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4/2019 | Theorie & Praxis
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»Eine Liste von Standards, mehr nicht«

Entwarnung in Bezug auf Befürchtungen von Investoren mit Blick auf die EU-Taxonomie gibt Nathan Fabian, CIO der UN-Initiative PRI. Durch die Umsetzung würden Anleger zu nichts gezwungen, erklärt er im Interview. Wir haben seine Argumente hinterfragt.

Im März 2018 legte die EU-Kommission ihren Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums vor. Damit sollte dem Pariser Klima­abkommen Rechnung getragen werden, wonach Finanzströme in Übereinstimmung mit den globalen Klimazielen gebracht werden sollen. Ein Ziel des EU-Plans ist die Erarbeitung einer Klassifizierung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten, kurz EU-Taxonomie. Im Juni hat die dafür eingesetzte Technical Expert Group (TEG) ihren Bericht vorgelegt. Wir haben darüber mit Nathan Fabian, Chief Investment Officer der Investoreninitiative PRI und Rapporteur der TEG, in dessen Londoner Büro gesprochen.

Herr Fabian, kurz vor unserem Gespräch kamen Nachrichten auf, wonach die Implementierung der Sustainable-Finance-Taxonomie der EU nun doch nicht bereits im kommenden Jahr erfolgen soll, sondern erst Ende 2022. Klären Sie uns bitte über den aktuellen Stand auf.
Nathan Fabian: Die von der EU eingesetzte technische Expertengruppe, abgekürzt TEG, prüft derzeit das Feedback, das die Stakeholder zu unserem Bericht vom Juni 2019 abgegeben haben. Es geht darum zu beurteilen, ob eine der Rückmeldungen eine ­Änderung einzelner Kriterien rechtfertigen würde, die wir für die wirtschaftlichen Aktivitäten in der Taxonomie festgelegt haben. Wir arbeiten zudem an einigen zusätzlichen Werkzeugen, um die Taxonomie für Inves­toren nutzbarer zu machen. Und auch die Arbeit an den Kriterien zur Klimaanpassung schreitet weiter voran. Diese Arbeiten werden bis Ende des Jahres fortgesetzt, denn sie sind Teil der technischen Arbeit an der Taxonomie. Separat und nicht in der Verantwortung der TEG erfolgen die politischen Verhandlungen über die Umsetzung der Verordnung. Das geschieht bis Ende Dezember im Trilog zwischen den drei EU-Organen Parlament, Rat und Kommission, wo über den endgültigen Wortlaut der Verordnung verhandelt wird. Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir daher nicht, ob die Umsetzung der Verordnung bereits Mitte 2020 oder erst Ende 2022 erfolgen wird.

Was erwarten Sie?
Ich erwarte, dass die Umsetzung noch vor 2022 erfolgt. Es wird wahrscheinlich auf eine Implementierung im Jahr 2021 hinauslaufen. Denn auch wenn sicher noch viele Aspekte in Bezug auf ­unseren Vorschlag zu verhandeln sein werden: Eine Verschiebung auf 2022 wäre zu weit. Denn zum einen drängt die Zeit, zum anderen wächst der Markt für nachhaltige Investments geradezu rasant. Nahezu jeden Tag werden neue Finanzprodukte aufgelegt, deren Umweltaspekte nicht eindeutig klar sind. Das ist nicht nur schlecht für die Märkte und deren Teilnehmer, sondern auch für die Investoren. Daher brauchen wir einen möglichst frühen Beginn.

Welche Länder sind es, die eine Verschiebung betreiben? Genannt wurden hier vor allem Deutschland, Österreich und Luxemburg.
Es ist nicht ganz so einfach. Aus deutscher Sicht wird der Markt zum einen mehr Zeit brauchen, um die Taxo­nomie zu verstehen. Zum anderen wurde angemahnt, die Verfügbarkeit von Unter­nehmensdaten sei noch nicht weit genug gediehen. Das ist sicher ein sinnvoller ­Hinweis, nur rechtfertigt er aus meiner Sicht keine Verschiebung um fast drei ­Jahre. An den Kapitalmärkten wird ständig und seit jeher mit unvollkommenen In­formationen gearbeitet. Die Vorstellung, dass wir auf ­einen perfekten Informationsstand warten sollen, ist deshalb kaum der richtige Ansatz. Sehr viel substanzieller als die zeitliche ­Frage sind meiner Ansicht nach die Dis­kussionen über bestimmte Technologien zur Energiegewinnung wie Kernkraft und Gasenergie und ob diese in die Taxonomie ­einbezogen werden sollen oder nicht.

Sehen Sie denn die Chance einer Einigung zwischen Frankreich und Deutschland, die ja am Ende gewissermaßen die beiden Pole in der Diskussion um die Aufnahme von Atomkraft in die Taxonomie darstellen?
Mein Kommentar dazu kann sich wirklich nur auf die technische Perspektive beziehen, denn die politische Verantwortung liegt bei anderen. Aus technischer Sicht leistet Kernenergie natürlich ­einen wesentlichen Beitrag zur CO2-Reduzierung. Das haben wir in unserem Bericht klargestellt. Die Herausforderung besteht darin, auch einem anderen Aspekt der ­Ta­xonomie gerecht zu werden, das ist das inzwischen häufig mit DNSH abgekürzte Kriterium des englischen „Do No Significant Harm“. Auch Energiegewinnung darf natürlich keinen signifikanten Schaden ­anrichten und muss mit anderen EU-Gesetzen zum Umweltschutz und zum Schutz von Gewässern und dem Ökosystem in Übereinstimmung stehen. Hier war in der TEG keine endgültige Übereinstimmung zu erzielen.

Wo verläuft denn genau die Trennlinie der Meinungsverschiedenheiten einzelner Mitgliedsstaaten?
Damit die Kernenergie in die Taxonomie aufgenommen werden kann, müssen die beiden genannten Aspekte erfüllt sein. Einig sind sich im Prinzip alle in Bezug auf den wesentlichen Beitrag von Kernenergie zur CO2-Reduktion. In Bezug auf ihren möglichen Schaden haben wir aus technischer Sicht empfohlen, dass an Fortschritten gearbeitet werden muss, was die Entsorgung von radioaktiven Abfällen angeht. Das ist das Einzige, was wir als technische Arbeitsgruppe leisten können. Der Rest ist eine politische Diskussion.

Noch einmal einen Schritt zurück: Was ist die Taxonomie – und was ist sie nicht?
Sie ist im Grunde nichts anderes als eine Liste von wirtschaftlichen Aktivitäten und deren Beitrag zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen in Bezug auf unsere Umwelt. Sie ist flexibel genug, um auf unterschiedliche Investmentstile und -strategien angewendet zu werden. Inter­essanter ist in diesem Zusammenhang tatsächlich, was die Taxonomie nicht ist. Sie ist nämlich kein System zur Identifizierung guter oder schlechter Unternehmen. Und es handelt sich schon gar nicht um eine irgendwie geartete obligatorische Pflichtenliste für Investitionen, wie das zum Teil von interes­sierter Seite gern kolportiert wird. Sie ist außerdem nicht statisch, und wir sind uns in der TEG bewusst darüber, dass sie sich im Lauf der Zeit verändern wird, wenn sich Technologien und Markttrends ändern. Am Ende ist es nichts anderes als eine Liste von Standards zur Offenlegung verschiedener Umweltkriterien in Unternehmen.

Sie sind sich aber schon dessen bewusst, dass diese Liste eine ausgeprägte Lenkungsfunktion entwickeln wird?
Das ist ja auch der Sinn der Sache. Das steht nicht nur im Einklang mit den in Artikel 2.1.c genannten Zielen des Pariser Klimaabkommens, sondern auch mit dem EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Mit Letzterem verfolgt die EU unter dem Motto „Shifting the Trillions“ ja das Ziel, das europäische Finanzsystem über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg nachhaltiger auszurichten. Dazu braucht es diesen Offenlegungsstandard. Damit sozusagen alle – der Inves­tor wie auch der Anbieter eines Finanzprodukts – die gleiche Sprache sprechen, um am Ende zu verstehen, worin eigentlich die Umweltleistung eines Unternehmens besteht. Um für Klarheit auf allen Ebenen zu sorgen, benötigen wir ein neues Instrument wie die Taxonomie. Aber Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Anleger nicht weiterhin dort investieren werden, wo sie finanzielle Erträge erzielen können. Das ist schließlich ihre Hauptaufgabe. Deshalb sollte man es nicht übertreiben mit der Sorge, dass künftig kein Geld mehr in wirtschaftliche Aktivitäten fließen wird, die entsprechende ­Umweltkriterien nicht oder nur unzureichend erfüllen. Glauben Sie mir, wenn es einen Investment Case gibt, dann wird auch jemand investieren.

Das sehen aber noch längst nicht alle Marktteilnehmer so.
Wir müssen uns doch im Klaren darüber sein, dass schon ein radikales Umdenken auf Seiten von Regierungen ­nötig wäre, um deren Verständnis des Funktionierens von Kapitalmärkten in einer solchen Art und Weise zu verändern. Bisher ist man sich doch vielmehr einig, dass funktionierende Märkte immer noch den Wohlstand stützen und unterstützen. Niemand möchte, dass Regierungen in einer Art zentraler Planwirtschaft vorschreiben, wo man investieren soll. Jeder möchte, dass Märkte florieren, weil man davon ausgeht, dass sie gut darin sind, Kapital zu allokieren und gute Investments ausfindig zu machen. Das ist im Übrigen auch genau das, was wir beim Thema Klimawandel benötigen. Deshalb mögen die Taxonomie-Kritiker doch etwas moderater vorgehen, wenn sie schon an die Wand malen, wie schlimm die Konsequenzen sein werden.

Wobei das ja keineswegs der einzige Kritik­punkt ist. Viele bemängeln, dass die Taxonomie auf ihrem derzeitigen Stand zwar gut geeignet ist, um Anlagefonds, die das Label „nachhaltig“ tragen wollen, zu definieren. Das seien derzeit in Deutschland aber nur drei Prozent des gesamten Fondsmarktes. Der Rest des Marktes werde von der Taxonomie gar nicht profitieren.
Wir werden sicher niemanden davon abhalten, das neue Instrument Taxonomie für seine Arbeit zu nutzen. Selbst wenn ein Fondsmanager, der den Nachhaltigkeitsanspruch gar nicht erhebt, die Performance von Unternehmen in seinem Portfolio verstehen will und wie gut diese auf künftige Umweltziele ausgerichtet sind, kann er die Taxonomie als Tool für seine Engagement-Gespräche mit diesen Unternehmen nutzen. Die Taxonomie hat also viele Einsatzmöglichkeiten für den gesamten Markt, und das ist eine wirklich wichtige Sache. Wir erwarten, dass die Anzahl der Fonds, die behaupten, ein Umweltziel zu erreichen, wachsen wird. Auch das war Grund genug, diese Klassifizierung zu entwickeln. Wenn man davon ausgeht, dass es einen wirklich großen Markt für nachhaltige Investments geben wird, einen Finanzmarkt für Einzelanleger wie auch für institutionelle Investoren, die die Umweltleistung von Unternehmen verstehen wollen, dann könnte dieser in einer Größenordnung von vielen hundert Milliarden, wenn nicht Billionen Euro wachsen. In einem Markt dieser Größe braucht man klare Regeln.

Wenn man die derzeit stetig steigende Nachfrage aus dem Bereich der institutionellen Anleger nach Produkten und Informationen zum ESG-Thema betrachtet, ist diese ­Erwartung sicher berechtigt. Es gibt kaum eine Konferenz, auf der das Thema nicht eine besondere Rolle spielen würde.
Oder nehmen Sie nur die Entwicklung bei unserer eigenen Investoreninitiative Principles for Responsible Investments über die vergangenen zwölf Jahre. Damals gab es gerade einmal sechs Investo­ren, die uns durch die Unterzeichnung unse­rer Prinzipien unterstützt haben. Heute sind es mehr als 2.500 Investoren, die ein Anlagevolumen von rund 90 Billionen US-Dollar verwalten. Heute versteht jeder die Relevanz von ESG-Aspekten und sucht nach Wegen, wie diese in den Finanzmärkten sinnvoll funktionieren können. Und Tools wie die Taxonomie sind ein wesentlicher Bestandteil zur Realisierung dieser Marktnachfrage.

Was sich derzeit noch als Hemmschuh herausstellt, das ist die Beschaffung der entsprechend benötigten Daten von Unter­nehmen – vor allem wenn es sich um Unternehmen außerhalb Europas handelt.
Was damit zusammenhängt, dass es derzeit noch verschiedene Normen und Standards zur Sammlung und Bereit­stellung dieser Daten gibt. Das ist uns durchaus bewusst und wurde auch bei den Rückmeldungen der Stakeholder zur Taxonomie immer wieder hervorgehoben. Aber dazu kann ich nur sagen: Wir alle sind Marktteilnehmer und wissen um diese Probleme. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist aber auch bereits getan. Die EU-Leitlinien für die nichtfinanzielle Berichterstattung fordern eine entsprechende Offenlegung von Daten nach den Taxonomie-Kriterien. Das wurde bereits in diese Richtlinie integriert. Auch wenn diese Vorgaben nicht für alle Unternehmen verbindlich sind, so gehen wir dennoch davon aus, dass die künftige Europäische Kommission wie auch das Europäische Parlament noch sehr viel aufmerksamer im Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte agieren werden. Unternehmen werden sich auf noch umfassendere Berichtspflichten einstellen müssen, um dazu beizutragen, jene Daten bereitzustellen, die Investoren tatsächlich benötigen. Ansonsten können wir als TEG die Unternehmen nur dazu aufrufen, die notwendigen Daten bereitzustellen.

Dem werden vielleicht Unternehmen in Europa Folge leisten. Aber wie sieht die Kooperation auf internationaler Ebene aus?
Staaten wie Kanada oder Japan arbeiten an ihren eigenen Taxonomie-Kriterien. China hat eine eigene Taxonomie und ist in Gesprächen mit der EU in Bezug auf eine Harmonisierung der beiden Klassifizierungssysteme. Und die internationale Normungsorganisation ISO hat angekündigt, zu prüfen, wie sie einen globalen Taxonomieansatz mit einem globalen Qualitäts­standard unterstützen kann. Nicht zuletzt wurde beim Weltbanktreffen in Washington eine neue internationale Plattform für die Zusammenarbeit bei der nachhal­tigen Gestaltung des Finanzsystems ins Leben gerufen. Daran werden sich neben Europa auch Indien, China, Kenia, Marokko und Chile beteiligen, um die ­Arbeit an gemeinsamen Regeln und Vorschriften für das Finanzsystem einschließlich einer Taxonomie aufzunehmen. In Bezug auf die internationale Zusammenarbeit passiert also schon viel.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf?
Wir haben bisher mit der Taxonomie zu Reduzierung des CO2-Ausstoßes und zum Klimawandel lediglich zwei von sechs Umweltzielen umgesetzt, die unserer Meinung nach dringendsten Probleme. Die vier zusätzlichen Umweltziele müssen von einer neuen noch einzurichtenden EU-Institution erarbeitet werden, das kann nicht mehr von der freiwilligen TEG-Gruppe geleistet werden. Das gilt auch für die Sozialziele, die noch gar nicht in die Taxonomie aufgenommen wurden. Es wird auch in Zukunft noch sehr viel Arbeit zu leisten sein, um zu einem Gesamtrahmenwerk zu kommen.

Wir danken für das Gespräch. 

Hans Heuser


Nachhaltigkeitsexperte

Nathan Fabian ist Chief Responsible Investment Officer bei den von den Vereinten ­Nationen unterstützten Principles for Responsible Investment. Er leitet und überwacht die Aktivitäten der PRI in den Bereichen Investment Practices, Active Ownership, Policy &­ Re­search, ESG, Climate Change und Sustain­able Development Goals (SDG). ­Fabian ist auch Berichterstatter für die ­Taxonomiegruppe der Technischen Expertengruppe (TEG) der Europäischen Kommission für nachhaltige Finanzen. Er war zudem Beobachter in der High Level Expert Group (HLEG) der EU für nachhaltige Finanzierungen und Mitglied des ­Sekretariats der britischen Green Finance Taskforce.

Vor seiner Zeit bei PRI war Fabian CEO der Investor Group on Climate Change (IGCC) in Australien und Neuseeland. Zuvor war er Leiter des ESG Research bei Regnan, einem Anbieter von ESG-Research- und Engagement-Dienstleistungen, Gründungspartner von Full Corp Partners, einer Beratungsfirma für Finanzdienstleister und IT-Start-ups, und Berater für Corporate Governance Policy bei Senatorin Penny Wong aus Australien. Er verfügt über einen Master-Abschluss der University of New South Wales, einer der führenden Universitäten Australiens.

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