Logo von Institutional Money
2/2025 | Theorie & Praxis

»Es ist kein Handelskrieg, es ist ein handfester Krieg«

Die Makroökonomie als Schnittstelle zwischen Geopolitik, Wirtschaft und Technologie betrachtet der renommierte Analyst David Woo als sein Spezialgebiet. Einige der größten Makro-Hedgefonds und Staatsfondslenker setzen auf seine Expertise.

David Woo: „Ich bin keineswegs so optimistisch wie einige Analysten und manche Fondsmanager, die zum Teil schon wieder auf Entwarnung geschaltet haben und ­dazu raten, Aktien überzugewichten.“ 
David Woo: „Ich bin keineswegs so optimistisch wie einige Analysten und manche Fondsmanager, die zum Teil schon wieder auf Entwarnung geschaltet haben und ­dazu raten, Aktien überzugewichten.“ © NAOMI MEROZ

Schon vor der Gründung seines unabhängigen Debattenforums „Unbound“ galt David Woo aufgrund seiner oft unkonventionellen, aber häufig zutreffenden Prognosen längst als international anerkannter Makroökonom und Finanzmarktstratege. Wir haben mit ihm über die tatsächlichen Hintergründe und das Hin und Her der Zolleskapaden von Donald Trump gesprochen, über deren Sinn die meisten Marktteilnehmer immer noch rätseln. Aus Sicht von Woo steckt dahinter ein sehr viel weiter reichender Plan als nur das Zurückholen von Arbeitsplätzen in der US-­Fertigungsindustrie. Interessant sind auch die Schlussfolgerungen, die der Analyst aus der abrupten 90-Tage-Aussetzung der Zölle für seine Researchkunden zieht.

Herr Woo, nach dem Zollschock haben sich die Kapitalmärkte größtenteils schon wieder V-förmig erholt, ähnlich wie nach dem Covid-Schock. Das wirft die Frage auf: War’s das schon wieder mit dem Einbruch an den Aktienmärkten?

David Woo: Ich bin da keineswegs so optimistisch wie einige Analysten und manche Fondsmanager, die zum Teil schon wieder auf Entwarnung geschaltet haben und dazu raten, Aktien überzugewichten. Ich muss zugeben, dass ich ziemlich überrascht, um nicht zu sagen regelrecht schockiert war über Donald Trumps vermeintlich vollständige Kapitulation gegenüber China. Das Ganze ergibt keinen Sinn, allein schon weil eine solche Aktion auch seine Verhandlungs­position gegenüber anderen Ländern einschließlich der ­Europäischen Union nur schwächen wird. Ich bin zudem nicht bereit, voreilig zu dem Schluss zu kommen, dass Trump seine Meinung über China grundlegend geändert hat. Im Moment gehe ich eher davon aus, dass er beschlossen hat, sich etwas Zeit zu verschaffen.

Was natürlich die Frage aufwirft: Zeit wofür?

David Woo: Bemerkenswert für mich war, dass Trump im Vorfeld des ursprünglich geplanten Zusammentreffens zwischen Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj in Istanbul das von der EU an den Kreml-Chef gerichtete Ultimatum unterstützt hat, in dem es verkürzt gesagt hieß: Waffenstillstand oder massive Sanktionen. Das hat mir gezeigt, dass Trump gute Gründe gehabt hat, den Kampf mit China erst einmal zu verschieben, weil die Gefahr besteht, dass die Spannungen mit Russland sogar noch weiter eskalieren könnten. Daher erscheint mir seine von vielen als Kapitulation gegenüber China gedeutete Aktion eher taktischer als strategischer Natur. Deshalb bleibe ich bei meiner mittel­fristigen Einschätzung für die nächsten drei Monate…

… in der Sie einen ziemlich heftigen Ton angeschlagen haben, als Sie davon sprachen, dass es sich bei der Auseinandersetzung ­zwischen den USA?und China nicht um einen Handelskrieg, ­sondern um einen handfesten Krieg handelt.

David Woo: Davon bin ich auch nach wie vor überzeugt. ­Dazu muss man sich vergegenwärtigen, worum es jeweils in Wahrheit geht. In Trumps erster Amtszeit war es tatsächlich ein Handelskrieg, den der amerikanische Präsident gegenüber China angezettelt hat. Das eigentliche Ziel hinter der auch damals vordergründig vorgetragenen Forderung einer massiven Senkung der chinesischen Zölle auf US-Importe bestand darin, die Machthaber in Peking zu einer Öffnung ihres Marktes für Finanzdienstleistungen zu bewegen. Das ist ja letztlich auch gelungen, da es schlussendlich zu einer Einigung gekommen ist, die zudem für beide Seiten von Vorteil war, auch wenn China viele Zugeständnisse machen musste. Bei dem, was wir zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit als vermeintlich erneuten Handelskrieg um Zölle erleben, geht es aber um etwas vollkommen anderes, was den Begriff Krieg aus meiner Sicht durchaus rechtfertigt.

Worauf wollen Sie hinaus?

David Woo: Auf etwas, was bereits 2020, noch während der Amtszeit von Joe Biden, begonnen hat. Damals kam es zu einem bedeutenden Wendepunkt in der Auseinander­setzung zwischen den beiden größten Machtblöcken der Welt. Denn den Verantwortlichen in Washington ist erstmals bewusst geworden, dass die Bedrohung durch China keineswegs nur darin besteht, Arbeitsplätze in der US-Fertigungsindustrie zu vernichten – ein Thema, mit dem Trump im Vorfeld seiner ersten Amtszeit seinen Wahlkampf bestritten hat, verbunden mit seinem mantraartig vorgetragenen Versprechen, Arbeitsplätze in die USA?zurückzuholen. Im Jahr 2020 aber, als Biden an der Macht war, sah die Lage ganz anders aus. Denn zu diesem Zeitpunkt war klar, dass China in der globalen Nahrungskette gewissermaßen auf­gestiegen war. Dass China eben nicht nur versuchte, lediglich eine wichtige Rolle in der Fertigung zu spielen, sondern zu einem wesentlichen und ernst zu nehmenden Player in den Bereichen Technologie und Innovation zu werden. Das war im Übrigen schon sehr viel länger erkennbar und wurde nur von den Verantwortlichen in Washington nicht wirklich wahrgenommen.

Woran machen Sie dann die Veränderung im Jahr 2020 fest?

David Woo: An der Tatsache, dass der amerikanischen Politik in diesem Jahr erstmals die weitreichende Bedeutung des im Grunde enorm brisanten Inhalts eines wissenschaftlichen Berichts mit dem Titel „Destined for War: Can America and China Escape Thucydides’s Trap?“ bewusst wurde, der bereits 2017 erschienen ist. Verfasst hat ihn Graham Allison, aus meiner Sicht der bedeutendste Politikwissenschaftler der ­Gegenwart, der das Belfort Center an der Harvard University in Cambridge leitet. Finanziert und unterstützt wurde das Projekt von niemand Geringerem als Eric Schmidt, dem ehemaligen CEO von Google, der über sein Netzwerk kräftig mitgeholfen hat, dass der Bericht, wenn auch erst lange nach seinem Erscheinen, zu einem regelrechten Gamechan­ger in der Wahrnehmung in Washington geworden hat. ­Allison beschreibt darin die Gefahr, dass China und die Vereinigten Staaten auf einen Krieg zusteuern, den im Grunde niemand haben will. Als Grund dafür nennt er ein Phänomen, für das er den Begriff „Thukydides-Falle“ geprägt hat.

Was hat es damit auf sich?

David Woo: Allison beschreibt in seinem Bericht ein in der Geschichte der Menschheit mehrfach wiederkehrendes tödliches Muster struktureller Spannungen, das entsteht, wenn eine aufstrebende Macht eine herrschende herausfordert. Erstmals beschrieben hat dieses Phänomen der griechische Historiker Thukydides, als er über den Peloponnesischen Krieg, der das antike Griechenland verwüstet hat, erklärte: „Es waren der Aufstieg Athens und die Angst, die dies in ­Sparta auslöste, die den Krieg unvermeidlich machten.“ Laut dem Autor sind solche Bedingungen, bei denen sich eine aufstrebende Macht gegen eine vorherrschende auflehnt, in den vergangenen 500 Jahren insgesamt 16 Mal eingetreten. Und in zwölf Fällen kam es zum Krieg.

Wollen Sie sagen, dass aktuell ein unaufhaltsames China, das auf ein unnachgiebiges Amerika zusteuert, zum 17. Fall werden und im 13. Krieg enden könnte?

David Woo: In einer Zeit, da sowohl Xi Jinping als auch ­Donald Trump versprechen, ihre Länder „wieder groß zu machen“, könnte das am?Ende durchaus so kommen. Allison kommt in seinem Bericht jedenfalls zum Schluss, dass das durchaus der Fall sein könnte, wenn China nicht bereit ist, seine Ambitionen zurückzuschrauben, oder Washington nicht akzeptiert, dass es zwei gleich starke Mächte im Pazifik­raum gibt. Er wies jedenfalls darauf hin, dass die USA und China derzeit in allen wichtigen technologischen Wettläufen der Welt, ob nun beim Thema künstliche Intelligenz oder Quantencomputing, auf den Plätzen eins und zwei liegen. Eric Schmidt wiederum hat als Berater der Biden-Regierung die Ergebnisse gern aufgegriffen und buchstäblich jeden US-Senator und Kongressabgeordneten darauf angesprochen. Interessant in diesem Zusammenhang: Im selben Jahr hat China erstmals einen Hyperschallflugkörper getestet. Eine solche Rakete umrundet mit Mach-5-Geschwindigkeit ­innerhalb kürzester Zeit einmal die Welt, um dann mit ­einer Präzision von höchstens 20 Zentimetern Abweichung ihr Ziel zu treffen. Führend in dieser Technologie ist im ­Übrigen Russland, China liegt lediglich an zweiter Stelle, die USA aber haben noch immer nichts Vergleichbares.

Was am Ende doch auch schon der Regierung von Joe Biden nicht mehr verborgen geblieben ist, oder wie würden Sie die unter seiner Ägide verhängten Sanktionen einordnen?

David Woo: Natürlich hat all das zusammengenommen dazu geführt, dass man auch schon unter Biden im Pentagon Alarm geschlagen hat. Und auch der US-Kongress sah sich mit dieser Realität konfrontiert und war flugs bereit, zehnmal mehr Geld für Verteidigung auszugeben als alle anderen OECD-Länder zusammen, was im Übrigen bis heute der Fall ist. Gleichzeitig hat man versucht, China auszubremsen und dem Land den Zugriff auf fortschrittliche Technologien zu versperren, etwa den Zugang zu Technologien der künstlichen Intelligenz, aber auch bei Automatisierung oder Robotik bis hin zu Halbleitern und Fertigungsanlagen für Lithografiesysteme, wie sie zum Beispiel von der niederländischen ASML bereitgestellt werden. Genau das ist unter der Biden-Regierung passiert, weil man gedacht hat, man könne sich damit einen Vorsprung von vielleicht zwei oder drei Jahren gegenüber China verschaffen, wenn es um Themen wie KI, Quantencomputing und Chip-Herstellung geht. Und das hat Donald Trump auch genauso weitergeführt, bis nur rund zwei Wochen nach seinem zweiten Amtsantritt der große Gamechanger eintrat.

Wovon sprechen Sie konkret?

David Woo: Vom für die meisten Marktteilnehmer vollkommen unerwarteten Erscheinen von DeepSeek auf der internationalen Bildfläche. Wobei ich dazu sagen muss: Nach meiner Einschätzung ist das Auftauchen von DeepSeek alles andere als ein Beweis für Chinas technologische Überlegenheit. Zumindest aber ist es ein Beweis dafür, dass eine Technologie wie die künstliche Intelligenz leicht kopiert werden kann. Damit hatten die USA gewissermaßen über Nacht ­eine Art Alleinstellungsmerkmal verloren, das man ihr bis dahin zugeschrieben hatte. Mit einem Mal waren alle Sanktionen, die unter Biden verhängt worden sind, gewisser­maßen hinfällig. Als Maßnahme, das Monopol der großen US-Tech-Konzerne zu schützen, waren sie im Grunde auf ­einen Schlag bedeutungslos. Der zeitliche Vorsprung, den sich die US-Regierung verschafft zu haben glaubte, war im Grunde auf wenige Monate zusammengeschrumpft. Denn machen wir uns doch nichts vor:?Alles, was kopiert werden kann, ist kommerziell im Prinzip wertlos. Das war übrigens der Grund dafür, dass wir noch am selben Tag, als die Nachricht öffentlich wurde, in unseren Modellportfolios eine Short-Position auf den Nasdaq eingezogen haben, was sich erfreulich ausgezahlt hat. Zumal es ja nicht beim DeepSeek-Effekt geblieben ist.

Wie meinen Sie das?

David Woo: Es ist, zugegeben, weniger spektakulär. Aber nur einen Monat nach der DeepSeek-Meldung erschien auf den Newstickern die Nachricht, dass der chinesische E-Auto-­Hersteller BYD einen neuen Supercharger auf den Markt ­gebracht hat, der doppelt so schnell lädt wie der Super­charger von Tesla. Damit kann man sein Auto in nur fünf Minuten so weit aufladen, dass es eine Reichweite von 400 Kilometern erzielt. Auch das hat bei den Amerikanern den Eindruck hinterlassen, dass sie mehr und mehr in einen technologischen Rückstand geraten. All das bestärkt natürlich die sogenannten China-Hawks in Trumps Umgebung, die den einzigen Weg, die eigene technologische Vormachtstellung zu erhalten, darin sehen, Chinas Wirtschaftsmodell in den Bankrott zu treiben.

Darf man daraus schließen, dass Sie Trump selbst nicht zu den China-Falken zählen?

David Woo: Korrekt. Nicht nur meiner Beobachtung nach hat Trump die Dinge während seiner gesamten Karriere stets durch die Brille des Dealmakers betrachtet, weil er ­verstanden hat, dass es für einen guten Deal grundsätzlich genug für alle Beteiligten am Tisch geben muss. Allein deshalb ist er sicher kein China-Hawk, was allerdings früher oder später zu einem Problem für ihn werden wird.

Warum?

David Woo: Weil seine gesamte Entourage fast ausnahmslos mit China-Hawks und Russland-Falken besetzt ist. Sein Stellvertreter J. D. Vance, der die Chinesen als Bauern verunglimpft hat, gehört genauso zu den China-Falken wie die Ministerin für innere Sicherheit, Christie Noem, die China als größten Feind Amerikas bezeichnet. Und auch Trumps ehemaliger Sicherheitsberater Mike Waltz zählt dazu, der das Land als größte existenzielle Bedrohung für die USA bezeichnet hat. Am?Ende gehört sogar Außenminister Marco Rubio zu den China-Hawks.

Woran machen Sie das fest?

David Woo: An der Tatsache, dass ganz offensichtlich nicht Marco Rubio das Vertrauen von Trump genießt, wenn es um die Außenpolitik geht, sondern Steve Witkoff, der es vom Immobilienmakler zum Sonderbeauftragten in Trumps Kabinett geschafft hat. Es war nicht Rubio, sondern Witkoff, der sich bereits dreimal mit Putin getroffen hat und zweimal mit den Iranern. Er ist der Mann, der im Grunde den Waffenstillstand im Gazastreifen ausgehandelt hat. ­Damit scheint er so etwas wie der inoffizielle Außenminister zu sein. Das ist kein Zeichen seiner diplomatischen Fähigkeiten, sondern vielmehr dafür, dass Trump ihm vertraut, was auf die meisten seiner anderen Kabinettsmitglieder schon seit einer Weile nicht mehr zutrifft.

Und Elon Musk?

David Woo: Er ist mit Sicherheit kein China-Falke, immerhin steht seine größte Fabrik in diesem Land. Wegen ihm war ich anfangs sehr optimistisch gegenüber dieser Regierung. Machen wir uns nichts vor: Die USA mögen sehr reich sein, aber Amerika ist ein enorm korruptes Land. Und Musk ist angetreten, die US-Schulden um zwei Billionen Dollar zu kürzen. Am Ende sind es angeblich nur 150 Milliarden Dollar geworden. Nach meinen eigenen Berechnungen hat er wahrscheinlich in Wahrheit sogar weniger als 40 Milliarden Dollar zurückgeholt. Er hat sich einfach überschätzt, daher kann es kaum verwundern, dass er von den etablierten Inter­essen, über die ich gerade gesprochen habe, aus dem System gedrängt wurde. Damit verliert Trump natürlich einen wichtigen Verbündeten. Das ist bedauerlich für den US-Präsidenten, dessen eigene Bilanz nach 100 Tagen ja kaum besser ausfällt. Seien wir ehrlich: Die Eindämmung der illegalen Einwanderung an den Grenzen ist das Einzige, was er vorzuweisen hat, sonst nichts.

Und Sie werden kaum anzweifeln, dass er für eine gehörige ­Portion Verunsicherung unter Investoren gesorgt hat. Viele Marktteilnehmer stellen sich die Frage, wie sie sich mit dem Blick nach vorn aufstellen sollen. Was raten Sie?

David Woo: Was mir Sorgen macht, ist das Zwillingsdefizit, mit dem wir in den USA?konfrontiert sind. Das US-Haushaltsdefizit erreichte im vergangenen Jahr 6,9 Prozent des BIP und damit den höchsten Wert, der jemals außerhalb ­einer Rezession gemessen wurde. Gleichzeitig erreichte das Leistungsbilanzdefizit der USA 3,9 Prozent des BIP und damit den höchsten Wert seit den Tagen der Covid-Pandemie. Beide müssen dringend unter Kontrolle gebracht werden. Und das größte Risiko, dem wir aktuell gegenüberstehen, sind lang anhaltende Auseinandersetzungen über künftig geltende Zölle, was meiner Ansicht nach unweigerlich zu starken Rückgängen an den Aktienmärkten führen und die US-Wirtschaft in eine Rezession schicken würde. Ich bin noch nicht bereit zu sagen, dass Trumps Heilmittel höherer Zölle am Ende schlimmer sein wird als die Krankheit. Die aus meiner Sicht bedeutungslose Einigung, die mit Groß­britannien getroffen wurde, zeigt allerdings, wie hoch die Messlatte bei anderen Ländern, insbesondere in Europa, ­liegen wird. Vieles bleibt zweifellos ein Glücksspiel. Das lässt mich, was die Entwicklung der US-Aktien­märkte betrifft, pessimistisch in den Sommer blicken.

Und auf längere Sicht?

David Woo: Ein interessanter Langfrist-Trade könnten meiner Auffassung nach Aktien von Ausrüstern für die Automatisierung sein. Nicht umsonst haben viele große Konzerne – ­darunter Automobilunternehmen wie Honda, Nissan oder Hyundai, aber auch der südkoreanische Stahlhersteller Pasco und sogar TSMC, der größte Chiphersteller der Welt – angekündigt, große Teile ihrer Produktion in die USA verlagern zu wollen. Es wird natürlich eine gewisse Zeit dauern, die notwendigen Produktionsmittel dafür aufzubauen. ­Woran es angesichts einer Arbeitslosenquote von lediglich vier Prozent aber mangeln wird, sind Arbeitskräfte. Das spricht dafür, dass die eben genannten Unternehmen verstärkt auf Automatisierung setzen werden müssen.

Und beim Thema Rentenmärkte und der Inflationsentwicklung?

David Woo: Hier sollten Investoren eher auf inflationsindexierte Anleihen setzen. Ganz einfach weil aktuell nur extrem schwer einzuschätzen ist, welchen Weg die Preisentwicklung in den kommenden Monaten einschlagen wird. In einem positiven Szenario, in dem trotz Zollschock eine Rezession in den USA?verhindert werden kann, weil man sich mehr oder weniger irgendwie durchwurschtelt, käme es wahrscheinlich unweigerlich zu einer erheblich höheren Infla­tion. Das schlechte Szenario, in dem es in einer Rezession zu einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung käme, ­würde zwar disinflationär wirken, aber die Verschuldung auf ein Niveau treiben, in dem die Zinszahlungen regelrecht aus dem Ruder laufen würden.

Sagen Sie noch etwas zu Ihrer Erwartung in Bezug auf Währung und Gold?

David Woo: Der US-Dollar dürfte seine zuletzt gezeigte Schwäche sogar noch weiter ausweiten. Da ich nicht wirklich eine nachhaltige Verbesserung bei dem angesprochenen Thema Zwillingsdefizit zu erkennen vermag, würde sich die Risikoprämie erhöhen, die ausländische Investoren für das Halten von US-Vermögenswerten, einschließlich dem US-Dollar, verlangen. Dagegen dürfte Gold mit jedem Zeichen einer erneuten Verunsicherung der Anleger seinen seit gerau­mer Zeit starken Aufwärtskurs künftig weiter fort­setzen.

Ihrem eigenen Geschäft als unabhängiges Researchhaus scheint die aufgrund der erratischen Politik von Donald Trump und ­seinen Zoll-Eskapaden als zunehmend verwirrend wahrgenommene Entwicklung an den Märkten sogar gutzutun?

David Woo: Vor zwei Jahren habe ich mein institutionelles Geschäft gestartet, das im Vorfeld der US-Wahlen um rund 40 Prozent enorm gewachsen ist. Und es freut mich natürlich, dass wir mittlerweile einige der größten Makro-Hedgefonds, einige der größten Staatsfonds und mehrere sehr große europäische Investoren wie Versicherer und Pensionsfonds unter Vertrag haben. Uns kommt zugute, dass wir sehr viel Wert auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit unserer Entscheidungen und Anlageempfehlungen legen.

Wo sehen Sie Ihre eigene Stärke?

David Woo: Die Makroökonomie als Schnittstelle zwischen Geopolitik, Wirtschaft und Technologie ist mein Spezial­gebiet. Es gibt natürlich eine geradezu unüberschaubar große Zahl an größtenteils kostenlosen Marktanalysen und Research bis hin zu den Prognosen der Analyseabteilungen großer Banken und Investmenthäuser. Unser USP ist die nachvollziehbare Einordnung dessen, was tatsächlich hinter den Entwicklungen und Entscheidungen in Politik, Geo­politik und Wirtschaft steckt. Und dann machen wir aber auch anhand einer nachvollziehbaren Erfolgsbilanz transparent, was die eigenen Empfehlungen und Ergebnisse angeht. Von weit über 90 Prozent der großen Investmentbanken und Researchhäusern werden Sie einen solchen Erfolgsnachweis gar nicht erhalten. Niemand dort wird Rechenschaft ablegen, um Ihnen zu zeigen, in wie vielen Fällen einer ­ausgesprochenen Empfehlung man richtiggelegen hat und wie oft Dinge am Ende schiefgelaufen sind. Wir tun das.

Wir danken für das Gespräch!

Hans Heuser

Diese Seite teilen