CAPITAL CALLING
Im Gespräch spricht Natascha Winberg, Head of Financial Institutions für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei der MUF Group, darüber, wie Banken bei der Fondsfinanzierung ein neu aufgesetztes Produkt von Anfang an und im Grunde über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg begleiten. Und warum die Vorfinanzierung von Kapital eigentlich wie eine Art große Kreditkarte für den Fonds funktioniert.
FUND FINANCE BOOMT, die Bereitstellung von Kapital zur Finanzierung neu aufgelegter Fonds gehört zu den dynamisch wachsenden Feldern der strukturierten Finanzierung. Mit den Details und Möglichkeiten, aber auch den Tücken dieses speziellen Segments kennt sich Natascha Winberg nicht erst seit ihrem Antritt bei der japanischen MUFG, kurz für Mitsubishi UFJ Financial Group, aus, für die sie seit Februar 2024 als Head of Financial Institutions von Frankfurt aus das Geschäft mit Finanzinstituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortet. Sie profitiert auch von ihren mehr als zehn Jahren als Director in den Bereichen Financial Institutions Group und Debt Capital Markets der Barclays Corporate & Investment Bank. Im Gespräch mit Institutional Money räumt sie mit gängigen Missverständnissen rund um das Thema Significant Risk Transfer (SRT) auf, erklärt den gesamten Werkzeugkasten von Subscription Lines bis NAV-Finanzierungen, beleuchtet die Risiken für alle Beteiligten und zeigt, wie die japanische Relationship-Philosophie der MUFG im europäischen Markt zu einem echten Wettbewerbsvorteil wird. Sie weiß zudem sehr genau, wo beim Thema Fondsfinanzierung die echten Risiken für GPs, LPs und Banken liegen und warum der viel zitierte Vorwurf der IRR-Kosmetik letztlich nur die halbe Wahrheit ist.
Frau Winberg, lassen Sie uns eine grundlegende Einordnung vornehmen. Wenn wir über Fondsfinanzierung, oft auch Fund Finance genannt, sprechen: Was genau muss man darunter verstehen? Und warum spielt das Thema aktuell in Bereichen wie Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur eine so immense Rolle?
NATASCHA WINBERG: Um es auf den Punkt zu bringen: Bei der Fondsfinanzierung begleiten wir als Bank einen Fonds über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg. Das beginnt typischerweise am Anfang, wenn der Fonds sein Fundraising betreibt. Wir stellen auf der Fondsebene sogenannte Subscription Lines, auch Capital Call Facilities genannt, zur Verfügung. Das bedeutet konkret: Wenn der Fonds beginnt, Investments zu tätigen, und seine Limited Partners (LPs), also etwa Pensionsfonds oder andere institutionelle Anleger, ihr Kapital zugesagt haben, müssen diese Anleger oft nicht sofort „gezogen“ werden, sprich: das Geld nicht sofort überweisen. In genau diesem Moment treten wir auf den Plan und finanzieren diese Kapitalabrufe vor. Man kann sich das wie eine große Kreditkarte für den Fonds vorstellen: Wir geben ihm eine Facility, basierend auf den Kapitalzusagen der Investoren. Der Fonds kann damit sofort zu investieren beginnen, noch bevor das Fundraising abgeschlossen ist, und wir beschleunigen dadurch die Handlungsfähigkeit der Manager enorm.
Sie sprachen die Subscription Lines an. Wenn wir den Werkzeugkasten der Fund Finance betrachten: Welche Hauptinstrumente gehören aus Ihrer Sicht heute zum Standardrepertoire, und wie unterscheiden sie sich in Struktur und Zweck?
NATASCHA WINBERG: Neben den Subscription Lines am Anfang des Fondslebenszyklus haben wir weitere essenzielle Bausteine. Wir finanzieren zum einen auf der Assetebene, sei es durch Project Finance im Infrastrukturbereich oder Leverage Finance im Private-Equity-Segment, wo wir mit großen Teams auch den Mid-Cap-Bereich in Deutschland stark in den Fokus nehmen. Darüber liegt die besagte Fondslevel-Finanzierung. Bei den Subscription Lines schauen wir uns an: Wer sind die Investoren im Pool? Sind das institutionelle Adressen mit einer starken Bilanz? Basierend darauf legen wir eine sogenannte Advance Rate fest, also einen Prozentsatz des zugesagten Kapitals, den wir als Kreditlinie bereitstellen. Da dieser Investorenpool in der Regel gut diversifiziert und bonitätsstark ist, ist das Risiko für uns als Bank äußerst gering; Ausfälle sehen wir in diesem Bereich fast nie. Im weiteren Verlauf des Fondslebens kommen andere Instrumente ins Spiel, auf die wir später eingehen werden. Aber die Subscription Line ist das absolute Fundament.
Treten wir an dieser Stelle noch einen Schritt zurück. Für viele Außenstehende ist das Thema noch nicht ganz transparent. Korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege: Sprechen wir bei Fund Finance nicht über ein Thema, das oft mit dem Kürzel SRT für Significant Risk Transfer umschrieben wird?
NATASCHA WINBERG: Da muss ich Sie korrigieren. Diese Gleichsetzung wird mir von den Medien immer wieder nahegelegt, aber diese beiden Themen liegen gar nicht so nah beieinander. Ein Significant Risk Transfer, also SRT, ist primär ein regulatorisches Instrument, das Banken nutzen. Die Fondsfinanzierung hingegen, über die wir hier sprechen, bewegt sich auf dem Level des Fonds.
Können Sie diesen Unterschied für uns etwas greifbarer machen?
NATASCHA WINBERG: Sehr gern. Beim SRT geht es darum, dass Banken ihre risikogewichteten Aktiva, die sogenannten RWAs, steuern. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Eine Bank vergibt Kredite an Unternehmen mit einem Volumen von in Summe einer Milliarde Euro. Für diese Kredite muss die Bank risikogewichtete Aktiva vorhalten, in etwa 35 Prozent unter dem Standardised Approach. Dieses Eigenkapital ist teuer, weil die Bank darauf eine Rendite erwirtschaften muss. Also nimmt sie das Kreditportfolio und tranchiert es in verschiedene Risikoklassen: Es gibt das „First Loss Piece“, das bereits unter den ersten Kreditausfällen des Portfolios leidet, eine Mezzanine-Tranche und eine Senior-Tranche. Die risikoreicheren Tranchen, Equity und Mezzanine, verkauft die Bank nun an einen Private-Debt-Fonds, während sie die Senior-Tranche behält. Das reduziert das Risiko auf dem verbleibenden Teil erheblich: Die Bank muss deutlich weniger Eigenkapital vorhalten und hat wieder viel mehr Kapital frei, um neue Kredite zu vergeben. Das ist SRT, und jeder dieser Deals muss vom Regulator genehmigt werden.
Und das hat mit der Fondsfinanzierung, wie Sie sie betreiben, nichts zu tun?
NATASCHA WINBERG: Richtig. Die Fondsfinanzierung hat nicht diesen regulatorischen Hintergrund der Kapitalentlastung. Bei uns geht es vielmehr darum, den Fonds in seinen verschiedenen Lebensphasen mit Liquidität zu versorgen. Es kann vorkommen, dass ein Kreditfonds, den wir finanzieren, seinerseits in eine SRT-Tranche einer Bank investiert; es gibt sogar Fonds, die nichts anderes tun. Aber das Produkt, das wir als MUFG im Bereich Fund Finance anbieten, zielt darauf ab, dem Fonds selbst Finanzierungslösungen zu bieten, sei es am Anfang durch Subscription Lines oder später, wenn das Kapital komplett investiert ist, durch sogenannte NAV-Finanzierungen.
Es gibt immer wieder kritische Stimmen, die behaupten, diese Kreditlinien dienten primär dazu, die Internal Rate of Return (IRR) künstlich aufzuhübschen. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass hier „Financial Engineering“ betrieben wird, das Risiken verschleiert?
NATASCHA WINBERG: Die IRR fällt durch den früheren Investitionsstart und den verzögerten Kapitalabruf bei den LPs höher aus, als wenn der Fonds erst das Geld mühsam einsammeln und dann investieren würde. Wichtig ist, dass das alles offengelegt ist. Die LPs sehen genau, dass wir diese Finanzierungen machen und wie sie strukturiert sind. Da gibt es keine Magie und kein Verschleiern. Zweitens, und das ist der entscheidende Punkt: Oft sagen mir meine Kunden: „I don’t want to leave assets on the table.“ Dass sie dank unserer Linien früher investieren können, kommt den Investoren zugute. Wenn sich eine gute Investitionsgelegenheit bietet, muss der Fonds schnell zuschlagen können. Es geht um operationelle Effizienz, um die praktische Notwendigkeit, handlungsfähig zu sein und im Sinne der Anleger Rendite zu erwirtschaften.
Die MUFG hat ihr Angebot in diesem Segment stark ausgebaut. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei –gerade auch in Konkurrenz zu anderen Playern am Markt?
NATASCHA WINBERG: Wir sind eine echte Relationship-Bank, und das ist tief in unserer japanischen Unternehmenskultur verankert. Für uns ist es essenziell, nicht nur ein einzelnes Produkt zu verkaufen oder rein auf Transaktionsbasis zu arbeiten. Wir wollen verschiedene Produkte anbieten und langfristige Beziehungen aufbauen. Das bedeutet: Wenn die Zeiten schwieriger werden und die Märkte schlecht laufen, stehen wir unseren Kunden bei und schrecken nicht vor Finanzierungen zurück. Unsere Devise lautet: Wir waren da, und wir bleiben da. Wenn ich zu unserem CEO gehe, um eine neue Transaktion vorzustellen, fragt er mich immer: Warum sollen wir das machen? Die Antwort ist dann nicht nur ein starker Return on Investment, sondern: Hier haben wir eine bestehende Beziehung, oder hier entsteht eine wertvolle neue. Dieser partnerschaftliche Gedanke differenziert uns spürbar im Markt.
Bleiben wir bei der Technik. Welche Rolle spielen sogenannte Asset- Backed Financings im Vergleich zu NAV-Finanzierungen, über die oft debattiert wird?
NATASCHA WINBERG: Das ist ein wichtiger Unterschied. Eine NAV-Finanzierung, also eine Net-Asset-Value-Finanzierung, schaut auf das gesamte Portfolio eines Fonds und kommt typischerweise erst später im Lebenszyklus zum Einsatz, wenn die Capital Calls der LPs ausgereizt sind. Das Asset-Backed Financing fokussiert sich hingegen auf einen spezifischen Pool von Assets. Stellen Sie sich einen Private-Debt-Fonds vor, der Kredite an Mittelständler vergibt: Wir übernehmen die sogenannte Super-Senior-Tranche und werden bei einem Ausfall als Erste ausbezahlt. Weil unser Risiko dadurch geringer ist, können wir zu einem niedrigeren Zinssatz finanzieren, und der Fonds kann einen Hebel auf den Rest seines Portfolios anwenden. Diese Hebelprodukte werden sehr oft von den Investoren selbst angefragt, weil sie sich einen gewissen Leverage auf ihr Portfolio wünschen.
Was sind aus Sicht der General Partners, also der Fondsmanager, die zentralen Vorteile dieser verschiedenen Linien?
NATASCHA WINBERG: Die Vorteile für den GP sind vielfältig. Zunächst geht es um strategische Flexibilität: Man kann die Haltedauer von Assets verlängern, ohne sie in einem schwachen Markt verkaufen zu müssen, Dividendenzahlungen vornehmen oder Ausschüttungen bedienen zu müssen, wenn LPs Liquidität fordern. Auf der Eingangsseite ermöglichen die Linien, bei guten Investment Opportunities sofort zuzuschlagen, auch wenn das Fundraising noch nicht abgeschlossen ist. Und diese Instrumente erlauben eine Optimierung der IRR, weil das Eigenkapital der Investoren erst später und kürzer gebunden wird. All das sind Werkzeuge, um den Wert des Portfolios für die Endinvestoren zu maximieren.
Und was haben die LPs, also die institutionellen Investoren, konkret davon?
NATASCHA WINBERG: Die Investoren profitieren von gleichmäßigeren und berechenbareren Cashflows. Wenn der GP nicht für jede kleine Investition sofort einen Capital Call auslöst, reduziert das den administrativen Aufwand auf Investorenseite enorm. Zudem profitieren sie von der Wertmaximierung bei den Exits, wenn der GP dank einer Finanzierungslinie den optimalen Verkaufszeitpunkt abwarten kann. Wichtig ist dabei, dass klare Leitplanken eingezogen sind. Die LPs fordern sogenannte Leverage Caps, also Obergrenzen für die Verschuldung, und klare Regeln für schuldenfinanzierte Ausschüttungen. Es darf nicht passieren, dass ein GP die Verschuldung ausreizt, nur um auf dem Papier Dividenden zu zahlen. Solange diese Leitplanken respektiert werden, begrüßen die meisten LPs diese Finanzierungen ausdrücklich.
Wo liegen die größten Risiken – für den GP, für die Investoren und für Sie als Bank?
NATASCHA WINBERG: Für den GP ist das Risiko, eine Subscription Line bei uns zu nehmen, gering. Sein Hauptrisiko ist das Fundraising selbst: Was passiert, wenn er die anvisierten LP-Zusagen nicht bekommt? Der Markt ist aktuell sehr kompetitiv. Für die LPs liegt das zentrale Risiko klassischerweise in der Performance des Fonds, aber auch in der Verschuldungstiefe, falls diese nicht transparent gemanagt wird. Für uns als Bank hängen die Risiken vom jeweiligen Produkt ab. Bei den Subscription Lines besteht unser Risiko darin, dass LPs ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen; da wir diese Investoren vorher genau prüfen, ist es äußerst gering. Bei NAV-Finanzierungen oder Asset-Backed Financings liegt unser Risiko direkt im Portfolio des Fonds. Deshalb sind die Spreads dort höher, und wir engagieren uns nur in Bereichen, in denen wir tiefe Expertise haben, vor allem bei Private Equity, im Kreditbereich und bei Infrastruktur. Das Portfoliomanagementteam schauen wir sehr genau an: Sind das erfahrene Leute, oder probiert jemand zum ersten Mal eine neue Strategie aus? Von Letzterem lassen wir die Finger.
Der Markt für diese Finanzierungen ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. Hat sich durch das veränderte Zinsumfeld und die geopolitischen Spannungen auch das Wettbewerbsumfeld unter den Banken verändert?
NATASCHA WINBERG: Ja, das merken wir deutlich. In der Nullzinsphase war das Geschäft für viele leicht zu generieren. Weil Subscription Lines, die gegen einen Pool bonitätsstarker Institutioneller besichert sind, für Banken attraktiv und risikoarm sind, stiegen immer mehr Wettbewerber in diesen Markt ein, was das Pricing unter Druck brachte. Mit den geopolitischen Krisen und der höheren Volatilität schauen nun alle wieder genauer hin, und bei der Ermittlung der Borrowing Base werden die Investoren präziser geprüft. Da wir als Bank stark im Nahen Osten vertreten sind, haben wir bei Investoren aus dieser Region einen guten Einblick und einen echten Wettbewerbsvorteil.
Ich muss noch einmal auf die „IRR-Kosmetik“ zurückkommen. Sie sagten vorhin, das sei keine Kosmetik, sondern eine zeitliche Verschiebung. Dennoch ist die Skepsis im Markt lautstark vernehmbar. Woher kommt diese Kritik?
NATASCHA WINBERG: Die Skepsis kommt nicht von ungefähr und bezieht sich weniger auf einfache Subscription Lines als vielmehr auf NAV-Finanzierungen am hinteren Ende des Fondslebenszyklus. Manche Fondsmanager haben dieses Instrument in der Vergangenheit überstrapaziert. Stellen Sie sich vor, ein Private-Equity-Fonds hat Portfoliounternehmen, die auf operativer Ebene bereits stark mit Krediten gehebelt sind. Wenn der Fonds auf Portfolioebene dann noch einmal signifikant Leverage durch eine NAV-Line aufnimmt, ohne das den Investoren offenzulegen, ist die Verärgerung der LPs völlig verständlich. Es geht im Kern um Transparenz. Der Markt hat hier aber stark dazugelernt. Die Loan-to-Value Ratios (LTV), die wir heute bei solchen Finanzierungen sehen, bewegen sich meist zwischen 15 und 35 Prozent, was überschaubar und gesund ist. Probleme entstanden in der Vergangenheit, wenn die Verschuldung zu hoch getrieben und nicht offen kommuniziert wurde.
Im Private-Equity-Umfeld hört man aktuell oft das Stichwort „Dry Powder“. Wie wichtig ist dieser Aspekt für Ihre Finanzierungslösungen?
NATASCHA WINBERG: Das ist ein sehr relevanter Punkt. Manchmal spreche ich mit Fondsmanagern, die spannende Zielunternehmen vor Augen, aber kein „Dry Powder“ mehr haben, weil ihr Fonds bereits voll investiert ist und das nächste Fundraising noch nicht läuft. In solchen Momenten können wir durch unsere Linien Liquidität bereitstellen, damit der Fonds die Gelegenheit wahrnehmen kann. Sehr interessant ist auch ein neuer Trend bei Evergreen-Fonds. Man könnte ja denken, solche Strukturen bräuchten das nicht. Aber auch dort gibt es derartige Situationen: Ein Fonds will von 500 Millionen auf eine Milliarde Euro anwachsen, die ersten 500 Millionen sind aber schon investiert. Dann können wir mit einer NAV-Finanzierung einsteigen, um das Volumen vorab nutzbar zu machen. Oder ein Evergreen-Fonds muss Investoren auszahlen, die ihre Anteile zurückgeben wollen, ohne dafür Portfoliounternehmen notverkaufen zu müssen. Auch hier greifen unsere Liquiditätslinien als ideales Cash-Management-Tool.
Sie beschreiben eine starke Position im Markt. Heißt das, dass Banken wie Sie das Zünglein an der Waage sind, wenn es um den Erfolg von Private-Markets-Fonds geht?
NATASCHA WINBERG: Das wären wir, wenn wir die Einzigen im Markt wären. Tatsächlich gibt es sehr viele Marktteilnehmer. Die meisten fokussieren sich auf Subscription Lines, weil das Risiko dort geringer ist. Für NAV-Finanzierungen braucht man hingegen echte Expertise im Primärmarkt und in den Assetklassen, weshalb das Spielfeld hier kleiner ist. Die Dynamik ist enorm: Es entstehen sogar spezielle neue Fonds, die nichts anderes tun, als solche Subscription Lines aufzukaufen. Wir werden von anderen Fonds gefragt: „Könnt ihr mal ein Portfolio kaufen?“ Da ist sehr viel Bewegung im Markt.
Noch ein Blick über den Tellerrand: Welche anderen Assetklassen oder Entwicklungen beobachten Sie im Bereich der strukturierten Finanzierung?
NATASCHA WINBERG: Wir als MUFG sind eines der größten Verbriefungshäuser. Das ist ein wichtiges Standbein neben der direkten Fondsfinanzierung, das wir auch in der Region stark ausbauen. Wir refinanzieren die verschiedensten Portfolios von Forderungen, von Konsumentenkrediten und Kreditkartenportfolios bis hin zu esoterischeren Assets wie Music oder Pharma Royalties. Ebenfalls ein großer Wachstumsmarkt, den wir uns sehr genau anschauen, ist die Finanzierung im Versicherungsumfeld, genauer gesagt bei sogenannten Versicherungs-Sidecars und Versicherungsfonds. Wenn ein Versicherer ein Portfolio von Lebensversicherungen von seiner Bilanz nehmen und in ein Special Purpose Vehicle (SPV), also ein Sidecar, auslagern möchte, um es von Drittinvestoren finanzieren zu lassen, können wir dort dieselbe Fund-Finance-Technologie anwenden.
Wenn Sie Begriffe wie „Verbriefung“ und „esoterische Assets“ in einem Satz nennen, dürften sich bei erfahrenen Marktteilnehmern Erinnerungen an die Zeit vor der Finanzkrise 2008 einstellen.
NATASCHA WINBERG: Ich verstehe, was Sie meinen und worauf Sie anspielen. Aber diese Sorge kann ich nehmen. Der Markt ist heute ein völlig anderer. Wir schauen uns die Dinge sehr genau an und prüfen in der Due Diligence nicht nur die Qualität des Forderungsportfolios bis ins Detail, sondern durchleuchten auch die Qualität des Specialist Lenders, also des Unternehmens, das diese Portfolios hält, sehr streng. Nur wenn beide Ebenen sauber und valide sind, gehen wir in die Finanzierung.
Lassen Sie uns noch einen Blick auf das Set-up der MUFG und Ihre persönliche Rolle werfen. Sie sind vor gut zwei Jahren nach zwölf Jahren bei Barclays in London nach Frankfurt gewechselt. Wie haben Sie den Aufbau des Geschäfts für Finanzinstitute in der DACH-Region seither erlebt?
NATASCHA WINBERG: Es ist eine spannende Zeit. Bevor ich kam, war das Geschäft der MUFG mit Finanzinstituten in der deutschsprachigen Region noch recht limitiert; der Fokus lag historisch auf Transaction Banking, also Cash Clearing Services. Mittlerweile haben wir unser Produktangebot stark ausgebaut, in den letzten zwei Jahren ein zweistelliges Wachstum verzeichnet und viele neue Kollegen eingestellt. Unser kontinentaleuropäischer Hauptsitz ist in Amsterdam. Das Momentum, das die Bank aktuell hat, ist enorm; es gibt derzeit kaum eine andere Bank, in der so viel Dynamik steckt. Das hat mich damals gereizt: etwas Neues aufzubauen und dabei Lösungen für die Probleme unserer Kunden zu finden.
Ein Bereich mit viel Dynamik ist Leverage Finance und Direct Lending. Wie positioniert sich die MUFG hier, gerade im Verhältnis zu den Private-Debt-Fonds, die massiv in den Markt drängen?
NATASCHA WINBERG: Leverage Finance war für uns in Deutschland bis vor Kurzem noch nicht so präsent, obwohl wir in London große Teams dafür haben. Das ändert sich gerade: Wir haben Mario Hatzinger eingestellt, der hier ein Team aufbaut und weiter rekrutiert. Wir fokussieren uns dabei sowohl auf den Large-Cap- als auch stark auf den Mid-Cap-Bereich, der in Deutschland besonders wichtig ist. Im Direct Lending arbeiten wir partnerschaftlich mit Private-Credit-Fonds zusammen und bieten Super-Senior-Tranchen oder Unitranches an. Ein Private-Debt-Fonds investiert in anderen Risikodimensionen; wir gesellen uns punktuell dazu und ergänzen uns hervorragend. Die Größe für große Investitionen hätten wir als MUFG, aber am Ende ist es immer auch eine Frage der Risikobereitschaft, die wir genau abwägen.
Das klingt, als würden Sie sich sehr tief in die Struktur der Fonds einklinken, anstatt nur punktuell Finanzierungen bereitzustellen. Wie weit geht diese Partnerschaft in der Praxis?
NATASCHA WINBERG: Sie geht sehr weit. Wenn wir auf der Private-Equity-Seite bereits bei einer Transaktion zusammengearbeitet haben, ist es der natürliche nächste Schritt, dem Fonds auch eine Subscription Line oder später eine NAV-Finanzierung anzubieten. Wir wachsen mit dem Fonds mit und unterstützen seine Strategie. Wir verstehen uns als echter Partner. Und das hört beim reinen Kredit nicht auf: Wir bieten auf Fondsebene auch umfassende FX-Lösungen für das Währungsmanagement an und sind einer der größten Anbieter von Fondsadministration. Meine Rolle ist es, all diese Fäden zusammenzuführen und dem Kunden eine ganzheitliche Beziehung anzubieten.
Die MUFG ist eine global agierende Bank mit starken japanischen Wurzeln. Welche Beobachtungen machen Sie bezüglich der globalen Kapitalflüsse, insbesondere beim Verhalten asiatischer LPs?
NATASCHA WINBERG: Man muss das immer von Transaktion zu Transaktion individuell betrachten, aber wir nehmen aktuell ein gewisses Momentum wahr. Die Gespräche mit meinen Kollegen in Asien bestätigen, dass Gelder asiatischer LPs, die früher eher in die USA geflossen sind, nun verstärkt den Weg nach Europa suchen. Der Kapitalfluss nach Europa ist stärker geworden, und das Momentum für den europäischen Private-Markets-Sektor ist aus dieser Perspektive gar nicht schlecht.
Ein anderer Trend, der aus den USA herüberschwappt, ist die Öffnung der Private Markets für Retailinvestoren. Inwieweit spielt das für Ihre Finanzierungslösungen eine Rolle?
NATASCHA WINBERG: In diesem spezifischen Geschäftsbereich gar keine. Wir sind in Japan eine riesige Retailbank, vermutlich die größte dort, aber die Strategie des Managements für unser internationales Geschäft war nie, in den Retailbereich für Private Markets vorzustoßen. Das Retailsegment lässt sich in der Fondsfinanzierung auch nicht im klassischen Sinne vorfinanzieren; unsere Subscription Lines basieren auf den starken Bilanzen institutioneller Anleger. Das Thema Retailisierung beobachten wir auf Konferenzen und in den Medien, aber es ist von unserem operativen Tagesgeschäft weit entfernt.
Die Komplexität in der strukturierten Finanzierung nimmt stetig zu, sei es bei Fonds, Verbriefungen oder Infrastrukturprojekten. Wie stellen Sie sicher, dass Sie für diese hoch spezialisierten Themen die nötige Expertise bereithalten?
NATASCHA WINBERG: Das funktioniert nur durch unser globales Netzwerk. Wenn ich vor Ort mit einem Kunden spreche, habe ich Strukturierer in Paris, London, New York, Singapur und im Nahen Osten hinter mir, die alle über mehr als zehn Jahre Erfahrung in ihren jeweiligen Nischen verfügen. Das sind große Teams, die sich auch maßgeschneiderte Lösungen und komplexe Assets anschauen können. Dieser globale Footprint gibt uns die Möglichkeit, Wissen schnell auszutauschen und unseren Kunden vor Ort Zugang zu weltweiter Expertise zu verschaffen.
Wenn Sie auf das Erreichte und die kommenden Jahre blicken: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Fondsmanager in der DACH-Region?
NATASCHA WINBERG: Dass wir eine Relationship-Bank sind und bleiben. Wir suchen nicht die schnelle Transaktion, sondern die langfristige Partnerschaft. Wir haben das Geschäft hier ausgebaut, wir sind vor Ort, und wir haben die Bilanz sowie die Expertise, um Fonds über ihren kompletten Lebenszyklus hinweg zu begleiten. Und wenn die Märkte mal schwieriger werden, ziehen wir uns nicht zurück. Wir waren da, und wir bleiben da, das ist unser Versprechen an unsere Kunden.
Hans Heuser
Natascha Winberg
Als Expertin mit langjähriger Erfahrung im Bereich Financial Institutions verantwortet Natascha Winberg seit Februar 2024 als Head of Financial Institutions Germany, Austria & Switzerland bei MUFG, abgekürzt für die Mitsubishi UFJ Financial Group, von Frankfurt aus das Geschäft mit Finanzinstituten in der DACH-Region. Zuvor war sie über zehn Jahre bei der Barclays Corporate & Investment Bank tätig, zuletzt als Director in der Financial Institutions Group und dem Bereich Debt Capital Markets für die DACH-Region, wo sie Banken und Versicherungen bei Kapitalmarkttransaktionen und in strategischen Fragen beraten hat. Ihr akademisches Fundament legte Winberg an der Goethe-Universität Frankfurt, wo sie Betriebswirtschaftslehre studiert hat. Vertieft hat sie ihr Wissen anschließend mit einem Master in Finance an der renommierten Università Bocconi in Mailand, einer der führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas, die für ihre praxisnahe Ausbildung und ihr internationales Netzwerk bekannt ist.