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Theorie & Praxis

2/2017 | Theorie & Praxis
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Besserer Gewichtseinsatz

Die Hälfte der kleinen Stiftungen erwartet für 2017 keine real positiven Renditen. Ihr Bundesverband fordert nun eine Reform des Stiftungsrechts, manche Stiftungen ändern schon mal ihre Anlagestrategie.

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Mithilfe der Aufhebung der bisher gelebten Trennung zwischen der Kapitalanlagen- und der Förderseite erhöhen die Stiftungen quasi ihren „Gewichtseinsatz“, um ihre Stiftungsziele trotz geringerer Zinserträge erreichen zu können.

21.806 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von mehr als 100 Milliarden Euro gibt es in der Bundesrepublik insgesamt, 582 davon wurden 2016 neu errichtet – Deutschland ist eine Nation der Stifter. ­Anders als etwa in Österreich, wo Familien­stiftungen überwiegen, sind hier 95 Prozent der Stiftungen gemeinnützig und engagieren sich im Wohlfahrts-, Bildungs- oder Sozialbereich. An den Ertragsproblemen, die alle institutionellen Anleger plagen, ändert dies aber nichts.


Ertragsklemme
Von den 100 Milliarden Euro Stiftungsvermögen fließen überwiegend die Erträge aus der Kapitalanlage in den jeweiligen Stiftungszweck. Die Tiefzinspolitik der EZB hat also auch hier – volkswirtschaftlich betrachtet – wenig erfreuliche Auswirkungen. Und entkommen können auch die Stiftungen der Notlage kaum – obwohl sie längst nicht so enge Anlagebeschränkungen haben wie andere Großanleger. Wie massiv die Problematik tatsächlich ist, erfuhr man anlässlich der Jahrespressekonferenz des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Am 28. März gab dieser bekannt, dass nur noch zwei Drittel der Stiftungen Renditen oberhalb der prognostizierten Jahresinflationsrate erwarten (siehe Chart). Das ergab eine Befragung des Stiftungs-Panels, für das im Januar und Februar 2017 deutschlandweit Stiftungen zu ihrer Vermögenssituation befragt wurden, wobei sich 255 Stiftungen an der Umfrage beteiligten.


Die Situation ist nicht neu, aber 2015 erwarteten immerhin noch 89 Prozent der befragten Stiftungen real positive Renditen. 2016 sank dieser Wert auf 81,6 Prozent, und nun sind es nur noch 65,1 Prozent, die zumindest hoffen, Erträge jenseits der 1,5-Prozent-Schwelle erzielen zu können. Dabei ist der Kapitalerhalt das gesetzliche Ziel für Stiftungen, wenn es sich nicht um eine Verbrauchsstiftung handelt. Überwiegend wird der nominale Kapitalerhalt gefordert, in einigen Bundesländern jedoch der reale Kapitalerhalt. Noch trister beurteilen kleine und mittlere Stiftungen mit einem Vermögen von weniger als einer Million Euro die Lage.


In dieser Gruppe rechnet nur noch etwa die Hälfte damit, zumindest die Kaufkraft ihres Kapitals erhalten zu können. Da rund 70 Prozent der deutschen Stiftungen über ein Vermögen von maximal einer Million Euro verfügen, heißt dies, dass hier ein flächendeckender Notstand herrscht. „Das Stiftungsmodell wird an seine Grenzen geführt“, bestätigte Ann-Kristin Achleitner, Wirtschaftsprofessorin an der TU München, anlässlich der Pressekonferenz. „Stiftungen sind vom Gesetzgeber angehalten, ihr Stiftungskapital zu erhalten und gleichzeitig mit den erwirtschafteten Erträgen ihren Stiftungszweck zu verfolgen. Beiden Zielen nachzukommen wird insbesondere für kleinere Stiftungen immer schwieriger. Stiftungen werden sich neuen und auch unbequemen Fragen stellen müssen.“


Felix Oldenburg, neuer Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf: „Umso wichtiger wird es daher für Stiftungen, sich ­intensiver mit dem eigenen Vermögensmanagement auseinanderzusetzen und neue Wege bei der Vermögensanlage zu gehen. Die Investition in Sachwerte, die verstärkte Kooperation von Stiftungen untereinander und die breitere Streuung des Vermögens bieten Perspektiven. Es gilt den ganzen Werkzeugkasten des Stiftens in den Blick zu nehmen.“ Die Verantwortlichen glauben allerdings nicht, dass das Problem allein durch geschickte Veranlagung lösbar ist, sie fordern flexiblere gesetzliche Regeln. Der Verband hat hier mehrere Stoßrichtungen: Erstens sollen die Zusammenlegung von Stiftungen sowie die Möglichkeit der Umwandlung in Verbrauchsstiftungen erleichtert werden. Damit, so hofft man, könnten die Ressourcen sonst nicht überlebensfähiger Stiftungen so gebündelt werden, dass es eine Zukunft gibt. Zweitens sollen die Rechte von Stifterinnen und Stiftern gestärkt werden, indem der Stiftungszweck auch zu Lebzeiten des Stifters nachträglich angepasst werden kann. Und drittens spricht sich der Verband für die Etablierung und Optimierung rechtlicher Rahmenbedingungen auf Bundesebene aus. Insbesondere hält man es für erforderlich, das materielle Stiftungsrecht bundes­einheitlich im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) zu regeln. Konkret betrifft das die Grundsätze, wann Satzungsänderungen möglich sind und was in Bezug auf Vermögenserhalt und -bewirtschaftung gilt. Daneben unterstützt der Verband Bestrebungen nach mehr Transparenz im Stiftungssektor durch die Schaffung eines öffentlich einsehbaren Stiftungsregisters. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe der Justiz- und Innenminister überprüft derzeit das Stiftungsrecht und arbeitet Vorschläge aus.


Vermögensseite im Visier
Da nicht absehbar ist, ob beziehungsweise wann die angestrebten Reglementänderungen erwirkt werden können, setzen die Stiftungen auch auf eine geänderte Anlagepolitik. Nicht nur mit ihren Erträgen, sondern auch mit Stiftungskapital selbst versucht man den jeweiligen Stiftungszweck zu unterstützen. Anlässlich des Institutional Money Kongresses in Februar erklärte Gerhard Bissinger, Stifter und erster Vorsitzender der Social Business Stiftung in Hamburg, wie das funktioniert: „Als kleine Stiftung müssen wir unsere Wirkung verstärken. Daher investieren wir mittlerweile 100 Prozent unseres Kapitalstocks in Mission- und Impact-Investing. Dadurch, dass wir auch auf der Kapitalstockseite eine Wirkung erzielen, erreichen wir insgesamt die 30- bis 40-fache Wirkung, als wenn wir nur die Zinseinnahmen für die Förderseite hätten.“ Ziel seiner Stiftung ist es, Menschen, denen die nötigen Mittel fehlen, zu befähigen und zu unterstützen, ihre Kräfte gezielt und koor­diniert dafür einzusetzen, selbstständig ihre Ziele und Bedürfnisse aus eigenem ­Antrieb und eigener Arbeit zu erreichen.


Zeitgemäßeres Management
Wie erfinderisch die Anlagenot zuweilen macht, verdeutlicht Felix Oldenburg auf der Pressekonferenz. Er berichtet von der Deutschen Rockmusik-Stiftung in Hannover, die ungenutzte Gebäude, beispielsweise eine ehemalige öffentliche Friedhofstoilette, als Proberäume umbaut. „Die Stiftung hat das Gebäude umgebaut, von außen poppig bemalen lassen und es dann an junge Musik-Bands als Probenraum vermietet. Somit unterstützt auch die Vermögensseite hervor­ragend den Stiftungszweck“, so Oldenburg.


Neben der Motivation zu solchen fantasievollen, aber dadurch nicht minder sinnvollen Investitionen will der Bundesverband seine Mitglieder dabei unterstützen, ihr Vermögensmanagement zeitgemäßer zu gestalten. Dazu baut er seine Aktivitäten im Bereich der regionalen Vernetzung und mit neuen Partnern im Bereich der nachhaltigen Vermögensanlage aus. Neue Partner sind ­etwa die Ratingagentur im nachhaltigen ­Anlagesegment, oekom research, oder das Consultinghaus für nachhaltige Investitionsstrategien, Center for Social and Sustainable Products (CSSP). Daneben will der Bundesverband durch eine verstärkte juristische Beratung und Kommunikation deutlich intensiver als bisher auf die Herausforderungen im Vermögensmanagement eingehen.

Oldenburg erklärt dazu auf der Pressekonferenz: „Dies heißt konkret: Förderung und Investition, Kapital und Wirkung müssen verstärkt zusammengedacht werden.“   


Anhang:

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