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4/2018 | Steuer & Recht
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Unflexibler Korridor

Die deutsche Bundesregierung hat der neuen Formel zur Berechnung der Zinszusatzreserve ­zugestimmt. Aktuell werden damit die Lebensversicherer entlastet, aber sobald es zu einem etwas ­stärkeren Zinsanstieg kommt, könnten neue Probleme auftreten.

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Mit der neuen Berechnungsformel für die ZZR wird der Nachlaufeffekt der extrem niedrigen Zinsen verringert; sprich: die Formel wird entschärft. Steigen die Zinsen allerdings etwas stärker, könnte diese Erleichterung auch zum Nachteil werden.

© heistermann Cons; GMF

Die Versicherungsbranche atmet auf, weil die Bundesregierung der Neuregelung der Zinszusatzreserve (ZZR) zugestimmt hat. Die entsprechende „Verordnung zur Änderung der Deckungsrückstellungs-Verordnung und Pensionsfonds-Aufsichtsverordnung“ vom 10. 10. 2018 wurde in der Ausgabe des Bundesgesetzblattes vom 22. 10. 2018 veröffentlicht. „Den Effekt spüren die Versicherer bereits 2018, denn er wird zum 31. 12. 2018 bilanzwirksam“, erklärt Bernd Heistermann vom Aktuariat HeistermannConsulting.

Hätte eng werden können

Entsprechend erleichtert sind die betroffenen Unternehmen: „Sie müssen nun 14 Milliarden Euro weniger Rückstellungen für die abgegebenen Ga­rantien stellen als nach der bisherigen ­Me­thode. Das bedeutet weniger Stress für die Versicherungsunternehmen“, so die ­Ratingagentur Assekurata. Zuletzt mussten sie ­wegen des rapiden Zinsverfalls immer ­höhere Summen für die 2011 eingeführte Zinszusatzreserve (ZZR) aufwenden. Allein im letzten Jahr waren es rund 20 Milliarden Euro, die aufgebracht werden mussten, ­sodass der Gesamtbetrag dieses Puffers mittlerweile bei 60 Milliarden Euro liegt. Hätte die Versicherungswirtschaft auch in diesem Jahr die hohen Rückstellungen nach der ­bisherigen Formel stemmen müssen, hätte es sein können, dass es für den einen oder anderen Versicherer eng geworden ­wäre. Nicht für diejenigen, die schon länger Asset Liability Management betreiben – also viele langlaufende Papiere im Portfolio halten –, aber für viele andere.

2011, als die ZZR erstmals eingeführt wurde, hatte man eine Formel eingesetzt, die damals praktikabel schien. Dort floss ein zehnjähriger Durchschnitt als Referenzzinssatz ein. Nachdem die Zinsen in den Folgejahren jedoch stärker fielen, als man sich das bei Einführung der ZZR vorstellen konnte, stieg der Aufwand für die Versicherer in einer Größenordnung, die von den Aufsichtsbehörden eigentlich nicht beabsichtigt war. Durch den Nachlaufeffekt der Durchschnittsbildung hätte auch in Zeiten wieder steigender Zinsen die ZZR noch erheblich weiter erhöht müssen, was dann bei gleichzeitig sinkenden stillen Reserven auf Zinspapiere zu großem Stress geführt hätte. Da aber viele Marktteilnehmer davon ausgehen, dass wir mittlerweile den Tiefpunkt der Zinsen durchschritten haben und eine weitere Bildung von ZZR in großem Ausmaß vor diesem Hintergrund nicht mehr zielführend erscheint, wollte die Branche die Formel dringend abändern, was nun geschehen ist. Die neue Formel („Korridormethode“) entschärft die bisherige Berechnungsmethode, das heißt, aktuell muss weniger ZZR gestellt werden. Es stellt sich aber die Frage, ob die Reform für die Zukunft genügend Flexibilität zulässt, wenn man über den heutigen Tag hinausblickt.

Genügend Flexibilität?

Was nämlich ein Vorteil bei der Bildung der ZZR zum heutigen Zeitpunkt ist, wird bei deren Auflösung zu einem Nachteil. „Denn genauso, wie eine ZZR gestellt werden musste, als die Zinsen fielen, ist die Rückstellung auch wieder aufzulösen, wenn die Zinsen steigen. Aber nicht nur die Bildung der ZZR verläuft nach der Korridormethode ­gedämpft, sondern auch deren Auflösung“, erklärt Heistermann, und das kann unangenehme Folgen haben. Zinsen können auch einmal kräftig ansteigen (wie etwa 1994). Falls es zu einem plötzlichen Zinsanstieg kommen sollte, können die Versicherungsunternehmen ihre Reserve mit der neuen Berechnungsmethode nicht mehr so schnell auflösen, wie es nach der alten Regel möglich gewesen wäre. Über einen längeren Zinsanstieg hinweg können sie natürlich die gesamte ZZR auflösen, aber eben nur langsamer.

Das könnte vor allem für jene Versicherungsunternehmen problematisch werden, die sich erst seit Kurzem mit lang laufenden Papieren eingedeckt haben, etwa weil sie dies erst aufgrund der Einführung von Solvency II 2016 taten – also auf einem sehr niedrigen Renditeniveau. Solvency II belohnt die Versicherungsunternehmern, wenn die Duration ihres Anlageportfolios mit der ihrer Verbindlichkeiten gematcht ist. Wenn ein Haus aber seine Langläufer erst vor Kurzem gekauft hat, haben sich darauf noch keine stillen Reserven gebildet. Sollten die Zinsen scharf ansteigen, geraten diese Papiere unter Wasser, insbesondere wenn diese Anleihen gegebenenfalls auch noch von Downgrades bedroht sind.

Aber nicht nur die direkten Effekte aus dem Zinsanstieg wären unangenehm. Hinzu kommt das Stornorisiko, das in den letzten Jahren für die Versicherungsunternehmen kaum mehr eine Gefahr darstellte, aber mit einem Zinsanstieg wiederaufleben könnte.

Stornorisiko wieder ein Thema

Bislang war es für Versicherungskunden günstig, an ihrem alten Vertrag mit hoher Garantiezusage festzuhalten, denn die Zinsen am Markt waren oft geringer als der Garantiezins. Falls es aber zu einem starken Zinsanstieg kommen sollte, ist dies nicht mehr so. Dann könnten Versicherungsmakler ihren Kunden, die keine Risiken mehr abdecken müssen, empfehlen, ihre Police aufzulösen und stattdessen marktnäher an den höheren Marktzinsen zu partizipieren, beispielsweise mit einem Kurzläufer-Rentenfonds. Gleichzeitig hätte das Versicherungsunternehmen jedoch stille Lasten auf den lang laufenden Rentenpapieren.

Sollten viele Kunden von ihrem Stornorecht Gebrauch machen, ist die Versicherungsgesellschaft womöglich gezwungen, die Verluste aus den langlaufenden Bonds zu realisieren, um den abgehenden Kunden den Rückkaufswert ihrer Versicherungen ausbezahlen zu können, der auf der Grundlage versicherungsmathematischer Berechnungen unabhängig von Kapitalmarktentwicklungen ermittelt wird. Die außerordentlichen Verluste würden dann auf den Ertrag drücken und könnten dazu führen, dass die Erträge aus dem laufenden Jahr eben doch nicht ausreichen, um die Garantien zu bedecken – und das trotz gestiegener Zinsen!

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass die Versicherer in diesem Fall auf den Puffer der Zinszusatzreserve zurückgreifen könnten, der dann noch vorhanden ist. Das wird aber zumindest nicht ohne Weiteres gehen, denn die ZZR wird zwar für abgehende Verträge frei, aber der Puffer für weiterbestehende Verträge wird nun langsamer als bisher aufgelöst, das heißt, diese Reserven sind dann eventuell nicht verfügbar.

Die Logik der ZZR ist nicht für schnell steigende und fallende Zinsen ausgelegt, sondern nur für langsame Bewegungen. „Die Grundidee der Zinszusatzreserve ist vernünftig, aber im Nachhinein betrachtet war die Umsetzung unglücklich“, sagt der Kapitalanlageverantwortliche einer Versicherung, der nicht genannt werden möchte. Er vergleicht die ZZR mit einer Lebensmittelreserve, die ein Landwirtschaftsminister für den Fall einer Dürre hat anlegen lassen. Nun kommt aber keine Dürre, sondern eine Überschwemmung, zerstört die Ernte, und die Bevölkerung will an die Lebensmittelreserve. Diese müsste dann aber erst vom Dürre-Notfall auf den Flut-Notfall umgewidmet werden, und das braucht sowohl Zeit als auch die Einsicht des Gesetzgebers.

Versicherungsunternehmen könnten sich mit dem Gedanken beruhigen, dass sie neben Rentenpapieren weitere Assetklassen im Portfolio halten, da sie in letzter Zeit ihr Anlageuniversum teilweise beträchtlich ausgeweitet haben. Die Hoffnung wäre, dass die anderen Assetklassen vom Effekt steigender Zinsen nicht oder nur wenig betroffen wären. Ob diese Überlegung aufgeht, ist zumindest zweifelhaft. Schließlich sind Aktien nicht zuletzt deswegen so stark gestiegen, weil die Renditen bei den Zinspapieren so un­attraktiv waren. Sollten die Zinsen steigen, könnte dies daher nicht nur das Bondportfolio unter Wasser drücken, sondern auch zu einem Rückgang der Aktienbewertungen führen.

Nicht viel anders sieht es auf der Immobilienseite aus. Auch hier stieg die relative Attraktivität der Mietrendite, als die Zinsen so stark gefallen waren. Hinzu kommt, dass Investoren die niedrigen Zinsen genutzt und Fremdmittel aufgenommen haben, um so die Renditen ihrer Immobilien weiter zu pushen. So wurden Immobilienkäufe möglich, die sich andernfalls nicht gerechnet hätten, und auch das führte zu steigenden Immobilienbewertungen. Wenn die Zinsen aber steigen, kann mit etwas Zeitverzug auch der Preis für die Fremdfinanzierung steigen, was zu fallenden Gesamtrenditen bei Immobilien führen würde und weiteren Druck auf die Preise am Immo­bilienmarkt auslösen könnte.

Am Ende könnte es so sein, dass Versicherungsunternehmen im Fall ­eines starken Zinsanstiegs nur wenige Assetklassen zur Verfügung stehen, die sie gern verkaufen würden, weil kaum eine ­Assetklasse mehr stille Reserven aufweist.

Aktivseite: Wenig Puffer

„Die stillen Reserven waren vor zwei Jahren am höchsten, die guten Papiere laufen peu à peu aus, und das Zinsniveau hat sich stabilisiert“, weiß Heistermann. Vermutlich werden sie in diesem Fall gern auf ihre ZZR-Reserven zurückgreifen. Aber die Auflösung der ZZR erfolgt nach der Korridormethode nur noch gedämpft. Außer stillen Reserven stehen Versicherern auf der Aktivseite nicht viele Puffer ­zur Verfügung, eventuell noch Bewertungsspielräume bei den Spezialfonds. „Mehr Puffer haben Versicherer auf der Passivseite, beispielsweise in der Deckungsrückstellung gebildete Reserven aus der Biometrie oder der Kos­tenkalkulation oder die freie RfB beziehungsweise den Schlussüberschuss-Topf“, so Heistermann. Aber da kommen die Versicherer nicht ohne Weiteres dran, bloß weil der Zins steigt.

Am Ende ist die neue Formel also vielleicht doch nicht so günstig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Allerdings hängt das von der künftigen Zinsentwicklung ab.

Anke Dembowski


Auflösen der Zinszusatzreserve

Trotz aller Diskussionen um die richtige Berechnungsformel: Die ZZR soll keine dauerhafte Einrichtung sein.

Wenn das Zinsniveau am Bondmarkt wieder ausreicht, um den Garantiezins zu erfüllen, wird die ZZR aufgelöst. Hier stellt sich die Frage, wem die Erträge aus der Auflösung zufließen. „Die ZZR wird einzelvertraglich berechnet und ist Teil der Deckungsrückstellung. Sie wird in der GuV als Aufwand zur Erhöhung der Deckungsrückstellung verbucht. Eine Auflösung der ZZR würde mit diesem Aufwand verrechnet“, erklärt ein Sprecher der BaFin. Dabei käme die ZZR vollständig den Versicherungsnehmern zugute. Zwar wird der Aufbau der ZZR einzelvertraglich berechnet, je nachdem, wie hoch der Garantiezins des einzelnen Vertrags und wie lang die angenommene Restlaufzeit ist. Aber bei der ZZR handelt es sich um einen großen kollektiven Rückstellungstopf. Bei Auflösung wird der steigende Ertrag daher nicht dem Einzelvertrag zugewiesen, sondern erhöht erst mal das Überschusspotenzial im Versicherungskollektiv beziehungsweise den einzelnen Tarifgenerationen. „Die Auflösungsgewinne gehen dann in den Verteilungsmechanismus 90:10 zwischen den Versicherten und den Aktionären. Die Aktionäre haben vorher auch die Reserve mit aufgebaut“, erklärt Heistermann. Daher ist es nicht zwingend so, dass diejenigen Versicherungsnehmer, die in der Vergangenheit besonders kräftig am Aufbau der ZZR mitgewirkt haben, auch besonders kräftig an deren Auflösung partizipieren. Wenn ein Versicherungsnehmer seinen Vertrag frühzeitig storniert oder der Vertrag fällig wird, bekommt er über die Überschussbeteiligung womöglich nur noch einen Teil der von ihm mit aufgebauten ZZR ausbezahlt. Das entspricht aber der kollektiven Sichtweise, die bei Versicherungen üblich ist.


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