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4/2021 | Theorie & Praxis
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Erwartungen übertroffen

Obwohl nach BlackRock-Schätzungen 2022 mehr als 3.400 Milliarden US-Dollar faktorbasiert investiert sein werden, bleibt das Thema Faktoranlagen heiß diskutiert. In einer aktuellen Investorenbefragung, durchgeführt von Invesco, stellten Großanleger dem Ansatz zuletzt aber ein gutes Zeugnis aus.

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Faktorinvestments wurden während der Pandemie einem Härtetest unterzogen und haben diesen laut Einschätzung vieler Investoren bestanden.

© Invesco, DOC RABE Media | stock.adobe.com

Diese Studie bietet eine Gelegenheit, die treibenden Kräfte hinter Factor Investing, aber auch die gemachten ­Investorenerfahrungen und Implementierungstechniken zu verstehen“, erklärte Georg Elsässer, Senior Portfolio Manager  Quantitative Strategies bei Invesco und ­Autor der „2021 Invesco Global Factor Investing Study“, bei deren Veröffentlichung. Wie in den Vorjahren hat der US-Vermögensverwalter aus Atlanta für die mittlerweile sechste Ausgabe dieser Publikation weder Kosten noch Mühen gescheut und in Summe 241 Profianleger (darunter 130 institutionelle Investoren wie Versicherungen, Pensionskassen, Staatsfonds, Stiftungen und 111 Wholesale-Anleger, zu denen Invesco beispielsweise Fondsselektoren bei Privatbanken und Finanzdienstleistern oder Fondsmanager zählt) von NMG Consulting über vertiefte, typischerweise einstündige Interviews befragen lassen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf möglichst großen und in Faktoranlagen erfahrenen Kapitalsammelstellen, sodass in Summe Investoren mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 31 Billionen US-Dollar tiefe Einblicke in ihre Denk- und Arbeitsweise als Fak­toranleger gewährten. „Das macht die Studie zu einer einzigar­tigen, großen und umfangreichen Untersuchung über globales Factor Investing“, betont Elsässer.


Im Schatten der Pandemie
Da die aktuelle Umfrage den Zeitraum von April 2020 bis März 2021 – und damit die unmittelbar nach Pandemieausbruch, Crash und beginnender Markterholung folgende Periode – abdeckt, ist interessant zu erfahren, ob und inwieweit Profianleger trotz Herausforderungen wie höheren Marktvolatilitäten, einer Inflationsrückkehr und damit einhergehend möglicherweise wieder höheren Zinsen auf faktorbasierte Investments setzen. „Diese Her­ausforderungen stellten einen Test für Faktoransätze dar, ob diese eine bessere Risikokontrolle und die Möglichkeit höherer Renditen bieten und sich damit für eine Implementierung empfehlen“, sagt Elsässer und verweist dabei auf die grundsätzlich wichtigsten Motive, als Investor auf Faktorstrategien zu setzen, beispielsweise „Reduzierung und Optimierung von Risiken“ oder Ertragssteigerung (siehe Grafik „Mehrere Motive“).

Vor diesem Hintergrund erklärte die überwiegende Mehrheit der Faktoranleger, dass ihre Erwartungen eingetroffen sind oder übererfüllt wurden. Befragt, wie die Pandemie den Reiz von Faktoransätzen beeinflusst hat, erklärten 40 Prozent, dass die ­Attraktivität zugenommen habe. 41 Prozent orteten keinerlei Auswirkungen, für 19 Prozent sind Faktoransätze nunmehr weniger reizvoll.

Befragt nach der Performance von Faktorstrategien im Analysezeitraum, erklärten 62 Prozent, dass diese konform oder gar besser war im Vergleich zu marktgewichteten Allokationen. „Wir waren zufrieden mit der Performance. Faktoren haben uns bei der Kontrolle von Kosten und Volatilität ­geholfen wie auch beim Verständnis dessen, was die Performance in diesem volatilen Jahr beeinflusste“, erläutert ein Großanleger in der Studie.

Das könnte erklären, warum immerhin 43 Prozent der Investoren ­ihre Allokation in Faktoranlagen auf Ebene des Gesamtportfolios im Betrachtungszeitraum erhöht haben und 35 Prozent dies für die darauffolgenden zwölf Monate planen. Dabei wollen Investoren vor allem auf der Aktienseite ihr entsprechendes Exposure erhöhen – insbesondere bei Substanzaktien. Das könnte daran liegen, dass im Beobachtungszeitraum der Value-Anlagestil nach vielen Jahren der Underperformance ein Comeback feierte und Investoren auf diesen Trend aufspringen wollten. Vor diesem Hintergrund war „Value“ mit 42 Prozent der mit Abstand am ­öftesten genannte Einzelfaktor, den Investoren höher gewichteten, um von der postpandemischen Wirtschaftserholung möglichst stark zu profitieren. Zum Vergleich: „Quality“ erreicht mit 31 Prozent Platz zwei, „Low Volatility“ kam mit 27 Prozent auf Platz drei (Mehrfachnennungen möglich). Trotz der ­bereits bestehenden Übergewichtung von Value erklärten 48 Prozent, diesen ­Anlagestil in den zwölf Folgemonaten noch weiter aufstocken zu wollen.


Neuer Spitzenreiter
Nachhaltigkeit ist mittlerweile auch ein wichtiges und etabliertes Kapitel in der Studie, in deren Rahmen Faktorinvestoren zum bereits dritten Mal nach der Implementierung von ESG in ihren Portfolios befragt wurden: So berücksichtigen derzeit immerhin schon 78 Prozent aller institutionellen Umfrageteilnehmer ESG-Überlegungen bei ihren Gesamtportfolios. 19 Prozent wollen dies zumindest zukünftig tun, lediglich drei Prozent lehnen ESG-Investments ab.

Bei der Frage nach den Beweggründen, warum Investoren auf ESG setzen, gibt es unter den jährlich von Invesco vorgegebenen Antwortmöglichkeiten ­einen neuen Spitzenreiter. In der Vergangenheit war das wichtigste ESG-Motiv „Forderung von Stakeholdern“ wie Kunden und Leistungsberechtigten. Wohl auch aufgrund der während des Corona-Crashes gemessenen Outperformance vieler Nachhaltigkeitsstrategien führt neuer­dings das Motiv „verbesserte Outperformance“. „Wir glauben, dass ESG auf lange Sicht zur Auswahl von resilienteren Unternehmen  führt“, erklärt ein Studienteilnehmer.


Teil des Faktorzoos?
Invesco befragte die Studienteilnehmer, ob sie ESG grundsätzlich als Teil des Faktorzoos betrachten beziehungsweise welchen Platz ESG darin ihrer Ansicht nach einnimmt. Institutionelle haben diesbezüglich sehr unterschiedliche Auffassungen: Für 36 Prozent ist ESG überhaupt „vollkommen unabhängig von Investmentfaktoren“, für 34 Prozent hingegen ist „ESG ein selbstständiger Faktor mit eigenen Eigenschaften“ (neben Faktoren wie beispielsweise Value oder Momentum), während für 30 Prozent ESG mit anderen Faktoren Überlappungen aufweist und sich damit ­„indirekt über Investmentfaktoren wie beispielsweise ‚Quality‘ zeigt“. 

Zumindest ein Teil der Investoren beschäftigt sich offenbar sehr intensiv mit Faktorneigungen (Factor Tilts, Factor Biases). Der Umfrage zufolge untersuchten immerhin 45 Prozent der Großanleger, ob ESG ­eine derartige Faktorneigung mit sich bringt. Von diesen 45 Prozent fanden ihrerseits 65 Prozent der ­Investoren eine entsprechende Neigung, von denen ihrerseits wiederum 83 Prozent angaben, darauf auf Portfolioebene zu reagieren. „Wir fanden eine positive Neigung in Richtung ,Quality‘ in unserem Aktienport­folio, und wir versuchten, das über andere Portfolioteile in den Griff zu bekommen“, erklärte ein Institutioneller im Interview. Bedenklich ist, dass im Umkehrschluss 55 Prozent der Investoren offenbar keine dieser Neigungsanalysen vornahmen. Danach von Invesco befragt, nannten zwei Drittel als Grund für diese „Unterlassung“, dass sie „keine signifikanten Faktorneigungen sehen beziehungsweise darüber nicht besorgt seien“ – oder diese Neigung als Nebeneffekt im Rahmen einer ESG-Strategie erachten. Studienautor Elsässer moniert: „Das bedeutet, dass sich viele Investoren nicht bewusst sind, wie eine ESG-Eingliederungen ihre Faktor-Exposures und damit schlussendlich das Ertragsprofil ihrer Portfolios beeinflusst.“


Passende ETFs gesucht 
Die Fragestellung, manchmal Probleme beim Finden eines den eigenen Ansprüchen genügenden ESG-Faktor-ETFs zu haben, bejahen 49 Prozent aller Investoren. 18 Prozent haben dabei niemals Probleme, 33 Prozent entschieden sich für die Antwortmöglichkeit „neutral“. In einer Folgefrage erklärten zwar 46 Prozent, im Grunde lieber in Faktor-ETFs mit ESG-Strategie statt in klas­sische Faktor-ETFs investieren zu wollen (12 % waren anderer Meinung, 42 % „neutral“) – in der Praxis ist das aber vielfach eine Herausforderung: So bemängelten Investoren Schwierigkeiten beim Finden geeigneter ESG-ETFs, mit denen man beispielsweise auch den Faktor Value kombinieren kann. Das erklärt sich mit der oftmalig zu beobachtenden hohen Gewichtung der CO2-intensiven „Old Economy“ wie Schwerindustrie oder Rohstoffförderer in vielen Value-Indizes. In der Studie wurde unter den Faktoranlegern nicht nur der Stellenwert von Nachhaltigkeit, sondern auch jener von Fixed-Income-Strategien erhoben. 


Deutlicher Zuwachs
Der Anteil jener institutionellen Investoren, die Faktorstrategien für ihre Anleihenallokationen nutzen, hat sich angesichts rekordverdächtig niedriger Zinsen im Vergleich zur Vorjahresumfrage von damals 37 auf nunmehr 57 Prozent deutlich erhöht. Befragt, auf welche Art von Faktoren Investoren bei ihrer Rententangente setzen und wie sie diese miteinander kombinieren, gaben 57 Prozent der Institutionellen an, sowohl klassische Investmentstilfaktoren (also beispielsweise Value oder Quality) als auch „Makrofaktoren“ (wie zum Beispiel Duration und Inflation) gemeinsam zu nutzen. 16 Prozent der Befragten verwenden demgegenüber ausschließlich klassische Investmentstilfaktoren, und 27 Prozent verlassen sich einzig auf „Makrofaktoren“ wie Duration, Inflation etc. 

Faktoranleger nannten für ihre Renten­investments als den wichtigsten „Makrofaktor“ das Paar „Duration & Zinssatz“ (78 %, Mehrfachnennungen möglich), knapp gefolgt vom Faktor „Liquidität“ (76 %). Vor dem Hintergrund der üppigen Geldver­sorgung seitens der Zentralbanken und ­ausufernder Staatsschulden aufgrund der Coronakrise rückt verständlicherweise auch „Inflation“ (74 %) bei rentenaffinen Faktoranlegern in den Fokus der Aufmerksamkeit und damit auf Platz drei dieses Rankings. Interessantes Detail: Nach Faktoren wie  „Kreditrisiko“ (69 %) und „Wirtschaftswachstum (57 %) liegen „Politische und Regierungskrisen“ mit 39 Prozent am letzten Platz. 

Dass inzwischen 57 Prozent aller von ­­Invesco befragten institutionellen Investoren bei ihren Anleihenengagements auf Faktoransätze setzen, ist bei näherer Betrachtung keineswegs selbstverständlich. Abgesehen davon, dass Anleger gerade im Rentenbereich aktiven Managern eine größere Reaktionsgeschwindigkeit auf neue Marktentwicklungen zutrauen als den langsamer reagierenden Faktorstrategien, müssen institutionelle Faktoranleger im Bereich Fixed Income weitere Herausforderungen meistern: So nennen Profianleger in der Umfrage am öftesten „Probleme bei der Beschaffung der notwendigen Daten sowie tech­nologische Hürden“ (61 %, Mehrfachnennungen möglich). Welche Hürden Rentenanleger noch überwinden müssen, können Sie der Grafik „Herausforderungen“ entnehmen.

Auch wenn all diese für faktor­basierte Rentenanlagen genannten Herausforderungen grosso modo bei Aktien ebenfalls existieren, zeigt sich, dass Investoren auf der Aktienseite ETFs – und dabei insbesondere Faktor-ETFs – stärker vertrauen als auf der Rentenseite. „Investoren setzen bei faktorbasierten Aktienport­folios öfter auf ETFs als bei allgemeinen Aktienportfolios. Allerdings gilt dies spiegelbildlich auch bei Rentenportfolios“, ergänzt Elsässer und verweist dabei auf die Studienergebnisse (siehe Grafik „ETF-Gewichtung im Vergleich“).


Multi-Faktor-Ansätze
Elsässer beobachtet seit der ersten Umfrage vor sechs Jahren einen rapiden Fortschritt beim Investorenwissen betreffend Factor Investing. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass Investoren auf verschiedenste Faktoren gleich­zeitig setzen, wobei zum Stichtag „Value“, „Quality“ und „Low Volatility“ am stärksten bevorzugt wurden, während „Small ­Size“ wie auch „Yield/Carry“ weniger gefragt waren (siehe Grafik „Allokierte Faktoren“). Angesichts eines zunehmenden Einsatzes von Multi-Faktor-Ansätzen wollte Invesco wissen, mit welcher Dynamik diese umgesetzt werden: Jeder dritte institutionelle Investor setzt dabei auf eine dynamische Herangehensweise, bei der die Faktorengagements regelmäßig, auch über kürzere Zeiträume, angepasst werden. 47 Prozent der Großanleger schwören auf einen „semi-statischen“ Ansatz, bei dem Änderungen seltener und mit einem längeren Anlage­horizont vorgenommen werden. Auf einen statischen Ansatz mit fixer Allokation setzen nur 20 Prozent, wobei in Europa lediglich fünf Prozent aller Investoren einen statischen Ansatz verfolgen und zu 68 Prozent auf einen semistatischen-Ansatz setzen.

Änderungen bei den Faktorengewichtungen basieren zum Teil auf konkurrierenden Prioritäten beziehungsweise gibt es Zielkonflikte: So wollen einerseits Investoren ihre favorisierten Faktoren höher gewichten, ­andererseits müssen mit Blick auf das ­Gesamtportfolio Faktorneigungen (Biases) ­reduziert oder ausgeglichen werden. „Wir gewichten unsere bevorzugten Faktoren über, müssen aber auch unser allgemeines Portfolio-Exposure managen. Daher versuchen wir, über ausgefeilte Analysen alles abzugleichen, um nicht Gefahr zu laufen, unnötige Positionen einzugehen“, erklärt ein Institutioneller.

Die angesprochenen Umschichtungen bei Faktoren können aufgrund verschiedenster Einflüsse erfolgen. Investoren nannten mit 69 Prozent (Mehrfachnennungen möglich) den Grund „Änderung im zukünftig erwarteten Ertrags-Risiko-Profil“, knapp gefolgt von „Vergangene Performance“ mit 65 Prozent und „Änderungen bei den Korrelationen“ mit 53 Prozent. Die niedrigste Zustimmung erhielt mit 46 Prozent „Zugrunde liegendes makroökonomisches Umfeld / Lage des Konjunkturzyklus‘“.

Bei Multi-Faktor-Strategien wollen Investoren hinsichtlich der zugrunde liegenden Strategie zukünftig mehr Dynamik zeigen – zumindest im Vergleich mit der Vergangenheit: So haben im Rückblick auf die vergangenen zwei Jahre 57 Prozent aller Institutionellen bei ihren Multi-Faktor-Ansätzen keine Veränderungen vorgenommen. 29 Prozent geben an, „dynamischer“ geworden zu sein, 14 Prozent „statischer“. Auf Sicht der kommenden zwei Jahre wollen aber 46 Prozent mehr Dynamik zeigen, 47 Prozent alles beibehalten, wie es ist, und sieben Prozent „statischer“ werden.

Die Studie zeigt darüber hinaus, dass Investoren Bedarf nach besseren analytischen Tools sehen, vor allem was das Monitoring der Faktorenengagements und die Performanceattribution betrifft, um darauf aufbauend unter verschiedenen Szenarien schneller auf Veränderungen reagieren zu können. 

Im Ergebnis wollen 46 Prozent der befragten Institutionellen ihre Allokationen in Faktor-ETFs in den nächsten drei Jahren ­erhöhen.

„Die Natur von Factor Investing steht nicht still, Investoren setzen immer öfter auf ausgeklügeltere Multi-Faktor-Ansätze über verschiedene Assetklassen. Bei der Weiterentwicklung dieser Ansätze berücksichtigen Investoren Faktoren stärker im Gesamtportfoliokontext statt isoliert in einzelnen Segmenten oder Assetklassen“, zieht Elsässer ein Resümee.


Anton Altendorfer 

 


Anhang:

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