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3/2018 | Theorie & Praxis
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Die bessere Wette

Frauen erhalten bei Pitches zwar weniger Geld als Männer, dafür liefern die von Frauen geführten ­innovativen Jungunternehmen laut einer aktuellen Untersuchung Investoren höhere Renditen.

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Venture-Capital- und ähnliche Investoren benachteiligen gemäß einer jüngst erstellten Untersuchung in den USA systematisch Jungunternehmen, die von Frauen gegründet werden. In erster Linie scheinen sie sich dabei selbst zu schädigen, denn jene von Frauen initiierten Start-ups, die genug Kapital sammeln können, entwickeln sich überdurchschnittlich gut.

fotogestoeber | stock.adobe.com

Neben dem weithin bekannten und kritisierten „Pay Gap“ –Frauen verdienen durchschnittlich nur rund 80 Prozent der Männergagen – gibt es auch eine unbekanntere Variante der Geschlechterdiskriminierung, nämlich den „Gender Investment Gap“. Man könnte zwar vermuten, dass das Geschlecht bei Finanzierungsrunden im Early-Stage-Bereich keine Rolle spielt, dass Investoren kühl kalkulierte Entscheidungen treffen, die auf Businessplänen und Projektionen beruhen. Dem scheint allerdings nicht so zu sein. Allein die Tatsache, dass eine Frau mit einer Investmentidee an potenzielle Anleger herantritt, verschlechtert die Chancen auf den ­Erhalt des benötigten Startkapitals. Tatsächlich erhalten sie in den USA signifikant weniger – mehr als eine Million US-Dollar im Schnitt. Dies ergab eine Untersuchung von Katie Abouzahr, Frances Brooks Taplett und Matt Krentz von der Boston Consulting Group (BCG) sowie John Harthorne vom Start-up Accelerator MassChallenge. Analysiert wurde, wie Frauen bei sogenannten Pitches, also der Vorstellung ihrer Investmentideen im Eilverfahren, um eine Early-Stage-Finanzierung zu erhalten, verglichen mit männlichen Entrepreneuren abschneiden. Dieses Ergebnis ist insofern erstaunlich und ein Zeichen für eine Marktineffizienz, weil die Analyse auch ergab, dass Investoren, die ihr Geld weiblichen Jungunternehmern anvertrauen, im Durchschnitt pro investierten Dollar mehr als doppelt so viel verdienen als bei von Männern gegründeten Start-ups.

BCG tat sich kürzlich mit MassChallenge zusammen, einem in den USA ansässigen globalen Netzwerk von Acceleratoren, die Start-ups Mentoren, Industrieexperten und andere Ressourcen anbieten. Seit der Gründung 2010 unterstützte MassChallenge mehr als 1.500 Unternehmen, die in Summe mehr als drei Milliarden US-Dollar an Funding erhielten und mehr als 80.000 Arbeitsplätze schufen. MassChallenge bietet dabei niemals finanzielle Unterstützung an und steigt auch nicht selbst bei Start-ups ein. Man unternimmt aber viel, um speziell weiblichen Unternehmer- und Gründergeist zu fördern. Um den Frauenanteil weiter steigern und potenziellen Gründerinnen entsprechende Ausbildungs- und Unterstützungsprogramme anbieten zu können, wollte das Netzwerk mehr darüber wissen, wie sich frauengeführte Jungfirmen schlagen und worin bessere Unterstützungsleistungen bestehen könnten.

Die Daten

Um das Ausmaß des Funding Gaps zu eruieren, griff BCG daher auf Daten von Start-ups zurück, die mit MassChallenge zusammenarbeiten. Zirka 42 Prozent dieser vom Accelerator-Netzwerk begleiteten Jungunternehmen haben zumindest eine weibliche (Mit-)Gründerin.

Die Analyse von fünf Jahren an Investment- und Ertragsdaten, wobei auf das Geschlecht der Gründer abgestellt wurde, brachte eine überraschend starke Diskrepanz beim Funding zwischen den Geschlechtern zutage. Investments in Firmen, die zumindest von einer Frau mitgegründet wurden, betrugen im Schnitt 935.000 US-Dollar, während reine Männergründungen eine Finanzierung von durchschnittlich 2,12 Millionen US-Dollar an Funding erhielten (siehe Grafik „Gender Investment Gap“). Trotz dieser Disparität beim Funding konnten von Frauen (mit)gegründete Start-ups deutlich mehr Ertrag erwirtschaften als rein von Männern gegründete Start-ups. Über ­einen fünfjährigen Zeitraum verdienten sie kumuliert im Schnitt 730.000 US-Dollar versus 662.000 US-Dollar und damit gut zehn Prozent mehr. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn auf das Investment bezogen erzielen von Frauen (mit)gegründete Firmen für jeden investierten US-Dollar 78 Cent, während es bei Männergründungen nur 31 Cent sind. Diese Resultate sind statistisch signifikant, wobei Faktoren, die die Höhe der zugesagten Funding-Beträge beeinflussen hätten können – etwa das Bildungsniveau der Unternehmer und die Qualität ihrer Pitches –, ausgeschlossen wurden.

Empfehlungen

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse zogen die BCG-Experten eine ganze Reihe von Schlüssen, die für die Stakeholder-Gruppen „Venture-Capital-Firmen und andere Investoren“, „Start-up Accelerators“ und „Start-up-Unternehmerinnen“ beachtenswert sind. Die größte Macht, Veränderungen herbeizuführen, liegt bei jenen, die die Schecks ausstellen, also den Investoren. Diese sollten sich struktureller Tendenzen und Voreingenommenheiten bei ihrer Entscheidungsfindung bewusst sein. Die Gefahr, dass man Leute und Ideen bevorzugt, denen man sich verbunden fühlt, muss immer bedacht werden. Außerdem sollte man nach realistischen Schätzungen und Businessplänen bei den Pitches Ausschau halten. Die meisten VC-Firmen ziehen ihre Renditen aus relativ wenigen Deals, somit nehmen sie in Kauf, bei einer Mehrzahl ihrer Finanzierungen Verluste zu erleiden, solange sie nur ein oder zwei hochprofitable Megadeals an Land ziehen können. Kühne Projektionen in den Pitches ziehen sie daher an, und es sind auch Gründer mit dem entsprechenden Unternehmergeist, die mit höherer Wahrscheinlichkeit pitchen. Diese Haltung der Investoren sei grundsätzlich verständlich, aber die Kapitalgeber sollten Entrepreneure suchen, deren Businesspläne realistische Projektionen beinhalten. Zudem sei es für Finanziers wichtig, Frauen in die Investmententscheidungen miteinzubeziehen, meinen die Autoren der BCG-Studie. Diese Diver­sität könnte mehr Kreativität und ­unkonventionelle Problemlösungs­kapazität in die Unternehmenskultur von VC-Firmen bringen und die Sichtweise auf potenzielle Investments verbreitern.

Start-up-Acceleratoren und andere Organisationen, die jungen, innovativen Firmen unter die Arme greifen, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Verringerung des Gender ­Investment Gaps. Sie sollten auf eine Balance zwischen männer- und frauengeführten Start-ups achten und proaktiv Gründerinnen ansprechen, um zu einem ausgeglichenen Verhältnis zu kommen.

Außerdem sollten sich diese Einrichtungen darum bemühen, die Anzahl weiblicher Business Angels, Role Models und Mentorinnen über alle Branchen zu erhöhen. So hat MassChallenge eine Women-Founders-Network-Initiative gestartet, die maßgeschneiderte Ressourcen und Ausbildungsmöglichkeiten speziell zur Unterstützung von Gründerinnen anbietet. Insbesondere sollten Acceleratoren Gründerinnen mit externen Ressourcen wie frauengeführten Start-up-Investoren, Inkubatoren, Partnerschaften und Netzwerkmöglichkeiten in Verbindung bringen, wodurch den Unternehmerinnen beim Wachstum ihrer Firmen geholfen werden kann. Langfristig erscheinen den BCG-Experten Acceleratoren am besten dazu geeignet, eine Wende herbeizuführen. Denn sie können eine Gemeinschaft von Start-ups und Frauen freundlich gesinnten Investoren zusammenbringen, die – ergänzt um andere Ressourcen wie persönliche und Onlineunterstützung – einen Wandel einläuten. Acceleratoren können auch aggregierte Daten über erfolgreich von Frauen geführte Firmen teilen und damit ein Sprachrohr in Richtung der Investorengemeinschaft werden, um Vorurteile abzubauen und ein starkes Netzwerk frauenfreundlicher VC-Unternehmen zu etablieren, an die sich dann die einzelne Gründerin wenden kann.

Last but not least seien die Gründerinnen selbst gefordert, die gegenwärtigen für sie nachteiligen Verhältnisse zu verändern. ­Dazu gehöre, die Realität zunächst so zu akzeptieren, wie sie sei, und sich zu arrangieren. Sie könnten die Ergebnisse der Marktforschung, wie sie unter anderem auch von der vorliegenden BCG-Studie ­angeboten wird, nutzen, um ihren Auftritt zu überdenken. Um sich auf Pitches optimal vorzubereiten, sollten die Gründerinnen die Hilfe von Coaches suchen, um ihren Auftritt anhand von Feedback zu verbessern. Während laufender Pitches sollten sie größere Investmentsummen nachfragen und vermeiden, sich und ihre Firma zu billig zu verkaufen. Das bedeute nicht, sich in Übertreibungen zu flüchten, wohl aber fokussiert zu bleiben, das Positive herauszustreichen und gegen ungerechtfertigte Kritik auf Investorenseite gewappnet zu sein und entsprechend zu argumentieren. Zudem sollten Gründerinnen jene VC-Firmen im Auge haben, die entweder von Frauen geführt sind oder einen starken Track Record in Bezug auf die Mittelvergabe an frauengeführte Start-ups besitzen. Allerdings sollten solche Firmen nicht die einzige Zielgruppe für Gründerinnen sein, wohl aber die prioritäre. Zu nennen ist hier die frauengeführte VC-Firma „Rethink Impact“, die in Unternehmen mit Frauen und Männern an der Spitze investiert und dabei Firmen selektiert, die Technologie einsetzen, um sozialen Impact zu schaffen.

Mit einem Kapital von 112 Millionen US-Dollar ist Rethink die größte jener US-VC-Firmen, die bei Investments auch auf die Geschlechterzusammensetzung achten. Gegen Ende 2017 war Rethink in mehr als ein Dutzend Start-ups investiert, denen man Coaching und Guidance sowie Investments anbietet. Ergänzend dazu investieren fast 50 Fonds hauptsächlich oder exklusiv in frauengeführte Unternehmen, wobei laut der Wharton Social Impact Initiative diese Fonds mit zusammen mehr als einer Mil­liarde US-Dollar kapitalisiert sind. Jenny Abramson, Gründerin und Managing Partner von Rethink, sagt, dass Frauen vor 20 Jahren einen höheren Prozentsatz der VC-Finanzierungen erhielten als heute, obwohl die Daten darauf hinweisen, dass Genderdiversität im Management zu besserer Unternehmensperformance führe. Bei Re­think glaube man daran, dass die nächste Generation herausragender Firmen aufgrund ihrer Diversität, gekoppelt mit der Verfolgung ihrer Ziele, zum Nutzen der Gemeinschaft erfolgreich sein wird.

Kritik

Muss man als Investor also nur verstärkt auf weiblich geführte Start-ups setzen, um deutlich höhere Erträge zu erwirtschaften? Ganz so einfach dürfte es nicht sein, denn in der Beurteilung der beschriebenen Studie muss berücksichtigt werden, dass die von MassChallenge gelieferten Daten höchstwahrscheinlich auch nicht frei von Behavioral-Finance-Elementen sind. Das Unternehmen unterstützt erklärtermaßen weiblich geführte Unternehmen. Zu bedenken wäre auch, dass frauengeführte Start-ups unter Umständen deshalb weniger Geld einsammeln, weil ihr Branchenmix anders aussieht als jener der männlichen Mitbewerber um das Anlegerkapital. Die Studie spricht selbst an, dass Frauen einen Schwerpunkt ihrer Geschäftsideen unter anderem im sozialen Bereich sehen, in dem vielleicht Renditeerwartungen und Kapitaleinsatz niedriger sind. Eine Rückfrage bei den Autoren, ob die Ergebnisse auf einen Branchenbias hin kontrolliert wurden, ergab, dass man mit den anonymisierten Daten zwar Regressionsanalysen durchgeführt hat, allerdings die Ergebnisse nur im Hinblick auf Ausbildungsniveau und Qualität (in Form des Scores, den die Bewerber und Bewerberinnen bei MassChallenge erhielten), nicht aber im Hinblick auf die Branche, in der gepitcht wurde, kontrolliert wurden. Es genügte den Autoren festzustellen, dass der Grund für die Differenz im Funding offensichtlich nicht in einer unterschiedlichen Ausbildung der Geschlechtergruppen oder unterschied­licher Qualität der Pitches lag.

Weibliche Bescheidenheit?

Könnte der Unterschied im Funding vielleicht darin begründet liegen, dass Frauen weniger – und zwar nur so viel, wie sie auch wirklich brauchen – fordern, während Männer hier gemäß dem „Overselling“ noch eins draufsetzen? Wenn Männer beispielsweise viermal so viel fordern wie Frauen und dann das Doppelte erhalten, während Frauen das Geforderte auch bekommen, könnte man Frauen als eigentliche Sieger des Vergleichs betrachten. Darauf angesprochen, meinte Autorin Katie Abouzahr: „Das ist eine gute Frage. Anekdotenhaft hörten wir, dass Gründerinnen weniger Investitionskapital verlangen. Aber ob das dem Umstand geschuldet ist, dass sie weniger Kapital brauchen oder ganz einfach nur Angst haben, eine ausreichend große Kapitalinjektion zu verlangen, ist nicht klar. Wir haben die Daten nicht darauf kontrolliert, stimmen aber zu, dass dieser wichtige Faktor im Spiel ist.“

Fest steht, dass Venture-Capital-Firmen diese Studie der Boston Consult Group ­beachten sollten, auch wenn einige nicht unwesentliche Fragen unbeantwortet bleiben. Eine Verbreiterung in der Entscheidungsfindung durch den Einschluss von Frauen scheint nicht verkehrt zu sein, zumal die Renditen von Gründerinnen im Schnitt überzeugender ausfallen als jene von Männern. Institutionellen Investoren wiederum ist zu raten, in ihrer Due Diligence auf ­Diversity-Aspekte in der zu mandatierenden VC-Gesellschaft selbst und in deren bisherigen Portfolios zu achten.    

DR. KURT BECKER


Anhang:

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