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1/2020 | Theorie & Praxis
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In einer umfassenden aktuellen Studie zeigt Invesco, warum Faktorinvestments für immer mehr ­Großanleger zu einem wichtigen Thema werden, dass die praktische Umsetzung dynamischer erfolgen sollte und wie es Investoren bei faktorbasierte Anlagen mit Nachhaltigkeit halten.

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Was treibt Investoren, die Faktor-Strategien einsetzen und welche Faktoren bevorzugen sie? Diese und andere Fragen beschäftigt die Anbieter von faktorbasierten Investmentprodukten – eine umfangreiche Befragung der Anleger dazu führt das US-Investmenthaus Invesco seit 2015 im Jahresabstand durch.

© INVESCO, AFRICA STUDIO | STOCK.ADOBE.COM
Die Volksweisheit, wonach ohne „Fleiß“ kein „Preis“ winkt, gilt auch für die Analyse von Finanzthemen. Daher flossen auch in die mittlerweile vierte Ausgabe der „Invesco Global Factor Inves­-ting Study“ beträchtliche Kosten und ­Mühen. Der US-amerikanische Vermögensverwalter aus Atlanta erhebt daher für sein 72 Seiten starkes Werk den Anspruch, die „umfassendste Studie ihrer Art“ zu sein. Um möglichst tiefe Einblicke in die Handlungs- und Denkweise von Faktoranlegern zu erhalten, wurden für die 2019er-Ausgabe der Studie Gespräche mit 241 institutionellen und Wholesale-Investoren geführt, die bereits Faktoranlagen getätigt haben. In Summe verwalten diese Anleger Gelder in Höhe von mehr als 25 Billionen US-Dollar.
 
Um die Qualität und Objektivität der ­Ergebnisse zu maximieren, betraute Invesco die unabhängige Forschungsgesellschaft NMG mit den Feldarbeiten für die Studie. Dabei wurden anhand eines strukturierten Fragebogens zumeist einstündige Tiefeninterviews mit Vertretern von Pensionsfonds, Versicherern, Staatsinvestoren, Vermögens­beratern und -managern sowie Privatbanken weltweit geführt, die zumindest ein Faktorprodukt in ihrem Portfolio haben und/oder ihre Investitionen anhand von Faktoren überwachen. Im Rahmen der Umfrage wurde der Schwerpunkt auf größere und erfahrenere Faktornutzer aus den Regionen Europa / Naher Osten / Afrika (EMEA), Asien-Pazifik (APAC) und Nordamerika gelegt. 
 
Diese Profianleger scheinen mit ihren eingegangenen Faktor-Engagements gut zu fahren und zufrieden zu sein, wie die Studie zeigt. Sonst würden nicht 69 Prozent der Umfrageteilnehmer kundtun, dass die Performance ihrer Faktorstrategien ihre Erwartungen erfüllt oder ­sogar übertroffen hat. Immerhin 45 Prozent aller befragten Profianleger erhöhten zuletzt ihre Faktorallokationen. 59 Prozent planen, diese in den kommenden drei Jahren auszubauen, wobei vor allem nordamerikanische Investoren aufstocken wollen. „Die Allo­kationen in Faktor-Investing haben weiter zugenommen, und die Intention, dies auch weiterhin zu machen, bleibt groß“, erklärt Studienautor Georg Elsässer, Senior Port­folio Manager Quantitative Strategies bei Invesco. Durch diese Aufstockungen stiegen die durchschnittlichen Allokationen in faktorbasierten Strategien von 2018 bis 2019 (Stichtag: 31. März) in der Kohorte der institutionellen Investoren von 16 auf 18 Prozent und bei den Wholesale-Anlegern sogar von elf auf 14 Prozent. Die dafür ­notwendigen Gelder stammen aus tradi­tionellen, marktkapitalisierungsgewichteten Indexanlagen und von aktiv verwalteten Fonds.
 
Motive für Faktorinvestments
 
Als Gründe für faktorbasiertes Investieren nannten die befragten institutionellen Investoren am häufigsten „Risikoreduzierung“, knapp vor der Hoffnung auf „Renditesteigerung“. Auf Platz drei folgt der Wunsch nach „Kostenreduk­tion“. Der Grund „Kontrolle des Portfolio-Exposures“ liegt nur auf Platz vier. Aber auch Beweggründe wie „Transparenzverbesserung“ oder „Aktive Fondsmanager outperformen“ wurden genannt.
 
Der Beweggrund „Besserer Leistungsvergleich“ spielt derzeit keine tragende Rolle, er belegt etwas abgeschlagen den letzten Platz des Rankings, das der Grafik „Gründe für Faktor-Investing“ zu entnehmen ist. „Die meisten Faktoranleger sind strate­gische Investoren, die Faktorprämien über einen langen Zeitraum ernten wollen. Nur die wenigsten streben kurzfristige Gewinne an“, erläutert Elsässer. 
 
Langsam scheint sich hier aber etwas zu verändern. Vor diesem Hintergrund bevorzugen inzwischen 80 Prozent aller befragten Institutionellen eine aktive Umsetzung von Faktorstrategien. Darunter wird verstanden, dass ein Manager die Faktorstrategie regelmäßig auf Basis diskretionär getroffener Entscheidungen ändern kann. Im Vergleich dazu gibt es eine passive Umsetzung, die auf mehr oder weniger veränderbaren Faktorindizes beruht. „Die Bevorzugung einer aktiven Implementierung ist ein wichtiges Ergebnis der diesjährigen Studie: Immer mehr Investoren glauben, dass die Erträge einer Faktorstrategie zumindest teilweise von einer dynamischen Umsetzung abhängen“, unterstreicht Elsässer. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer in den nächs­ten drei Jahren beabsichtigen, ihre Allokationen in aktiven Faktorstrategien zu erhöhen. Im Vergleich dazu wollen nur 29 Prozent zusätzliche Gelder für passive Faktorstrategien lockermachen.
 
Renditejagd
 
Dieser Trend führt dazu, dass Investoren laut Studie ihre Gelder immer selektiver in die unterschiedlichen Einzelfaktoren allokieren beziehungsweise verstärkt Multi-Faktor-Strategien nutzen. Bewusst werden hier Wetten auf oder gegen Faktoren durch Über- oder Untergewichtungen derselben eingegangen. Die Gründe dafür sind verständlich: Inspiriert durch die guten Kursentwicklungen bei Qualitäts- und Techno­logieaktien in den Jahren 2018 und 2019 ­erhöhten Investoren zuletzt ihr Faktor-Exposure in Stilen wie Momentum, Quality und Low Volatility. Leidtragender war beziehungsweise ist nach rund einer Dekade Underperformance der Faktor Value, der konsequenterweise im Vergleich zu den Vorjahren in den Portfolios an Gewichtung verlor. Sorgen um den Value-Faktor muss man sich aber nicht machen: Denn beachtliche 86 Prozent aller Institutionellen erachten Value als den ihrer Einschätzung nach als sinnvollsten Faktor – trotz der hartnäckigen Underperfomance. Nach Ansicht Elsässers seien diese Umschichtungen weg von Value ein Indiz für „Performance Chasing“, also das (entnervte) Aufgeben einer Investmentstrategie und das Nachjagen bestehender Trends und Renditen. Problematisch ist aber, dass diese neue Dynamik der Grundidee widerspricht, über langjähriges Ex­posure Faktorprämien einzusammeln, die höher als die durchschnittliche Gesamtmarktrendite sind. Das ist aber nicht der einzige relativ neue Trend im Bereich ­Faktor-Investing.
 
ESG gewinnt an Bedeutung 
 
Invesco hat darüber hinaus auch erheben lassen, wie es Faktorinvestoren mit dem Thema Nachhaltigkeit halten. Das Ergebnis zeigt, dass der ESG-Zug auch hier Fahrt aufgenommen hat. Beachtliche 84 Prozent der befragten Institutionellen geben an, bei ihren Faktoranlagen auch ESG-Kriterien zu berücksichtigen – sowohl bei Aktien als auch bei Renten. Dabei sei nach Investoreneinschätzung bei „ESG“ vor allem das „E“, also die Umweltschutzkomponente, am leichtesten mit Faktor-Investing kombinierbar. Das funktioniert besser als beispielsweise bei „S“ (Soziales) und bei „G“ (Governance). Als kaum bis gar nicht inves­tierbar gilt wenig überraschend der Rohstoffbereich.
 
Angst vor Ertragsnachteilen
 
Beim Thema „Nachhaltigkeit“ kann auf die Frage nach möglichen Renditenachteilen nach wie vor nicht verzichtet werden. Invesco wollte von den Investoren wissen, ob ESG ihrer Einschätzung nach zulasten der Rendite geht. 46 Prozent der Institutionellen glauben, dass ein ESG-Ansatz faktorbasierte Investmentstrategien „gut ergänzt“ und damit keine Performance kostet. Lediglich neun Prozent sind auch heute noch der Meinung, dass Faktor- und ESG-Investments einander ausschließen, weil Letztere Performance kosten. Eine neutrale Einschätzung gaben 45 Prozent ab. 
 
Weiters wurde erhoben, ob Anleger ESG als Ertrags- oder als Risikofaktor sehen. Die Antworten fielen gemischt aus. Für 27 Prozent ist ESG ein Risikofaktor, für elf Prozent ein Ertragsfaktor. Die meiste Zustimmung (39 %) gab es für die Antwort „Beides“. 23 Prozent entschieden sich bei dieser Frage für die vorgegebene Antwortmöglichkeit, dass ESG gar „kein Faktor“ sei (siehe Grafik „ESG unter dem Faktoren-Mikroskop“). 
 
Was die Frage betrifft, ob „ESG“ als ­eigenständiger Faktor zu sehen ist, befinden wir uns offenbar noch in einer Phase der Meinungsbildung. Dementsprechend äußerten die Umfrageteilnehmer sehr unterschiedliche Sichtweisen: Für 40 Prozent ist ESG eine „Kombination verschiedenster Stilfaktoren“, für 32 Prozent ist ESG eine Variante des Faktors „Quality“ und nur für 28 Prozent ein eigenständiger Faktor (siehe Grafik „Eine Frage der Zugehörigkeit“). 
 
ESG-Portfolios unter der Lupe
 
Invesco beließ es aber nicht dabei und wollte von jenem Drittel der Investoren, die angaben, ihre nach Nachhaltigkeitskriterien ausgewählten Wertpapiere selbst einer genaueren Faktoranalyse unterzogen zu haben, mehr Details über ihre Erkenntnisse ­erfahren. Von dieser Investorenuntergruppe gaben 70 Prozent an, dass sie bei ihrem ESG-Portfolio positives Quality-Faktor-Exposure haben, also bei Qualitätsaktien übergewichtet sind. Demgegenüber gaben nur vier Prozent an, Qualitätstitel in ihren ESG-Portfolios unterzugewichten. Mit Abstand folgen die Faktoren Momentum (38 %) und Low Volatility (36 %, Mehrfachnennungen möglich). Spiegelbildlich nannten diese Investoren bei ihren ESG-Papieren negatives „Exposure“ und damit Untergewichtungen bei den Faktoren Value (53 %) und Liquidity (37 %). Eine Erklärung dafür könnte sein, dass beispielsweise groß kapitalisierte Lebensmittel- oder Pharmakonzerne Inves­toren als „Quality“-Aktien aufgrund ihrer stabilen Dividendenausschüttungen und schwankungsarmen Kursverläufe als Rentenersatz dienen. Diese hochwertigen Unternehmen verfügen häufiger über eine posi­tive ESG-Einschätzung als beispielsweise die seit Jahren an Kursschwäche leidenden Firmen aus Sektoren wie Automobil, Rohstoffe oder zyklische Industrie, die eher dem Value-Segment zugerechnet und als „alte Industrie“ als weniger nachhaltig erachtet werden.
 
Steigendes Interesse an Renten
 
Nicht nur im Aktienbereich gewinnen Faktorstrategien an Bedeutung. Immer mehr Investoren wollen die Vorteile des Ansatzes auch bei Renten nutzen. Dabei sind es vor allem Akteure, die bereits mit Faktorstrategien bei Aktien (positive) Erfahrungen sammeln konnten. Invesco-Experte Elsässer hält das für einen Trend: „Die Ergebnisse der diesjährigen Befragung signalisieren, dass die Nachfrage nach Faktorstrategien für den Anleihenbereich mit der zunehmenden Erfahrung der Investoren weiter zunehmen wird.“ Verkürzt könnte man sagen: Wer glaubt, dass man mit Faktoransätzen im Aktienbereich gut fährt, unterstellt dies auch für den Bondbereich. Die gemessene Zustimmungsrate stieg von 2018 auf 2019 von 62 auf 70 Prozent. Dabei dürfte auch die Zinslandschaft Renteninvestoren zum Beschreiten neuer Wege und zur Beschäftigung mit Faktoransätzen in diesem Segment motivieren. Die Suche nach Rendite führt dazu, dass 64 Prozent der befragten Investoren den Faktor „Rendite/Carry“ auf Platz eins gehievt haben. Auf den Folgeplätzen rangieren Liquidity, Value und Quality (54 %, 46 % beziehungsweise 42 %). 
 
Kritik der Anleger
 
Die Investoren übten aber auch Kritik. Einerseits vermissen sie eine einheitliche Begrifflichkeit bei Faktoren im Renten­bereich. Darüber hinaus schafft auch die Übernahme der Faktornamen aus dem ­Aktien- in das Anleihenuniversum „Kon­fusionspotenzial“. In der Invesco-Studie wird das anhand der Performance des „Quality“-Faktors beispielhaft angeführt: So werden bei Aktien unter „Quality“ Unternehmen verstanden, die wenig Schulden, stabiles Ertragswachstum und Profitabilität aufweisen. Bei Anleihen weisen „Quality“-Emissionen eine niedrige Volatilität sowie geringe Restlaufzeiten und niedrige Default-Risiken aus. Investoren hinterfragten in den vertiefenden Interviews, ob und inwieweit die mit dem Quality-Faktor beider Anlage­universen gemessene Performance miteinander in Beziehung stünden. Aber auch ­Kritikpunkte wie der hohe Research- und Datenaufwand sowie Schwierigkeiten bei der Preismodellierung aufgrund der mangelnden Börsennotiz vieler Anleihenemissionen sprachen Investoren in den Interviews an. Vielleicht sind das auch die Gründe dafür, dass es auf der Produktseite bei Renten – verglichen mit Aktien – an einer breiteren Angebotspalette mangelt. Rund 90 Prozent der Befragten monierten ein zu ­geringes Produktangebot. Aus der Sicht der Produktanbieter besteht hier also einiger Nachholbedarf – man darf davon ausgehen, dass sich das schon in nächster Zeit ändern wird.
 
Anton Altendorfer 

Anhang:

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