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Steuer & Recht

4/2016 | Steuer & Recht
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Schnittstellen-Probleme

Beispiele für nationale Pension-Tracking-Systeme gibt es nur im Ausland, und die Versuche für ­grenzüberschreitendes „Pension Tracking“ stecken noch in den Kinderschuhen. Doch mit Initiativen wie „Find your Pension“ und TTYPE ist ein Anfang gemacht.

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Ohne Normierungen und Standards hätte es keine Industrialisierung, wie wir sie heute kennen, gegeben – es wird Zeit, dass dies auch bei Altersvorsorgeprodukten passiert.

Von allen Seiten werden die Bürger aufgefordert, mehr fürs Alter vorzusorgen. Sie sollen möglichst alle drei Säulen der Altersvorsorge bedienen – gesetzlich, betrieblich und privat – und außerdem ist es erklärtes Ziel der Politik, die betriebliche Altersversorgung (bAV) auf eine breitere Basis zu stellen, wie auch der aktuelle Entwurf für das geplante Betriebsrentenstärkungsgesetz in Deutschland zeigt. Gleichzeitig ist es ein (gewünschter) Trend, dass berufliche Lebensläufe vielseitiger werden: Heutzutage arbeiten die meisten Arbeitnehmer im Lauf ihres Berufslebens bei verschiedenen Arbeitnehmern, zum Teil auch im Ausland. Abwechslungsreiche Arbeitshistorien machen es jedoch für Bürger schwer, den Überblick darüber zu behalten, von welchen Stellen und wie viel ihnen insgesamt im ­Alter einmal an Rentengeldern zustehen wird. Aber ohne Überblick ist es kaum möglich, gezielt seine Altersvorsorge aufzubauen und dort zu ergänzen, wo noch Bedarf ist.

Laut einer repräsentativen Allensbach-Umfrage vom Sommer 2015 können gerade einmal 29 Prozent der Bundesbürger „ungefähr beziffern“, wie hoch ihr Alterseinkommen einmal sein wird – knapp zwei Drittel wissen es nicht.

Um diesem Dilemma zu begegnen, gibt es mittlerweile verschie­dene Initiativen, deren Ziel es ist, den Bürgern eine zusammenfassende Rentenmitteilung anzubieten. „Im Ausland gibt es bereits gute Beispiele, die funktionieren“, weiß Claudia Wegner-Wahnschaffe. Sie ist Leiterin des Referats für internationale Angelegenheiten und Verbandsarbeit bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) und Projektleiterin von „Find Your Pension“. Sie verweist auf entsprechende nationale Web-Trackingservices, die Rentenwertinformationen für mehrere Einrichtungen und Säulen anbieten. Diese gibt es beispielsweise in Norwegen, Schweden, Dänemark und neuerdings auch in den Niederlanden und Belgien.

In Deutschland hätte man eine solche Rentenzusammenfassung für die Bürger auch gern, und der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) fordert sie seit mehreren Jahren. „Die Branche setzt sich für die Einführung einer säulenübergreifenden Online-Renteninformation ein, die Verbrauchern regel­mäßig Aufschluss über ihre zu erwartenden Alterseinkünfte aus gesetzlicher Rente sowie betrieblicher und privater Altersvor­sorge gibt“, erklärt ein GDV-Pressesprecher. GDV-Präsident Alexander Erdland schreibt in einer Pressemitteilung: „Sinnvoll wäre der Aufbau einer Onlineplattform, auf der jeder via PC, Tablet oder Smartphone den aktuellen Stand seines Altersvorsorgekontos ablesen kann.“ PS auf die Straße gebracht hat diese Initiative allerdings bislang nicht.

Im Grunde ist man froh, dass immerhin die Deutsche Rentenversicherung, also die erste Säule, seit Einführung der Riester-Rente im Jahr 2002 jährliche Renteninformationen an ihre Mitglieder verschickt. Darin werden die Bürger über ihre derzeit zu erhaltende Höhe der Regelaltersrente und die Höhe der vollen ­Erwerbsminderungsrente informiert. Außerdem steht darin, welche Regelaltersrente ein Versicherter mit Eintritt in die Rente beziehen könnte, wenn er im gleichen Maße Beiträge einzahlt, wie dies in den letzten fünf Jahren durchschnittlich geschehen ist. Über ihre Ansprüche aus der zweiten und dritten Säule werden die Kunden zwar ebenfalls regelmäßig informiert, eine Gesamtübersicht gibt es jedoch nicht.

Der Entwurf für das deutsche Betriebsrentenstärkungsgesetz greift das Thema allerdings auf. Darin steht, dass die gesetzlichen Rentenversicherungsträger auch über die anderen Säulen informieren sollen und dass geprüft wird, wie eine säulenübergreifende Renteninformation aussehen könnte.

Banken sind weiter
Als Hindernis für eine säulen-übergreifende Information in Deutschland wird bisher gern der Datenschutz genannt, wobei es immer ein trauriges Schauspiel ist, wenn Bürger vor ihren eigenen Daten, die ihnen eine echte Hilfe sein könnten, geschützt werden sollen. Die Banken in Deutschland sind da schon weiter – offenbar konnten sie die Datenschutzhürden meistern.

Erst im Oktober schrieb die Onlinebank Comdirect ihre Kunden an, dass sie – ohne Aufpreis – eine kon­solidierte Darstellung aller Spar-, Giro- und Depotkonten erstellt, auch über jene bei anderen deutschen Banken oder Sparkassen. Die Handy-App der ING Diba bietet diesen Service schon länger, ebenso Programme wie StarMoney oder verschiedene Brokerpools.
„Die Darstellung der Konto- und Depotstände bei Banken ist einfacher als die Darstellung künftiger ­Renten“, meint Wegner-Wahnschaffe und erklärt: „Bei Renten sind Sie gezwungen, bestimmte Annahmen zu treffen und Hochrechnungen anzustellen, während bei den Banken-Apps lediglich Status-quo-Bestände konsolidiert werden.“ Sie meint allerdings, dass sich das Datenschutzproblem auch im Pensionbereich lösen lassen müsste, wenn der Kunde unterschreibt, dass er sich mit der Konsolidierung seiner Daten einverstanden erklärt.

Offenbar besteht das Problem eher in der Frage, wer die Kosten für einen solchen nationalen Pension-Tracking-Service trägt und wer gewillt ist, über Jahrzehnte die Verantwortung dafür zu übernehmen. Soll es eine Aufgabe des Ministeriums sein, müsste eine gesetzliche Regelung her. Soll es eine Aufgabe der Versicherer und Pensionsanbieter sein, bräuchte man einen tragfähigen Branchenkonsens mit einer festen Kostenzusage – offenbar hapert es daran. In jedem Fall wären einheitliche Darstellungsformate und IT-Schnittstellen notwendig.

Europaweit für Forscher
Mit „Find your Pension“ (FYP) gibt es bereits eine europaweite Initiative für ein Personal Pension Management, allerdings nur für die Berufsgruppe der Wissenschaftler und andere Angestellte von Forschungseinrichtungen und Universitäten. Deren ­Projektleiterin Claudia Wegner-Wahnschaffe erklärt, wie es dazu kam: „Diese Berufsgruppe ist besonders mobil und arbeitet oft nur wenige Jahre an einem bestimmten Forschungsprojekt in einer Einrichtung. Mit den Diskussionen über RESAVER, die vor rund acht Jahren begannen, setzten sich die Hochschulrektoren-Konferenz und andere Akteure im Wissenschaftsbereich mit verschiedenen Einrichtungen zusammen. Unter anderem sind wir als Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) gefragt worden, wie wir zu einer Beseitigung von ­Mobilitätshindernissen im Bereich der ­Altersversorgung beitragen könnten.“

Hilfreich war, dass die VBL mit dem Euro­päischen Verband EAPSPI (European ­Association of Public Sector Pension Institutions) und der European Social Insurance Platform (ESIP) über gute Beziehungen zu Versorgungseinrichtungen in anderen europäischen Ländern verfügt und dass der VBL Themen wie grenzüberschreitende Übertragung, Kapitaldeckung und Information ausländischer Mitglieder geläufig sind. „Dies brachte uns auf die Idee, gemeinsam mit ­anderen ein Renteninformationsportal aufzubauen“, erklärt Wegner-Wahnschaffe.


Informationsportal
Im Sommer 2011 ging sie daran, mit ihrem mittlerweile fünfköpfigen Team ein umfangreiches Inform­ationssystem aufzubauen, das seit September 2012 unter www.
findyourpen­sion.eu life geschaltet ist. Auf einer Karte können ­Interessierte jeweils die Adresse von rund 500 Forschungseinrichtungen anklicken und dort den Ansprechpartner für internationale Forscher erfahren. Außerdem sind die jeweils zuständigen Versorgungseinrichtungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter aufgeführt (z. B. Deutsche Rentenversicherung, VBL etc.), und es wird erklärt, wie das System der ersten und zweiten Säule im jeweiligen Land funktioniert, ob es Wartezeiten gibt, wer die Beiträge zahlt und wie sich die Renten grundsätzlich berechnen. Sogar die Rentenformeln sind hinterlegt. „Wir bieten die Informationen auf Englisch an, weil die ausländischen Wissenschaftler oft die Versicherungsmeldungen und die Papiere vom Arbeitgeber nicht verstehen. Die von den Renteneinrichtungen verwendeten Begriffe sind oft sehr spezielle Fachbegriffe“, erklärt Wegner-Wahnschaffe. Unterscheidungen zwischen Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsrente oder zwischen Vested und Non-Ves­ted Benefits sind schließlich nicht trivial. Wichtig ist daher auch, dass ein- und derselbe Sachverhalt immer mit demselben Wort übersetzt wird. Insofern sorgt das Portal auch für eine gewisse Standardisierung.

Mit 51 Versorgungseinrichtungen in derzeit 19 Ländern ist mit „Find your Pension“ eine Informationsplattform entstanden, die es den Mitarbeitern zu verstehen ermöglicht, welche Ansprüche wie entstehen. „Da wir ein Netzwerk mit zuverlässigen Zulieferern aufgebaut haben, werden all die ­Daten up to date gehalten; beispielsweise passen wir Beitragsbemessungsgrenzen und gesetzliche Änderungen regelmäßig an“, ist Wegner-Wahnschaffe stolz auf die Aktualität des Portals.

Seit Sommer 2016 können die Nutzer in einem persönlichen Bereich ihre eigene Karriere- und Rentenbiografie erstellen und sich unter „My Pension Summary“ die Summe ihrer persönlichen Rentenansprüche aufzeigen lassen (siehe Screenshot). Der Trick: Die Arbeitnehmer können ihre Daten selbst speichern, nachdem ihnen durch Beispielstatements erläutert wird, welche Beträge für sie relevant sind. An dieser Stelle werden die Schnittstellen für ein Tracking mit „echten“ Daten“ geschaffen.

Ohne Fördermittel ist der Aufbau einer solchen Plattform schwierig. Bei „Find your Pension“ betrug das Förderbudget für die ersten sechs Jahre knapp 500.000 Euro. ­Förderer ist das Bundesministerium für ­Forschung, was auch erklärt, warum das System zunächst nur für Wissenschaftler aufgebaut wird.

Europäisches Projekt
Die Europäische Kommission plant ein ähnliches Konzept für alle Bürger in Europa. Das Projekt „Track and Trace Your Pension in Europe“ (TTYPE) startete im Juni 2013, und die Machbarkeitsstudie wurde im Juni 2016 abgeschlossen. Bald soll das Umsetzungsprojekt dazu starten. Im Januar 2016 haben FYP und TTYPE eine Partnerschaftsvereinbarung unterzeichnet. „Wir werden zusammen an der Ausschreibung teilnehmen“, berichtet Wegner-Wahnschaffe.

Immerhin geht es bei dem Projekt um so wichtige Ziele wie den offenen Arbeitsmarkt in der EU. Im Report der Kommission „Einrichtung eines EU-weiten Pen­sions- und Rentenaufzeichnungsdienstes“ vom März 2015 heißt es: „Für mobile Arbeitnehmer/-innen, die in verschiedenen Ländern gearbeitet haben, ist die Heraus­forderung, ihre Leistungen und Ansprüche nachzuvollziehen, sogar noch größer. Wenn sie nicht in Kontakt zu ihren Altersvorsorgeanbietern geblieben sind, kann es sich später als schwierig erweisen, die Anbieter zurückzuverfolgen (Sprachbarriere, Namensänderung, Fusionen usw.). Die Europäische Kommission sieht darin ein Hemmnis für einen offenen Arbeitsmarkt.“
Der Vorteil, dass es sich um ein Projekt der EU-Kommission handelt, ist, dass es mit EU-Mitteln ­gefördert wird. Außerdem würden mit dem Projekt TTYPE die Weichen für ein grenzüberschreitendes Pensionsinformationssystem mit der Art und Weise der Darstellung, den IT-Schnittstellen etc. gestellt.

Die Altersvorsorgeanbieter werden vermutlich demnächst aufgefordert, sich auf ein einheitliches Datenausgangsformat und einheitliche Schnittstellen zu einigen. Angesichts steigender Digitalisierung sind einheitliche Datenformate ohne­hin ein Thema, und es gibt mehrere ­Initiativen dazu. Eine davon ist BiPRO, ein Brancheninstitut zur Schaffung von Normen für die Optimierung unternehmensübergreifender elektronischer Geschäftsprozesse. Hier werden beispielsweise Projekte wie „Bestandsprozesse Lebensversicherung und Private Krankenversicherung“, „Marktprozesse zur Schadenbearbeitung“ (MSB) oder die Normung des papierlosen Dokumentenaustauschs zwischen Maklern und Versicherungsunternehmen in Angriff genommen. Auch die vermehrt aufkommenden Insur-Techs werden auf solche Normen zugreifen wollen und könnten auch bei der Lösungsfindung hilfreich sein.

RESAVER geht noch weiter
Die EU-Kommission meint es offenbar ernst mit der Förderung von grenzüberschreitendem mobilem Arbeiten. Während Initiativen wie TTYPE und „Find your Pension“ in erster Linie Pensionsinforma­tionsportale sind, hat die Kommission mit RESAVER (Retirement Savings Vehicle for European Research Institutions) im Juli 2016 ein grenzüberschreitendes Pensions­vehikel live geschaltet. Dieser paneuropäische Pensionsplan für Wissenschaftler und andere Angestellte von Forschungsinstituten ist das erste multinationale Pensionsvehikel und soll zeigen, dass grenzüberschreitende IORPs umsetzbar sind (siehe auch Beitrag in Heft 3/2016 „Internationales Multitalent“ über RESAVER).

Es stellt sich die Frage, ob es auch auf globaler Ebene Initiativen für einen Pen­sion-Tracking-Service gibt. „Mir ist dazu nichts bekannt“, meint Expertin Wegner-Wahnschaffe, „Bei Find your pension ­wollen wir demnächst auch Pensionsansprüche in den USA und Kanada darstellen, das ist machbar, und dort arbeiten ja auch viele ­europäische Wissenschaftler in Pro­jekten.“

Erfahrungen anderer Länder
Interessant ist, was es in anderen Ländern in Bezug auf Pension-Tracking-Systeme schon gibt. In Österreich konnten weder die Pressestelle des Verbandes der Versicherungsunternehmen Österreichs (VVO) noch des Bundesministeriums für Finanzen etwas zu einem solchen Informationssystem sagen – offenbar gibt es dort keins. Womöglich ist dort der Anteil der Versicherten mit Betriebsrente zu gering, um ein säulenüber­greifendes Tracking zu rechtfertigen. Immerhin gibt es in Österreich das Pensionskonto der ersten Säule, das man online einsehen kann.

In Schweden ist man mit MinPension schon sehr weit. „MinPension ist eine schwedische Aktiengesellschaft, die dem Schwedischen Pensionskassenverband gehört. Im Vorstand sitzen jeweils zur Hälfte Repräsentanten des Staates und der Ver­sicherungsbranche“, weiß Wegner-Wahnschaffe. Dort wurde eine technische Plattform aufgebaut, die den schwedischen Bürgern alle drei Säulen der Altersvorsorge ­zusammenstellt. „In dem Gremium hat man unter anderem lange darüber diskutiert, wie die nicht garantierten Rentenbestandteile hochgerechnet werden sollen“, so Wegner-Wahnschaffe. Am Ende ist man zu einer praktikablen und verständlichen Lösung gekommen. In einem „Orangen Brief“ erhalten die schwedischen Bürger regelmäßig ­eine Gesamtübersicht über ihre Altersgelder.

In der Schweiz ist die Notwendigkeit nicht wie in anderen Ländern gegeben, weil die Arbeitnehmer ihre Ansprüche aus der 2. Säule jeweils zum nächsten Arbeitgeber mitnehmen. Pausieren sie, so wird das ­Deckungskapital auf einem unternehmensunabhängigen Freizügigkeitskonto geparkt. Daher laufen am Ende eines Arbeitslebens sämtliche Betriebsrentenansprüche beim letzten Arbeitgeber zusammen. Eine Renteninformation über die erste Säule (AHV) kann man sich in der Schweiz bei jeder Ausgleichskasse geben lassen.

Überraschung!
Es sieht so aus, als sei der ­Anfang gemacht, aber die Projekte schreiten bis auf wenige nationale Ausnahmen zäh voran. So wird es bei vielen Bürgern vorerst bei einem unübersichtlichen Flickenteppich aus unterschied­lichen Rentenansprüchen bleiben, und was am Ende herauskommt, ist für die meisten dann eine echte Überraschung. Allerdings dürfte es zu dem Zeitpunkt, an dem die Bürger diese Überraschung erleben, meis­tens zu spät sein, um noch gegenzusteuern.  


Anhang:

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