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1/2019 | Theorie & Praxis
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Ein endogen-kolonialistischer Mathematik-Feind?

Der Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften denkt gern vor und quer. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht.

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Paul Romer neigt zu akademischen Rundumschlägen. Der Mitbegründer der endogenen Wachstumstheorie kritisiert seit Jahren die „Mathiness“ seiner Zunft. Sein Konzept der Charter Cities trug ihm seitens seiner Gegner den Vorwurf des Neoimperialismus ein.

© Christoph Hemmerich

Wenn man Paul Romer dieser ­Tage fragt, wie es ihm so gehe, schmunzelt er freundlich, nickt nachdenklich ein paar Mal, so als würde er die vergangenen Jahre und dann die letzten Monate seit der Nobelpreisverleihung Revue passieren lassen, und meint schließlich: „Gut, schätze ich. Ich kann mich zumindest nicht beklagen.“

Das war wahrscheinlich nicht immer so. Denn trotz seiner besonnenen Art, durch die immer wieder ein feiner Sinn für Ironie blitzt, war sein professionelles Leben nahezu durchgehend mit intellektuellen und professionellen Konflikten durchsetzt. Konsequenzen dieser Auseinandersetzungen zogen sich bis ins Privatleben und ließen die eine oder ­andere Freundschaft deutlich abkühlen.

Will man Romers Wirken kategorisieren, so gibt es wahrscheinlich drei große Wendepunkte in seinem Leben. Einmal die Entwicklung der endogenen Wachstumstheorie, dann das Konzept der Charter Cities und schließlich die Kritik an der „Mathiness“, die unter seinen Kollegen weit verbreitet ist. Kern des Vorwurfs ist, dass sich Ökonomen und Finanzwissenschaftler hinter einem Wust schwer nachzuvollziehender Gleichungen und Annahmen verstecken. Dahinter stecke Methode: je schwerer nachzuvollziehen, ­desto schwerer zu widerlegen. Nicht zuletzt das Einfordern von Klarheit im Ausdruck hat bei seinem Gastspiel als Weltbank-Chefökonom schnell zu einer Entfremdung zwischen ihm und dem Rest der Belegschaft geführt.

Schmerzhaft bescheiden

Schwierig wird es, wenn man ­Ro­mer nach seiner besten Arbeit fragt. Der Nobelpreisträger beginnt sich zu winden, als verursache ihm die Frage körperliche Schmerzen – dann ringt er sich durch: „Bill (Anm.: William D. Nordhaus, gemeinsam mit Romer Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2018) und ich haben eine schöne Tradition, unsere Arbeiten gegenseitig zu bewerten. Sein Paper über den Preis von Licht kann ich wirklich empfehlen.“ Man muss die Frage offenbar anders stellen – ­also wird umformuliert: Welche Arbeit ist ihm am stärksten ans Herz gewachsen? ­Romer riecht den Braten natürlich, gibt aber nach, unterdrückt ein Seufzen, um dann endlich sein Paper „Endogenous Techno­logical Change“, das 1990 veröffentlicht wurde, zu nennen.

Revolutionäre Arbeit

Die Arbeit war damals ziemlich revolutionär. Sie trug maßgeblich zur endogenen Wachstumstheorie bei und räumte mehr oder weniger endgültig mit den bis dahin vorherrschenden klassischen volkswirtschaftlichen Theorien auf. Einer der Kernpunkte seiner Arbeit ist, dass nicht der Bevölkerungsreichtum eines Landes über dessen Wachstum entscheidet, sondern das Humankapital. Dieser Begriff wird dieser Tage nicht mehr von allen Seiten gern gehört – sieht man ihn aber rein technisch, so hat die These erwiesenermaßen ihre Berechtigung.

Markant an seiner Arbeit war auch die Annahme, dass technologisches Wachstum nicht wie Manna vom Himmel fällt, sondern von einer Volkswirtschaft erarbeitet werden muss. Dass Romer diese Variable als Teil seines Modells sieht, sie also als „endogen“ berücksichtigt, war wegweisend. Interessant erscheint auch, dass er Fortschritt als „neue Anweisungen dafür“ definiert, „wie mit Rohstoffen umgegangen wird“. In weiterer Folge überträgt er das damals bekannte Konzept, wonach ­Güter rivalisieren und exkludieren, auf Technologie: Rivalität und Exklusion sind Konzepte, die den Gebrauch von Gütern einschränken. So ist etwa ein TV-Gerät in der Regel rivalisierend, weil es von einem Haushalt und nicht von 100 Haushalten ­genützt wird. Exkludierend ist ein Gut dann, wenn dessen Gebrauch aufgrund von rechtlichen Rahmenbedingungen auf eine Firma oder einen Haushalt beschränkt werden kann. Romer führt als Beispiel copyright­geschützte Computercodes an.

Sonderfall Technologie

Romer geht in seinem Ansatz davon aus, dass technologischer Fortschritt nicht rivalisierend ist. Der Gedanke dahinter: Ist eine neue Technologie erst einmal entwickelt, steht sie ohne weitere Kosten immer wieder zur Verfügung.

Nur Exklusion durch den Staat – also ­beispielsweise Patentrechte – könne die kos­tenlose Verbreitung einschränken. Der wettbewerbstechnische Vorteil, den neue Technologien bieten, stellt wiederum einen Ansporn für Marktteilnehmer dar, Innova­tion bewusst voranzutreiben. Somit wird der Fortschritt endogen. Die dadurch entstehenden „neuen Anweisungen zum Umgang mit Rohstoffen stellen wiederum das Kernelement für Wirtschaftswachstum dar“, so das Argument in Romers Arbeit.

Weiterentwickelt

Diese Prinzipien stehen natürlich seit Jahrzehnten in kritischer Diskussion. Romer hat die Kritik an seinen Modellen auch aufgenommen und verfeinert – der generelle Ansatz hat aber standgehalten und letzten Endes zu einem Konzept geführt, das ihm von manchen Seiten das Prädikat „Neoimperialist“ eingetragen hat – Anlass für diese Anfeindung war der Entwurf der Charter Cities.

Romer schlägt vor, solche Städte in wirtschaftlich unterentwickelten Weltgegenden zu installieren, um auf diese Weise für einen Entwicklungsschub zu sorgen. Die harsche Kritik könnte auch damit zusammenhängen, dass er als historisches Beispiel die ehemalige Kron­kolonie Hongkong anführt.

Logisch weiterentwickelt hat Romer dabei nur den bereits angeführten Gedanken, wonach Wirtschaftswachstum von dem zur Verfügung stehenden Humankapital – also für den Arbeitsmarkt gut ausgebildeten Bevölkerungsteilen – abhängt. Diese findet man verstärkt in urbanisierten Bereichen. Erst im Februar 2019 hat Romer diese These in ­einem Blogbeitrag mit dem Titel „The Deep Structure of Economic Growth“ argumentiert. Er hat die Entwicklung der weltweiten nationalen Pro-Kopf-Einkommen von 1955 bis 2010 hergenommen und sie in Relation zum urbanen Anteil der jeweiligen Bevölkerung gesetzt (siehe Grafik). Das Resultat fällt eindeutig aus: Je höher der Urbanisierungsgrad eines Landes, desto höher das Pro-Kopf-Einkommen. Anschließend zieht Romer China als Beispiel heran (siehe Grafik). Er zieht einen zeitlichen Graph, der die Schnittpunkte von Urbanisierung und Pro-Kopf-BIP in Fünfjahresabständen misst. Zur Orientierung markiert er das Jahr 1980, ab dem die Urbanisierungsbemühungen Tritt fassten. Die Ergebnisse sind eindrücklich: Vor den Reformen steigt die Urbanisierung um 0,2 Prozent per annum, das BIP/Kopf legt um 2,5 Prozent jährlich zu. Nach 1980 legt der Urbanisierungsgrad auf ein Prozent pro Jahr zu. Das Resultat: Das BIP pro Kopf explodiert auf sechs Prozent jährlich. „Diese ­Korrelation (…) deutet auf eine Verbindung hin, die Wachstumstheoretiker verstehen sollten“, so Romer.

Diese Urbanisierungs-Benefits könne man in wirtschaftlich unterentwickelten ­Regionen nützen, indem man sogenannte Charter Cities etabliert. Diese Cities sollten eine Art wirtschaftliche Sonderzone sein, in denen fortschrittliche Regulatorien – besagte Charters – zu einem Wachstum führen, das jenes des Umlandes übertrifft. Diese Beispielwirkung sollte zu Migration in Richtung Charter City und einer positiven Kontamination des Umlandes führen. Als historisches Beispiel führt Romer Hongkong an. Der Erfolg der ehemaligen Kronkolonie sei maßgeblich für den Erfolg der umliegenden Küstenregionen gewesen, so Romer. Das umstrittene Konzept der Charter Cities hat anlässlich der jüngsten Flüchtlingsproblematik an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Ideen, entsprechende Sonderzonen zu installieren, um Migranten zum Verbleib in ihren Heimatländern zu bewegen, sind mit dem Charter-­Konzept verwandt – eine Entwicklung, die von Romer nicht nur positiv gesehen wird.    

Hans Weitmayr


Anhang:

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