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Steuer & Recht

2/2018 | Steuer & Recht
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Fehlende Spielregeln

bAV-Zielrenten. Fertige Produkte gibt es noch keine, aber viele Produktelemente, die dann nur noch zusammengefügt werden müssen. Derzeit sind die Tarifpartner gefragt; sie müssen noch die Leitplanken innerhalb des gesetzlichen Rahmens setzen.

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Dass dem Arbeitnehmer bei der Zielrente keine exakten Renditen zu versprechen sind, macht diese neue bAV-Variante für alle Beteiligten interessant. Vor einer Umsetzung müssen sich die Tarifparteien aber noch auf die genaue Ausgestaltung der Zielrenten einigen.

Foto: © nmann77 | stock.adobe.com

Der Gesetzgeber hat mit der Verabschiedung des Betriebsrentenstärkungsgesetzes (BRSG) das seine getan, und nun liegt der Ball im Spielfeld der Sozialpartner. Gemeinhin bekannt ist, dass das neue Gesetz es erstmals in der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) in Deutschland gestattet, eine Mischform zwischen Defined-Benefit-(DB)- und Defined-Contribution- (DC)-Plänen aufzusetzen. Diese neue Zwischenform nennt sich „Zielrente“ (Defined Ambition) und ist in der bAV im Ausland bereits verbreitet.

Keine will die Erste sein
Die Tarifparteien müssen nun jeweils überlegen, welche Leitplanken sie innerhalb des Rahmens, den das BRSG vorgibt, für ihr Terrain abstecken wollen. Das fängt mit Opting-out-Modellen an, geht über Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung sowie die Formulierung von Nachhaltigkeitskriterien und endet bei Pufferlösungen, um die angestrebten und den Mitarbeitern möglichst verständlich kommunizierten Zielrenten nach Möglichkeit auch zu erreichen.


Tarifverhandlungen finden allerdings grundsätzlich vertraulich statt, sodass von dieser Seite bislang kaum ­etwas nach außen dringt. Es scheint, dass keine Tarifpartei die Erste sein will, die mit einem Modell an die ­Öffentlichkeit kommt, denn mit diesem ersten öffentlichen Modell werden Standards gesetzt, und die gesamte bAV-Welt wird sehr genau hinschauen. Sobald hier aber Klarheit herrscht, geht es vermutlich Schlag auf Schlag. Denn voraussichtlich will auch keine Tarifpartei die Letzte sein, die sich über die Ausgestaltung einer Zielrente einigt.
Die Versicherungswirtschaft scheint immer noch enttäuscht, dass es bei den Zielrenten keine Garantien geben darf, weil sie damit quasi ein Alleinstellungsmerkmal gehabt hätte.


Etwas nörgelnd titelt daher der Versicherungsverband GDV in einem Positionenpapier: „Eine Garantie gibt Dir keiner.“ Und weiter im Text: „Die Arbeitnehmer (…) tragen das Risiko, dass sich mit ihren Beiträgen nicht das angestrebte Auszahlungsniveau erwirtschaften lässt.“
Das ist nicht anders als in den Produkten der neuen Generation, die Lebensversicherer derzeit vermehrt im Privatkundengeschäft anbieten.


Ein Meilenstein
Der deutsche Fondsverband BVI hingegen feiert das BRSG als Meilenstein: „Der Verzicht auf Garantien macht die betriebliche Altersvorsorge insgesamt effizienter, weil Aktien mehr als bisher zur Rendite der Kapitalanlage beitragen können. Damit kann die bAV ihrem sozialpolitischen Auftrag zur Sicherung der finanziellen Basis für das Alter gerecht werden.“ Mit den neuen Zielrenten kann die Asset-Management-Branche noch stärker als bisher ihre Posi­tion in der bAV ausbauen.


Anbieter bringen sich in Position
Die Anbieter aus beiden Bereichen bringen sich in Position, um ein Stück vom zusätzlichen bAV-Kuchen, der künftig hoffentlich gebacken wird, abzubekommen. Ihnen bleibt allerdings derzeit nichts anderes ­übrig, als sich auf möglichst alles vorzubereiten, was sich die Tarifparteien wünschen könnten. Entsprechend haben sie Modelle entwickelt, wie sich Risiken glätten und Zielrenten darstellen lassen.


Auf der bAV-Tagung des „Handelsblatts“ im März stellte Christof Quiring, Leiter ­Investment- und Pensionslösungen bei Fidelity International, hierzu exemplarisch einen der Fidelity Target-Fonds vor: Das ist ein Lebenszyklusfonds, der bereits in bAV-Lösungen zum Einsatz kommt. Je nach Einstiegszeitpunkt wurden damit im Echtbetrieb Renditen zwischen vier und zwölf Prozent erzielt, was sich aber noch weiter glätten ließe. Auf diese Weise könnte man auf einen „Projektionszins“ von 3,8 Prozent kommen, der dann aber nicht garantiert sei, so Quiring. Als Mittel zur Glättung schlägt er vor: Diversifikation, aktives Volatilitätsmanagement, kollektive Ausgleichsmechanismen und den kollektiven Sicherungspuffer.


Auf derselben Konferenz warnt Thomas Huth, Head of Pension Solutions bei der Deutschen Asset Management, davor, dass man bei allen Modellrechnungen Annahmen treffen müsse, „und die Wirklichkeit schert sich wenig darum, welche Annahmen ich getroffen habe“. Daher schlägt auch er den Einsatz von Puffern in der bAV vor. Wie diese im Detail aussehen und wie sie gefüllt und verwendet werden sollen, ist Teil der Lösungskonzepte, an denen die Sozialpartner arbeiten.


Auch das Bankhaus Metzler mit seinen Wertsicherungsprodukten mit Untergrenzen von 90, 93, 96 und 98 Prozent hat Erfahrung mit Produkten, die in Lebenszyklusmodelle und Zielrentenkonzepte eingebaut werden könnten. Mit der kürzlich erfolgten Zulassung des nicht versicherungsförmig ausgestalteten „Metzler Sozialpartner Pensionsfonds“ bringen sich die Frankfurter für die neuen Sozialpartnermodelle in Position: „Aktuell wird die Diskussion der ­reinen Beitragszusage stark über die erreichbaren Zielrenten geführt, und die potenziellen Anbieter überbieten sich bei ihren Annahmen zu den zu erwartenden Rentenhöhen. Unserer Ansicht nach lässt diese Diskussion den Fokus auf das Risikomanagement der Kapitalanlage vermissen. Das Investitionsrisiko liegt defini­tions­gemäß beim Leistungsberechtigten, also auch beim „kleinen“ Rentner. Die Stabilität und die Wahrscheinlichkeit der Erreichung einer Zielrente sollten im Vordergrund stehen, nicht deren absolute Höhe“, erklärt Martin Thiesen, Geschäftsführer von Metzler Pension Management.


Die Anbieter R+V Versicherung und ­Union Investment preschten am 6. März mit einer Pressemitteilung mit der Headline „Bundesweit erstes Produkt für Zielrente“ vor. Aber auch hier handelt es sich nicht ­etwa um ein fertiges Produkt, sondern um einen Baukasten mit Elementen aus der ­Asset-Management- und der Versicherungswelt, der abrufbereit parat steht. „R+V und Union Investment können dabei individuell für jede Branche ein Zielrentenprodukt erstellen – je nach den Wünschen von Arbeitgebern und Gewerkschaften“, heißt es weiter in der Pressemeldung. Natürlich bringt sich auch Branchenprimus Allianz in Stellung und bietet Baukas­tenelemente an, die dann nur noch abgerufen werden müssen, um fertige bAV-Zielrentenprodukte zu bauen.


Auch die Pensionseinrichtungen einzelner Industrieunternehmen haben bereits Konzepte entwickelt, die Richtung Zielrente gehen. Die Robert Bosch GmbH und die Höchster Pensionskasse nehmen hier – neben anderen – eine Vorreiterrolle ein.


Daneben stellen sich auch die mittleren und kleineren Versicherer auf. Um die komplexen Herausforderungen in der bAV mit Zielrenten zu meistern, schließen sie Konsortien. Im Juli 2017 wurde „Das Rentenwerk“ aus der Taufe gehoben, das aus den genossenschaftlich geprägten Versicherungsunternehmen Barmenia, Debeka, Gothaer, Huk-Coburg und Die Stuttgarter besteht. Dieser Zusammenschluss hat bereits die Zustimmung durch das Bundeskartellamt erhalten. Im ersten Halbjahr 2018 formierte sich dann ein zweites bAV-Konsor­tium unter dem Namen „Die Deutsche Be­triebs­rente“, bestehend aus Talanx und Zurich. Hier steht die Genehmigung seitens der Kartellbehörde noch aus. Im Zusammenschluss ist es offenbar leichter, die Herausforderungen der Praxis zu meistern. Neben den nach Möglichkeit geglätteten Renditen sind dies aus Unternehmenssicht die Günstigkeitsvergleiche, der Arbeitgeberzuschuss zur Entgeltumwandlung und verschiedene andere Details, die zunächst einfach klingen, dann aber in der Praxis doch komplex werden.
Auch auf der rechtlichen Seite möchte man Know-how im Schulterschluss zusammenbringen. Hier hat sich bereits im September 2016 der Eberbacher Kreis formiert, dessen Mitglieder sich als Angehörige wirtschaftsberatender nationaler und internationaler Anwaltssozietäten schwerpunktmäßig mit der bAV beschäftigen. Sprecher des Kreises ist Dr. Marco Arteaga, Partner bei DLA Piper, der 2016 gemeinsam mit Prof. Dr. Peter Hanau für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) das Rechtsgutachten über die bAV erstellt hat.


„Bei der Zielrente rechnen wir mit ersten Abschlüssen frühestens ab dem Jahr 2019. Richtig zum Tragen dürfte das Modell ab dem Jahr 2020 kommen“, erklärt Dr. Daniel Günnewig, Geschäftsführer bei Union Investment und Vorstand der R+V Pensionsfonds.


Anhang:

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