Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:

Artikel Filter

Erweiterte Suche

Steuer & Recht

1/2020 | Steuer & Recht
twitterlinkedInXING

Stärkung der Widerstandskraft

Seit der Finanzkrise beschäftigt die im Anschluss gestartete Regulierungsoffensive die Bankenwelt, und ein Ende ist dabei nicht abzusehen. Das Basel-IV-Paket fordert jetzt weitere Anpassungen der Branche in vielen Bereichen.

1585639317_banken.jpg

Seit der Finanzkrise des Jahres 2008 wird daran gearbeitet, das Bankensystem widerstandsfähiger gegen wirtschaftliche Turbulenzen zu machen. Dabei geht es vor allem auch darum, staatliche Rettungsmaßnahmen in Zukunft unnötig zu machen. Die Banken sollen auch Krisen aus eigener Kraft überwinden können.

© BERT BOSTELMANN | BILDFOLIO, MOTORTION | STOCK.A
Dass die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank, aber auch jene der Societé Générale ab dem Start der Turbulenzen infolge der Coronavirus­krise deutlich stärker an Boden verloren als der DAX oder der Euro Stoxx 50, ist ein klares Hinweis darauf, dass die Marktteilnehmer bezüglich der Banken nach wie vor kein gutes Gefühl haben. Auch elf Jahre nach dem Ende der Finanzkrise bleiben die Kreditinstitute Sorgenkinder der europäischen Wirtschafts- und Geldpolitik. Und das obwohl der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) schon unmittelbar nach den wegen der ­Finanzkrise notwendig gewordenen Bankenrettungsaktionen mit ­Basel III zügig ein Regulierungspaket zu schnüren begann, das zunächst den Zähler der aufsichtsrechtlichen Eigenkapitalquote im Fokus hatte: Er forderte mehr Eigen­kapital und eine höhere Liquidität der Eigen­mittel. „Die Übergangsfristen waren verhältnismäßig großzügig, um den Banken Zeit zu geben, die Auswirkungen von Basel III zu kalkulieren, das Eigenkapital zu stärken und ihre Gesamtbanksteuerung ent­sprechend anzupassen. So etwas geht nicht über Nacht“, weiß Matthias Henke, Rechts­anwalt und Partner bei KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH.
 
Basel IV
 
Nun nimmt der Regulator mit Basel IV den Nenner in den Fokus: die Bewertung der Risiken. Dabei geht es um die Bemessung der Risikopositionen der Bank im Kreditbereich, also Marktpreisrisiken, Kontrahenten- und operationelle Risiken. „Dabei lässt der Regulator all seine Erfahrung mit einfließen, denn aus der Aufsichtspraxis heraus ergeben sich weitere Erkenntnisse. Es handelt sich bei der Bankenregulierung um eine extrem komplexe Steuerung“, meint Henke.
 
Der Basler Ausschuss baute alles mit ein und präsentierte seine Überarbeitung von Basel III am 7. Dezember 2017 als „Basel III: Finalising postcrisis reforms“. Weil ­viele Akteure diese Weiterentwicklung als gravierend ansehen, wird hier oft von ­„Basel IV“ gesprochen, wobei dies nicht der offizielle Wortlaut ist. 
 
Auch hier lassen die Regulatoren den Banken durch Übergangsfristen zwar Zeit für Anpassungen, aber die Regulierungsstufen folgen eine nach der anderen. Zeit zum Verschnaufen bleibt da nicht.
 
Während das Basel-Rahmenwerk ein inter­nationaler Standard ist, besteht die ­Umsetzung auf EU-Ebene bisher aus der Capital Requirements Directive IV (CRD IV) und der Capital Requirements Regulation (CRR), die beide am 1. Januar 2014 in Kraft getreten sind. Auch auf europäischer Ebene geht es Schlag auf Schlag: „Die neue europäische Bankenregulierung wurde im April 2019 verabschiedet“, erklärt Thomas Linke. „Dabei wurde die CRD von Nummer vier auf Nummer fünf angehoben, und die CRR von Nummer I auf Nummer II.“ 
Linke berät mit seinem Unternehmen Subsidium Consulting kleine bis mittelgroße Regionalkreditinstitute bei der Veranlagung ihrer Eigenmittel und hilft auch Asset Managern bei der Anpassung an die neue Regulierung. 
 
Näher ans Standardmodell
 
„Einer wichtiger Aspekt von Basel IV ist, dass man im Kreditbereich versucht, in Richtung Standardansatz zu gehen“, erklärt Michael Bentlage, Vorsitzender des Vorstands der Hauck & Aufhäuser Privatbankiers in Frankfurt. 
 
Um die individuellen Eigenmittelerfor­dernisse berechnen zu können, gab man den Banken mit Basel III ein Standardmodell an die Hand, das sie verwenden sollten. Alternativ stellte man ihnen frei, interne Modelle zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die ­Risiken und die daraus resultierenden Eigenmittelerfordernisse individueller berechnen lassen.
 
Verdoppelte Rentabilität
 
„Die großen Häuser konnten sich die Entwicklung interner Modelle eher leisten als die kleinen. Sie wollten dadurch eine Optimierung ihrer regulatorischen Eigenmittelerfordernisse herbeiführen“, beobachtet Bentlage. Mit einer Bilanzsumme von sechs Milliarden Euro siedelt er sein Haus in der Mitte zwischen großer und kleiner Bank an. Diejenigen Häuser, die ein internes Modell verwenden, können ihre Risiken im Regelfall deutlich geringer bewerten, teilweise um über 50 Prozent. „Dabei gibt es zwischen dem Kreditrisiko einer Großbank und dem einer kleineren Bank, sofern sie das gleiche Kreditgeschäft betreiben, nicht so gravierende Unterschiede“, findet Bentlage. „Und bei einer Differenz von 50 Prozent bei der Risikobewertung verdoppelt sich ihre Rentabilität“, führt er vor Augen, was für ­eine erhebliche Rolle das angewandte Modell bei der Profitabilität spielt.
 
Der Aufsicht ist das nicht verborgen geblieben, sodass interne Modelle dem Regulator mittlerweile ein Dorn im Auge sind. Zumindest zieht er mit Basel IV eine Grenze für die Abweichung vom Standard- zum internen Modell ein (Output Floor). Los geht es damit 2022. Ab dann darf die Differenz maximal nur noch 50 Prozent betragen. Der Output Floor steigt dann in Fünfprozentschritten, sodass interne Modelle spätestens im Januar 2027 auf einen Wert von mindestens 72,5 Prozent des Wertes kommen müssen, den auch das Standardmodell errechnen würde. Den Banken wird also viel Zeit gegeben, um sich schrittweise den neuen Anforderungen zu nähern. ­BaFin-Präsident Felix Hufeld erinnert die Banken in seinen Vorträgen regelmäßig da­ran, dass sie diese Zeit auch nutzen sollten. „Wir halten die Angleichung der Modelle für einen guten Ansatz. So wird ein Stück weit Waffengleichheit zwischen großen und kleinen Häusern hergestellt“, meint Bent­lage. Er kann in diesem Punkt entspannt sein, denn sein Haus ist auf die Vermögensverwaltung und weniger aufs Kreditgeschäft fokussiert, sodass ihn diese Basel-IV-Anforderung wenig tangiert.
 
Staatsanleihen teurer
 
Auch der ungehinderten Investition in Staatsanleihen schiebt Basel IV – zumindest indirekt – einen Riegel vor. „Über den Stresstest wird durch die Hintertür auch für Staatsanleihen eine Kapitalunterlegung eingeführt“, meint Bentlage, und Linke ergänzt: „Bisher ist nämlich nicht für jede Posi­tion auf der Aktivseite eine Hinterlegung mit Eigenkapital erforderlich. Tatsächlich mutet es skur­ril an, dass z. B. für griechische Staatsanleihen eine Kapi­tal­anforderung von null gilt. Hier setzt künftig die neue risikoinsensitive Leverage Ratio an.“
 
Durch diese Anpassung will der Regulator Klumpenrisiken zumindest eindämmen. In vielen bankeigenen Depots stecken nämlich Klumpenrisiken in Form von heimischen oder anderen Staatsanleihen. Bekannt ist beispielsweise, dass französische Banken viele Türkei-Anleihen in ihren Depots hatten und die italienischen Banken aufgrund des üblichen Home Bias überproportional viele italienische Staatsanleihen. Will man vermeiden, dass beispielsweise das italienische Bankensystem zusammenbricht, wenn Italiens Bonität zurückgestuft wird, muss man eigentlich auch für Staatsanleihen eine Kapitalhinterlegung fordern.
 
Look-Through
 
Auch auf das Depot-A-Geschäft hat Basel IV Auswirkungen, insbesondere was den Einsatz von Investmentfonds betrifft. Hier gibt es künftig drei Stufen: Die erste und beste Stufe ist, dass es volle Durchsicht gibt. „In dem Fall kann die Bank die Positionen im Fonds so behandeln, als wären sie im eigenen Buch. Auch eine Berechnung durch Dritte bleibt dabei zulässig, wenn dem ­Institut entsprechende Daten zur Verfü­­gung gestellt werden“, erklärt Linke. Ohne Daten­grundlage gilt ein 20-prozentiger Zuschlag für das Risikogewicht, wenn nicht die Bank selbst, sondern der Asset Manager die Solvabilitätszahlen berechnet.
 
„Wenn der Asset Manager keine volle Durchsicht gewährt, gibt es als Zweites den mandatsbasierten Ansatz“, fährt Linke fort. „Hier wird von den höchsten Grenzen für die jeweiligen Risikoassetklassen ausgegangen, die laut Fondsprospekt zulässig sind.“ Da die Grenzen im Prospekt üblicherweise weit gehalten werden, führt dies zu hohen Eigenmittelanforderungen für die etwas weniger transparenten Fonds.
 
Als Drittes gibt es nicht in der EU zugelassene Fonds, die kaum Informationen preisgeben. „Wenn eine Bank die einzelnen Holdings gar nicht identifizieren kann, muss sie die Fondsposition zu 100 Prozent mit Eigenmitteln hinterlegen – das ist das 12,5-Fache vom bisherigen Wert“, erklärt Linke und vergleicht: „Das Schlimmste, was bisher passieren konnte, ist, dass man mögliche Ausfälle mit der ursprünglichen Basel-I-Quote, also zu acht Prozent, mit Eigenmitteln hinterlegen muss.“ Hier kommt es also künftig zu dramatischen Änderungen.
„Das bedeutet, dass man am Look-Through nicht mehr vorbeikommt“, resümiert Linke, und Bentlage stimmt ihm zu: „Künftig ­benötigen wir bei allen Fondsprodukten, die wir ins Depot A nehmen, volle Durchsicht und Transparenz. Das wird wirklich zu einem K.o.-Kriterium.“
 
Für Asset Manager bedeutet dies, dass sie Know-how und Reporting-Möglichkeiten speziell für Banken vorhalten müssen, wenn sie Depot-A-Manager zu ihren Kunden ­zählen wollen. Dabei werden insbesondere Umfang und Frequenz der Informationen, die Asset Manager liefern müssen, erhöht.
 
Der Regulator zwingt die Banken mehr und mehr, sich selbst mit den eingegan­genen Risiken auseinanderzusetzen und diese Aufgabe nicht an Dritte auszulagern. „Unter anderem zielen ja auch die MaRisk-Regelungen bereits in diese Richtung“, ­erklärt Linke. Ohne entsprechende Servi­cierung durch den Asset Manager stellt sich die ­Frage, ob sich der komplexe Aufwand lohnt, den eine Bank betreiben muss, wenn sie ihrem Depot A eine kleine Exoten­position beimischen möchte. Schließlich muss auch der Neuproduktprozess immer lückenloser erfolgen. „Support und Vertriebskonzept müssen stimmen, sonst werden Banken das eine oder andere Investment wohl künftig einfach nicht mehr tätigen“, schätzt Linke die Situation ein.
 
Fristenanpassung
 
Basel IV adressiert auch die Fris­tigkeit in den Bankbilanzen. Um die kurzfristige Liquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR), die sich auf die Liquidität innerhalb von 30 Tagen bezieht, hatte man sich bereits unmittelbar nach der Finanzkrise mit Basel III gekümmert. Hintergrund war, dass sich in der Lehman Krise ­gezeigt hat, dass Banken in Krisenzeiten kaum Zugang zu kurzfristigen Krediten hatten. Die ­Risiken, die sich aus einer solchen Liquiditätsklemme ergeben, will man künftig beschränken. 
 
„Die LCR bleibt unverändert“, weiß Linke und erklärt, dass der Regulator mit Basel IV jetzt auch die längerfristige Liquidität der Banken ins Visier nimmt. Mithilfe der Net Stable Funding Ratio (NSFR) will er dafür sorgen, dass die Bilanzstruktur von der ­Fris­tigkeit her besser passt. „Die Fristen der Refinanzierung müssen an die Fristen im Anlageportfolio angepasst werden. Dadurch wird die Möglichkeit der Banken zur Fris­tentransformation eingeschränkt, und das wird sowohl Auswirkungen auf die Depot-A-Struktur als auch auf die Refinanzie­rungsstruktur haben“, verweist Linke auf die Folgen.
 
Die Beobachtungsphase für die strukturelle Liquiditätsquote läuft bereits seit 2011, und ab 28. Juni 2021, zwei Jahre nach Inkrafttreten der CRR II, wird die neue Quote verbindlich. „Wenn ich eine 100-jährige österreichische Anleihe im Depot A habe, muss ich diese künftig auch langfristig ­finanzieren“, so Linke. „Im Prinzip kennt das jeder Kaufmann als goldene Bilanz­regel. Bisher konnten Banken zum Teil Fris­tentransformation in erheblichem Ausmaß betreiben.“
 
Am Proportionalitätsprinzip, auf das insbesondere die Häuser aus dem Sparkassenbereich und dem Volks- und Raiffeisen­verbund pochen, will man weiter festhalten. Schließlich waren es eher große Häuser, die das Finanzsystem 2008 zum Wanken brachten. Entsprechend hat man im November 2014 die 120 größten Bankhäuser der Eurozone unter EZB-Aufsicht gestellt, während die anderen unter ihrer jeweiligen nationalen Aufsicht verbleiben durften. Die EZB kann von den von ihr überwachten Banken Kapitalzuschläge verlangen, die über den allgemein geforderten acht Prozent liegen.
 
Trotzdem sehen sich die kleinen Häuser einem besonderen Druck ausgesetzt. „Es ist vor allem die Vielzahl und der Detaillierungsgrad der aufsichtlichen Regelungen, die kleinen und mittleren Instituten Probleme bereiten. Regulierungs- und Aufsichtskosten sind – abgesehen von Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen – fixe Kosten, die naturgemäß große Banken weniger belasten. Kleine Banken haben hier grö­ßere Herausforderungen, damit zurechtzukommen“, erklärt Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Er fordert eine stärkere Beachtung des Proportionalitätsprinzips: „Volksbanken und Raiffeisenbanken ­gehören zu den am besten kapitalisierten Banken. Daher setzen wir uns als BVR in Brüssel und gegenüber der Aufsicht für eine differenziertere, sprich proportionale Regulierung ein, die zur jeweiligen Institutsgröße und zum Risikoprofil der Bank passt.“
 
Bentlage hält die Anwendung des Proportionalitätsprinzips für richtig: „Es könnte gern noch ausgeprägter sein. Für die klei­neren Banken stellen die neuen Eigenmittel- und Reporting-Anforderungen eine überproportionale Belastung dar. Sie müssen den Intellekt und die Systeme vorhalten wie die großen Häuser, und das ist schwierig. Wir haben mittlerweile 700 Mitarbeiter, da können wir auch einige für das Reporting und die Erfüllung der Regulatorik abstellen. Das sind zwar Zusatzkosten, aber für ein mittelgroßes Haus wie uns sind sie tragbar.“
 
Testamente
 
Auch das Sterben von Banken wird geregelt. Hier ist der Regulator darauf bedacht, dass nicht am Ende der Staat das Ausfallrisiko tragen muss. Entsprechend sollen die Gläubiger angemessen an der Haftung einer Bank, die abgewickelt werden muss, beteiligt werden. Zwar ist die ­Europäische Banken-Abwicklungsrichtlinie (RL 2014/59/EU oder Bank Recovery and Resolution Directive, BRRD) bereits am 1. Januar 2015 in Kraft getreten, den Banken wurde aber eine Übergangszeit von acht Jahren gewährt, um die Finanzmittel für den einheitlichen Abwicklungsfonds aufzubringen. Sollte nämlich eine Bank, die unter EZB-Aufsicht steht, notleidend werden, kann die EZB ihre Abwicklung fordern. Die Kosten dafür werden aus dem eigens dafür ­eingerichteten Abwicklungsfonds gedeckt, den die Banken selbst bis 2024 mit einer Summe von 55 Milliarden Euro ausstatten müssen. 
 
Zwar wird immer wieder bezweifelt, ob diese Summe ausreicht, wenn es eine Großbank erwischt, aber eine Verbesserung gegenüber der ­vorherigen Situation ist es allemal. Neben der Bereitstellung von Finanzmitteln sind die Banken aufgefordert, ein „Testament“ zu schreiben. Darin sind Prozesse zu beschreiben, die im Fall einer Abwicklung des Instituts ­Anwendung finden sollen.
 
„Ich glaube schon, dass das Bankensystem mit der jetzigen und erst recht der künf­tigen Regulierung erheblich widerstandsfähiger ist, als es noch vor zehn Jahren war“, meint Bentlage, „aber die ­Banken sind untereinander trotzdem enorm verflochten. Sollte eine ganz große Adresse umfallen, hätte das schon noch Auswirkungen auf alle Banken.“
 
Die erhöhten Eigenkapitalvorschriften bleiben nicht ohne Auswirkungen. Die Euro­päische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) hat im Sommer 2019 die vorläufigen Ergeb­nisse ihrer Auswirkungsstudie zur Basler Reform veröffentlicht und einen zusätzlichen Kapitalbedarf für europäische Banken von 135 Milliarden Euro bis 2027 festgestellt. „Tatsächlich dürfte der zusätzliche Kapitalbedarf noch deutlich höher liegen“, meint Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes. So habe die Studie weder alle aufsichtlichen Komponenten noch die zusätzlichen aufsichtlichen Kapitalempfehlungen berücksichtigt. 
Der Verband hat beim Beratungsunternehmen Copenhagen Economics eine eigene Studie in Auftrag gegeben, die auf einen zusätzlichen Eigenkapitalbedarf für europäische Banken von rund 400 bis 500 Milliarden Euro kam. „Die Ergebnisse bestätigen unsere Befürchtungen“, so Ossig. 
 
Weil aufgrund der höheren Eigenkapitalkosten die Banken ihre Konditionen anheben, würden die Kapitalkosten für Unternehmen steigen. Copenhagen Economics errechnete daraus einen Rückgang des ­Bruttoinlandsprodukts in der Europäischen Union um 0,4 Prozent. „Die Auswirkungen der Basler Regeln auf die Realwirtschaft sind eklatant. Die Politik muss in der ­Umsetzung auf europäischer Ebene darauf achten, einen wirtschaftlichen Einbruch zu vermeiden“, fordert Ossig.
 
Lachende Dritte
 
Es gibt auch eine Kehrseite der Medaille, denn während die Banken ihre Bilanzen unter den neuen regulatorischen Anforderungen verkürzen, gibt es lachende Dritte. „Die Kreditvergabe der Banken sinkt zunehmend. Sie machen bereits heute spürbar ­weniger Neugeschäft bei Immobiliendar­lehen als noch im ersten Halbjahr 2019. Man merkt deutlich, dass Basel IV unterwegs ist und die Banken die Basel-IV-Eigenkapitalmodellierungen in ihre Modelle einpflegen“, beobachtet Lahcen Knapp, CEO von Empira. Das Haus gehört zu den großen Debt-Investoren in Euro­pa. „Wir haben im letzten Jahr über drei Milliarden Euro Immobilienkredite ausgereicht“, erklärt Knapp. Über seine Investmentvehikel wandern die Kredite in die Portfolios institutioneller Investoren aus Deutschland und Österreich. 
 
„Der Regulator möchte Risiken aus dem systemrelevanten Bankensektor auslagern. Alternative Finanzierungsgeber investieren im Namen von Versorgungseinrichtungen und damit letztlich die Sparguthaben normaler Bürger“, erklärt Knapp. 
 
Entsprechend sieht er goldene Zeiten auf das Geschäftsmodell der Immobilienkreditfonds zukommen.
 
Anke Dembowski 

Umbau einer Branche

Der Bankensektor erfährt derzeit Druck aus drei Richtungen, die im Prinzip drei Megatrends darstellen: Digitalisierung, Niedrigzins und Regulatorik. Banken müssen daher ihre Geschäftsmodelle anpassen.

Derzeit ist das Gesamtumfeld für Banken kein leichtes. Letztlich weht ihnen nicht nur von der regulatorischen Seite ein schärferer Wind ins Gesicht; auch die niedrigen Zinsen drücken auf ihre Reputation und auf die Margen. Das bringt insbesondere die Banken in Deutschland in Bedrängnis, denn sie haben aufgrund der hohen Bankendichte weniger Preissetzungsmacht als Banken in anderen Ländern. Fusionen sind die Folge. „Die Gründe für Fusionen sind institutsindividuell und vielfältig, aber sicher nicht mangelndes Eigenkapital. Wesentliche  Einflussfaktoren für Fusionen sind neben dem lang anhaltenden von der EZB veranlassten Niedrigzinsniveau und einem mit der Digitalisierung geänderten Kundenverhalten insbesondere die aus der sehr kleinteilig gewordenen Bankenregulierung entstehenden Belastungen“, erklärt Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR).

Hinzu kommt die Konkurrenz der Tech-Giganten wie Google oder Facebook. „Man braucht sich hier nur Alibaba anzusehen, die in China schon viel stärker in den Finanzsektor eingedrungen sind als Google hierzulande“, beobachtet Michael Bentlage, Vorsitzender des Vorstands der Hauck & Aufhäuser Privatbankiers. Die digitalen Player setzen diejenigen Banken, die zu sehr auf herkömmliche Bankmodelle oder reinen Zahlungsverkehr abstellen, unter Druck. Dieser kommt sowohl von innovativen FinTechs wie Wirecard, die international tätig sind, als auch von den Tech-Giganten, die sehr tiefe Taschen für neue Entwicklungen haben.

Geschäftsmodelle überarbeiten

Entsprechend müssen Banken ihre Geschäftsmodelle überarbeiten. Sie tun sich dabei in vielerlei Hinsicht schwer mit Innovationen, wobei als Gründe neben der zunehmenden Regulierung oft auch eine veraltete, nur unter massiven Komplikationen und Kosten anzupassende IT-Infrastruktur genannt wird. „Unabhängig von der Regulierung, die sie  demnächst erfahren werden, müssen sich etablierte Finanzinstitute an die neuen Erwartunge  von Konsumenten und Geschäftskunden anpassen – die wiederum auch von Tech-Firmen geprägt werden, die zunehmend klassische Bankendienstleistungen anbieten“, meint Dr. Ella Rabener, Partner & Managing Director bei BCG Digital Ventures. Sie berät dort für den Venture-Capital-Bereich von Boston Consulting Group Start-ups im Finanzsektor. „Sonst werden sie von den großen Technologiehäusern oder aber schnell wachsenden, innovativen und agilen FinTech-Unternehmen überholt. Letztere kommen übrigens mit der straffen Bankenregulierung vergleichsweise gut zurecht, da sie ihre Bankgeschäfte neu aufbauen und keine über Jahrzehnte gewachsenen Systeme mit großem Aufwand umrüsten oder ersetzen müssen.“

Auf diesen Druck müssen Banken reagieren und eher proaktiv als reaktiv unterwegs sein. Gut sichtbar wurde das beispielsweise bei den digitalen Bezahlsystemen: Nachdem die deutschen Banken viele Jahre nach der Einführung von Paypal endlich mit PayDirekt ein eigenes digitales Zahlungssystem auf die Beine gestellt haben, sehen die Kunden wenig Gründe, künftig auf das erprobte und international verbreitete PayPal zu verzichten und stattdessen PayDirekt zu verwenden. Vorn mit dabei sein heißt also die Devise.

Auf dem Spielfeld der automatisierten Vermögensverwaltung hat Hauck & Aufhäuser beispielsweise reagiert und seine Beteiligung am Robo-Advisor Easyfolio abgestoßen. „Wir haben mit ZeedIn eine eigene digitale Vermögensverwaltung gebaut. Das ist heute ein Muss.  Es geht darum, dem Kunden eine Convenience zu bieten. Der will auf seinem Handy jederzeit sein Konto sehen und im Zweifel auch darüber abschließen. Wer das nicht bieten kann, hat schlicht den Anschluss verpasst“, meint Bentlage.

Profitabilität, quo vadis?

Allerdings ist das ein schmaler Grat, denn das Gemisch aus niedrigen Zinsen, Konkurrenz von Tech-Firmen und regulatorisch erhöhten Kapitalanforderungen macht das Bankgeschäft weniger rentabel. „Wenn ich mir den deutschen Markt ansehe, ist der Return on Equity der Banken niedrig einstellig. Kein Industrieunternehmen kann und will mit einer derart geringen Profitabilität dauerhaft leben“, beobachtet Bentlage. Besserung ist nicht in Sicht, da Basel IV dafür sorgt, dass die Produkte, in die Banken investieren, mit mehr Eigenkapital zu unterlegen sind, was de facto gegen die Profitabilität geht.

Insgesamt sorgt das gesamte Umfeld für eine weitere Konsolidierung des Bankenmarktes, denn „den gestiegenen regulatorischen Anforderungen können Sie nur mit Größe begegnen“, so Bentlage. Innovationen gehen auch schon mal mit Pfiffigkeit und Mut. Sein Geschäftsmodell hält er im neuen Regulierungsumfeld allerdings für zukunftsträchtig. Ähnlich wie Metzler und  Berenberg hat sich auch Hauck & Aufhäuser stärker auf die Vermögensverwaltung als auf Darlehensgeschäfte ausgerichtet. „Etwa 90 Prozent unseres Gewinns stammen aus Provisionseinnahmen und nur rund zehn Prozent aus Zinsen“, erklärt Bentlage. „Bei einer Volksbank oder Sparkasse dürfte das eher andersherum sein.“ Es wird sich hier also noch einiges tun, denn eine ganze Branche baut sich nicht von heute auf morgen um.


Anhang:

twitterlinkedInXING
 Schliessen

Mit der Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies und unserer Datenschutzerklärung zu. Mehr erfahren