von Storch – einen sehr guten Job machen. Die Belohnung dafür sind Mittelzuflüsse, die im von Corona geprägten ersten Quartal 2020 immerhin 634 Millionen Euro umfassten, stellt Verfasser Frank Eichelmann fest. Die Ergebnisse der Studie der Cass Business School scheinen damit für Deutschland bestätigt. Man darf hoffen, dass mehr institutionelle Investoren ihre Scheu vor Boutiquen verlieren werden.


Anhang:

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