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Steuer & Recht

4/2018 | Steuer & Recht
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Wenn Pfeifen pfeifen

Seit dem Fall GAM ist das Thema Whistleblowing in Europas Investorenszene aufgeschlagen und hat ein Schlaglicht auf mögliche Kollateralschäden geworfen. An der Uni Hamburg hat man genau diese ­unerwünschten Kosten spieltheoretisch untersucht – die Resultate hinterlassen einen schalen Beigeschmack.

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Wer ist der Whistleblower? Dass sich interne Aufdecker in der Regel bedeckt halten, liegt in der Natur der Sache und ist bei legitimen ­Meldungen auch nachzuvollziehen. Allzu blauäugig sollte man das Phänomen aber nicht betrachten.

© uni hamburg, freshidea | stock.adobe.com

Das Phänomen des Whistleblowings ist sicherlich eines, das hoch emotional besetzt ist. Prominent geworden ist es im politischen Bereich: Bekannte Pro­ponenten wie Julian Assange, Edward Snowden oder Chelsea Manning werden von den einen als Helden gefeiert, von den anderen als Verräter verachtet und entsprechend verfolgt. Auch in der Wirtschaft wurde das Phänomen das ­eine oder andere Mal diskutiert – allerdings eher unter dem Motto: Was wäre wenn? Also: Hätte man Skandale wie vor einiger Zeit ­Enron oder – eher gegenwärtig – VWs Dieselgate verhindern können? Beziehungsweise hätte man die Kos­ten, die aus den jeweiligen Fehlverhalten entstanden sind, redu­zieren können, wenn ein Whistleblower die Umstände früher angeprangert hätte? Die Fragen beschäftigen nicht nur Wirtschaftstreibende, sondern auch die politischen Entscheidungsträger, wie eine Umfrage der EU-Kommission mit teils überraschenden Ergebnissen (siehe Chart) zeigt.

Für Investoren war das Thema bislang eher von der Portfolioseite her relevant. Spätestens seit den ­Turbulenzen rund um das Schweizer Finanzhaus GAM hat die Finanz­szene aber ein eigenes, hausgemachtes Whistleblower-Event.

Der Fall GAM

Wir erinnern uns: Im Juli dieses Jahres wurde bekannt, dass GAM seinen Starportfoliomanager für Absolute-Return-Bond-Strategien, Tim Haywood, suspendiert hat. Die Schweizer Fondsgesellschaft begründete diesen Schritt damals dahingehend, dass es offenbar Unregelmäßigkeiten bei „Teilen seines Risikomanagementverfahrens sowie seiner Dokumentationspflichten in gewissen Fällen“ gegeben habe. Der Asset Manager betonte aber paradoxerweise, dass er keine Bedenken bezüglich der Ehrlichkeit Haywoods habe. Außerdem habe GAM keine Nachteile für Kunden feststellen können. Trotzdem würden die internen Untersu­chun­gen weiter laufen, auch die Aufsichtsbehörden würden informiert. Haywood verantwortete als Investment Director den Geschäftsbereich für Absolute-Return-Bond-Strategien mit uneingeschränktem Anlage­ansatz. Das damit einhergehende Geschäft wurde damals auf ein Volumen von umgerechnet rund 9,5 Milliarden Euro geschätzt. Als die Nachricht bekannt wurde, begannen die Anleger in Scharen das Weite zu suchen. Das hatte zur Folge, dass die Strategie insgesamt liquidiert wurde. Auf Anfrage von ­Institutional Money erklärte GAM, dass per 26. September bei den in Luxemburg domizilierten Fonds bereits eine zweite Zahlung vorgenommen wurde, die zwischen sechs und acht Prozent des Fondsvermögens liegt. Das bringt die Gesamtquote nach der ersten und zweiten Zahlung auf 82 bis 86 Prozent. „Weitere Fondsvermögen werden über die kommenden Monate, abhängig von den Marktbedingungen, liquidiert und die Barmittel anschließend ausbezahlt“, heißt es in der einschlägigen Stellungnahme. Bei den in Irland domizilierten Fonds wurde am 28. September eine zweite Ausschüttung vorgenommen; hierbei handelt es sich laut GAM um einen Prozentsatz von vier bis acht Prozent des Fondsvermögens, was je nach Fonds zu einer Gesamtquote von 82 bis 91 Prozent führt.

Doch damit nicht genug: CEO Alexander Friedman musste infolge des Skandals seinen Hut nehmen, die Aktie geriet unter schweren Druck und am Ende auch noch in das Visier von Leerverkäufern.

Wie später bekannt wurde, hat den Skandal ein Whistleblower ausgelöst. Demnach soll es sich um ­einen Kollegen gehandelt haben, mit dem Haywood zunächst gut zusammengearbeitet hätte, mit dem es in der Folge jedoch ein Zerwürfnis gegeben hätte. Besagter Kollege meldete seine Bedenken an Haywoods Gebaren zunächst intern und wandte sich in weiterer Folge an die zuständigen Behörden – dann nahmen die Ereignisse ihren Lauf.

Spieltheorie

Inzwischen ist es zu Diskussionen gekommen, ob die von GAM gezogenen Konsequenzen nicht übertrieben waren. Auch wurden die Motive des Whistleblowers kontrovers diskutiert. Die Frage, die im Raum steht: Rechtfertigen die entstandenen Kosten eigentlich die Erfüllung von Compliance-Vorschriften, die möglicherweise weit über das Ziel hinausschießen?

Eine Beantwortung dieser Fragen ist schwierig, weil emotional. Umso wichtiger erscheint es, wenn sich die per se neutrale Forschung des Themas annimmt und das Phänomen Whistle­blowing analysiert. Am Puls der Zeit erscheint in diesem Zusammenhang zunächst die Arbeit „The Hidden Costs of Whistleblowing Protection“ des an der Universität Hamburg wirkenden Niklas Wallmeier. Von der gleichen Universität stammen Gerd Mühlheußer und Lydia Mechtenberg. Sie haben gemeinsam mit Andreas Roider, der an der Uni­versität Regensburg tätig ist, das CESifo-Working-­Paper „Whistle­blower Protection: Theory and Experimental Evidence“ verfasst. Beiden Arbeiten ist gemein, dass sie sich in einschlägigen Versuchsanordnungen der Spieltheorie bedienen.

Ziel ist es zum Ersten, Szenarien zu finden, unter denen die effizientesten Rahmenbedingungen für Whistleblowing konstruiert werden. Die EU-Kommission wird hoffentlich zur Leserschaft dieser Arbeiten gehören, will sie doch ein Regelwerk zum Schutz von Whistleblowern schnüren.

Zum Zweiten wurde, wie der Titel der Wallmeier-Arbeit verrät, untersucht, welche versteckten Kosten Whistleblowing verursacht. Dass Forschung in diesem Bereich wichtig ist, steht für Mühlheußer jedenfalls außer Frage. Das zeigen „bereits bestehende Studien der Association of Certified Fraud Examiners, aus denen hervorgeht, dass betrügerisches Verhalten Kosten verursacht, die bei fünf Prozent des jährlichen Umsatzes liegen. Rechnet man das global hoch, so entstehen weltweit jährlich Schäden von bis zu 3,7 Billionen US-Dollar“, so Mühl­heußer. Gäbe es keine Whistleblower, würde der überwiegende Teil der aufgedeckten Betrügereien im Dunkeln bleiben, denn „in 81 Prozent der aufgedeckten Fälle war ­zumindest ein Insider an der Aufklärung ­beteiligt“, so der Forscher.

Doch wie setzt man Rahmenbedingungen für Whistleblower am besten auf? Wann sind Mitarbeiter am ehesten bereit, Missstände im eigenen Unternehmen aufzu­decken? Und: Wie verhindert man, dass Whistleblowing selbst betrügerisch oder ille­gitim zum Begleichen offener Rech­nungen eingesetzt wird?

Nachgegangen wurde diesen Fragen, indem man im Fall der CESifo-Studie 600 Personen spieltheoretischen Szenarien aussetzte. Kleinere Echtgeldsummen wurden verwendet, um den Schaden oder Nutzen bestimmter Entscheidungen zu simulieren. Das Team von Mühlheußer spielte dabei vier Szenarien durch. Als Vergleichssetting wurde vorgegeben, dass Whistleblower über keine Art von Schutz verfügen. Im zweiten Szenario wird Schutz sehr leicht zugänglich. Um solchen zu erlangen, reicht es aus, einen entsprechenden Bericht abzuschicken. Es handelt sich also um verdachtsbasierte Rahmenbedingungen – der Whistleblower verfügt über starken Schutz.

In Szenario drei wird der Whistleblower nur dann geschützt, wenn ein Verdacht ausgesprochen wird und es zu einer Untersuchung kommt. Ein Erfolg der Untersuchung wird aber nicht vorausgesetzt. Das Szenario lässt sich als modifiziert verdachtsbasiertes Szenario umschreiben.

In der vierten Testanordnung erhält die anzeigende Partei nur dann Schutz, wenn die Vorgaben der ersten drei Szenarien erfüllt sind, die Untersuchung aber auch tatsächlich ein Fehlverhalten der angezeigten Partei aufdeckt – es handelt sich also um ein faktenbasiertes Regime.

Alle Szenarien umfassen vier Teilnehmer: den arbeitgebenden Manager, den Arbeitnehmer, den Prüfer und einen unbeteiligten Dritten, der die finanziellen Folgen für das allfällige betrügerische Verhalten seitens des Managers zu tragen hat. Die Arbeitnehmer unterteilen sich in überdurchschnittlich produktive und unterdurchschnittlich produk­tive Mitarbeiter.
In diversen Szenarien finden nun unterschiedliche Belohnungsrunden statt. So erhält beispielsweise der Manager eine Belohnung, wenn er betrügerisch handelt und nicht ­ertappt wird. Der Prüfer erhält einen finanzielle Kompensation, wenn er eine Unter­suchung erfolgreich abschließt. Negativ für den Manager ist wiederum, wenn er betrügt und dabei ertappt wird, oder einen produktiven Mitarbeiter feuert. Zu Abzügen kommt es für den Prüfer, wenn er einem betrügerischen Whistleblower aufsitzt, also ermittelt, obwohl es kein Fehlverhalten seitens des Managements gibt. Auf der anderen Seite gibt es für den Staatsanwalt Abzüge, wenn er ein tatsächliches Fehlverhalten trotz Anzeige nicht untersucht. Die Angestellten werden für Anzeigen ebenfalls entschädigt. Auf diese Weise kann ein Underperformer seinen schwächeren Bezug durch eine Anzeige de facto upgraden. Hinzu kommen Informa­tionsflüsse, in denen die Probanden mehr oder weniger über die Aktionen der anderen Teilnehmer informiert werden.

Außer Spesen …

Mühlheußer argumentiert, dass dieses Setting eine Ergänzung zu empirischen ­Untersuchungen darstellt, weil die Re- und Interaktionen der Beteiligten ungefiltert ­beobachtet und analysiert werden können. „In der Realität treten im Nachhinein nur die Fälle zutage, die öffentlich gemacht wurden. Wir wissen nicht, was passiert, wenn ein Betrugsfall nicht aufgedeckt wird.“ Gleichzeitig räumt er auch Beschränkungen des Modells ein: So würden „Whistleblower – wenn überhaupt – natürlich nicht im Moment der Anzeige belohnt werden. Gewissensfragen, die in der Realwirtschaft oft ein Auslöser für das Auf­decken von Unregelmäßigkeiten darstellen, können auch nicht simuliert werden.“

Um die Ergebnisse zu evaluieren, wurden diese mit theoretischen Prognosen verglichen. Die Resultate sind bemerkenswert: So führt das verdachtsbasierte Regime, in dem der Whistleblower sehr starken Schutz genießt, zu mehr betrügerischen Anzeigen, als prognostiziert wurde. Die betrügerischen ­Anzeigen führen wiederum zu mehr substanzlosen Untersuchungen seitens des Prüfers, der in der Folge zögerlicher ermittelt. Das Resultat: Gegenüber einem Regime, in dem der Whistleblower keinen Schutz erhält, bleibt die Zahl der aufgedeckten Betrugsfälle bei starkem Schutz de facto gleich. Das bedeutet, die Kosten für ein verdachtsbasiertes Whistleblower-System, in dem es reicht, ­einen entsprechenden Bericht einzureichen, verpuffen ergebnislos.

Underperformer pfeifen öfter

Ebenfalls bedenklich: Weniger produktive Angestellte melden bei starkem Schutz öfter ein Fehlverhalten als hochproduktive. Das würde kein Problem darstellen, wenn sich das nur auf die legitimen Fälle bezöge. Problematischerweise melden aber weniger produktive Angestellte doppelt so oft ein nicht bestehendes Fehlverhalten wie produktive. Hinzu kommt, dass auch legitimes Whistleblowing laut der Wallmeier-Studie zu Kosten führt. In einem spieltheoretischen Set, das ähnlich gelagert ist wie das seiner Kollegen, kommt er zu dem Schluss, dass „belohntes und anonymes Whistleblowing tatsächlich ehrliches Melden von Betrug ­erhöht“. Allerdings nimmt auch das betrügerische Whistleblowing zu. „Damit kommt es zu reduzierter Kooperationsbereitschaft des Managements mit den Angestellten“ und damit verbunden zu effizienzbedingten höheren Kosten für das Unternehmen.

Schließt man nun den Bogen zum GAM-Fall, so könnte man auf den ersten Blick meinen, dass hier eigentlich alles perfekt gelaufen ist. Die Anzeige des Whistleblowers hat zu einer erfolgreichen Untersuchung ­geführt. Wir würden uns also sogar im effizienteren, faktenbasierten Szenario befinden. Zu hinterfragen ist jedoch, ob die dahinter stehenden Regularien nicht so gestaltet sind, dass sie de facto auf ein verdachtsbasiertes Regelwerk hinauslaufen, jeder Verdacht also de facto zu einem Schutz des Whistle­blowers führt und somit das interne Denunziationsverhalten durch weniger produktive Mitarbeiter gefördert wird. Somit steht auch die Frage im Raum, ob die global angewendeten Compliance-Ansichten inzwischen nicht in manchen Punkten überzogen sind. Die EU-Kommission wird sich beim Entwurf ihres Whistleblower-Regelwerks genau diese Frage zu stellen haben.   

Hans Weitmayr


Anhang:

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