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4/2019 | Theorie & Praxis
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Die Macht der Worte

Robert Shiller, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften: Sein jüngstes Buch „Narrative Economics“ widmet sich dem Einfluss von „Erzählungen“, die von ausreichend vielen Menschen geglaubt werden.

Kann man es sich in einer Welt, in der Trollfabriken in der Lage sein sollen, Wahlergebnisse in anderen Staaten zu beeinflussen, überhaupt noch leisten, die Macht von Narrativen, die die Wirtschaft beeinflussen, außer Acht zu lassen? Nein, meint Yale-Professor und Wirtschaftsnobelpreisträger in seinem kürzlich erschienenen Buch. Darin bietet der Ökonom und Erfolgsautor einen neuen Weg an, wie man wirtschaftliche Veränderungen und Wirtschaft generell denken sollte. Er verweist in diesem Zusammenhang auf viele historische Beispiele und Daten und argumentiert, dass das Studium populärer Erzählungen, die das individuelle und kollektive wirtschaftliche Verhalten betreffen, das Poten­zial besäßen, etwa die Qualität von Vorhersagen zur Wirtschaftsentwicklung deutlich zu verbessern. Damit nicht genug, könnte dadurch auch die Fähigkeit wachsen, sich auf kommende finanzielle Krisen, Rezessionen, Depressionen und andere wichtige wirtschaftliche Ereignisse vorzubereiten respektive deren negative Auswirkungen zu verringern. Durch populäre Narrative können Ideen in den sozialen Netzwerken viral gehen und Märkte bewegen – man denke nur an den Glauben, dass Technologieaktien eigentlich nur steigen können (vor dem Millennium) oder dass die US-Häuserpreise niemals fallen (bis 2007) oder dass Konzerne schlicht und einfach zu groß sind, um pleitezugehen. Ob diese Geschichten nun wahr sind oder nicht, durch ihre Transmission via Mund-zu-Mund-Propaganda, klassische Medien oder die neuen sozialen ­Medien schaffen sie es, die Wirtschaft zu bewegen. Narrative beeinflussen die Entscheidungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte etwa dahingehend, ob diese investieren – und wenn ja, wo und wie viel –, wie viel sie konsumieren und sparen.

Obgleich solche Erzählungen offensichtlich von Wichtigkeit für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind, schenken ihnen die meisten Wirtschaftswissenschaftler kaum Beachtung, schreibt Shiller. Als Beleg führt er an, dass eine Big-Data-Analyse zeigt, dass das Wort „Narrativ“ in den Geschichtswissenschaften und der Anthropologie am häufigsten auftaucht, gefolgt von der Soziologie, der Psychologie und den Politikwissenschaften. Die Wirtschaftswissenschaften rangieren hier unter ferner liefen.

Treibende Kraft

Shiller vergleicht die Ausbreitung eines Narrativs in der Gesellschaft mit der Ansteckung des Ebola-Virus 2014 in Liberia. Die Entwicklung der Ansteckungsrate sei höher als die Erholungs- beziehungsweise bei einem wirtschaftlichen Narrativ die Vergessensrate. Das bedeute, dass immer mehr Leute auf die Geschichte aufspringen, was zu entsprechenden Folgen führt. Shiller selbst gibt zu, dass der Vergleich weit hergeholt erscheint, aber es gebe etwas Großes, das die Weltwirtschaft treibe: „Geschichten wirken ansteckend und haben eine treibende Wirkung, wenn sie viral gehen“, so der Vordenker in einem Video aus dem Youtube-Kanal „YaleCourses“. So hätten die Ökonomen etwa noch immer keine Erklärung für die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09.

Eine der Schlüsselfragen ist offensichtlich, wann ein Narrativ viral geht. Ein Beispiel ist die Laffer Curve. Arthur Laffers Theorie der Einkommensbesteuerung besagt, dass es einen Wendepunkt im Ein­kommensteueraufkommen dort gibt, wo infolge der Rebellion der Spitzenverdiener trotz ­Erhöhungen des Grenzsteuersatzes das Steueraufkommen sinkt. Shillers Auswertung mithilfe von Google Ngram zeigt, dass die Idee 1978 rasch an Popularität gewann, nachdem ein Wall-Street-Herausgeber beschrieb, wie Laffer in einem schicken Res­taurant in Anwesenheit von Dick Cheney und Donald Rumsfeld die Kurve auf eine Serviette zeichnete. Die Theorie beeinflusste Ronald Reagans Steuerpolitik in seiner ersten Amtszeit stark, verpuffte aber Mitte der 80er-­Jahre, da sich herausstellte, dass sie wenig faktenbasiert war. Doch die Frage, die ­Robert Shiller beschäftigt, bleibt: Wa­rum ging die Laffer Curve viral, und warum erst 1978 nach dem Artikel im „Wall Street Journal“, der die Geschichte wieder erzählte? Shillers Antwort: „Einer der Gründe ist sicherlich die Serviettengeschichte, die der Theorie einen starken und unüblichen visuellen Reiz gab.“ Tatsächlich befindet sich die Serviette heute im National Museum of American History, was aber problematisch ist, weil Laffer später reklamierte, dass es eine solche Serviette niemals gegeben hat.

Andere Faktoren, die laut Shiller geeignet sind, eine Geschichte viral gehen zu lassen, ist deren Berühmtheit. Er ­erinnert an die immer wieder erzählte Geschichte, dass ein Prominenter 1929 alle Aktien verkaufte, nachdem ihm ein Schuhputzer-Boy angeblich einen Börsentipp gegeben hatte. Daraus hatte der Aktionär geschlossen, dass der Höhepunkt der Börsenhausse erreicht war. Diese Geschichte wird Joseph Kennedy, dem Vater von Präsident John F. Kennedy, zugeschrieben, aber auch J.P. Morgan, John D. Rockefeller und vielen anderen. Solche Geschichten gehen dann viral, wenn sich die Leute vor einem Crash ängstigen. Wären Wissenschaftler in der Lage gewesen, diese Narrative zu beobachten, hätten sie möglicherweise die ­politisch Verantwortlichen zum Handeln auffordern oder selbst Anstrengungen unternehmen können, den Crash aufzuhalten.

Mutierte Dauerbrenner

Als Beispiel einer Story, die in leicht verändertem Gewand schon mehrmals wiedergekehrt ist, gilt das Narrativ, dass Maschinen die menschliche Arbeitskraft ersetzen und obsolet machen. Laut Shiller könne man weit in die Geschichte zurückgehen, um solche Bedenken zu finden. Er verweist unter anderem auf den Maschinensturm der Weber im frühen 19. Jahrhundert, wo der Fortschritt der Mechanik bei der Industriellen Revolution als Untergangsszenario für die menschliche Arbeitskraft betrachtet wurde. Das Narrativ tauchte dann im 20. Jahrhundert wieder auf, und zwar in den 30er- und 50er-Jahren. Hier sprach man von technologischer Arbeitslosigkeit und der Automatisation, die den Menschen im Produktionsprozess überflüssig machen werde. Nun ist es die künstliche Intelligenz, die in den nächs­ten Jahren nicht nur die Chauffeure ihren Job kosten soll – Schlagwort „Autonomes Fahren“ – das Narrativ hat sich also wieder zu Wort gemeldet. Als Beleg führt Shiller ­eine Google-Auswertung an, die zeigt, wie das Narrativ „Labor Saving Machine“ seit 1800 immer wieder aufpoppt und dann das Wirtschaftsgeschehen verändert (siehe Grafik „Narrativ: Maschinen als Jobkiller“).

Vertrauen

Die Wahrnehmung des Vertrauens, das andere Leute in bestimmte Entwicklungen haben, ist ein weiterer ganz entscheidender Fakt dafür, wie es mit der wirtschaftlichen Entwicklung weitergeht. Shiller dazu: „Wenn Leute hören, dass andere Leute in Panik geraten, dann wirkt dies ansteckend und pflanzt sich fort, man denke nur an Schlagworte wie ,Financial Panic‘ oder ,Bank Runs‘.“ Die Grafik „Wiederkehrendes Narrativ: Vertrauen“ illustriert wied­e­rum anhand einer Google-Auswertung, wie Schlüsselbegriffe der Finanzpanik, des Geschäftsklimas und des Konsumentenvertrauens im Lauf der Zeit verschiedene Aufmerksamkeitsniveaus erreichen. Zu unter­suchen gelte es unter anderem die Stränge, anhand derer sich ein Narrativ fortpflanzt, wie man überhaupt lernen müsse, die Sprache eines Narrativs zu lesen. Der um keine Analogie verlegene Wissenschaftler ist auch hier mit einem Beispiel zur Hand: „Die Wirtschaftswissenschaften müssen dabei so vorgehen wie etwa ein Ornithologe, der die Sprache der Vögel studiert.“

Revolution

Tatsächlich haftet Shillers Herangehensweise etwas Revolutionäres an. Die große Zahl von heute zur Verfügung stehenden Daten – Stichwort Big Data – ermöglicht es den Wissenschaftlern, quasi live zu beobachten, wie oft etwa bestimmte Schlüsselbegriffe in Social-Media-Kanälen aufgerufen werden oder wie sich die Stimmung der Konsumenten und ihr Online-Shopping-Verhalten über die Zeit verändern. Aber es geht  kleinteiliger: So kann man fast live Daten darüber bekommen, wie viele Personen beispielsweise die Einkaufsstraßen der Londoner City bevölkern oder welche Marken in welcher Frequenz in den sozialen Medien genannt werden. Für Hedgefonds ist das ein gefundenes Fressen, speziell wenn man früh erfährt, welche Marken in Onlineshops besonders nachgefragt werden. Daraus auf eine positive oder negative Gewinnüberraschung zu schließen, ist das tägliche Brot all jener, die schneller als die Konkurrenz sein wollen. Die Auswertung der menschlichen Kommunikation steht dank vieler Terabytes an Daten vor einem großen Sprung.

Eine Datenrevolution dieser Größe gab es laut Shiller das letzte Mal nach der Großen Depression in den 30er-Jahren, als die Ökonomen begannen, John Maynard Keynes zu folgen. Dieser hatte sich auf Messgrößen wie das Bruttonationalprodukt und tieferschürfende Arbeitslosendaten fokussiert. Bis dahin hatte man nur die Zahl der in Beschäftigung Stehenden beziehungsweise der Arbeitslosen gemessen. Eine Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Arbeitslosigkeit war bis dahin unbekannt. „Die heuti­ge Datenrevolution ist noch viel größer“, sagt Robert Shiller fast schon euphorisch und verweist auf Google Ngram, wo man Zugriff auf ganze Bibliotheken von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften und sogar Predigten hat, um diese bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein nach Begriffen wie „Depression“ oder „Entlassungen“ zu screenen. Vor Google Ngram waren diese Auswertungen ein Ding der Unmöglichkeit.

Shillers bedeutendstes Werk?

Mit „Narrative Economics“ will Robert Shiller einen Grundstein für die in seinen Augen gebotene Verhaltensänderung der Ökonomen legen, denn es gehe darum, zu verstehen, wie Narrative dazu beitragen, wirtschaftliche Entwicklungen voranzubringen, die dann zu Krieg, Massenarbeitslosigkeit und steigender Ungleichheit führen. Schließlich würden die Geschichten über Vertrauen in die Wirtschaft, Panik, den Boom am Häusermarkt, den amerikanischen Traum oder Bitcoin, die die Leute ­erzählen und teilen, wirtschaftliche Effekte zeitigen.

„Narrative Economics“ erklärt, wie man damit beginnen kann, diese Geschichten ernst zu nehmen. Laut Kritikern handelt es sich bei Shillers jüngs­tem Wurf um das vielleicht bedeutendste Buch überhaupt, das der 73-Jährige bis dato geschrieben hat. Ob die Mehrzahl der Ökonomen ihm folgen wird, darf zumindest bezweifelt werden, sind die meisten doch modellgläubig und zahlenhörig. Sie analysieren lieber Arbeitsmarktdaten oder Unternehmenskennzahlen. Dass sie nicht in der ­Lage waren, die großen wirtschaftlichen Verwerfungen mit den ­ihnen zur Verfügung ste­henden Tools richtig vorherzusagen, scheint die Zunft bislang nicht wirklich zu stören. Doch vielleicht wird nun bald alles ­anders …    

Dr. Kurt Becker


Das Narrativ, das schillernde Wesen

Ein Begriff, den vor 20 Jahren noch kaum jemand kannte, ist im postfaktischen Zeitalter kaum mehr wegzudenken

Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss auf die Art nimmt, wie man die Umwelt wahrnimmt. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen bestimmten Kulturkreis bezogen – das chinesische und das westliche Narrativ unterscheiden sich beispielsweise eklatant – und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit dem Anstrich von Legitimität versehen sind.

Bekanntes Beispiel ist der „American Dream“-Mythos, dass es grundsätzlich jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen könne, wenn er nur nachhaltig daran arbeitet, oder auch der berühmte Aufruf des US-Präsidenten Kennedy zum Wettlauf um die erste Mondlandung. Damit gelang es, die gesamte Nation auf dieses Ziel einzuschwören und die Kräfte zu bündeln. In Europa ist es die Erzählung, dass die Europäische Union den Frieden in Europa sichert und den Alten Kontinent mit einer Stimme auf Augenhöhe mit den Weltmächten USA und China bei Verhandlungen sprechen lässt. Bestimmendes Element hinter einem Narrativ ist wohl weniger sein Wahrheitsgehalt, sondern ein gemeinsam geteiltes Bild mit entsprechend starker Strahlkraft. Die Konsensmeinung in der Wissenschaft geht dahin, dass Narrative ­eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Orientierung geben und Zuversicht vermitteln können. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass Narrative gefunden werden, eine Minderheit schließt aber nicht aus, dass Narrative auch erfunden werden.

Mit dem verstärkten Interesse an den Neurowissenschaften und der Rolle von Emotionen und des Unterbewussten in Entscheidungsprozessen ist auch die Bedeutung von Narrativen in der öffentlichen Diskussion gewachsen. Narrative zu setzen gilt als erstrebenswertes Ziel der Politik.


Anhang:

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