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Wirtschaftsweiser Lars Feld beim Investmentforum in Frankfurt

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4/2018 | Theorie & Praxis
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»Es wird radikale Veränderungen geben«

Jeremy Rifkin, Ökonom und Soziologe, sorgt mit oft provokanten Thesen immer ­wieder für Gesprächsstoff. Das uns bekannte marktbasierte System sieht er vor seinem ­Ende. Aber er hat eine Alternative, die er als dritte industrielle Revolution bezeichnet.

Er ist Gründer der „Foundation on Economic Trends“ und gilt als renommierter Vordenker unserer Zeit in Bezug auf die künftige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Jeremy Rifkin gilt als Theoretiker der Zugangsgesellschaft, ein von ihm geprägten Begriff, der ein Gesellschaftsmodell des kulturellen Wandels, ausgelöst durch das Internet, beschreibt. In zahlreichen Büchern beschäftigt er sich mit den möglichen Auswirkungen des wissenschaftlichen und technischen Wandels auf Arbeitswelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Mit seinen Positionen stößt er nicht selten auf harsche Kritik, gerade unter den Verfechtern neoliberaler Gesellschafts- und Wirtschaftskonzepte. Ein Gespräch.

Herr Rifkin, in Ihren Büchern haben Sie ­Ihre Zweifel am möglichen Fortbestand ­eines marktwirtschaftlich basierten Systems, wie wir es heute kennen, zum Ausdruck gebracht. Was hat Sie zu Zweifeln veranlasst?
Jeremy Rifkin: Die ersten Zweifel kamen mir bereits in den neunziger Jahren und noch sehr viel bewusster in meiner Zeit als Lehrbeauftragter an der Wharton School of ­Finance an der Universität von Pennsylvania. In dieser Zeit ist mir klar geworden, warum eigentlich die gesamte Ökonomenzunft da­rüber rätselt, warum wir seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, darüber klagen, dass nirgendwo in der Welt mehr Zuwächse der Produktivität und damit zusammenhängend keine wirklich signifikante Steigerung des Wirtschaftswachstums mehr zu verzeichnen ist. Das hängt damit zusammen, dass wir schon eine geraume Weile mittendrin sind im Übergang von einer Zeit, die ich als die zweite industrielle Revolution bezeichne, hin zur neuen Phase einer dritten industriellen Revolution, die zwar schon begonnen hat, aber nicht wirklich gut gemanagt wird bisher.

Was verbirgt sich hinter der Idee einer dritten industriellen Revolution?
Rifkin: Gehen wir einige Schritte zurück in die Geschichte, um das zu verstehen. Bei der ersten industriellen Revolution sprechen wir von einer Zeit im 19. Jahrhundert. Es existierten bis zu diesem Zeitpunkt nur ­wenige große Unternehmen, die meisten Händler benutzten ihre eigenen Werkzeuge, um Waren herzustellen, zu handeln und zu liefern. Mit dem Aufkommen vollkommen neuer Technologien hat sich das geändert. Die Entwicklung der dampfbetriebenen Druckmaschine ermöglichte fortan die Herstellung preiswerter Zeitungen und Bücher für die Masse der Bevölkerung. Die Erfindung des Telegrafen sowie der mit Kohle beheizten Dampfmaschine und damit betriebener Lokomotiven machte auf einmal riesige Transportsysteme möglich, es entstanden zudem nationale und später weltweite Märkte, große Industrieunternehmen. Innerhalb von weniger als 40 Jahren war die Welt um 1900 vollkommen verwandelt, und der moderne Kapitalismus war geboren. Im frühen 20. Jahrhundert folgte schließlich die zweite industrielle Revolution mit der Erfindung des Telefons und später des Radios und des Fernsehens. Die Verbreitung der Nutzung fossiler Brennstoffe nahm erheblich zu, es wurden Stromnetze geschaffen, und der Verbrennungsmotor hielt Einzug auf Straßen, Schienen wie auch im Wasser- und Luftverkehr. Es entstand mit der Zeit eine vollkommen neue Infrastruktur, deren Wachstum lediglich durch die Große Depression und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurde, sich danach aber zunächst fortsetzte. Was wir nun allerdings schon seit einer geraumen Weile ­sehen, das ist eine offensichtliche Schwäche dieses Wachstums und vor allem eine seit Jahrzehnten stagnierende Produktivität. Das hängt meiner Ansicht nach damit zusammen, dass deren Wachstumspotenzial einfach erschöpft ist. Wir sind an einem Punkt angekommen, da wir kein nennenswertes Produktionswachstum mehr erleben werden, nur haben das viele Ökonomen noch nicht verstanden, weil sie die Zusammenhänge ignorieren.

Wie meinen Sie das?
Rifkin: Die klassische Ökonomie geht nach wie vor davon aus, dass Wirtschaft nach einfachen Gesetzen funktioniert. Dass man lediglich Anreize für mehr Nachfrage schaffen muss, damit das Angebot steigen kann, was dann wieder zu mehr Wachstum und einer wieder weiter steigenden Nachfrage und immer so weiter führt. Dabei hat einer ihrer Protagonisten eigentlich schon Mitte des vorigen Jahrhunderts erklärt, warum das so nicht funktionieren wird. Er hat sogar im Jahr 1987 den Nobelpreis dafür bekommen. Ich meine Robert Solow und seine Wachstumstheorie, in der das nach ihm benannte Solow-Residuum erklärt wird, wonach ein Teil des Wachstums der Produktion nicht auf ein Wachstum des Einsatzes der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zurück­geführt werden kann, sondern sozusagen als unerklärter Rest übrig bleibt. Nur hat die Ökonomie nicht die tatsächlichen Zusammenhänge erkannt beziehungsweise die falschen Schlüsse daraus gezogen.

Inwiefern?
Rifkin: Was jedem Naturwissenschaftler – ob nun Mathematiker, Physiker, Chemiker oder sogar Architekt – durchaus bekannt ist, wird in der Ökonomie nach wie vor beharrlich ignoriert. Ich spreche vom ersten und zweiten thermodynamischen Gesetz, wonach Energie bei jeder Aktivität nur zu ­einem ­gewissen Prozentsatz erhalten bleiben kann. Das gilt für die Natur genauso wie für die Produktion von Waren. Nehmen wir als simples Beispiel einen Löwen, der eine Antilope jagt. Wenn er seine Beute frisst, dann gehen nur etwa zehn bis 20 Prozent der gesamten Energie von der Antilope auf den Löwen über. Der Rest ist Wärme, die beim Übergang verlorengeht. Der ­gesamte Wirkungsgrad des Löwen beträgt also nur zehn bis 20 Prozent. Nur wenn er mehr Energie seiner Beute verbrauchen könnte oder aber weniger für die Jagd einsetzen müsste, würde der Löwe als Raubtier an Produktivität gewinnen. So ähnlich verhält es sich eben auch in der Produktion von Waren. Durch die Beschaffung von Rohstoffen, deren Transport zum Produktionsort, die Verarbeitung und den Weitertransport zum Händler geht Energie verloren, die für die Steigerung der Produktivität nicht zur Verfügung steht. Ökonomen lernen erst nach und nach, dass Energieeffizienz ein entscheidender Faktor für das Wachstum von Produktivität darstellt. In der Vergangenheit haben sie das versäumt, weil nach wie vor in keinem Universitätskurs die Grundlagen der Thermodynamik vermittelt werden, die eben jeder Naturwissenschaftler kennt.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Rifkin: Als die zweite industrielle Revolution um das Jahr 1905 herum begann, betrug die Effizienz der gesamten Produktion von ­Gütern und Dienstleistungen in den USA rund drei Prozent. Durch die Möglichkeiten der Massenproduktion konnte dieser Wert erheblich verbessert werden, die Produktivität stieg deutlich an. Durch technologische Fortschritte, etwa in der Telekommunikation, in der Nutzung von auf fossilen Brennstoffen basierenden Energiesystemen und beim Verbrennungsmotor kam es zu weiteren  Produktivitätssteigerungen. Der Ener­gie­effizienz sind jedoch bestimmte Grenzen gesetzt. Am Beginn des 21. Jahrhunderts betrug die Gesamteffizienz der USA rund 13 Prozent, in Deutschland lag sie bei 18,5 Prozent, und Japan führte die Welt an mit einem Gesamtwirkungsgrad von 20 Prozent. Das war in diesen Ländern aber die Obergrenze, seither stagniert das Produktivitätswachstum. Und es würde auch nicht mehr höher werden, solange wir uns weiter innerhalb der Infrastruktur der zweiten ­industriellen Revolution bewegen. Denn Unternehmen können ihre Effizienz und Produktivität beim Herstellen, Verwalten, Bereitstellen und Transportieren von Waren und Dienstleistungen über ihre Wertschöpfungsketten hinweg nicht mehr signifikant steigern.

Was kann helfen?
Rifkin: Aktiv mitzuarbeiten an der Weiterentwicklung einer neuen Phase, in die Wirtschaft und Gesellschaft längst eingetreten sind, um diese mitzugestalten. Das ist eine Phase, die ich im Titel einer meiner Bücher „Die dritte industrielle Revolution“ genannt habe.

Was genau meinen Sie damit?
Rifkin: Ich bin wie gesagt davon überzeugt, dass wir schon längst in diese dritte Phase eingetreten sind. Inzwischen wird das schon allein an der Tatsache sichtbar, dass alle Welt in nahezu jedem Bereich des Lebens nur noch von Digitalisierung spricht. Denn es wird mit der Zeit zur Herausbildung ­einer neuen technologischen Infrastruktur kommen, eben angetrieben von der Digitalisierung. Dieser Prozess hat im Grunde ­bereits vor 25 Jahren begonnen mit dem Heranreifen des Internets einerseits und ­einer Reihe von Innovationen im Bereich der Kommunikation andererseits. Letzterer wird mehr und mehr konvergieren mit ­einem zweiten digitalen Netzwerk, dem für erneuerbare Energien …

… das es aber heute noch gar nicht gibt?
Rifkin: Ich spreche von einem digitalen Stromnetz, das sich über Kontinente hinweg entwickeln wird, um es Millionen von Menschen zu ermöglichen, ihren eigenen Wind- und Sonnenstrom zu erzeugen und überschüssig erzeugten Strom wieder in das ­System zurückzuschicken. Innerhalb der nächsten 15 Jahre werden beide Netze ­zudem mit einem aufkommenden digitalisierten Mobilitätsinternet aus zunehmend autonom betriebenen Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeugen zusammenfinden, die dann mit erneuerbaren Energien fast zu Nullkosten in intelligenten Systemen für Straße, Schiene, Wasser und Luft betrieben werden. Diese drei Systeme werden es den Menschen ermöglichen, Kommunikation, Energie und Mobilität teilweise auf dem Markt, wie wir ihn bisher kennen, und teilweise in der neu entstehenden Sharing Economy zu teilen.

Ist das nicht ein bisschen viel Utopie?
Rifkin: Keineswegs. Viele dieser Aspekte mögen einem noch weit entfernt vorkommen, aber in manchen Teilen der Welt passiert schon sehr viel, das in diese Richtung deutet, zuvorderst bei Ihnen in Deutschland. Auch wenn es vielleicht an Punkten wie dem Ausbau des 5G-Netzes noch hapert: Die notwendige Infrastruktur wurde in den vergangenen zehn Jahren nach und nach auf- und ausgebaut. Als Angela Merkel 2005 Kanzlerin wurde, bat sie mich um  Unterstützung bei ihrem Plan, wieder mehr Wachstum für die deutsche Wirtschaft zu erreichen. Damals diskutierten wir über das Potenzial, Deutschland zum Vorreiter auf dem Weg in die dritte industrielle Revo­lution zu machen. Seither arbeitet man in Deutschland im Grunde an allen drei Fronten, der Digitalisierung, der Kommunikation, an erneuerbaren Energien und einer modernen Mobilität. Inzwischen wird bereits mehr als ein Drittel des deutschen Stroms aus erneuerbaren Energien zu annähernd null Grenzkosten erzeugt. Der Auf- und Ausbau von Solar- und Windtechnologien ist natürlich während dieses Übergangs enorm arbeitsintensiv. Aber Deutschland hat auf diese Weise Hunderttausende neue ­Arbeitsplätze geschaffen. Und mittlerweile gibt es mehr Arbeitsplätze in erneuerbaren Energien als in der gesamten übrigen Energiewirtschaft.

Sie sprechen in Ihren Büchern und Schriften davon, dass im Zusammenhang mit ­dieser Entwicklung zu einem großen Internet der Dinge aus Kommunikation, Ener­gie­inno­vation und neuer Mobilität die Grenzkosten für Produkte und Dienstleistungen immer weiter sinken werden. Das ist der Traum ­jedes Ökonomen, aber wie soll das gehen?
Rifkin: Ich habe das in meinem Konzept ­einer „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ beschrieben, auf die wir meiner Ansicht nach zusteuern werden. Schon weit vor dem ­Zusammenbruch der sogenannten Dotcom-Blase im Jahr 2000 stand für mich fest, dass eine damals gerade einsetzende digitale ­Revolution die Fix- und Grenzkosten in der Informations- und der Kommunikationstechnologie exponentiell reduzieren würde, ganz so wie das Gordon Moore in dem nach ihm benannten „Gesetz“ beschrieben hat. Als Grenzkosten werden jene Kosten bezeichnet, die für eine Skalierung eines Produkts anfallen. Und diese Kosten sind schon damals bei Medien und Software ­gegen null gegangen. Nachdem man die ­fixen Kosten für die Aufnahme eines Songs bezahlt hat, tendieren die Grenzkosten für das Streaming der Musik praktisch Richtung null – unabhängig davon, ob man tausend oder eine Million Kopien streamt. Nicht umsonst litten Medienhäuser und TV-Stationen, aber auch Plattenlabels und die Filmindustrie schon seit Langem darunter, dass sie sich nicht mehr auf ihre alten ­Geschäftsmodelle verlassen konnten, insbesondere in Bezug auf ihre Werbeeinnahmen. Das hat sich in anderen Bereichen inzwischen fortgesetzt. Ein voll ausgestattetes Smartphone bekommt man heute in China schon für 25 Dollar.

Aber wie stellen Sie sich das in der praktischen Umsetzung vor?
Rifkin: Wir erleben doch im Prinzip gerade die Entstehung eines vollkommen neuen Wirtschaftssystems, eine Art Zwitter aus der bestehenden marktbasierten Struktur und ­einer neuen Sharing Economy. In dieser Welt werden die meisten Güter und Dienstleistungen sehr viel günstiger werden. Genossenschaftliche Strukturen, kostenlose Dienste und App-basierte Unternehmen, die Ressourcen gemeinsam nutzen, werden ­einige, aber nicht alle etablierten Unternehmen verdrängen, die auf Geschäftsmodelle mit Fixkosten angewiesen bleiben. Das ­haben wir schließlich bereits bei der digitalen Kommunikation erlebt, als ganze ­Industrien regelrecht zerstört wurden, wenn man nur an die frühere Musikindustrie denkt.

Aber es sind auch neue Unternehmen entstanden …
Rifkin: … und zwar nicht nur die großen Plattformen wie Facebook, Google oder Amazon. Millionen von Einzelpersonen produzieren und verkaufen oder teilen ­virtuelle Waren wie Musik, Videos und ­Bücher, und das zu Grenzkosten nahe null. Die Menschen verwenden heute Blogs und soziale Medien, um ihr Publikum zu erreichen. Das aus meiner Sicht herausragendste Beispiel ist Wikipedia: Zum ersten Mal ist es damit gelungen, das Wissen der Menschheit zu demokratisieren. Nutzer aus ­allen gesellschaftlichen Schichten haben diese Plattform aufgebaut und verbringen Stunden damit, ihre Quellen zu überprüfen oder Texte mit zusätzlichen Informationen zu ergänzen.

Stehen wir damit vor dem Ende unseres marktbasierten Systems?
Rifkin: Das aktuelle System wird dadurch nicht verschwinden, es wird vielmehr neben der Sharing Economy weiter existieren. Aber die Kooperation als dann sicher vorherrschende Unternehmensform wird auf jeden Fall gestärkt werden. Solche Formen arbeiten ja schon heute erfolgreich in der ganzen Welt, ob in der Nahrungsmittelproduktion, der Landwirtschaft, dem Wohnungswesen, selbst im Bankwesen und auf dem Energiesektor. Viele stammen bereits aus dem frühen 20. Jahrhundert Neu hinzukommen jetzt IT-basierte Tools wie Block­chain, die die Zusammenarbeit erleichtern werden. Und aufgrund von Skalierungsvorteilen wird ihnen sogar der Zutritt zu einer digital vernetzten, globalen Wirtschaft ermöglicht.

Wie soll dann unsere Wirtschaft künftig aussehen?
Rifkin: Im Grunde kann die Wirtschaft dann nicht mehr von einer kleinen Gruppe zentralisierter, globaler, vertikal integrierter Unternehmen kontrolliert werden. Das war die in der ersten und zweiten industriellen Revolution vorherrschende Infrastruktur, weil die Kommunikations-, Energie- und Verkehrstechnologien damit am besten funktioniert haben. Die kommende Infrastruktur von 5G-Kommunikation, erneuerbaren Energien und automatisierter Mobili­tät funktioniert am besten, wenn sie verteilt, offen und transparent ist. Skaleneffekte spielen eine Rolle. Je mehr Benutzer im Netzwerk sind, desto mehr profitieren alle davon. Das wird zudem verhindern, sie zu monopolisieren oder zu kontrollieren, weil diese neue Infrastruktur sonst ihre Effizienz und Produktivität verlieren würde.

Und was soll ein institutioneller Investor angesichts dieser Entwicklung Ihrer Ansicht nach tun? Wie soll er in diesem Szenario Geld für seine Pensionsberechtigten ver­dienen?
Rifkin: Indem er sich an den dafür notwendigen riesigen Infrastrukturprojekten beteiligt, die im Übergang zuhauf notwendig sein werden. Wir beraten zum Beispiel nicht nur diverse Regierungen und die EU-Kommission. Wir setzen auch entsprechende Projekte bereits in unterschiedlichen Regionen in Europa um. In der Metropolregion Rotterdam und Den Haag zum Beispiel, zu der 23 Gemeinden mit insgesamt 2,3 Mil­lionen Einwohnern gehören, haben wir im vergangenen Jahr in einem gemeinsamen Projekt zur Entwicklung einer wirtschaftlichen Vision und Entwicklung diesen beträchtlichen Teil der Niederlande begleitet. Ein weiteres Modell für diese Änderung ist in Hauts-de-France, eine Art „Rustbelt“ Frankreichs, wo die Kohle-, Stahl- und Autoindustrie angesiedelt war. Ab 2010 begann unser globales Beratungsteam mit der Region zusammenzuarbeiten, um die dortige Wirtschaft wiederzubeleben. Wir haben mit der Regierung, der örtlichen Geschäftswelt und der Zivilgesellschaft zusammengearbeitet. Mehrere tausend Menschen nahmen an einer Vielzahl von Ausschüssen und Projekten teil. Sie haben alte Bergbaustädte umgewandelt, rüsteten sie mit Solar- und Windkraftanlagen nach und gründeten unternehmerische Einheiten. Die Region brachte zudem sieben Universitäten und mehr als 250 weiterführende Schulen in ­einem Konsortium zusammen, um gemeinsam Möglichkeiten für digitale Bildung
zu schaffen.

Wo sind die dunklen Seiten in Ihrem sicher sehr optimistischen Szenario?
Rifkin: Eine digitale dritte industrielle Revolution hat zwar das Potenzial, uns in ein ­demokratischeres und nachhaltigeres Zeitalter zu führen – eine Garantie, dass es funktionieren wird, gibt es natürlich nicht. Ich bin kein Utopist in Sachen Technologie, ich habe über die Jahre manche Technologie durchaus kritisch begleitet. Es wird eine ganze Reihe von politischen Auseinandersetzungen zu führen sein. Außerdem werden Fragen in Bezug auf Datenschutz aufkommen, wenn alle und alles miteinander vernetzt sind. Das Dark Net als Bestandteil des Internets sowie Cyberkriminalität oder terroristische Aktivitäten sind natürlich ebenfalls eine ernste Bedrohung. Leicht wird der Weg in die dritte industrielle
Revolution nicht.

Wir danken für das Gespräch.    

Hans Heuser


Vordenker eines neuen Zeitalters

Jeremy Rifkin ist am 26. Januar 1945 in Denver geboren. Der Ökonom ist Gründer der „Foundation on Economic Trends“ und Präsident der Beratungsgesellschaft TIR Consulting Group. Er unterrichtet unter anderem an der bekannten Wharton School der Universität von Penn­sylvania. Rifkin gilt als renommierter Vordenker unserer Zeit in Bezug auf die künftige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Er berät ­diverse Staatschefs, die EU-Kommission und Chinas Regierung. Seine ­Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Die beiden bekanntes­ten sind „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ sowie sein jüngstes Werk mit dem Titel „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. In Letzterem vertritt Rifkin die These, dass sich die Zusatzkosten beziehungsweise die Grenz­kosten für Produkte angesichts einer nahezu kostenfrei möglichen weltweiten Vernetzung und Kommunikation gegen null entwickeln werden. Er spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Welt mit der Entwicklung hin zu ­einer neuen Wirtschaftsordnung des „gemeinsamen Wirtschaftens“ vor einer „dritten industriellen Revolution“ steht.

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