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4/2021 | Theorie & Praxis
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Cleverer TICKer, hohe Rendite

Aktien mit cleveren Tickersymbolen schneiden langfristig besser ab als der Gesamtmarkt, wie Forscher am Pomona College gezeigt haben.

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Eigentlich müsste es egal sein, wie die Börsenabkürzung eines Unternehmens aussieht, denn letztlich geht es um die Rentabilität der Firma. Eine aktuelle Analyse belehrt uns eines Besseren: Der Ticker hat sehr wohl Einfluss auf die Kursentwicklung einer Aktie.

© Pomona College, gonin | stock.adobe.com

Seit dem Jahr 2020 gibt es am US-Markt, getrieben durch den SPAC-Boom, wieder deutlich mehr Börsengänge als in der Zeit seit 2001. Ein Nebeneffekt ist dabei das Rennen um die besten Tickersymbole, unter denen die entsprechenden Aktien an der Börse schnell aufzufinden sind. Dabei ist die Auswahl durchaus begrenzt: Während im Jahr 2005 noch neun Symbole mit einem Buchstaben unbesetzt waren, sind es inzwischen nur noch vier (I, N, Q und P), so Courtenay Brown von Axios. 

Doch die maximal kurzen ­Ticker mit nur einem Buchstaben sind nicht der eigentliche Renner. Unternehmen mit starkem Bezug zu Verbrauchern entscheiden sich eher für einfache Symbole wie die ersten vier Buchstaben ihres Namens oder etwas, das direkt mit ihrer Marke in Verbindung steht. An der NASDAQ sind ­dabei auch Symbole mit fünf Zeichen zugelassen, wobei Letztere vor allem von den SPACs genutzt werden.

Manche Unternehmen werden aber auch durch neue Entwicklungen dazu gezwungen, ihre langjährigen Tickersymbole zu ändern, etwa um Verwechslungen zu vermeiden. Das beste Beispiel war wohl der Möbeleinzelhändler Ethan Allen Interiors, der 28 Jahre lang unter dem Ticker „ETH“ gehandelt wurde. Anfang August dieses Jahres war damit Schluss. Das Unternehmen wählte nun das Kürzel „ETD“, nachdem ein Heer von Krypto-Tradern es mit der digitalen Währung Ethereum verwechselt hatte, die – wenn auch an ganz anderen Handelsplätzen – mit denselben drei Buchstaben abgekürzt wird. Mit der Änderung des Symbols geht man diesem Konflikt nun aus dem Weg.

 


Reale Effekte
Hinweise darauf, dass Tickersymbole nicht völlig unbedeutend für die Entwicklung von Aktien sind, gibt es einige. Konkrete Beispiele nennen die Autoren der Studie „The Name Game: The Importance of Resourcefulness, Ruses, and Recall in Stock Ticker Symbols“ im Literaturteil. So zeigte ein Paper, dass Aktien mit Anfangsbuchstaben zu Beginn des Alphabets häufiger gehandelt werden als Aktien mit Anfangsbuchstaben am Ende des Alphabets. Eine andere Studie ergab, dass gut aussprechbare Tickersymbole die Rendite von IPOs verbessern. Weiterhin gibt es ­Untersuchungen, nach denen die Liquidität von Aktien zunimmt, wenn ihre Ticker echte Wörter der englischen Sprache sind. Interessant ist auch eine Arbeit, in der die Änderung des Ticker­symbols mit negativen Folgen für den Aktienkurs in Verbindung gebracht wird.

Die eingangs genannte Studie von Naomi Baer, Erica Barry und Gary Smith geht aber noch ein ganzes Stück weiter: Sie zeigt, dass Aktien mit cleveren Tickersymbolen im Durchschnitt outperformen. Auch diese Erkenntnis ist keineswegs neu: Schon in einer Studie aus dem Jahr 2009 stellten Gary Smith und seine Co-Autoren fest, dass ein aus cleveren Symbolen bestehendes Aktienportfolio den Markt von 1984 bis 2005 klar outperformte. Das Portfolio startete dabei mit 17 Aktien und endete mit 22 Titeln. Insgesamt waren aber 82 verschiedene Aktien enthalten, von denen viele aufgrund von Übernahmen, Fusionen oder Pleiten irgendwann ausgeschieden sind.


Was bedeutet „clever“?
Nun untersuchte das Autorentrio den überraschenden Effekt erneut, indem die Analyse für die Jahre 2006 bis 2018 aktualisiert wurde. Dazu wurden für die finale Liste von 22 Aktien aus dem Jahr 2005 die täglichen Renditen des gleich gewichteten Clever-Ticker-Portfolios mit einer kombinierten NASDAQ/ NYSE-Benchmark auf Basis der CRSP-Datenbank verglichen.

Auch die Definition dessen, was „clever“ bedeutet, blieb gleich: Der Ticker kann auf witzige Art und Weise mit dem Geschäft des Unternehmens verbunden sein und das Symbol so für ­Anleger einprägsam machen. Auch eine Metapher, eine Kurzdarstellung der Pro­dukte des Unternehmens oder ein Bezug zur Mission sind möglich. Dabei kommt es entscheidend darauf an, dass möglichst ­viele Anleger diese Botschaft verstehen. Andernfalls können auch ansonsten clevere Ticker die Entscheidungen von Anlegern nicht ­beeinflussen, egal wie beeindruckend die Symbolik sein mag.


Ergebnisse
Die aktualisierten Ergebnisse bestätigen die frühere Studie: Clevere Ticker haben auch im anschließenden Zeitraum besser abgeschnitten als der Markt (siehe Abbildung „Anhaltende Outperformance des Originals“). Die bessere Rendite des Clever-Ticker-Portfolios ging dabei nicht auf wenige Aktien zurück, denn seit 2006 konnten ganze 19 der 22 Titel outperformen.

Weiterhin untersucht die Studie, ob die Ergebnisse auch für eine neuere Auswahl an NASDAQ-Aktien gelten. Dazu betrachteten zwei der Autoren unabhängig voneinander rund 13.000 Tickersymbole aller Unternehmen, die gemäß CRSP-Datenbank zwischen 2006 und 2018 dort gehandelt wurden. Sie notierten jeden Ticker, der als clever und einprägsam angesehen werden könnte. Die Liste der Übereinstimmungen wurde erneut geprüft, um Symbole zu entfernen, die nur Abkürzungen des Firmennamens waren. Es verblieben 69 Ticker, aus denen insgesamt 237 Teilnehmer im Rahmen einer Onlineumfrage die zehn cleversten beziehungsweise einprägsamsten Kandidaten auswählten. Davon wurden schließlich die Top-20-Ak­tien mit den meisten Stimmen für die Ana­lyse verwendet (siehe Tabelle „Clevere ­Tickersymbole“). Im Lauf der Zeit verschwanden auch hier einige Aktien wegen Übernahmen, Fusionen oder Pleiten, während andere dazukamen. Das NASDAQ-Vergleichsportfolio änderte sich aber ebenfalls, indem Aktien in den Index aufgenommen oder aus ihm entfernt wurden. Insgesamt schnitt auch das neue Clever-Ticker-Portfolio von 2006 bis 2018 besser ab als das Marktportfolio. Von den ursprünglichen 20 Titeln erzielten 13 eine Outperformance gegenüber dem Vergleichsportfolio. Der gesamte Renditeunterschied war jedoch deutlich geringer als bei den früheren Tickersymbolen (siehe Abbildung „Überrendite auch beim neuen Portfolio“). Zudem war das Ergebnis nicht statistisch signifikant auf dem Fünfprozentniveau.


PZZA, SHOO, XRAY
Die cleveren Ticker zeichnen sich dadurch aus, dass sie einprägsamer sind als klassische, eher langweilige Symbole. Hier beginnt auch die beste Theorie zur Erklärung des Effekts, wie die Forscher schreiben: Das Erinnerungsvermögen der Anleger an die Unternehmen wird durch clevere Ticker verbessert. Dass diese besser haften bleiben, scheint plausibel, wenn man davon ausgeht, dass unser Gedächtnis das Erfassen, Speichern, Behalten und Abrufen von Informationen umfasst. Denn wenn Menschen ihre Erinnerungen kodieren, werden alle Elemente, aus denen sich diese zusammensetzen, neurologisch miteinander verbunden, wie die Autoren erklären. Zudem ist es bei einem cleveren Kürzel wahrscheinlicher, dass ein positives Gefühl von Kreativität hervorgerufen wird, wenn ein Anleger es liest oder ­davon hört. Auch wenn es nichts mit dem Erfolg oder den relevanten Kennzahlen des Unternehmens zu tun hat, kann dieses positive Gefühl implizit mit der Aktie in Verbindung gebracht werden, wenn sich Anleger an sie erinnern. Mit anderen Worten: Ein cleverer Ticker kann irrational positive Emotionen verursachen und die jeweilige Aktie so als gute Investition erscheinen lassen. Dieser Effekt wird anderen Studien ­zufolge verstärkt, indem emotional positiv belegte Erfahrungen besser erinnert werden als neutrale. Die höheren Renditen von ­Aktien mit cleveren Tickern können also auf zwei ähnlichen, aber unterschiedlichen Mechanismen beruhen: Zum einen sind sie generell einprägsamer als zufällige Sym­bole, und zum anderen führt die verstärkt positive Assoziation mit ihnen dazu, dass Anleger sie als bessere Investments erachten. Gleichzeitig handelt es sich bei den ­Tickern aber ganz klar um öffentlich verfügbare Informationen, sodass die höheren Renditen einen deutlichen Widerspruch zur Hypothese effizienter Märkte darstellen.


Grundsätzliche Kräfte am Werk
Ein cleveres Tickersymbol kann auf eine kreative und innovative Unternehmensführung hinweisen, aber auch als reiner Marke­tingtrick im Kampf um Aufmerksamkeit interpretiert werden. Die langfristige Outperformance dieser Aktien deutet den Forschern zufolge aber darauf hin, dass es sich nicht um bloße Tricks und kurzfristige Effekte handelt, sondern dass grundsätzliche Kräfte am Werk sind. Zwar weist das Clever-Ticker-Portfolio eine höhere Volatilität auf, aber das spiegelt den Autoren zufolge wohl nur den Effekt wider, dass bei kleineren Port­folios grundsätzlich höhere Schwankungen zu erwarten sind.
 
Dr. Marko Gränitz

Anhang:

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