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1/2021 | Theorie & Praxis
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Gekommen, um zu bleiben

Die neueste Invesco-Studie zu Faktorprämien zeigt, wo Großanleger Renditepotenzial orten und welche Trends in diesem Bereich an Bedeutung gewinnen. Fest steht: Faktorinvestments sind ein fixer Bestandteil institutioneller Portfolios.

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Profianleger sind vom faktorbasierten Investieren überzeugt und wenden diesen ursprünglich für Aktien entwickelten Ansatz vermehrt bei Renten-Investments an. Aber auch eine Kombination mit ESG gewinnt an Stellenwert.

© Invesco, weedezign | stock.adobe.com

Faktorbasiertes Anlegen hat sich ganz klar etabliert und wird von immer mehr Investoren aller Größenordnungen genutzt“, fasst Studienautor Georg Elsässer, Senior Portfolio Manager Quantitative Strategies bei Invesco, anlässlich der Veröffentlichung der „Invesco Global Factor Investing Study 2020“ zusammen. Im Rahmen der von ­Invesco in Auftrag gegebenen Umfrage wurden 238 institutionelle und Wholesale-Investoren interviewt, die in Summe ein Anlagevermögen von mehr als 25 Billionen US-Dollar verwalten und dabei bereits ­Erfahrung mit faktorbasiertem Investieren haben. Wie sehr sich dieser Ansatz bei den Investoren schon etabliert hat, zeigt vor ­allem ein Umfrageergebnis: Von den befragten Profianlegern wollen 97 Prozent ihre Faktorallokationen auf Jahressicht stabil halten oder ausbauen, nur drei Prozent sind so unzufrieden, dass sie an eine Reduktion denken. Erklärbar ist dieses Festhalten an den Faktorstrategien mit der hohen Zufriedenheit, was die Ergebnisse betrifft. Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer gaben an, dass die Performanceerwartungen erfüllt oder übertroffen wurden. Dabei waren es die Faktoren Momentum, Quality und Low Volatility, die Mehrerträge lieferten, während Value und Size hinsichtlich der gelieferten Rendite enttäuschten.

Auffällig ist das Festhalten vieler Faktoranleger am Faktor „Value“, obwohl dieser seit längerer Zeit ­eine Underperformance zeigt. Elsässer zufolge glauben die meisten Investoren trotz zehn schwieriger Jahre weiterhin an den Value-­Ansatz. Die Finanzmarktforschung liefert tatsächlich Nahrung für ­diesen Optimismus. Eine Arbeit aus dem Jahr 2016 (Berkin und Swedroe) zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit ­einer Outperformance des Faktors Value mit zunehmender Haltedauer steigt. Liegt die Wahrscheinlichkeit eines Mehrertrags bei zwölf Monaten Anlagedauer nur bei 63 Prozent, so steigt sie bei 20 Jahren auf 94 Prozent. 82 Prozent der interviewten Investoren scheinen dieses Ergebnis zu kennen, denn entweder sind sie bereits entsprechend investiert oder sie haben vor, ein entsprechendes Engagement einzugehen. Damit erreicht Value den höchsten gemessenen Wert bei der seit fünf Jahren durchgeführten Umfrage. Hohes Renditepotenzial orten die Investoren auch bei „Quality“. Auf diesen Faktor wird wie bei Substanzaktien ebenfalls in 82 Prozent aller Fälle gesetzt (Mehrfachnennungen möglich). Weniger Vertrauen haben Anleger derzeit in den Faktor Size. Auf diesen legen nur mehr 41 Prozent Wert. Das ist ein neuer Tiefstand (siehe Grafik „Faktor-Exposure im Vergleich“). Die Studie bestätigt darüber hinaus einen weiteren wichtigen Trend im Bereich Factor Investing: den steigenden Stellenwert von Faktorprämien bei Anleihen.

Gut Ding braucht Weile

Glaubte vor wenigen Jahren nur ein Teil der Investoren daran, dass das ursprünglich aus dem Aktiensegment stammende Factor Investing auch im Fixed-Income-Bereich anwendbar sei, gehen inzwischen wesentlich mehr Anleger davon aus. Der entsprechende Anteil der davon Überzeugten stieg von 59 Prozent im Jahr 2018 auf mittlerweile beachtliche 95 Prozent im Jahr 2020. „Damit hat sich diese Überzeugung fast komplett durchgesetzt“, sagt Elsässer. Bei der praktischen Umsetzung auf Portfolioebene scheinen Investoren aber noch etwas Aufholbedarf zu haben: Lediglich zwei Fünftel der Investoren gaben an, Faktoran­sätze für Zinsanlagen tatsächlich zu nutzen, 35 Prozent ziehen dies aktiv in Betracht, 25 Prozent haben noch keine entsprechenden Pläne.

Befragt, warum sie nicht nur bei Aktien, sondern auch bei Renten auf faktorbasiertes Investieren setzen, nannten In­vestoren erwartungsgemäß als Begründung „Risikoprämien“. Knapp dahinter kommt als Argument die „Marktstruktur“. Darunter ist zu verstehen, dass Credit-Märkte aufgrund von Liquiditätsungleichgewichten oder von regulatorischen Auflagen zumindest temporär nicht immer perfekt funktionieren und genau das Alpha-Chancen bietet. „Investoren sehen eindeutige Chancen aufgrund der Marktregeln oder -beschränkungen im Anleihenbereich“, erklärt Elsässer. Er ergänzt: „Bestimmte Anleger­typen haben zu einigen Marktbereichen wie Hochzinsanleihen keinen Zugang. Das führt zu ­einer Segmentierung des Marktes und eröffnet interessante ­Anlagemöglichkeiten.“

Das könnte erklären, warum Investoren im Segment „High Yield Corporates“ auf das Einsammeln von Faktorprämien setzen. Dabei gibt es unter anderem ­regionale Unterschiede, wie die Grafik „Factor Investing bei Anleihen“ veranschaulicht.

Mit der Frage nach den „Her­ausforderungen bei der Implementierung einer Factor-Investing-Strategie bei Renten“ eruierte Invesco jene Hürden, die Rentenanleger zu meistern haben. Investoren monieren beispielsweise die mangelnde Sekundärmarktliquidität beziehungsweise die unzureichende Kursfeststellung bei vielen Anleihen, was Probleme bei der Preismodellierung bereitet. Aber auch die fehlende Ver­fügbarkeit von Produkten wurde genannt, insbesondere von EMEA-Investoren.

Beim letztgenannten Kritikpunkt gab es übrigens im Vergleich zur Vorjahresstudie eindeutig Fortschritte: Während in der 2019er-Studie mehr als 80 Prozent aller ­Investoren ein mangelndes Produktangebot beklagten, sind es in der 2020er-Auflage nur mehr knapp die Hälfte der Investoren. Offenbar haben die Fondsgesellschaften auf die Investorennachfrage mit der Auflage entsprechender Produktlösungen im Rentenbereich reagiert.

Investoren können Faktorprämien bei Aktien und Renten über vielerlei Instrumente einsammeln: etwa über aktiv gemanagte Fonds, Direktinvestments oder Swaps mit Investmentbanken. Seit einigen Jahren geht dies ebenso mit Faktor-ETFs, die sich laut Umfrage wachsender Beliebtheit erfreuen. So nutzen nunmehr 60 Prozent aller insti­tutionellen Faktorinvestoren börsengehandelte Indexfonds zum Abschöpfen von Faktorprämien. Zum Vergleich: 2019 waren es erst 53 Prozent.

Auch wenn immer mehr Investoren Faktor-ETFs verwenden, noch werden diese in der Regel als Beimischung gekauft. Gemessen am Faktorportfolio machen diese Indexfonds lediglich 14 Prozent aus. Dabei zeigt sich, das vor allem kleinere Institutionelle wie Pensionsfonds und -kassen stärker auf Faktor-ETFs setzen (im Fall von Defined-Benefits-(DB)-Plänen: 17%; Defined Contribution (DC): 24%), während die in der Regel größeren Adressen aus dem Versicherungssektor (11%) oder gar Staatsfonds (9%) offenbar auf andere Tools vertrauen beziehungsweise Faktorstrategien aufgrund ausreichend vorhandener Manpower und bestehenden Know-hows im Haus selber umsetzen.

Motive der Anleger

Betreffend die Frage nach den Kaufgründen bei Faktor-ETFs wertete die Studie auf der einen Seite die Antworten jener Investoren, die Faktor-ETFs im Rahmen einer aktiven beziehungsweise individualisierten Faktorprämienimplementierung einsetzen, und auf der anderen Seite die Antworten ­jener Anleger, die Faktor-ETFs im Rahmen einer passiven Herangehensweise kaufen, getrennt aus. Dabei zeigen sich Unterschiede, aber auch Überlappungen. Passiv-Anhänger nannten als Kaufmotive eine einfache Anwendung (80 %) und niedrige Kosten (70 %). Jene Anleger, die ETFs gezielt im Rahmen einer aktiven/individualisierten Faktorstrategie einsetzen, nannten an erster Stelle die Liquidität (75 %) als Vorteil, gefolgt von den Kosten (52%) (siehe Grafik „Gründe für eine ETF-Verwendung“).

Laut dem Paper sind einige der aktiv agierenden Investoren auf ETFs umgestiegen, nachdem sie faktorbasierte Ansätze zuvor über Swaps oder andere über eine Investmentbank gehandelte Derivate umgesetzt haben. Als Wechselgründe nannten die Investoren in den Interviews Argumente wie höhere Liquidität und Flexibilität sowie den Wunsch, Gegenparteirisiken zu reduzieren. „Bei einigen Investoren liegt die Umschichtung in ETFs – weg von Derivaten – an zusätzlichen Transparenzanforderungen aufgrund neuer oder strengerer ESG-Vorgaben“, erklärt Elsässer.

Vor dem Hintergrund, dass bei Profianlegern sowohl faktorbasiertes Investieren als auch ESG-Anlagen parallel zueinander an Bedeutung gewinnen, erforschte die Studie, wie Investoren beide Themen auf Portfolioebene kombinieren. Wenn man (unabhängig von Faktorinvestments) Nachhaltigkeit isoliert betrachtet, befolgen 84 Prozent aller ­interviewten Institutionellen ESG-Richtli­nien. Investoren erhoffen sich damit grundsätzlich eine Reduktion von Investment-, aber auch Reputationsrisiken sowie im ­Idealfall höhere Renditen. Darüber hinaus verpflichtet der Druck der „Stakeholder“ – insbesondere in Europa – Investoren zu mehr Nachhaltigkeit. Demgegenüber berücksichtigen auf Ebene der expliziten Faktorportfolios nur 59 Prozent der Investoren ESG-Überlegungen. 24 Prozent der Großanleger erwägen, dies künftig tun zu wollen, 17 Prozent deklarierten sich hingegen als Verweigerer. Befragt nach den positiven ­Effekten einer Kombination von ESG und Factor Investing erklären rund 64 Prozent der Institutionellen, dass sich beide Ansätze gegenseitig begünstigen. Darüber hinaus ermöglicht eine Berücksichtigung von ESG-Kriterien in Faktormodellen ein besseres ­Risikomanagement (90 % Zustimmung). Zusätzlich wurden Investoren befragt, ob sie bestehende ESG-Mandate einer Faktoranalyse unterzogen haben. Dies bejahten in der aktuellen Umfrage 58 Prozent der Institutionellen und damit deutlich mehr als ein Jahr zuvor, als dies nur 34 Prozent taten.

Faktor plus ESG

Die Kombination von ESG und Factor Investing ist aber nicht leicht. „ESG- und Faktoransätze werden zunehmend miteinander verknüpft, was einige Investoren, die diese zuvor unabhängig voneinander umgesetzt haben, jedoch vor Herausforderungen zu stellen scheint“, sagt Elsässer. „Das gilt umso mehr, da viele Faktorprodukte keine ESG-Kriterien berücksichtigen und die meisten ESG-Produkte keine Faktorstrategien sind. Daher brauchen wir einen besseren Wissenstransfer zur optimalen Eignung von Faktorstrategien für die ESG-Integration. Faktorstrategien können bei der reibungslosen Umsetzung von ESG-Konzepten helfen und dadurch sogar das Risiko-Ertrags-Profil eines Portfolios verbessern.“

Anton Altendorfer 


Anhang:

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