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Steuer & Recht

2/2018 | Steuer & Recht
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Sanfter Druck

Am 8. März 2018 stellte die EU-Kommission ihren Aktionsplan für eine umweltfreundlichere und nachhaltigere Wirtschaft vor. Künftig sollen Vermögensverwalter und institutionelle Anleger verstärkt verpflichtet werden, das Kriterium der Nachhaltigkeit bei ihren Investitionsabläufen zu berücksichtigen.

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Im Prinzip passen langfristige Kapitalanlage und Nachhaltigkeit gut zusammen, dennoch ist die Neuausrichtung institutioneller Portfolios keine einfache Aufgabe. Der Aktionsplan der EU soll helfen, eine stärkere Mobilisierung von Kapital für eine nachhaltige Wirtschaft zu erreichen. Im ersten Schritt sind es primär Informationsthemen, die den Trend verstärken sollen.

Foto: © bluedesign | stock.adobe.com

Lange Zeit ging man offenbar davon aus, dass der gesellschaftliche Druck und die Vorbildfunktion einiger Inves­toren – insbesondere aus den nordischen Ländern – genügen würden, damit ausreichend nachhaltig investiert wird. Diese Überlegung ging aber offenbar nicht auf. Zwar war bei institutionellen Investoren in den letzten Jahren ein gewisser Nachhaltigkeitstrend zu verzeichnen, aber dennoch macht die Europäische Kommission eine klaffende Lücke von rund 180 Milliarden Euro aus, die an zusätzlichen Investitionen in diesem Bereich benötigt werden.


Dieser Fehlbetrag ergibt sich laut EU-Kommission, wenn man die auf der UN-Klimakonferenz in Paris am 12. Dezember 2015 vereinbarten Klimaziele, beispielsweise die 40-prozentige Senkung der Treibhausgasemissionen, bis 2030 erreichen will. Den Großteil dieses Betrags möchte man nun von den institutionellen Investoren in den Nachhaltigkeitsbereich lenken. Die Institutional Investors Group on Climate Change teilt mit, dass der Fehlbetrag lediglich 2,5 Prozent des jährlich angelegten ­Kapitals in der EU ausmache, es also rea­listisch sein sollte, ihn aufzubringen.


Ziele von Paris in Gefahr
Als erste konkrete Handlung in diese Richtung hat die EU-Kommission nun am 8. März 2018 ihren Aktionsplan für eine umweltfreundlichere und nachhaltigere Wirtschaft vorgestellt. Er stützt sich auf die Empfehlungen der hochrangigen Sachverständigengruppe für ein nachhaltiges Finanzwesen (High-Level Expert Group on Sustainable Finance – HLEG), die 2016 von der EU-Kommission mit der Ausarbeitung von Empfehlungen zur Integration von Nachhaltigkeitsthemen in den regulatorischen und finanzpolitischen Rahmen der EU beauftragt wurde. Die Expertengruppe legte am 13. Juli 2017 einen Zwischen­bericht vor, worauf die öffentliche Konsultation zu den Pflichten für institutionelle Anleger und Vermögensverwalter folgte, die am 11. Dezember 2017 endete. Das Feedback arbeitete die Sachverständigengruppe ein und legte am 31. Januar 2018 ihren ­Abschlussbericht vor.


Der Aktionsplan
Laut einer Pressemeldung der EU-Kommission soll mithilfe des Aktionsplans vom März „die Rolle des Finanzsektors bei der Verwirklichung einer gut funktionierenden Wirtschaft, in der aber auch ­umwelt- und sozialpolitische Ziele umgesetzt werden, gestärkt werden“. Die Kernpunkte des Aktionsplans stellen den Grundstein für Regulierungsmaßnahmen in diese Richtung dar.


Da die EU-Kommission gern alles miteinander verknüpft wissen will, ist der vorgelegte Ak­tionsplan „Teil der Bemühungen der Kapitalmarktunion, Finanzfragen und die spezifischen Erfordernisse der europäischen Wirtschaft zum Nutzen des Planeten und unserer Gesellschaft miteinander zu verknüpfen“. Ebenso stellt er einen wichtigen Schritt bei der Umsetzung des Übereinkommens von Paris sowie der EU-Agenda für nachhaltige Entwicklung dar.


Bei der Vorstellung des Aktionsplans betonte der Erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, dessen arbeitsmarkt- und umweltpolitischen Aspekte: „Der Wandel hin zu einer umweltfreund­licheren und nachhaltigeren Wirtschaft ist gut für die Schaffung von Arbeitsplätzen, für die Menschen und für unseren Planeten. Heute stellen wir sicher, dass das Finanz­system diesem Ziel dient.“


Valdis Dombrovskis ergänzt den Aspekt der Finanzierung und der Finanzstabilität: „Wir (…) legen heute unsere Pläne für eine weitreichende Reform vor, die zu einer globalen Richtschnur für ein nachhaltiges Finanzwesen werden könnte. Nur mithilfe des Finanzsektors können wir die jährlich notwendigen 180 Milliarden Euro aufbringen, die uns zur Erreichung unserer Klima- und Energieziele fehlen. Damit leisten wir einen Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft für die nächsten Generationen.“ Dombrovskis ist als Vizepräsident der Kommission zuständig für die Themengebiete Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und die Kapitalmarktunion.


Dagegen sein geht kaum
Ist also alles miteinander verknüpft und mündet in eine Win-win-Situation? Es ist schwer, ­etwas gegen den Aktionsplan zu sagen. Wer will schon gegen Nachhaltigkeit sein? Vereinzelte Kritiker stellen die Frage, ob Inves­toren dazu instrumentalisiert werden sollten, die Nachhaltigkeitsziele der EU und der Welt zu erreichen, oder ob man besser durch andere politische oder ­gesetzgeberische Maßnahmen versuchen sollte, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Die Argumentation der EU dazu besteht in dem Hinweis, dass sich der Finanzsektor besonders gut für die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen eigne, weil über die Kapitalallokation vieles bewirkt werden kann. Klar ist: Der Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzwesen stellt erst den Beginn einer Gedankenfindung dar und ist längst keine perfekte Lösung. Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema stellt sich ohnehin die ­Frage, ob es hier überhaupt eine „perfekte Lösung“ geben kann. „Nachhaltigkeit“ ist so facettenreich, und es gibt dafür so viele unterschiedliche Blickwinkel, dass es bislang keine einheitliche Begriffswelt gibt, geschweige denn, dass sich das Thema in eine einheitliche Formel gießen ließe. Aber anfangen muss man ja irgendwo. Nachhaltigkeit scheint wie ein luftgefüllter Ballon: Drückt man hier eine Delle rein, kommt dort eine Beule raus.


Und notwendige Übel?
Eine dieser Beulen ist die Frage, wer die weniger nachhaltigen Unternehmen, die aber strategische Bedeutung haben, finanzieren soll, wenn die großen Investoren in Europa dies künftig womöglich nicht mehr dürfen. Es ist etwa nicht von der Hand zu weisen, dass die Energiewende nicht von ­einem Tag auf den anderen zu bewerkstelligen ist. Wer soll in der verbleibenden Zeit Kohle- und Atomkraftwerke finanzieren? Auch Rüstungsgüter und Wehrtechnik werden von EU- und NATO-Staaten benötigt und gekauft. Wer sollen künftig die Geld­geber für Unternehmen in diesem Segment sein? Wer soll nach Vollendung der Nachhaltigkeitsregulatorik in Rheinmetall, Raytheon, Airbus etc. investieren? Dieses Terrain allein russischen und chinesischen Investoren zu überlassen, könnte zu Abhängigkeiten führen, die aus EU-Sicht nicht wünschenswert sind. Wie hat man sich da­rüber echauffiert, als man zur Blütezeit des Rohstoffbooms 2007/2008 feststellen musste, dass sich China durch geschickte Verträge zahlreiche Rohstoffvorkommen in Afrika langfristig gesichert hatte?
Es gilt also eine Strategie zu finden, wie man einen gewissen Einfluss auf jene Branchen behält, die zwar notwendig, aber unter Nachhaltigkeitsaspekten problematisch sind. Diese Aspekte gehören ebenfalls zu einer gesamtheitlichen Nachhaltigkeitspolitik der EU. Auch hier muss die Kommission Position beziehen und ­Lösungen entwickeln, was natürlich eine undankbare Aufgabe ist. Die weniger kontroversen Äußerungen bei derlei Themen sind schlicht populärer.


Langfristig & nachhaltig
So weit die politischen Aspekte, doch wie geht es für Investoren weiter? Bisher gibt es keine „scharfe“ Regulatorik, mit der Finanzströme konkret gelenkt werden, denn die meisten regulatorischen Maßnahmen beziehen sich eher auf Transparenz und Reporting. Aber alles deutet darauf hin, dass der Nachhaltigkeits-Zug weiterfährt. „Wir sollten uns darauf einstellen, dass die Nachhaltigkeitsregulierung zunehmen wird“, ­erklärt Olaf John, Head of Business Development Europa bei Insight Investment, auf dem SZ-Kapitalanlagetag in München am 18. April. Dabei zeigt er einen Chart über die Anzahl der globalen Regulierungen zum verantwortlichen Investieren pro Jahr, der ungebremst nach oben zeigt (siehe Chart „Sicher ist: Mehr Regulierung wird kommen“).


Und die Investoren handeln – zum einen im Vorfeld eines regulatorischen Zwangs, zum anderen weil die meisten Investoren ein SRI-positives Image haben wollen und nicht zuletzt weil durch die Berücksichtigung von SRI-Kriterien auch die Investmentrisiken reduziert werden. Die Dieselfahrverbote haben gezeigt, dass regulatorische ESG-Risiken schlagend werden können. Aber es gibt auch Chancen: Das zeigen das Wachstum von „grünen“ oder energieeffizienten Technologien, die Entwicklung von Photovoltaik, E-Autos und vieles mehr. Letztendlich geht es beim nachhaltigen Umgang mit Ressourcen auch um Effizienz und Effektivität, was sich dann in besseren Ertragszahlen niederschlägt – zumindest auf lange Sicht.


Das ist auch einer der Gründe, warum die meisten Investoren grundsätzlich nichts gegen die nachhaltige Ausrichtung ihrer Investments einzuwenden haben. Insbesondere langfristig orientierte Investoren wie Staatsfonds, Versorgungswerke und Versicherungsunternehmen sind darauf bedacht, dass die Geschäftsmodelle, in die sie investieren, auch in 20, 50, 80 Jahren noch sinnvoll, sprich nachhaltig, sind. So war der Norwegische Staatsfonds einer der frühen Großinvestoren, die sich aus der Kohleförderung zurückgezogen haben. Schon seit Längerem schließt er Unternehmen aus seinem Investmentuniversum aus, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle verdienen.


Zuerst die Berichterstattung
Im Kasten „Nachhaltig investieren: Best-Practice-Beispiele“ sind weitere Best-in-Class-Beispiele für nachhaltiges Investieren aufgeführt. Andere Investoren befinden sich noch in der Überlegungs- und Findungsphase. Da die EU noch kein all­gemein gültiges Klassifikationssystem für nachhaltige Investments gefunden hat, führen die Regulatoren die Investoren zunächst über Reporting-Anforderungen dahin, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Tatsächlich hat die nicht finanzielle Berichterstattung von Investoren und Unternehmen in den letzten Jahren zugenommen, und die Übung darin hilft beim Finden sinnvoller Standards. Als Richtschnur gelten die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs), die in der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung enthalten sind.


Mittlerweile wurden zahlreiche Marktini­tiativen ins Leben gerufen, die die Finanzwelt weiter Richtung Nachhaltigkeit bewegen sollen: Global Reporting Initiative (GRI), Carbon Disclosure Project, Enhanced Analytics Initiative, Task Force on Climate related Financial Disclosure (TCFD), Aktionärsrechte-Richtlinie und nun der Aktionsplan der EU-Kommission „Finanzierung nachhaltiges Wachstum“. Die IORP-II-Richtlinie fordert ebenfalls eine ESG-Berichterstattung, die auch Klimarisiken und ESG-Risiken einbezieht, und die Umwelt-richtlinien des UN Global Compact legen zehn Prinzipien für nachhaltige Unternehmensführung dar. Frankreich war das erste Land, das im Herbst 2015 ein „Energy Transition Law“ eingeführt hat. Artikel 173 daraus schreibt institutionellen Investoren, Asset Managern, Banken, Kreditgebern und anderen Unternehmen vor, ausführlich über Risiken zu berichten, die sich aus Klimaänderungen ergeben. Ende 2018 will Frankreich die besten Ansätze promoten und weitere Regulierungsmaßnahmen daraus ableiten. Banken und andere Kreditgeber müssen Stresstests durchführen, die auch eine Klimaänderungskomponente enthalten. Auch die niederländische Zentralbank DNB hat angekündigt, Maßnahmen zu ergreifen, um Klimarisiken zu überwachen und einzudämmen. „Was die Taxonomie betrifft, wird man künftig sicher zu einem Standard kommen. Aber auch der wird angreifbar sein“, räumt John ein. Beispielsweise ist Atomkraft aus Carbon-Footprint-Sicht eine gute Sache, aber mit Blick auf den lange strahlenden Atommüll nicht. Sollten Investoren nun in Atomkraftunternehmen investieren oder nicht? Um sich über solche und andere Fragen, aber auch über gute Beispiele und Ansätze austauschen zu können, will die EU-Kommission bis Jahresende unterstützend eine Plattform für Finanzmarktakteure schaffen.


Dekarbonisierung von Portfolios
Neben den Investoren, die sich auf den Nachhaltigkeitspfad begeben haben, sind dort auch viele Asset Manager unterwegs. Der Aktionsplan der EU hat sie sogar unmittelbar mit auf dem Schirm. Viele Asset Manager wollen das Segment aktiv besetzen und haben Datenbanken und Plattformen entwickelt, die helfen, Titel ausfindig zu machen, die das Portfolio unter Nachhaltigkeitsaspekten belasten, um dann das Portfolio zu dekarbonisieren.


Es laufen also bereits interessante Ansätze im Echtbetrieb – die meisten ohne den Anspruch, perfekt zu sein. Weitere Regulierungsmaßnahmen, die zur Lenkung von Finanzströmen führen sollen, stehen an oder werden diskutiert. Neben der Pflicht zur ­gezielten Nachhaltigkeitsberichterstattung werden auch Erleichterungen bei Quoten oder Eigenmittelanforderungen diskutiert. Allerdings gibt es hier auch Gegenwind. So kritisiert die Bundesbank Pläne der EU-Kommission, grüne Investitionen wie „Green Bonds“ in den Bankbilanzen zu privilegieren. Wenn es um die Eigenkapital­anforderungen der Banken geht, pocht die Bundesbank auf eine reine Risikobetrachtung ohne dogmatische Privilegierung von Öko-Investments.


Es ist also vieles in Bewegung, und viele Ansätze werden durchdacht und dann verworfen. Dabei bleibt zu hoffen, dass sich die Marktakteure bei so viel gleichgerichteten Bemühungen tatsächlich auf die Suche nach dem geringsten negativen Einfluss auf die Umwelt machen – und nicht auf die Suche nach der bestmöglichen Argumentation.     


Anhang:

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