Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
3/2021 | Theorie & Praxis
twitterlinkedInXING

Buy the Dip

Der zunehmende Einfluss sozialer Medien auf die Finanzmärkte hat Anleger ermutigt, Kursrücksetzer ­systematisch zu kaufen (Buy the Dip). Eine aktuelle Studie untersucht, ob diese einfache Heuristik ­tatsächlich vorteilhaft sein kann.

1632902455_dip.jpg

Im Jahr 2021 gab es überdurchschnittlich viele Rücksetzer, die aber infolge des ausgeprägten Buy-the-Dip-Verhaltens sehr klein blieben und schnell wieder ausgeglichen wurden.

© Stevens ­Institute of Technology, shane | stock.

Es ist keine neue Idee, Kursrücksetzer am Markt für Käufe zu nutzen. Doch seit dem Corona-Crash im Frühjahr 2020 scheint das Kaufen jedes noch so kleinen Dips ganz besonders in Mode gekommen zu sein. In dieser Zeit wurde die einfache Heuristik vor allem über Social-Media-Plattformen und in der Generation der Millennials populär. Wie Thomas Shohfi und Majeed Simaan in ihrem Paper „Buy the Dip“ schreiben, stieg die Google-Suchaktivität für den Begriff im März 2020, dem Monat des Crash-Tiefs, um mehr als 1.500 Prozent.

Implizites Timing

Die grundsätzliche Idee von „Buy the Dip“ (BTD) besteht darin, einen Timing­vorteil am Markt zu erzielen, indem für den (erneuten) Einstieg in den Aktienmarkt auf Kurskorrekturen gewartet wird. Allerdings ist das mit Opportunitätskosten verbunden: Anlegern können bei Ausbleiben eines entsprechenden Rücksetzers hohe Renditen entgehen, während sie weiter Cash halten. Umgekehrt ist auch denkbar, dass ein Ausverkauf keine Einstiegschance ist, sondern sich als Anfang einer Reihe anhaltend schlechter Nachrichten innerhalb eines längeren Bärenmarktes herausstellt, in dem der Verkauf von Erholungsbewegungen (Sell the Rip) die attraktivere Strategie darstellt. Aus der Behavioral-Finance-Forschung ist aber bekannt, dass schlechte Nachrichten ­eine stärkere Wirkung haben als gute. Sollten die Marktteilnehmer also in einem nega­tiven Umfeld überreagieren, könnte das ­systematische Kaufen großer Rücksetzer durchaus vorteilhaft sein.

Anhand dieser Überlegungen lässt sich bereits erkennen, dass die Höhe des erforderlichen Rücksetzers wohl eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob es sich um eine gute oder eine schlechte Idee handelt. ­Außerdem haben Anleger unterschiedliche subjektive Markterfahrungen und Überzeugungen, ab welchem Umfang von Kursverlusten eine Kaufgelegenheit als attraktiv einzuschätzen ist beziehungsweise wann die Wahrnehmung von einer Chance in eine Gefahr umschlägt, zum Beispiel in einem Crash.

In der Studie werden verschiedene Spe­zifikationen einer BTD-Strategie im Vergleich zur passiven Benchmark untersucht. „Passiv“ bedeutet dabei, dass jegliches Cash umgehend in das Marktportfolio – approximiert durch den S&P 500 ETF (SPY) – investiert wird, sobald es zur Verfügung steht. Die Strategie sieht vor, immer dann einen Anteil in Höhe von 1/k des verfügbaren Cashs in den Markt zu investieren, wenn dieser um mindestens x Prozent gefallen ist, und andernfalls auf eine bessere Einstiegsgelegenheit zu warten. Für k = 3 und x = 5 bedeutet das beispielsweise, mit einem Drittel im SPY zu beginnen und jeweils ein weiteres Drittel zu investieren, sobald der Markt um weitere fünf Prozent gefallen ist.

Die entscheidende Frage ist, welche Werte für k und x optimal sind beziehungsweise ob es überhaupt vorteilhaft ist, diesem Ansatz zu folgen. Um das zu beurteilen, betrachten die Autoren drei verschiedene Szenarien, für die sie die Attraktivität der BTD-Strategie im Vergleich zur passiven Benchmark untersuchen. Dabei werden über die Inflationsrate jeweils auch die mit Cash verbundenen Opportunitätskosten berücksichtigt:

  • Einmaliger Betrag: Verfügbares Cash kann entweder sofort oder gestaffelt in Rücksetzern investiert werden.
  • Periodische Zuflüsse: Jeden Monat werden feste Zuflüsse verfügbar, etwa Gehaltszahlungen. Diese werden investiert, sobald der Markt um mindestens x Prozent fällt.
  • Maximaler Drawdown: Dies ist eine Kombination beider Fälle. Es stehen ein einmaliger Betrag (Einjahresersparnis) sowie periodische Zuflüsse (monatlich) zur Verfügung. Das gesamte verfügbare Cash wird investiert, sobald ein Drawdown von x Prozent überschritten ist. Auch neue Mittel im Folgemonat werden investiert, solange der Drawdown überschritten bleibt, andernfalls wird eine Cash-Position aufgebaut. Definiert wird der Drawdown als rollierende 12-Monats-Rendite.

In den Rückrechnungen werden vier verschiedene Startjahre betrachtet. Zwei davon sind mit dem Beginn eines Bullenmarktes (Januar 1994 und Januar 2010) und zwei mit dem Beginn eines Bärenmarktes (Januar 2000 und Januar 2008) verbunden.

Ergebnisse

Was das erste Szenario zur Investition ­eines einmaligen Betrags angeht, gibt es bereits klare Erkenntnisse aus früheren Studien: Demnach besteht die optimale Strategie darin, diesen sofort und vollständig anzulegen, statt auf günstigere Gelegenheiten zu warten. Zwar können auch größere Rücksetzer auftreten, doch das ist mit einer entsprechenden Portion Glück verbunden und kann im Vorfeld nicht systematisch erwartet werden.

Die Ergebnisse der Autoren bestätigen das für den Gesamtzeitraum von 1994 bis 2020 weitgehend. Zwar führt ein Aufteilen der Gesamtsumme in drei bis sechs gleich große Tranchen (k), die jeweils bei Kursrücksetzern von ein bis zwei Prozent (x) zugekauft werden, zu minimal besseren Renditen. Doch für eine höhere Anzahl von Tran­chen und insbesondere bei höheren notwendigen Rücksetzern fallen die Renditen deutlich ab. Das heißt, dass Anleger zu lange mit dem Einstieg warten, während der Markt im Durchschnitt weiter steigt. Anders sieht es aus, wenn im Jahr eines ­beginnenden Bärenmarktes (2000 beziehungsweise 2008) gestartet wird: Hier sind die Renditen für mehrere Tranchen (bis zu zehn) und höheren Rücksetzern ­(jeweils bis zu fünf Prozent) systematisch höher als beim sofortigen Einstieg. Nur hat diese ­Betrachtung natürlich das Problem, dass im Vorfeld nicht bekannt ist, in welchem Jahr ein Bärenmarkt beginnt. Das ­Paper untersucht auch risikoadjustierte Renditen anhand der Sortino Ratio, was zu vergleichbaren Einschätzungen führt.

Im Szenario periodischer Zuflüsse sind die Ergebnisse unabhängig von der Wahl der vier Startzeitpunkte bei so­fortigem Investment in jedem Fall besser. Gleichzeitig fallen die Opportu­nitätskosten des Abwartens relativ hoch aus: So hätten Anleger, die seit 1994 ­jeweils auf einen Rücksetzer von zwei Prozent warteten, ein um 13 Prozent niedrigeres Endvermögen erzielt. Ganz anders dagegen die Einschätzung der risikoad­justierten Renditen: Die gleiche Strategie ­erzielte unabhängig vom betrachteten Zeitraum höhere Sortino Ratios.

Für das dritte Szenario, den maximalen Drawdown, legen die Autoren Kursrückgänge in Höhe von fünf, zehn und 20 Prozent fest. Diese Niveaus verwenden Anleger häufig als technische Schwellenwerte zur Definition von Kategorien wie Rücksetzer, Korrektur und Bärenmarkt. Zwar ergibt wie schon im zweiten Szenario die sofortige ­Investition auch hier in allen Zeiträumen die besten Renditen, doch die Ergebnisse beim Warten auf einen fünfprozentigen Drawdown sind nahezu identisch. Die Autoren begründen das damit, dass Rücksetzer dieser Größenordnung sehr häufig auftreten. Risikoadjustiert fallen die Renditen beim Warten auf einen 20-prozentigen Drawdown zwar zum Teil deutlich besser aus, gehen aber mit deutlich schlechteren absoluten Renditen ­einher.

Schlussfolgerungen

Die Frage, ob Privatanleger ein Timing anhand der Buy-the-Dip-Strategie verfolgen sollten, ähnelt der Debatte, ob aktive Manager in der Lage sind, dauerhaft ihre Benchmark zu übertreffen. Grundsätzlich beeinflussen drei Faktoren den Erfolg von BTD, von denen sich aber nur die ersten beiden kontrollieren lassen:

  • erforderliche Größe des Rücksetzers, bei dem Anleger aktiv werden
  • Anteil des verfügbaren Cashs, das bei Eintreten des Rücksetzers investiert wird
  • Marktbedingungen zu Beginn des Investitionszeitraums (Hausse oder Baisse)

Die Studie kommt zu dem Fazit, dass BTD keine optimale Strategie zur Maxi­mierung des Endvermögens darstellt. Das deckt sich mit Erkenntnissen aus Studien zum klassischen Cost-Average-Effekt. Zwar kann es einen kleinen Vorteil bieten, die ­Investition eines einmaligen Betrags auf wenige Tranchen aufzuteilen, die bei kleinen Kursverlusten von höchstens zwei Prozent investiert werden. Allerdings besteht auch hier das Risiko, starke Bewegungen zu verpassen. Und obwohl in den Daten häufig Rücksetzer von fünf Prozent zu beobachten waren, bietet selbst das Warten auf solche vergleichsweise kleinen Dips keinen systematischen Vorteil gegenüber dem sofortigen vollständigen Investment.

Interessant ist jedoch, dass die risiko­adjustierten Renditen gegenüber der Benchmark durch BTD zum Teil deutlich verbessert werden können, vor allem bei perio­dischen Zuflüssen. Die Autoren schreiben darüber hinaus, dass der Ansatz durch seine Einfachheit ­gegenüber der klassischen Mean-Variance-Optimierung besticht und deshalb ein weitaus geringeres Modellrisiko beinhaltet. Letztere zielt ebenfalls auf bessere risiko­adjustierte Renditen ab und ist akademisch gut untermauert, erfordert aber einen hohen Aufwand und unterliegt erheblichen Schätzfehlern. Zwar besteht dieses Problem auch bei BTD, was die Höhe des Rücksetzers ­anbelangt, aber insgesamt ­erscheint der ­Ansatz transparenter. Zudem ist die anti­zyklische Natur der Strategie für Anleger intuitiv besser nachvollziehbar als etwa die Logik eines Momentum-Ansatzes, so die Autoren.

Im Hinblick auf die Marktstruktur ist hinzuzufügen, dass die verbreitete Anwendung von BTD-Strategien in turbulenten Phasen eine verbesserte Liquiditätssituation impliziert. Aber egal ob mit oder ohne Dip, eines verdeutlicht das Paper in jedem Fall: die hohe Bedeutung kontinuierlicher Allokationen für den langfristigen Wertzuwachs von Aktieninvestments.
Eine kleine Verbesserung können Anleger übrigens mit dem Zeitpunkt ihrer regelmäßigen Käufe erzielen: Statt wie oft pauschal vorgesehen zum Anfang oder Ende des Monats zu investieren, ist es besser, die ­Monatsmitte zu wählen. Denn gemäß des Turn-of-the-Month-Effekts neigen die Märkte dazu, um den Monatswechsel herum etwas höhere Renditen zu erzielen.

Dr. Marko Gränitz

twitterlinkedInXING
 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren