Hörbare Non-Events
Immer wieder gibt es Studien, die in der Theorie interessant sind, aber für institutionelle Anleger keine praktische Relevanz haben. Ein aktuelles Beispiel sind Untersuchungen zu Investment-Podcasts.

Aus der Nische zum Mainstream: Podcasts haben in den letzten Jahren eine dynamische Entwicklung vollzogen. Schätzungen zufolge hört über die Hälfte aller US-Amerikaner mindestens eine Folge im Monat. Weltweit lauschen mehr als 600 Millionen Menschen. Das rasante Wachstum basiert auf der Tatsache, dass das Podcast-Format als tiefgehend und authentisch wahrgenommen wird. Für viele Nutzer ist die Informationsvermittlung deshalb überzeugender als in den sozialen Medien.
Zwei Studien mit ähnlichem Ergebnis
Eines der am schnellsten wachsenden Segmente sind Investment-Podcasts, in denen einzelne Aktien besprochen werden. Hier stellt sich die Frage, inwieweit dadurch das Anlageverhalten oder die Kurse beeinflusst werden könnten. Schließlich erhöhen Podcasts die Reichweite öffentlicher Informationen und machen sie bequem konsumierbar. Darum geht es in der Studie „Sound Analysis?“ eines US-Forscherteams um Braiden Coleman (University of Georgia) und Brady Twedt (Texas A&M University).
Die Forscher erstellen eine Liste aller Podcasts zum Thema Investments. Anschließend transkribieren sie die Audiodateien aller verfügbaren Folgen im Untersuchungszeitraum von 2008 bis 2022 und filtern diejenigen heraus, in denen US-Unternehmen ausführlich behandelt werden. Insgesamt sind 49.772 Folgen von 1.782 verschiedenen Kanälen in der Analyse vertreten. Das Resultat: Die Berichterstattung in Podcasts ist positiv mit dem anormalen Handelsvolumen und den Aktienbeständen von Privatanlegern korreliert. Die Autoren schlussfolgern deshalb, dass Podcasts weniger gut informierten Anlegern helfen, wichtige Unternehmensinformationen zu verarbeiten, was deren Informationsnachteil verringert.
Auch Marten Laudi (KLU Hamburg) und Janik Ole Wecks (Universität Bremen) erstellen in ihrer Studie „Do Podcasts Move the Stock Market?“ einen Datensatz mit über 25.000 transkribierten Podcast-Folgen, in denen einzelne Aktien besprochen werden. Sie nutzen den Zeitpunkt und den Inhalt der Folgen, um die Berichterstattung mit Handelsaktivitäten auf Aktienebene, den Beständen der Anleger und deren Performance zu verknüpfen. Die Ergebnisse sind ein deutlicher Anstieg beim Handelsvolumen, bei den absoluten Renditen und bei den Beständen von Privatanlegern, insbesondere im Zusammenhang mit frischen Quartalszahlen. Dabei ist der Effekt am Tag der Veröffentlichung der Episoden besonders stark und bleibt in den folgenden Tagen positiv. Podcasts mit größerer Reichweite haben zudem stärkere Auswirkungen. Interessant ist auch, dass eine negative Stimmung in den Gesprächen stärkere Reaktionen hervorruft als eine positive Stimmung.
Reiner Unterhaltungswert
Entscheidend ist aber, dass sich daraus kein Vorteil erzielen lässt. Das zeigen die Forscher des zuletzt genannten Papers anhand eigens entwickelter Strategien, mit denen realistisch auf Grundlage von Podcast-Inhalten gehandelt werden könnte. Das Ergebnis: Keine dieser Strategien erzielt eine bessere Performance als passive Benchmarks. Sie bewirken lediglich einen Anstieg der Handelsaktivität.
Für Kapitalmarktprofis ist das wenig überraschend. Schließlich basieren Podcasts auf öffentlich zugänglichen Informationen, die längst eingepreist sein dürften, wenn die meisten Hörer basierend darauf aktiv werden. Und es können zusätzliche Verzögerungen hinzukommen. Denn viele Podcasts folgen einem festen wöchentlichen Rhythmus, sodass der Ausstrahlungstermin der Folgen eher von den Produktionsplänen bestimmt wird als von den aktuellsten Nachrichten. Abseits des Unterhaltungswerts sind deshalb auch Privatanleger besser beraten, sich um eine sofortige Analyse zu bemühen, statt auf die bequeme, aber zeitversetzte Aufbereitung im Podcast zu warten.
Märkte bewegen Podcasts
Die beiden Studien haben theoretische Relevanz. Aber institutionelle Anleger brauchen sich nicht damit zu befassen. Denn Podcasts taugen weder als Informationsquelle noch als Alpha-Generatoren. Sie sind höchstens als Gradmesser für das Verhalten uninformierter Privatanleger zu gebrauchen. Das könnte etwa für ausgewählte Meme-Aktien interessant sein, die über diese Schiene vielleicht besser zu verstehen sind. Ansonsten bleibt nur eine Erkenntnis, die wohl viele schon vermutet haben: Podcasts bieten keinen systematischen Vorteil am Markt. Stattdessen dürfte es umgekehrt sein: Märkte bewegen Podcasts. Denn Aktien, die besonders bekannt sind oder bei denen es überraschende Kursreaktionen gab, werden am häufigsten besprochen. Der Markt befeuert die Hörerstatistik deshalb wohl weitaus stärker als umgekehrt.
Marko Gränitz