Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
3/2021 | Theorie & Praxis
twitterlinkedInXING

Das „S“ aus Nachhaltig

Neben Unternehmensführung und Umwelt gehört auch Soziales ins Nachhaltigkeitstriumvirat. ­Institutionelle erkennen nicht zuletzt durch die Coronakrise, dass beim S-Faktor mehr getan werden muss.

1632823041_esg_soziales.jpg

Die Zeiten, da man sich als Unternehmen vor allem den Interessen der Aktionäre verpflichtet fühlte, sind vorbei. Das zeitgemäße Motto lautet: „Wir haben eine grundlegende ­Verpflichtung gegenüber all unseren Stakeholdern – den Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten, Gemeinden und Aktionären.“

© Government Pension Investment Fund, vegefox.com

Covid-19 hat dazu geführt, dass die heutigen Ungleichheiten in Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Arbeitsplatzsicherheit und Rassendiskriminierung nicht mehr ignoriert werden können. Sie untergraben die wirtschaftlichen Grundlagen einer nachhaltigen Gesellschaft. Weltweit treten aktuell viele Twens in einem Zeit­alter der Arbeitsplatzknappheit, der digitalen Apartheid und zunehmender Desillusionierung ins Berufsleben ein. Viele von ihnen erleben eine große globale Krise, die sich auf ihren Bildungsstand, ihre Berufsaussichten und ihre psychi­sche Gesundheit auswirkt. Ohne angemessene Wege in eine bessere Zukunft steht der Gesellschaftsvertrag zwischen dem kapitalistischen System und den Bürgern vor seiner härtesten Prüfung, meinen Soziologen und Psychologen vielerorts. Lange vernachlässigte Übel wie stagnierende Einkommen, unsichere Arbeitsplätze, unter­finanzierte öffentliche Gesundheitssysteme und Umweltschäden sind zu Blitzableitern für politische Gegenreaktionen geworden, wodurch der Aufstieg linker und rechter ­Populisten begünstigt wurde. Tatsächlich ist die Lohnquote seit Jahrzehnten rückläufig, wäh­rend die Einkommen der Unternehmer kräftig wuchsen.

Seit März 2020 haben die großen Zentralbanken und ­Regierungen rund 25 Billionen US-Dollar in den Geldkreislauf gepumpt, um weitreichende wirtschaftliche Schäden als Folge der Pandemie abzufedern und möglichst zu verhindern. Ungewöhnlich dabei ist, dass erstmals großflächig mit Helikoptergeld gearbeitet wurde, also am Finanzsystem vorbei Unternehmen und Bürger direkte staatliche Zuschüsse ­erhielten. So schwerwiegend war die Katastrophe von den Entscheidungsträgern eingeschätzt worden, dass man zu solchen unerprobten theoretischen Konzepten griff und diese im Rekordtempo in die Tat umsetzte. Die Regierungen haben damit in dem Klima der Unsicherheit und Prekarität die Rahmenbedingungen für die Wirtschaftssubjekte neu geschrieben, wenn man an Urlaubsprogramme, branchenweite Rettungsaktionen – etwa bei Fluggesellschaften – und anderen fiskalische Unterstützungsmaßnahmen wie Firmensubventionen denkt. Diese Maßnahmen waren offenbar notwendig, um Reaktionen wie in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu verhindern, doch wurden damit nur Symptome, nicht die Ursachen der zu­grunde­ liegenden strukturellen Malaise bekämpft, meint etwa Amin Rajan, Projektleiter von CREATE-Research: „Der Aufstieg des Populismus war ein Weckruf für die offensichtlichen Mängel des vorherrschenden Kapitalismusmodells, das den Profit über den Menschen und die Finanzwirtschaft über die Realwirtschaft stellt. Diese Einsicht kam spät, doch sie dürfte sich nun durchgesetzt haben.“

Radikale Umkehr

Dies wurde im August 2019 deutlich, als „Business Roundtable“, eine mächtige Lobbying-Organisation der US-Unternehmen, eine historische Kehrtwende vollzog. Sie gab ihre marktliberale Erklärung auf, dass „Unternehmen bestehen, um grundsätzlich ihren Aktionären zu dienen“, zugunsten von „Wir haben eine grundlegende Verpflichtung gegenüber all unseren Stakeholdern – den Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten, Gemeinden und Aktionären“. Die Eigen­tümer der Firmen und deren ­Interessen werden hier nur mehr an fünfter Stelle genannt, das soziale Element wird eindeutig in den Vordergrund gerückt. Wäre Milton Friedman noch am Leben, sähe er seine Maxime, wonach Unternehmen einzig ihren Aktionären gegenüber verantwortlich sind, untergehen. Die weltgrößten Unternehmen sind also nun angehalten, ihre gesellschaftliche Verantwortung zu demonstrieren, ­indem sie ihre Geschäftstätigkeit auf das Wohl aller Stakeholder ausrichten und ­damit einem neuen Zielkatalog folgen. Rund 200 Unterzeichner, darunter das „Who’s who“ des amerikanischen Wirtschafts­­establishments, verabschiedeten sich von der orthodoxen Regel des Primats der Aktionärsinter­essen, indem sie sich für ein allumfassendes Ziel einsetzten. Seit der weltweiten Verabschiedung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Social Development Goals, SDGs) 2015 ist das Interesse von amerikanischen Pensionsfonds an ESG-Investments gestiegen – zunächst stetig, später dann dramatisch. Die beiden Säulen Umwelt (E) und Governance (G) haben die erste Welle des Wachstums nachhaltiger Investments angeführt, während die soziale Säule wegen ihres qualitativen und normativen Charakters, zu dem auch viele Soft Facts gehören, die sich schwieriger fassen lassen als bei den beiden Säulen E und G, zurückblieb. Doch das ändert sich gerade. Typisch in diesem Zusammenhang ist etwa die Feststellung von Hiro Mizuno, dem ehemaligen CIO von Japans 1,5 Billionen US-Dollar schwerem Government Pension Investment Fund (GPIF): „Wir kommen allmählich zu der Erkenntnis, dass ein ganzheitlicheres Verständnis der treuhänderischen Pflicht entscheidend für den langfristigen Erhalt des Kapitals ist. Themen wie Klimawandel oder soziale Verwerfungen aufgrund von Ungleichheit stellen langfristige systemische Risiken dar, die sich letztlich auf die Pensionsfondsperformance auswirken, und können nicht durch traditionelle Portfoliodiversifikation abgesichert werden.“

Pandemie bringt Schub

Mit dem Vordringen der Stakeholder-Mentalität richtet sich das Augenmerk von Nachhaltigkeitsratingagenturen und der Öffentlichkeit auf die finanziellen Auswirkungen, die mit der Wahrnehmung der sozialen Verantwortung in allen Unternehmensbereichen einhergehen. Mit dem Beginn des zweiten Jahres der Pandemie hat sich die ESG-­Diskussion über Risiko- und Ertragszu­sammenhänge zu einer grundlegenderen Frage hin entwickelt: Welche Rolle nehmen Unternehmen bei der Schaffung ­einer gerechteren und nachhaltigen Gesellschaft ein, jetzt wo der heutige Kapi­talismus vor seiner größten Herausforderung seit Menschengedenken steht?

Infolgedessen wirft die von DWS ­finanzierte und von CREATE-Research durchgeführte diesjährige Pensionsfondsstudie ein Licht darauf, wie Pen­sionspläne weltweit auf diesen Wandel ­reagieren. Die letzten beiden jährlichen DWS-CREATE-Umfragen zeigten die gleichzeitig stattfindenden grundlegenden Trends, die den Aufstieg von ESG-Investitionen und passiven Fonds durch die Säulen „G“ und „E“ abdeckten. Die diesjährige Umfrage stellt eine logische Erweiterung dar, indem sie sich auf die Säule „S“ konzentriert. Sie bezieht sich darauf, wie ein Unternehmen die Beziehungen mit den fünf Stakeholder-Gruppen, die für die finanzielle Leistung des Unternehmens besonders entscheidend sind, gestaltet.
Mit der Umfrage sollen vier Fragen beantwortet werden:

  • Akzeptanz: Wie ist der aktuelle Stand der Akzeptanz von sozial orientierten passiven Fonds in den Portfolios von Pen­sions­fonds?
  • Abdeckung: Welche Anlageklassen und Instrumente werden für den Zugang zu diesen Fonds genutzt?
  • Ergebnisse: Wie haben sie sich seit der der großen Marktverwerfung im März 2020 entwickelt?
  • Künftiges Wachstum: Wie sind die Aussichten in der Welt nach der Pandemie?

An der Umfrage beteiligten sich 142 Pensionsfonds in 17 Ländern mit aggregierten Assets under Management von 2,1 Billionen Euro (siehe Grafik „Dickschiffe im Interview“). 40 von ihnen waren auch im ­Anschluss an die Umfrage zu vertiefenden Interviews bereit, um noch tiefere Einblicke zu geben und Motivationen zu erforschen.

Wichtigste Ergebnisse

Dass die Pandemie den tektonischen Wandel hin zu ESG-Investitionen beschleunigt hat, steht außer Zweifel; auch dass sie das Interesse an der S-Säule geweckt hat, die sich allmählich in der Allokation von Rentenportfolios niederschlägt. Während 65 Prozent der Befragten bereits ein ausdifferenziertes Portfolio aus passiven Fonds ­besitzen, liegt die entsprechende Zahl jener, die passive Fonds gerade implementieren, bei 22 Prozent. Neun Prozent stehen vor der Entscheidung, ob sie in auf den S-Faktor ausgerichtete passive Fonds investieren möchten, drei Prozent befinden sich erst in der Phase der Bewusstseinsbildung. Was nun die Frage nach passiven Fonds, die sich auf den S-Faktor als Anlageschwerpunkt beziehen, anbelangt, so sind nur elf Prozent bereits in entsprechende passive S-Fonds ­investiert, weitere 22 Prozent befinden sich in der Umsetzungsphase. 19 Prozent stehen vor der Entscheidung und 48 Prozent erst in der Phase der Bewusstseinsbildung. Zwei Drittel der Befragten haben hier also noch ein Stück Weges vor sich. Daraus folgt, dass es noch erhebliches Wachstumspotenzial gibt, bevor passive Fonds, die auf der Säule S aufbauen, die Reifephase erreichen. Dies wird auch deutlich, wenn man ihren derzeitigen Anteil am gesamten Portfolio berücksichtigt (siehe Grafik „Rolle der Fonds mit sozialem Bezug heute“). Während 33 Prozent der Befragten derzeit keine S-Fonds besitzen, liegt der entsprechende Prozentsatz bei passiven Indexportfolios bei 67 Prozent. Am anderen Ende der Skala ­haben 31 Prozent der Interviewten einen Anteil von über 15 Prozent von Fonds mit sozialem Bezug an ihrem Gesamtportfolio. Der entsprechende Wert für Fonds mit ­sozialem Bezug unter den passiven Indexfonds liegt bei lediglich sieben Prozent und hat offensichtlich noch viel Luft nach oben.

Hindernisse

Viele Faktoren haben sich in der jüngsten Vergangenheit gegen das Wachstum der ­Assets, die mit Fokus auf den S-Faktor ­angelegt werden, verschworen. So sind 58 Prozent der Befragten der Meinung, dass ihr Zeithorizont nicht lang genug ist, um die ­Investitionsvorteile der sozialen Säule zu realisieren, da unmittelbare Funding-Her­ausforderungen durch die Pandemie entstanden sind. 51 Prozent geben an, dass es an einheitlichen Definitionen mangelt, ebenso an standardisierter Methodik und zuverlässigen Daten zur Säule S aufgrund ihres qualitativen und normativen Charakters, der sinnvollen KPIs (Key Performance Indicators) entgegensteht. Auch wenn ein relevanter sozialer Faktor ausgewählt wurde, kann seine Wirkung schwer messbar sein. Zu beurteilen, ob ein Einnahmenstrom einen sozialen Nutzen bringt, ist nach wie vor eine Herausforderung. Dies liegt daran, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Indikatoren der Säule S derzeit auf Unternehmensstrategien und interne Verfahren bezieht – nicht aber auf deren Auswirkungen in der realen Welt außerhalb des Unternehmens. Außerdem glauben 51 Prozent der Befragten, dass es starke wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den drei Säulen von ESG gibt. Bislang wurde eine gute ­Unternehmensführung weitgehend als Grundlage für starke Umwelt- und Sozialstandards akzeptiert, die zeigen, wie die ­Vision eines Unternehmens und dessen ­Geschäftspraktiken in Einklang mit nachhaltigen Wachstumszielen zu bringen sind. Covid-19 hat jedoch gezeigt, dass ESG-­Risiken, die lange Zeit als Fat-Tail-Risiko galten, immer deutlicher, häufiger und unmittelbarer in Erscheinung treten (siehe Kasten „Fallstudie eines niederländischen Pensionsfonds“).

Antriebskräfte für den S-Faktor

Im Nachhinein betrachtet könnte sich die Pandemie als ein Wendepunkt für die S-Säule herausstellen, wie aus der Tabelle „Welche Motive Auslöser von mehr Investments in die S-Säule sind“ hervorgeht. Sie zeigt, dass 59 Prozent der Befragten anführen, dass sie die durch die Pandemie in den Vordergrund gerückten Ungleichheiten in der Gesellschaft durch eine Ausweitung ihrer ­Investments in die S-Säule in den nächsten drei Jahren bekämpfen möchten. Gleich ­dahinter folgen als Motiv für eine Verstärkung des Engagements beim S-Faktor die Erzielung langfristig guter risikoadjustierter Anlagerenditen (58 Prozent) sowie die Antwort auf regulatorischen Druck im Zuge des Treuhandmandats (49 Prozent). An letzter Stelle steht im Übrigen als Motiv die „Antwort auf Erwartungen der Anwartschafts- und Leistungsberechtigten“. Eine Spaltung der Gesellschaft in Gewinne rund Verlierer hatte sich in den letzten 40 Jahren, als der Aufstieg der turbogeladenen Globalisierung und die Digitalisierung Gewinner und Verlierer schufen, hauptsächlich im Westen ereignet. Die Regierungen bemühten sich, diejenigen umzurüsten und weiterzubilden, die ihren Arbeitsplatz verloren hatten, und bekämpfte stagnierende Einkommen, da sich der Schwerpunkt der globalen Produktion in die kostengünstigen Schwellenländer verlagert hatte. Der Übergang war jedoch nicht gerecht. Sowohl Globalisierung als auch die Digitalisierung brachten Vorteile im Westen. Aber diese sind vielen nur in ihrer Rolle als Verbraucher zugutegekommen, nicht aber als Arbeitnehmer oder Bürger. Die neue ­Betonung der Säule S spiegelt also sowohl die Notwendigkeit eines gerechten Übergangs wider, wenn die Weltwirtschaft sich auf den Weg zu einer kohlenstoffarmen ­Zukunft begibt, als auch den Wunsch, die vorherrschenden Ungleichheiten, die sich im Lauf der Zeit aufgebaut haben und die wirtschaftliche Stabilität untergraben, abzubauen. Diese Notwendigkeit wird durch die Tatsache unterstrichen, dass 48 Prozent der Befragten die zunehmende Bedeutung sozialer Fragen für die Unternehmensleistung und die Anlageergebnisse anerkennen. Der Fokus auf Langfristigkeit ist beabsichtigt, denn die Duration der Verbindlichkeiten von Pensionsfonds erstreckt sich über Jahrzehnte.

Auch sind Regierungen und Aufsichts­behörden für die Altersvorsorge nun darauf bedacht, sicherzustellen, dass die treuhänderische Rolle von Pensionsplänen die Nachhaltigkeitsagenda miteinbezieht. Covid-19 hat tiefgreifende und schmerzhafte Aus­wirkungen auf die Gesellschaft und die allgemeinen Annahmen über die Art und Weise, wie wir leben, erschüttert. Die Gig-Economy – die keine Leistungen für Arbeitnehmer wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Gesundheitsversorgung und Altersvorsorge vorsieht – ist ein Beispiel dafür, wie sozial unerwünschte Praktiken ­einen Mantel der Legitimität erhalten haben und den seit ­Langem bestehenden Gesellschaftsvertrag untergraben.

Sozialismus durch die Hintertür?

Fast die Hälfte der Befragten sieht im ­politischen Einfluss ein wichtiges Motiv für ihre Zuweisungen zu Anlagen in die S-Säule. Viele hegen Zweifel an dem entstehenden Stakeholder-Modell und setzen es mit schleichendem Sozialismus gleich – mit ­einem übermächtigen Staat, der seine Muskeln in verschiedenen Bereichen des Geschäftsgebarens spielen lässt. Aktuell sieht es so aus, als hätten die Kapitalsammel­becken kaum eine andere Wahl, als mit dem Strom zu schwimmen. Es scheint für den vorherrschenden Zeitgeist der einzig gangbare Weg zu sein, damit der Kapitalismus für alle und nicht nur für einige wenige funktioniert und soziale Spannungen hintangehalten werden.

Aufholprozess

Fest steht, dass die S-Säule allmählich ­eine eigene Identität erhält. Fragt man die Pensionsfonds, welchen der drei ESG-­Faktoren sie für den wichtigsten halten, so sehen 58 Prozent den Umweltfaktor als den bedeutendsten, gefolgt von der Governance mit 31 Prozent. Auf dem dritten Patz und damit ziemlich abgeschlagen befindet sich der soziale Faktor mit nur elf Prozent. In der Vergangenheit wurde von Firmen wie Regulatoren Umweltfaktoren der Vorrang gegeben. Emittenten haben daher systematische Berichterstattungsprozesse zu Themen wie Kohlenstoffemissionen, Reserven an fossilen Brennstoffen und die Nutzung sauberer Energie aufgebaut. Auf der anderen Seite haben nur wenige entsprechende Standards für die Berichterstattung in sozialen Fragen etabliert. Erschwerend kommt hinzu, dass die bestehenden Vorschriften von Region zu Region unterschiedlich sind. So werden unterschiedliche Standards für freiwillige ESG-Offenlegungen verwendet – vom Sustainability Accounting Standards Board bis hin zur Global Reporting Initia­tive, zum Carbon Disclosure Project und zum UN Global Compact – alle mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Prinzipien rund um das Verständnis dessen, wie die Standards aussehen sollten. Vor allem die qualitativen Aspekte der sozialen Säule – wie Gesundheit, Wohlfahrt und Bildung – werden als positive externe Effekte betrachtet, die beobachtbar, aber nicht messbar sind. Als solche sind sie öffentliche Güter, die in den Verantwortungsbereich der Regierung und nicht der Kapitalmärkte fallen.

Die S-Säule wird derzeit über breite ESG-Indizes abgebildet. Die Nutzung entsprechender sozialer Themenindexfonds ist derzeit auf nur 14 Prozent der Befragten ­beschränkt. Diese Zahl soll sich in den nächsten drei Jahren allerdings fast verdoppeln (siehe Diagramm „Abbildung des S-Faktor in passiven Portfolios“). Auch die Nutzung von Indizes für Social Bonds ist heute noch gering und liegt bei sechs Prozent, wird aber in den nächsten drei Jahren auf 28 Prozent steigen. Diese Bonds bieten einen wirksamen Mechanismus für die ­Finanzierung sozialer Projekte und gleichzeitig eine geeignete Plattform, um mit Emittenten in Kontakt zu treten und ihre Aktivitäten im Bereich sozial wirksamer Maßnahmen zu diskutieren.

Die Verwendung selektiver S-Indizes ist aufgrund des Mangels an geeigneten Indizes derzeit schwer möglich. Das Angebot wird aber in den nächsten drei Jahren deutlich zunehmen. Derzeit decken von zehn thematischen Nachhaltigkeitsindizes auf dem Markt nur zwei die Säule S ab, sodass die Investoren gezwungen sind, sich mit dem zu begnügen, was verfügbar ist. Momentan nutzen viele Investoren breitere ESG-Indizes, um ihre sozialen Ziele zu erreichen. Die Interdependenz zwischen den Faktoren E, S und G sowie das Fehlen klarer sozialer Benchmarks sind die drängendsten Probleme der Investitionswilligen.

Was auf der Aktienseite begann, weitet sich zunehmend auf die Rentenseite aus. Die Befragten betonten die Schwierigkeit, das ganze Jahr über Gespräche mit Anleihenemittenten zu führen. Bemerkenswert ist jedoch, dass es jetzt eine Entwicklung von grünen zu nachhaltigen Anleihen gibt und weiter zu nachhaltigkeitsgebundenen Anleihen. Letztere nehmen Kuponanpassungen vor, wenn der Emittent bis zu einem bestimmten Datum die vordefinierten Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht. Obwohl sie mit einem niedrigen Kupon ausgestattet sind, wird erwartet, dass sie von der Kursentwicklung profitieren werden, wenn sie in die Anleihenkaufprogramme der Zentralbanken aufgenommen werden.

Das relative Gewicht gesellschaftlicher Ziele – und damit auch des S-Faktors – soll mit dem Übergang der Investoren zum ­Impact Investing zunehmen, bei dem es im Wesentlichen um die Erzielung messbarer finanzieller und gesellschaftlicher Ergebnisse geht. Die Überarbeitung der Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung durch die EU ist ein wichtiger Schritt zur Konsolidierung, und die erwartete Taxonomie für den S-Faktor durch die EU wird zur Konkretisierung des von vielen noch als zu schwammig betrachteten Faktors beitragen.

Programmierte Nettozuflüsse

Während des Marktcrashs im März 2020 haben 82 Prozent der ESG-Indizes in extremen Stressphasen weniger Rückgänge gezeigt als ihre jeweiligen Nicht-ESG-Mutterindizes, und 81 Prozent der ESG-Indizes haben ihre Nicht-ESG-Indizes seit dem Ausverkauf im März 2020 laut DWS-Schätzungen outperformt. Ihre Widerstandsfähigkeit hat weiterhin Nettomittelzuflüsse angezogen. Auf die Frage, wie sich der Anteil der passiven Fonds mit Schwerpunkt Soziales an ihrem Gesamtportfolio in den nächsten drei Jahren verändern wird, erwarten 66 Prozent der Befragten, dass er sich erhöhen wird, 32 Prozent erwarten, dass er gleich bleibt und zwei Prozent erwarten einen Rückgang. Vor der Krise wurden die Neuzuflüsse von vielen lediglich als Momentum in einem seit zehn Jahren andauernden ­Bullenmarkt betrachtet. Es wurde ange­nommen, dass die Lebensfähigkeit der drei ESG-Säulen am besten nicht an den Zuflüssen in Zeiten steigender Märkte, sondern an ihrer Widerstandsfähigkeit, wenn die unvermeidliche Korrektur kommt, getestet wird. Da ESG-Investitionen den Härtetest bestanden haben, hat sich die Aufmerksamkeit ­darauf gerichtet, ob die ESG-Säulen Risikofaktoren sind, die zu den traditionellen Faktoren wie Value, Qualität, Größe und geringe Varianz hinzukommen.

Zwei Denkschulen

Diese waren eindeutig unter den Befragten zu erkennen: hier die „Gläubigen“ und dort die „Pragmatiker“. Die überwiegend in Europa ansässigen „Gläubigen“ sind der Meinung, dass Märkte in ihrer Region allmählich ESG-Risiken selektiv einpreisen und mehr Gewicht auf die E- und G-Säulen als auf die S-Säule legen werden. Große ­europäische Länder wie Frankreich, Deutschland, Italien und das Vereinigte Königreich haben den Daten der OECD zufolge auch die größten Fortschritte bei der Umsetzung erreicht. Die „Pragmatiker“ hingegen argumentieren, dass ESG ein Risikofaktor ist. Covid-19 hat sozioökonomische Ungleichheiten aufgedeckt. Daher behandeln die Pragmatiker die ESG-Investitionen als eine Möglichkeit, Informationsineffizienzen zu nutzen, während die Märkte die inhärenten Risiken nur langsam einpreisen.

Die unmittelbare Frage für beide Denkschulen ist, wie viel Tracking Error sie zu tolerieren bereit sind, wenn sie über passive Fonds in die S-Säule investieren. Der ­Tracking Error misst bekanntlich die Höhe des aktiven Risikos, das jeder Fonds gegenüber seinem Stammindex eingeht. Es liegt in der Natur der Sache, dass es einen Zielkonflikt zwischen einem hohen Engagement in der S-Säule und einem geringen Tracking Error gibt. Einerseits erwarten die Befragten gute risikobereinigte langfristige Renditen von ihren passiven Fonds, die die Säule S abdecken, sie sind andererseits aber nicht ­bereit, große Abweichungen vom Stamm­index, der als Benchmark verwendet wird, hinzunehmen. 40 Prozent von ihnen würden es vorziehen, wenn ihr Tracking ­Error unter einem Prozent läge. Am oberen Ende sind nur 22 Prozent bereit, einen ­Tracking Error von über zwei Prozent zu ­tolerieren, der wohl mit einem stärker konzentrierten Portfolio einhergeht (siehe Grafik „Wenig Tracking Error zugebilligt“).

Schlussbemerkungen

Von den befragten Pensionsfonds nannten 59 Prozent Covid-19 als Schlüsselfaktor für ihr gestiegenes Interesse am S-Faktor in ESG, weil sich dieser direkt auf den Unternehmenserfolg niederschlagen kann. Eine noch größere Anzahl, nämlich 66 Prozent, betrachtet Mitarbeiter als diejenige Komponente der S-Säule, die den größten Einfluss auf die Erfolgskennzahlen hat (siehe Grafik „Einfluss der Stakeholder-Gruppen“). Der zuvor vom Management umworbene Aktionär landete in dieser Umfrage erst an vierter Stelle. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass das Primat der Aktionäre auf Kosten eines stakeholderzentrierten Kapitalismus heute zurückgedrängt wird, während es in den letzten Jahrzehnten noch Doktrin war. Wer sich nun schon auf den Untergang des Kapitalismus zugunsten einer neuen Form des Sozialismus durch die Hintertür gefreut hat, macht die Rechnung wahrscheinlich ohne den Wirt, zumindest in den angelsächsischen Ländern: Denn wenn sich das Topmanagement dort vor die Wahl gestellt sieht, entweder Löhne zu erhöhen oder ­Aktienrückkäufe aufzustocken, würde es sich wohl nach wie vor für Letzteres entscheiden.         

Dr. Kurt Becker


Fallstudie eines niederländischen Pensionsfonds

Wie Covid-19 dazu beiträgt, die soziale Dimension neu zu bewerten

Die demografische Alterung hat den niederländischen Pensionsfonds in einen negativen Cashflow-Status gezwungen, was ihn einem Renditerisiko aussetzt. Es geht um die Länge auf dem Zeitstrahl, die das Portfolio braucht, um sich nach einem großen Drawdown wieder vollständig zu erholen. Bei ESG-Investitionen unterteilt der Pensionsfonds daher die Risiken im Zusammenhang mit den Unternehmen, die hier ihre Altersvorsorge investieren, in zwei Arten: Ereignisrisiken und Erosionsrisiken.

Ereignisrisiken und Erosionsrisiken

Erstere werden durch kurzfristige Ereignisse verursacht – wie Governance-Fehlverhalten, Arbeitskonflikte, Steuerbetrug –, die unmittelbare Auswirkungen auf den Aktienkurs haben können. Ein aktuelles Beispiel ist der plötzliche Zusammenbruch von Wirecard in Deutschland, als der ­Betrug aufgedeckt wurde.

Die Erosionsrisiken hingegen können den Marktwert über einen längeren Zeitraum verringern, da sie sich allmählich und kontinuierlich manifestieren. Der Klimawandel ist ein gutes Beispiel dafür. ­Soziale Faktoren sind wiederum beiden ­Risikotypen ausgesetzt. Schlechte Arbeitsbeziehungen können die kurzfristige Rentabilität durch Arbeitskonflikte und lang­fristig die Wettbewerbsfähigkeit durch niedrige Produktivität verringern.

Bislang hat das Pensionsfondsmanagement den Schwerpunkt eher auf den ­Governance-Teil von ESG gelegt und den G-Faktor durch Engagement unterstützt. Für den Pensionsfonds bildet eine gute Unternehmensführung die Grundlage für strenge Umwelt- und Sozialstandards, die für das Tagesgeschäft eines Unternehmens  – und wie es mit der Gesellschaft interagiert – wichtig sind.

Umdenken

Covid-19 hat jedoch ein Umdenken hinsichtlich des Eventrisikos, das mit dem sozialen Faktor verbunden ist, bewirkt. Die Präsenz der sogenannten Gig-Economy – also das Zuziehen von Freelancern bei ­Bedarf ohne jede soziale Absicherung – zeigt, wie kreativ man bei der Erfindung fantasievoller Bezeichnungen sein kann, um Quellen der strukturellen Instabilität und Unsicherheit in unserer Gesellschaft zu beschönigen.

Das Vertrauen in die ­Governance allein ist heute für den Pen­sionsfonds nicht mehr ausreichend. Dessen ESG-Investments werden immer granularer, da die inhä­renten Anlagerisiken immer offensichtlicher, schneller und folgenreicher zutage treten.


Anhang:

twitterlinkedInXING
 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren