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1/2019 | Theorie & Praxis
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»Die Ökonomie hat ein Problem«

Paul Romer, aktueller Nobelpreisträger und Hochschullehrer an der New York University, hat eine klare Vorstellung davon, was Wirtschaftswissenschaft, speziell die Makroökonomie, leisten sollte. Mit seiner Haltung hat er sich allerdings nicht nur Freunde gemacht.

Für seine Arbeiten über die interaktiven Beziehungen zwischen technologischem Fortschritt und Wirtschaftswachstum hat Paul Romer im vergangenen Dezember gemeinsam mit seinem Wissenschaftskollegen William Nordhaus den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Zu dem Zeitpunkt war der Amerikaner aber bereits über die Grenzen des Wissenschaftsbetriebs hinaus bekannt – nicht nur aus seiner Zeit als ehemaliger Chefökonom der Weltbank, ein Posten, den er nach nur knapp 16 Monaten wieder räumen musste. Der Professor, der an der New York University lehrt, gilt schon seit Langem als scharfer Kritiker der eigenen Zunft. Die Makroökonomie von heute sei nicht nur rückwärts gerichtet, sie sei auch nicht glaubwürdiger und durchsichtiger als in den frühen 1970er-Jahren, so sein scharfes ­Urteil. Makroökonomische Theoretiker würden bloße Fakten ablehnen, indem sie Wissenschaftlichkeit mit stumpfen Be­hauptungen wie „Eine straffe Geldpolitik kann eine Rezession verursachen“ nur vortäuschen würden. Vieles deute auf einen ­allgemeinen Versagensmodus der Wissenschaft hin, weil pure Fakten oft einfach nur verdrängt würden. Wir haben mit Paul ­Romer am Rande des diesjährigen Institutional Money Kongresses gesprochen, wo er als einer der Starredner zu Gast war.

Herr Prof. Romer, Sie sind einer der Mitbegründer der sogenannten endogenen Wachstumstheorie. Was sind die wichtigsten Stichworte im Zusammenhang mit diesem Modell?
Paul Romer: Die erste Phase der Wachstumstheorie wurde geprägt von Robert Solow, der in dem nach ihm benannten Solow-Modell beschrieben hat, dass langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft im Grunde nur durch technologischen Fortschritt erklärt werden kann. Er hat in seinen Arbeiten aber nicht erklärt, woher dieser technologische Wandel eigentlich kommt. Man war damals der Annahme, der wesentliche Schlüssel dahinter sei die staatliche Förderung von Wissenschaft und Forschung an Universitäten, was ja auch einen Teil dieses Fortschritts ausmacht. Deshalb habe ich mit meinen Arbeiten zu zeigen versucht, dass viele dieser neuen Technologien in Unternehmen entstehen, im Prinzip aus deren praktischer Arbeit heraus. Die endo­gene Wachstumstheorie konnte zeigen, dass man keine Verbesserung des Lebensstandards oder der Lebensumstände der Menschen nur dadurch erreichen kann, dass ­Regierungen ihren Universitätsprofessoren Geld für deren Arbeiten zahlt. Man braucht dazu einen Markt, der Ideen aufgreift und sie in die Verbesserung von ­Waren und Dienstleistungen einfließen lässt.

In Ihrem Vortrag am diesjährigen Insti­tutional Money Kongress haben Sie eine Art Erweiterung dieses Prinzips erläutert. ­Warum haben Sie Ihr Referat überschrieben mit „Demut und Courage auf dem Weg zum Fortschritt“?
Weil es auf diesem Weg beides bedarf, sowohl einer gewissen Demut wie auch einer ausgeprägten Courage. Niemand von uns kennt die Zukunft, wir können im Grunde nur Vermutungen äußern und mögliche Wege in ein besseres Morgen aufzeigen. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass wir uns irren. Auch wenn wir diese einfache Tatsache demütig akzeptieren müssen, darf uns das aber nicht davon abhalten, Ideen couragiert weiterzuentwickeln. Das gilt auch für wirtschafts- und finanzpolitische Regelwerke. Wir müssen zunächst verstehen, dass ein Teil dessen, was Unternehmen und Marktteilnehmer entwickeln und schaffen, diesen Wachstumsprozess hin zu neuen Entwicklungen bestimmt. Aber dann sollten Regierungen als diejenigen, die die Leitplanken und Parameter für Wettbewerb in diesem Markt erarbeiten, beim Setzen dieser Parameter versuchen einzubeziehen, was der beste Weg ist, diesen Markt zu ­organisieren, um mehr Fortschritt, besser gesagt, den meisten und wertvollsten Fortschritt zu erzielen. Es bedarf also zunächst der Förderung von und des Fokus auf Unternehmen, Markt und Wettbewerb. Im nächsten Schritt muss die Politik dafür sorgen, dass Regeln entwickelt und umstrukturiert werden, um die gesamten Vorteile aus diesem Prozess zu erzielen.

In einer Ihrer jüngeren Arbeiten mit dem Originaltitel „The Trouble with Macro­economics“ gehen Sie allerdings hart ins Gericht mit der Rolle, die die Wirtschaftswissenschaft in diesem Prozess übernimmt. Was sind Ihre wesentlichen Kritikpunkte?
Die heutige Ökonomie hat ein echtes Problem. Worauf ich hingewiesen habe, ist die Tatsache, dass die Makroökonomie, wie wir sie kennen, häufig rückwärts gerichtet ist und heute nicht glaubwürdiger agiert als in den frühen 1970er-Jahren. Ich wollte ­darauf hinweisen, dass die Ökonomie und speziell die Makroökonomie sich häufig nicht wirklich produktiv mit den Fakten ­unseres Wirtschaftsgeschehens auseinandersetzt. Das hat dazu geführt, dass Zentralbanken auf dem Weg zu ihren geldpolitischen Entscheidungen zeitweise gar keine Notiz mehr davon genommen haben, was Makroökonomen dazu zu sagen hatten. Die Wissenschaft war dermaßen entrückt in ­ihren mathematischen Modellen gefangen und viel zu sehr damit beschäftigt, mit der Mathematik sozusagen zu „spielen“, dass sie die Verbindung zu den Fakten, die einen Geldpolitiker umtreiben, verloren hatte. Deshalb habe ich unsere eigene Zunft ermahnt, zu den Fakten zurückzukehren, die für die Entscheidungen von Politik und Zentralbanken tatsächlich wichtig und von wirklicher Bedeutung sind.

Sie hatten zuvor schon den Begriff „Mathiness“ geprägt, was sich wahrscheinlich am besten mit einer zu starken Mathematikorientierung übersetzen lässt. Braucht es einfach nur weniger Mathematik?
Es ist keine Frage des Weniger oder Mehr an Mathematik. Mir war nur auf­gefallen, dass Ökonomen insbesondere im Feld der Wachstumstheorie in ihren Arbeiten eine zunehmende Vielzahl an mathematischen Formeln verwendet haben. Aber es fehlte oft die Verbindung oder die Kor­respondenz zwischen Mathematik und den Worten, mit denen die Erkenntnisse daraus erläutert wurden. Wer bestimmte Arbeiten gelesen hat, konnte oft nicht mehr ver­stehen, was die darin verwendete Mathematik eigentlich auszudrücken versuchte. Die verwendeten mathematischen Formeln haben eher so etwas wie eine Nebelwand aufgezogen, die für eine Art Eintrittshürde sorgte nach dem Motto: Ihr versteht ohnehin nicht, was wir eigentlich sagen wollen, aber vertraut nur uns Profis und bewundert unsere tolle Mathematik. Wir sagen euch schon, was zu tun ist.

So wie Sie das beschreiben, ist das ja auch eine nicht zu entschuldigende Haltung …
Ganz genau! Mein Verständnis der der Sinnhaftigkeit von Mathematik ist ­jedenfalls ein anderes. Eine Regel für die wissenschaftliche Literatur muss aus meiner Sicht lauten: Wenn mein Leser nicht versteht, was ich als Ökonom ihm sagen will, dann ist das nicht sein Fehler. Der Fehler liegt vielmehr auf meiner Seite, und ich sollte einen neuen Versuch der Erläuterung meiner Erkenntnisse starten. Deshalb kein „Weniger“, Mathematik kann durchaus sehr wertvoll sein. Meine eigenen Arbeiten zur Wachstumstheorie waren sozusagen mathematiklastig. Aber Formeln müssen eher so etwas wie ein Beitrag zur Kommunikation sein. Wenn Mathematik aber zu einem ­Hindernis für die Kommunikation von Erkenntnissen wird statt zu einer Verein­fachung des Verständnisses beizutragen, ist sie nicht sinnvoll eingesetzt.

Die Frage ist, ob das immer so gut funktioniert, ob es immer möglich ist, sozusagen in Prosa zu kommunizieren, was in einem mathematischen Modell zum Ausdruck kommt.
Der Brite Alfred Marshall, einer der einflussreichsten Ökonomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hat dazu in einem Brief geschrieben: „Wenn du ein Problem lösen willst, so wende die Mathematik an, formuliere darauf basierend das Ergebnis oder was du gelernt hast in Worten, und ­danach verbrenne die Mathematik.“ Das war vielleicht ein wenig übertrieben. Was er aber richtig erkannt hat, ist die Tatsache, dass letztlich Worte die Basis unserer ­Kommunikation sind.

Dennoch wird die Ökonomie ja auch in ­Zukunft nicht auf die Mathematik verzichten können. Das wird ihr dann erneut die Kritik einbringen, sie trage zu einem immer größer werdenden Dschungel an Daten und Regeln bei.
Das ist es, was ich in meinem ­Vortrag mit Beharrlichkeit meinte. Wir werden nicht umhinkommen, neue und weitere Regeln zu entwickeln, ohne den Anspruch auf Perfektion zu erheben. Denn auch wenn Politik, Regierung und Notenbanken nicht perfekt agieren, kann die Antwort ja nicht der Verzicht darauf sein, weiterhin zu versuchen, die Dinge zu verbessern, nur weil wir auf diesem Weg eventuell mit ungewollten Konsequenzen konfrontiert sein werden. Auch in Zukunft wird nichts von dem, was Menschen tun, perfekt sein. Aber es gibt immer genug Raum, bestehende ­Verhältnisse zu verbessern, wenn wir nur den Mut aufbringen, trotz unserer Unvollkommenheit weiterzumachen.

Gibt es eine Art „Test“ für gute Mathe­matik?
Ich glaube schon, nämlich indem man zunächst einmal für sich selbst ernsthaft klärt, ob die Mathematik die Worte, die man zur Erläuterung eines Problems oder einer Fragestellung benutzt, wirklich sinnvoll ergänzt. Denn am Ende ist es extrem wichtig, eine konkrete Vorstellung darüber zu haben, was hinter einem bestimmten Konzept oder einem bestimmten Ansatz wirklich steht. Ein Begriff wie „technologischer Fortschritt“ ist zunächst einmal nichts anderes als eine Art Bündel verschiedener Konzepte und Ideen, die zu diesem Fortschritt führen. Aber wir müssen verstehen, welches Gut hinter diesen einzelnen Konzepten konkret steht beziehungsweise welchen Vorteil sie tatsächlich erbringen. Denn nur diese klare Vorstellung wird es uns ermöglichen, über die praktische Anwendung der dahinter stehenden Idee miteinander zu sprechen und deren Konsequenzen für ­Politik und Notenbankpraxis zu diskutieren.

Beim Stichwort Notenbank: Welche Schuld trifft den damaligen Zentralbanker Alan Greenspan aus Ihrer Sicht am Ausbruch der Finanzkrise? Und wie beurteilen Sie die ­Arbeit seiner Nachfolger?
Aus meiner Sicht war Alan Greenspan einer der schlechtesten Notenbanker überhaupt. Das ist natürlich kein für ihn schönes Urteil – und schon gar kein Urteil über ihn als anständigen Menschen. Nur ­haben die unter seiner Ägide getroffenen Entscheidungen verheerende Auswirkungen im Zusammenhang mit der Finanzkrise ­gehabt. Noch heute hat die Politik mit eini­gen Konsequenzen daraus zu kämpfen. Wobei Greenspan sich wahrscheinlich gar nicht über die politischen Folgen seines Handelns bewusst war. Er war sozusagen gefangen in seiner Haltung, die geprägt war von wenig Regierung, möglichst libertärer Politik und der unsichtbaren Hand des Marktes. Aber eine solche Haltung ist einfach nicht angebracht für einen Notenbanker, dessen ­eigentliche Aufgabe darin besteht, das ­Finanzsystem stabil zu halten. Denn das Problem mit Finanzsystemen ist, dass es lange so aussehen kann, als ob alles wunderbar läuft. Aber eben nur bis zu dem Zeitpunkt, ab dem es dann katastrophal schiefgeht. Ben Bernanke und Janet Yellen haben in dieser Hinsicht einen sehr viel besseren Job gemacht, genauso wie Mervyn King in Großbritannien. Auch Mario Draghi ist eher der wissenschafts- und datenorientierte ­Notenbanker.

Und Jerome Powell?
Ohne mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu wollen, zeichnet ihn aus meiner Sicht aus, dass er eben genau nicht der Typ des vermeintlich allwis­senden Orakels à la Alan Greenspan ist. ­Powell ist offenbar der sehr viel stärker datengetrie­bene Typ, der entsprechend reagiert und auch bereit ist, seine Richtung zu ändern, wenn die Kennzahlen ihm das ­nahelegen. Andererseits hat er sich damit natürlich auch schon Kritik eingefangen. Vielleicht hätte er mehr auf seine Kom­munikation achten sollen, als er vor Kurzem den Schwenk weg von einer Zinserhöhungspolitik hin zu einer wieder moderateren Haltung vollzogen hat.

Noch einmal kurz zurück zu Ihrer Kritik an den Größen der Wissenschaft wie Robert Solow und Edward Prescott. Bei allem ­Respekt, aber war Ihnen eigentlich von ­Anfang an bewusst, wen Sie da kritisieren?
Aber natürlich, schließlich kannte ich damals beide schon lange und sehr gut. Bob Solow war mein Doktorvater, und Ed ­Prescott war einer meiner Co-Autoren und mein Gastgeber bei einem Forschungsaufenthalt an der Universität von Minnesota. Und es war ja auch keineswegs so, dass ich Spaß daran gehabt hätte, Wissenschaftler zu kritisieren, die ich eigentlich mochte, mit denen ich befreundet war. Deswegen war das insgesamt kein schöner Prozess. Andererseits waren beide auch nicht wirklich gut darin, mit Kritik umzugehen. Deshalb hatte ich das Gefühl, stärker an die Öffentlichkeit gehen zu müssen, da beide anfänglich auf ihren Positionen beharrten, statt auf meine ersten kritischen Stellungnahmen zu ihren Arbeiten zu reagieren. Darin gab es einfach Aussagen und Rückschlüsse, die rein logisch nicht korrekt waren.

Und dann ist es nach Ihrem Verständnis die Pflicht eines Wissenschaftlers, sozusagen der Wahrheit ans Licht zu verhelfen?
Natürlich, es ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler, Präzision in der Beschreibung, Stringenz in der Argumentation und Genauigkeit in der Aussage über alles andere zu stellen. Wir können meiner Meinung nach nicht sagen, das sind meine Freunde, deshalb werde ich nicht weiter verfolgen, was ich als die Wahrheit erachte. Selbstverständlich muss man gleichzeitig immer in Betracht ziehen und einräumen, das man selbst vielleicht falschliegt. Dann darf man andererseits aber sicher auch ­erwarten, dass andere einem sagen, wo und an welchen Stellen man falschliegt. Schlimm finde ich nur, wenn Leute, in dem Fall Wissenschaftskollegen, gar nicht zuhören, wenn jemand eine Sorge oder bestimmte Bedenken äußert. Wenn wir als Ökonomen unseren Job ernst nehmen und uns zum Erbe und dem eigentlichen Sinn von Errungenschaften bekennen, deren Ursprünge in eine Zeit der Aufklärung zurückreichen, dann muss man eben manchmal eine gewisse Unbehaglichkeit in Kauf nehmen. Es muss ja nicht immer gleich in einen persönlichen Konflikt münden. Auch ich werde erleben, dass es jüngere Wissenschaftler ­geben wird, die mich und meine Arbeiten kritisieren werden. Aber damit werde ich dann auch leben können. Denn im Grunde ist es ein gutes Zeichen, wenn Kollegen Dinge in Frage stellen, weil es ein Beleg dafür ist, dass wir Fortschritte machen.

Apropos Kritik von jüngeren Kollegen: Wie ­stehen Sie zu dem in der jüngsten Zeit ­aufgekommenen Streit um die von einigen ­Wissenschaftskollegen – allen voran Ste­phanie Kelton von der New Yorker Stony Brook University – entworfene relativ neue Modern Monetary Theory, abgekürzt MMT?
Solche neuen Ideen, seien sie auch noch so interessant, stehen natürlich immer vor der Herausforderung, möglichst präzise zu formulieren, welche neuen Erkenntnisse sie uns wirklich bringen und welcher ­Nutzen damit verbunden ist. Die bisherige Sicht der Wissenschaft basiert auf der ­Annahme eines Trends, begleitet von einer Fluktuation des Wirtschaftszyklus um diesen Trend herum. Eine der Annahmen der Modern Monetary Theory lautet, dass damit die tatsächliche Bedeutung oder vielmehr die Wichtigkeit einer besseren Stabilisierungspolitik unterschätzt wird. Auch wenn ich mich mit dem Verständnis dahinter schwertue und die Theorie in weiten Teilen aus meiner Sicht keinen großen Sinn ergibt: Die MMT-Vertreter gehen davon aus, dass eine Volkswirtschaft eine höhere oder eben eine niedrigere Wachstumsrate haben kann – und dass beides relativ beständige Gleichgewichte sein können. Nach dem Verständnis von MMT kann man aber eine Volkswirtschaft auf diesen höheren Wachstumspfad heben, statt sie in ihrem Zustand des Niedrigwachstums zu belassen. Wenn das wirklich gelingen sollte, dann würde das ­natürlich das Potenzial eröffnen, eine höhere Verschuldung in Kauf zu nehmen. Denn wenn das Wachstum höher ist, dann lässt eine Kennziffer wie die Relation von Verschuldung zu Wachstum natürlich eine insgesamt etwas höhere Staatsverschuldung durchaus zu.

Für viele hört sich das alles aber oft wie die Suche nach einer Art „Free Lunch“ an.
Das ist sicher einer der Gründe, warum die MMT-Verfechter Probleme haben, ihre alternativen Ideen schlüssig zu vermitteln. Weil niemand daran glaubt, dass am Ende keiner die Rechnung bezahlen muss. Aber das in dieser Theorie enthaltene Element, wonach die richtige Art und Weise einer etwas moderateren Stabilisierungspolitik eben nicht nur Auswirkungen auf ­Inflation und Arbeitslosigkeit haben kann, sondern auch auf die Wachstumsrate der Produktivität und selbst auf die Einkommensverteilung, das ist eine Möglichkeit, die wir durchaus ernst nehmen sollten. Diese Vorstellung hat sogar in den Kommentaren zu den jüngsten Maßnahmen der amerikanischen Notenbank eine Rolle gespielt, als diese Ende vergangenen Jahres die Zinsen noch einmal erhöht hat. Es könne von Vorteil sein, so der Tenor, ein wenig geduldiger zu sein in Bezug auf sehr niedrige Zinsen und ein wenig mehr Risikobereitschaft in Bezug auf eine in der Zukunft ansteigende Inflation mitzubringen. Denn das Ergebnis könne vielleicht nicht nur eine etwas geringere Arbeitslosigkeit sein, sondern auch höhere Einkommenszuwächse am unteren Ende der Lohnskala mit sich bringen. Ohne dass ich dem Rahmenwerk oder der Terminologie der MMT zustimmen würde, sollten wir offen bleiben für die Möglichkeit, dass wir mit der vorherrschenden Haltung in Bezug auf eine extrem restriktive Stabilisierungspolitik vielleicht falschliegen.

Wir danken für das Gespräch.    

Hans Heuser


Kämpfer für mehr Klarheit in der Makroökonomie

Paul Romer hat im vergangenen Dezember gemeinsam mit seinem Wissenschaftskollegen William Nordhaus den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Die von der Schwedischen Reichsbank verliehene Auszeichnung erhielt er für seine ­Arbeiten über die „Integration von Innovation in die langfristige makro­ökonomische Analyse“. Der 1955 in Denver geborene Amerikaner lebt heute in New York, wo er als Professor für Ökonomie an der renommierten Stern School of Business der New York University lehrt. In breiteren Wissenschaftskreisen bekannt geworden ist Romer als Mitbegründer der sogenannten endogenen Wachstumstheorie, insbesondere durch das von ihm entwickelte „Romer-Modell“. Im September 2016 wurde er Chefökonom der Weltbank, muss­te aber bereits im Januar 2018 diesen ­Posten wieder räumen, weil er sich mit der Weltbankführung überworfen hatte. Auslöser war Romers Äußerung, wonach Chile von der Weltbank über mehrere Jahre hinweg in einem Länder-Ranking für Unternehmerfreundlichkeit zu schlecht eingestuft worden sei. Für Aufsehen sorgte Romer zudem nicht nur mit dem von ihm entworfenen Konzept der „Charter Cities“, sondern auch mit seiner Kritik an der eigenen Zunft.

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