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4/2017 | Theorie & Praxis
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Der Anstupser

Richard Thaler hat für seine Forschung im Bereich der Verhaltensökonomie den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Was steckt hinter der akademischen Fassade des Ökonomen, wie erklärt er Marktversagen, und was hat ein „Nudge“ mit dem Flughafen Schiphol zu tun?

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Richard Thaler in seinem natürlichen Habitat könnte auch einem Campus-Roman von Philip Roth entstiegen sein. Im Gegensatz zu dem amerikanischen Autor und ewigen Geheimtipp für den Literatur-Nobelpreis hat Thaler sein Preisgeld aus Schweden aber schon in der Tasche und versprochen, es „so irrational wie möglich“ auszugeben.

Foto: © Ralf-Finn Hestoft/Corbis via Getty Images

Richard Thaler hat das Auftreten eines Mannes, der viele Kämpfe ausgefochten und die meisten davon gewonnen hat: meist charmant, manchmal sarkastisch, ab und zu gnadenlos. So wie etwa gegenüber dem Bloomberg-TV-Journalisten, der eine Frühstücksshow moderierte und Thaler als Interviewpartner eingeladen hatte. Der Moderator war unvorsichtig genug, den Verhaltensökonomen zu fragen, was dieser Anlegern raten würde, wenn in der Morgensendung berichtet würde, dass es im Tagesverlauf „zu Verlusten von, sagen wir einmal, drei Prozent kommen wird“. Thaler verzog kurz den Mund und meinte dann nur: „Fernseher abdrehen.“


Rauflustig
Ungeduld und Rauflust sind wahrscheinlich unabdingbare charakterliche Voraussetzungen, wenn man sich in den Kopf gesetzt hat, die Wirtschafts- und Finanzwissenschaften so radikal auf den Kopf zu stellen, wie es Thaler mit seinem Ansatz der Verhaltensökonomie getan hat. Vergessen wir nicht: Der Mann, der seit 1995 an der Universität von Chicago, einer Art Mekka der Rationalität, lehrt, predigt seit mehr als vier Jahrzehnten, dass die gängigen rationalen ökonomischen Modelle vor allem eines sind: falsch. Er befindet sich damit in direk­ter Opposition zu anderen Titanen der Finanzökonomie – stellvertretend sei hier nur Thalers Golfpartner Eugene Fama angeführt, der gemeinsam mit Kenneth French die moderne Portfolio- und Faktorentheorie aufgestellt hat. Im Zentrum seiner Kritik stehen dabei der effiziente Markt und der Homo oeconomicus. So führt er in seinem Mitte 2016 erschienenen Essay „Behavioral Economics: Past, Present, and Future“ aus, dass dieses Kunstwesen, das er verächtlich „Econ“ nennt, in krassem Gegensatz dazu stehe, wie der Homo sapiens  tatsächlich agiert: Denn der Mensch an sich wird von einer ganzen Reihe von Erwartungen, Präferenzen und Fehlinterpretationen gelenkt, die massiven Einfluss auf Märkte und Preise haben und von der Neoklassik schlicht nicht erklärt werden können. Somit sei die Theorie von den effizienten Märkten schlicht falsch. Und weil Thaler die Meinung vertritt, dass sich die Ökonomie von ihren theoretischen Modellen lösen und stattdessen verstärkt empirische Erklärungen suchen soll, hat er in seinem Essay auch ein Beispiel aus der Praxis parat: die Geschehnisse rund um den geschlossenen Herzfeld Caribbean Basin Fund, der im Jahr 1994 auf den Markt gebracht wurde, zu 69 Prozent in US-Aktien investiert ist und als mit Abstand zweitgrößtes geografisches Exposure Mexiko ausweist. Aus unerfindlichen Gründen wurde dieser Fonds mit dem Ticker „CUBA“ versehen. Zur Klarstellung: Der Fonds hielt keinerlei Vermögenswerte auf der Karibikinsel.


Das wäre allein aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen. Historisch gesehen notierte der Kurs des CUBA-Fonds jedenfalls bei einem Abschlag von zehn bis 15 Prozent auf den Net Asset Value, also den inneren Wert des Produkts. Dann kam der 18. Dezember 2014, der Tag, an dem der damalige US-Präsident Barack Obama ankündigte, die Beziehungen zu Kuba zu normalisieren. Der CUBA-Kurs, der Fonds hielt auf der Insel immer noch keinen Cent, verdoppelte sich unmittelbar darauf auf rund 14 US-Dollar. Aus dem zehnprozentigen Diskont war ein 70-prozentiger Aufschlag auf den NAV geworden (siehe Chart „CUBA-Boom statt Kuba-Krise“). „Während es zuvor möglich gewesen war, Vermögenswerte in der Karibik im Wert von 100 Dollar um 90 Dollar zu zeichnen, kosteten dieselben Assets am nächsten Tag plötzlich 170 Dollar!“, empört sich Thaler. Wäre der Markt von perfekt informierten, rational agierenden Teilnehmern – vulgo Homo oeconomicus – und nicht von Menschen bevölkert gewesen, hätte eine derartige Markt­anomalie nie stattgefunden.


Politischer Widerstand
Tatsächlich wirkt die behavioristische Kritik schlüssig – womit sich die Frage stellt, wieso Aspekte der Verhaltensökonomie nicht schon viel früher übernommen und von Institutionen wie der Nobel-Stiftung anerkannt wurden.


Thaler stellt hier zwei Vermutungen an: zum Ersten schlichte Selbsterhaltung der Vertreter und Verfechter neoklassischer Theorien und natürlich auch all jener, die Mechanismen der effizienten Markttheorie in ihrem Berufsleben anwenden – Stichwort: Quants. Mindestens ebenso mächtig erscheint Thaler aber der „politische Widerstand“ – und damit meint der Nobelpreisträger „echte“ Politik im Sinne eines Konflikts zwischen den Laissez-faire-Anschauungen, wie sie etwa von den US-amerikanischen Republikanern vertreten werden, und den Ansichten, die einen etwas paternalistischeren Staat bevorzugen. Das Problem, das Wirtschaftsliberale mit Thalers Theorie haben, lautet folgendermaßen: Wenn der Markt nicht perfekt ist und ­Ungleichgewichte somit nicht durch die sprichwörtliche „unsichtbare Hand“ gelöst werden, dann müsste das unweigerlich den Ruf nach einer starken und äußerst sichtbaren staatlichen Hand nach sich ziehen.


Wie wir heute wissen, war die Sorge der neoliberalen Fraktion nicht unbegründet. Auftritt „The Nudge“, was auf Deutsch so viel wie der Stups bedeutet und quasi die Bibel des „libertären Paternalismus“ darstellt. Tatsächlich warf Thaler in seinem 2008 erschienenen, mit Cass R. Sunstein verfassten Buch (kompletter Titel: „Nudge: Improving Deci­sions About Health, Wealth, and Happiness“) dem neoklassischen und -konservativen Establishment den Fehdehandschuh hin, indem er die Forderung aufstellte, der Staat sollte über „Nudges“, also „Stupser“, versuchen, seine Bevölkerung in eine ökonomisch und sozial bessere Richtung zu lenken. Diese Nudges sollen weniger Wucht entfalten als Gesetze und vielmehr über ein Belohnungssystem oder noch subtilere Mechanismen funktionieren. Thaler, der – wahrscheinlich nur halb im Scherz – erzählt, er hätte Karriere gemacht, „indem ich den Psychologen ihre Ideen geklaut habe“, bezeichnet die Pissoirs des Amsterdamer Flughafens Schiphol als sein bevorzugtes Beispiel dafür, wie „Nudging“ funktionieren kann. Schiphol war eine der ersten Institutionen, die das Zentrum ihrer Urinale mit Abbildungen von Fliegen ausgestattet hatte. „Die Ratio war ganz klar“, erzählt Thaler schmunzelnd. „Gib einem Mann ein Ziel, und er wird versuchen es zu treffen.“ Er wäre natürlich kein Ökonom, hätte er für das Resultat keinen entsprechenden Fachbegriff parat: „Die ,Überschwappeffekte‘ sind nach Anbringen der Fliegen um 80 Prozent zurückgegangen.“


Das Buch „Nudge“ war wiederum so erfolgreich, dass Thalers Thesen die ­Reform des britischen Pensionskassensys­tems, aber auch die Wirtschaftspolitik von US-Expräsident Barack Obama beeinflussten.


Doch inwieweit ist seine Opposition zur Effizienzmarkttheorie und den Lehren, die die vergangenen Jahrzehnte dominiert haben, wirklich so radikal, wirklich so neu? Gar nicht so sehr, wie Thaler in seinem Essay schreibt. Von Milton Friedman und seinen „Weg-Erklärungen“ distanziert er sich zwar deutlich, aber nur um 200 Jahre vor den Neoklassikern einen überraschenden Seelenverwandten zu finden: Adam Smith. Aus dessen 1776 erschienenem Standardwerk „Wealth of Nations“ zitiert er, dass „der Großteil der Männer ihre eigenen Fähigkeiten zu hoch einschätzen, was dazu führt, dass sie die Wahrscheinlichkeit ­eines Erfolges als zu hoch einschätzen“. So viel zum Thema „Selbstüberschätzung“. Dem Konzept, das man dieser Tage „Risikoaversion“ nennen würde, näherte sich der Schotte bereits 17 Jahre davor in „The Theory of Moral Sentiments“ an: „Schmerz (…) ist fast immer ein stärkeres Gefühl als sein Gegenteil.“ Für Thaler ist Verhaltensökonomie also vielmehr eine Rückkehr zu Prinzipien, die man die längste Zeit intuitiv und richtig erkannt, zwischenzeitlich aber vergessen hatte.


Also seither alles Humbug? Ein halbes Jahrhundert Forschung, Mathematik und Anwendung für den Müll? Das erscheint sogar Thaler als übertrieben. Tatsächlich bezeichnet er die Hypothese vom effizienten Markt auch als „höchst nützlich, (…) ohne diese Theorie hätte es keine Vergleichsmöglichkeit mit auftretenden Anomalien geben können“. Im nächsten Satz zeigt er aber wieder auf, weshalb man in einer Diskus­sionsrunde nicht unbedingt auf der entgegengesetzten Seite des Tisches sitzen sollte: „Die einzige Gefahr, die aus dieser Theorie erwächst, besteht darin, dass Leute glauben könnten, sie könnte stimmen.“ Dann trete nämlich der Fall ein, dass Politiker, Akademiker und Marktteilnehmer die Bildung von Marktblasen negieren – wie spektakulär ökonomische Modelle daraufhin scheitern können, haben wir zuletzt 2008 erlebt.


Was noch kommt
Als Thaler im Mai des Vorjahres auf ­einer Veranstaltung der Rothman School of Management gefragt wurde, wo er die Verhaltensökonomie in 50 Jahren sieht, meinte er, er hoffe, „dass sie dann nicht mehr exis­tiert“. Denn das Thema, das der Akademiker nicht nur unterrichtet, sondern an den Finanzmärkten auch erfolgreich umsetzt (siehe Kasten im Anhang „Irrationale Profite“), dürfte aus seiner Sicht gar nicht existieren. In ­launiger Stimmung erklärte er seinem Gesprächspartner, dass es sich bei dem Begriff „Behavioral Economics“ um einen Pleonasmus handelt. Gegen welche Defini­tion sollte man das Konzept überhaupt abgrenzen? Non-Behavioral Economics? Eine Ökonomie also, in der es kein Verhalten gebe? Das wäre natürlich absurd, weshalb Thaler davon ausgeht, dass die Regeln und Muster, die man in der Verhaltensökonomie erkennen kann, irgendwann zu einer akademischen Selbstverständlichkeit werden und im großen Feld der Wirtschaftswissenschaft als ­Ergänzung aufgehen.


Und Thaler selbst? Was wird er machen? Beispielsweise mit dem Preisgeld, das immerhin knapp eine Million Euro ausmacht? Das werde er „gemäß meinen eigenen Lehren ausgeben“, erklärte er. Bedeutet: „So irrational wie möglich.“


Anhang:

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