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4/2021 | Theorie & Praxis
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Bereit für Krise 903?

In einer Arbeit epischen Ausmaßes haben zwei Yale-Forscher für einen Zeitraum von 762 Jahren 902 Bankkrisen untersucht. Herausgefunden haben sie nicht nur, welche Arten von Intervention beim ­Abwenden einer Krise erfolgreich waren, sondern auch, worauf es vor allem ankommt: das richtige Timing.

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Der Albtraum jeder Gesellschaft: Panik auf den Straßen, Banken werden gestürmt, die Menschen verlieren ihre Ersparnisse. Wie kommt es zu solch katastrophalen Ereignissen? Eine phänomenale Studie zu dem Thema zeigt nicht nur die Ursachen über einen Zeitraum von 762 Jahren auf, sondern liefert auch Hinweise darauf, wie solche Krisen vermieden werden könnten.

© Yale School of Management, 2015 Everett Collecti

Sie stecken Gesellschaften mitunter über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in den Knochen: Bankkrisen. Grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotos von Menschenmassen, die sich vor Bankfilialen zusammenrotten, sind mitunter mehr als 100 Jahre alt, haben aber von ihrer Wirkung auf den Betrachter nichts verloren. Deutlich weniger lang zurück liegt die große Finanzkrise. Auch damals kam es – wenngleich in geringerem Ausmaß – zu Schlangen vor den Schaltern, weil Kunden fürchteten, ihre Gelder könnten plötzlich nicht mehr verfügbar sein. Die Aktienmärkte brachen ein, Parallelen zu 1929 und seinen Folgen wurden gezogen. Letzten Endes kam es zwar zu schmerzhaften Einschnitten, Pleiten und Folgeerscheinungen wie der Eurozonenkrise, mit der archetypischen Quasi-Apokalypse rund um den Schwarzen Freitag waren die Auswirkungen aber bei Weitem nicht zu vergleichen.


902 Bankenkrisen
Damit drängt sich natürlich die Frage nach dem Unterschied auf. Wieso war die Bankenkrise von 2008/2009 um so viel weniger verheerend als die von 1929? ­Eine neue Studie der Yale-Professoren Andrew Metrick und Paul Schmelzing geht dieser Frage in einer epischen Studie mit dem Titel „Banking-Crisis Inter­ven­­tions, 1257–2019“ nach. Es handelt sich also um einen Beobachtungszeitraum von 762 Jahren. „Wir präsentieren hier ein neues Datenset, das über 138 Länder hinweg 1.886 Bankinterventionen und 902 tatsächlich ausgebrochene Krisen umfasst“, erklärt Metrick. Die Daten haben die Autoren zum Einen aus der bestehenden Literatur, beispielsweise den prominenten Arbeiten von Reinhart und Rogoff, gezogen. Neben diesen 494 Standardkrisen – die Autoren sprechen vom Kanon – haben Metrick und Schmelzing aber auch anhand manueller Auswertungen von Originaldokumenten 408 sogenannte „Kandidatenkrisen“ identifiziert. Das ist eine beachtliche Leistung, die sich auch im Umfang des Papers niederschlägt: 297 Seiten umfasst die Arbeit, wobei die Quellenangaben knapp 250 Seiten ausmachen und sich auf Originaldokumente von Handelskompanien, Banken, Stadtarchiven etc. beziehen. Das Spannende an der Arbeit: Dadurch, dass die Autoren explizit zwischen Krise und Intervention unterscheiden, arbeiten sie heraus, welche Interventionen eine Krise verhindern konnten und welche nicht. Dabei machen Metrick und Schmelzing eine potenzielle Krise am Volumen der jeweiligen Intervention fest, wobei die Summe an die historische Periode angepasst wird. So werden etwa für alle Ereignisse vor 1800 nur solche Interventionen herangezogen, die den Grenzwert von 5.000 Florentinern oder 1.000 Pfund überschritten haben. Ab 1946 beträgt dieses Volumen zumindest 50 Millionen US-Dollar für Industrienationen und 30 Millionen für Schwellenländer. Die jeweiligen Interventionen wurden in sieben Kategorien unterteilt: Bankgarantien, Kreditlinien, Kapitalspritzen, Restrukturierung, Asset Management, neue Regulatorien und Sonstige – zur letzten Kategorie zählen unter anderem verbale Markteingriffe wie Mario Draghis „What­ever it takes“. 


Kandidatenkrisen
Die Autoren räumen proaktiv ein, dass sowohl die monetäre Definition als auch die schwammigeren Abgrenzungen wie „neue Regulatorien“ oder „Sonstige“ Raum für Diskussion bieten – aus diesem Grund nennen sie „ihre“ Krisen auch „Kandidatenkrisen“. Diese werden über besagte Interventionen identifiziert und können – falls sie sich tatsächlich materialisieren – in Bankpleiten, soziale Unruhen, Massenarbeitslosigkeit, massive Aktienturbulenzen oder Ähnliches ausufern. 
Ob man jetzt über Begrifflichkeiten diskutieren will oder nicht, ob die Ergebnisse nach einer ausführlicheren akademischen Diskussion etwas in die eine oder andere Richtung rutschen – der Trend ist jedenfalls klar (siehe Grafik „Bankenkrisen im Verlauf der Jahrhunderte“): Bankenkrisen sind beileibe keine Erfindung des 20. oder 21. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert steigen – vielleicht auch mit der zunehmenden Quantität an historischen Einzeldaten – die Volumina der Interventionen zur Abwendung einer Bankenkrise bereits auf bis zu 20 Prozent des BIP an. Besonders bemerkenswert: Das Phänomen „Too Big to Fail“ war damals wohl noch stärker ausgeprägt als in der Gegenwart, wurden doch zeitweise mit ­einer Handvoll Interventionen bis zu 20 Prozent des Gesamt-BIP bewegt. Ab dem 20. Jahrhundert steigen sowohl das relative Interventionsvolumen als auch die individuellen Markteingriffe massiv an – beeindruckend gestaltet sich dabei der Interventions-Balken während der großen Finanzkrise.


Arten von Intervention
Das bringt uns aber der Frage danach, welche Art von Intervention in der Vergangenheit hilfreich war, und welche nicht, noch keinen Schritt näher. Also haben die Autoren die Interventionen, wie bereits ­erwähnt, in Kategorien unterteilt. Und hier zeigen sich nach einer ersten groben Differenzierung klare historische Trends (siehe Tabelle „Historische Geschmäcker in Sachen Bankintervention“). Anekdotisch inter­essant erscheint, dass das Mittel „Garantien“, das vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine überdurchschnittlich oft ergriffene Maßnahme war, im 21. Jahrhundert eine Renaissance feiert. Bezogen auf die jüngere Vergangenheit meint ein besorgt klingender Co-Autor Metrick, „dass das Krisenproblem vom Volumen her gravierender wird. Speziell seit dem Ende von Bretton Woods lässt sich ein entsprechender Trend erkennen. Über alle drei gesehenen Kategorien hat sich das Volumen im Vergleich zum BIP in nur einem halben Jahrhundert durchschnittlich vervierfacht.“  


Garantien und Injektionen
Unterteilt man die Interventionskategorien weiter (siehe Tabelle „Garantierte Strategie“) und betrachtet die Anzahl der Einzelmaßnahmen – ohne Relation zum BIP –, so bestätigt sich der Trend hin zu Garantien von Spareinlagen. Unter anderem fällt auch auf, dass die Kategorien „Hilfskredite“ und „Regularien“ bis 1945 in ­jedem individuellen Zeitabschnitt mehr als 50 Prozent der ergriffenen Maßnahmen ausmachen. Dieser Anteil ist inzwischen deutlich zurückgegangen und liegt in den vergangenen 50 Jahren bei nur noch 30 Prozent aller Interventionen. „An Bedeutung gewonnen haben hingegen ,direkte Kapitalspritzen‘, die seit 1972 die beliebteste ergriffene Einzelmaßnahme darstellen“, so Schmelzing. 


Panikvermeidung
Mit diesen Daten ausgestattet analysieren die Autoren nun, welche Interventionen möglicherweise hilfreich beim Bekämpfen einer Bankenkrise waren (siehe Grafik „Wann Panik ausbricht – und wann nicht“). Sie nehmen die gut dokumentierten und akademisch mehr oder weniger akzeptierten „Panik“-Daten aus dem erwähnten Krisenkanon und setzen sie in eine monatlich ­skalierte Zeitleiste, in der der Zeitpunkt Null der eines jeweiligen Aktiencrashs ist. 
 
Zum Vergleich stellen sie eine Zeitleiste für alle Interventionen auf, bei denen jedoch eine Panik ausgeblieben ist. Sollte es im ­Panik-Chart und im Non-Panik-Chart zu unterschiedlichen Mustern kommen, hätte man einen Hinweis darauf, welche Interventionen beim Vermeiden einer Krise möglicherweise hilfreich waren – vorausgesetzt, es ergibt sich tatsächlich eine Diskrepanz. Und das tut sie: Im Panik-Chart fällt auf, dass die ersten Maßnahmen erst vier Monate nach dem Aktiencrash gesetzt wurden. Das beliebteste Mittel waren dann Notkredite an Banken, gefolgt von Garantien an die Sparer und/oder Investoren und schließlich Umschichtungen der Assets. 
 
Konnte hingegen Panik vermieden werden, so fanden in fast einem Drittel der Fälle vor oder während des Aktiencrashs Maßnahmen statt. Die Vorab-Restrukturierung des betroffenen Sektors spielt dabei die größte Rolle. Sonstige Maßnahmen wie ­etwa verbale Interventionen fanden selten, aber dann mehr oder weniger zeitgleich mit dem Marktkollaps statt. Nach dem Crash, aber noch vor dem Zeitpunkt, zu dem im Durchschnitt die Panik ausbrach, wurden die Assets der betroffenen Banken umgeschichtet. Das bedeutet in 50 Prozent aller Fälle, in denen es zwar zu krisenhaften Erscheinungen gekommen ist, aber eine Panik vermieden wurden, wurden spätestens zwei Monate vor dem wahrscheinlichsten Panikmoment Maßnahmen ergriffen. Im Non-Panik-Modus kam es auch deutlich seltener und später zur Vergabe von Notkrediten. Kapitalspritzen fanden in beiden Szenarien gleichzeitig statt, im Non-Panik-Ereignis kam es aber rund dreimal so oft zu dieser Art von Intervention. Es scheint auch, dass die Maßnahmen beim Vermeiden einer Panik koordinierter getroffen wurden: Ziehen sich die Interventionen im Panikfall mehr oder weniger gleichmäßig durch den Krisenzeitraum durch, so erfolgen sie im Non-Panik-Modus gedrängt rund um den Crash und dann wieder fokussiert rund um den siebenten Monat nach dem Crash. Das erscheint nicht unplausibel. Ein lange Reihe an möglicherweise unpopulären Markteingriffen verunsichert eine Gesellschaft eher als das punktuelle entschlossene Eingreifen. 
 
Somit die Lehre für Krise 903? ­Timing ist alles. Zumindest fast. Der Rest lautet: Whatever it takes.

Hans Weitmayr

Anhang:

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