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4/2018 | Steuer & Recht
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30 Jahre Basel – Bock und Gärtner

ine Studie untersucht, ob Basel in den drei Jahrzehnten seiner Existenz zur Bankenstabilität beigetragen hat – die Ergebnisse sind ernüchternd.­

Das Jahr 2018 ist wohl eines der spektakulärsten Gedenkjahre der jüngeren Vergangenheit. Neben den Jahre­s­tagen von begonnenen Weltkriegen und unter­gegangenen Imperien gab es aber auch weniger breitenwirksame, strukturell jedoch wichtige Ereignisse wie die erstmalige Implementierung der Basel-Regulatorien im Jahr 1988. Das war Anlass genug für ein von der finnischen Notenbank in Auftrag gegebenes Diskussionspapier mit dem Titel „Did the Basel process of capital regulation enhance the resilience of European Banks?“. Das Autorenteam, bestehend aus Thomas Gehrig, der an der Universität Wien wirkt, und Maria Chiara Iannino, die in London an der University of St. Andrews forscht, wollte herausfinden, ob das Regelwerk zur Stabilität des Bankensektors beigetragen hat oder nicht. Denkt man an die traumatischen Ereignisse von 2008 und die unmittelbar darauf folgende Eurokrise, ist man intuitiv geneigt, skeptisch zu sein – wir werden sehen, ob zu Recht.

Historischer Ansatz

„Wir legen hier die erste Arbeit vor, die die Entwicklung verschiedener langfristiger systemischer und individueller europäischer Risiken seit der Implementierung des Basel-Prozesses misst“, erklärt Gehrig. Unter die Lupe genommen wurden die Daten von rund 12.500 börsennotierten Banken, Ver­sicherungen, Finanzinstituten und Immobilienkonzernen aus der Eurozone, der Schweiz und dem UK.

Ausgewertet haben die Autoren das Material mithilfe der neuesten Risi­kokennzahlen. So wird das systemische Risiko anhand von SRISK gemessen. Diese Kennzahl wurde 2017 von Brownlees & Engle entwickelt. Ebenfalls zum Einsatz kommt MES, also der Marginal Expected Shortfall, der im selben Jahr von Acharya, Pedersen, Philippon und Richardson entworfen wurde. ­Inwieweit wiederum eine Bank zum aggregierten systemischen Risiko beiträgt – also die Ansteckungsgefahr –, wird über die 2016 von Adrian und Brunnermeier entwickelte Delta CoVaR gemessen. Das individuelle Bankenrisiko wird wiederum über den Z-Faktor abgebildet, der de facto darstellt, wie weit ein Institut von der Insolvenz entfernt ist. Konzentrieren wollen wir uns jedoch an dieser Stelle auf die gut nachvollziehbare Risikokennzahl SRISK. Bei dieser handelt es sich um ein „hybrides Maß, das Marktinformationen ebenso berücksichtigt wie den Buchwert. Über SRISK schätzen wir, wie hoch die Erfordernis ist, um ein Institut zu Marktpreisen nach einer prolongierten Krise zu rekapitalisieren“, erklärt Iannino.

Die Grafik unten bildet das gleichgewichtete durchschnittliche systemische Risiko SRISK im Beobachtungszeitraum ab – und lässt ein mulmiges Gefühl aufkommen. Geht man von einer zu erreichenden Kapitalquote von acht Prozent aus, ist die Kapitallücke in Europa seit der Einführung von Basel nicht gesunken – wie es eigentlich der Sinn des komplexen Regelwerks war. Stattdessen ist sie deutlich gestiegen. Ab der Einführung relevanter Basel-Zusätze in den Jahren 1996 und 2006 ist es gar zu einer Versechsfachung der durchschnittlichen ­Kapitallücke gekommen.

Das zusätzliche und gegenwärtige Problem: Seit der Finanzkrise hat es laut Stu­dienautoren de facto keine echte Entspannung gegeben. Bis zum Endpunkt der Studie im Jahr 2016 hat sich der Fehlbetrag bei rund sechs Milliarden Euro eingependelt. Immerhin: Im Vergleich zu 2008 hat sich die aggregierte Fehlsumme im Verhältnis zur durchschnittlichen Wirtschaftsleistung halbwegs entspannt. Lag die Kapitallücke bei Ausbruch der Krise im Durchschnitt bei nahezu 40 Prozent des jeweiligen BIP, ist sie danach auf rund 17 Prozent gesunken. Das Haar in der Suppe: Zu Beginn des Beobachtungszeitraums, also 1988, lag dieses Verhältnis noch bei rund zwei Prozent.

Stellt sich natürlich die Frage, ob der Anstieg des Risikos wirklich mit dem Basel-Regime zusammenhängt oder nicht. Zu diesem Zweck haben Gehrig und Iannino im Rahmen einer Regression die Zusammenhänge zwischen dem systemischen Risiko und diversen Kontrollvariablen hergestellt. Zu den Variablen gehören beispielsweise Marktkapitalisierung, Zinsniveau, Marktstressindikatoren, Bewertung, aber auch die Implementierung der verschiedenen internen Kreditrisikomodelle, wie sie ab 2006, also Basel II, von den Behörden vorgegeben wurden. Untersucht werden dabei drei Modellszenarien: Im ersten Szenario werden öffentlich-standardisierte Modellvorgaben zur Risikomessung verwendet, die  Szenarien zwei und drei beschreiben – zusammengefasst – die Anwendung interner Risikomodelle, wobei die Modelle aus Szenario zwei komplexer sind als die aus dem ersten Szenario. Das Bankenuniversum selbst wurde nun in drei gleichmäßige Risikoquintale geteilt. Die so entstehenden Risikoschwellen wollen wir an dieser Stelle der Verständlichkeit halber mit „gering“, „mittel“ und „hoch“ betiteln. Bringt man nun die einzelnen Risi­kokategorien mit der Komplexität interner Risikomodelle in Zusammenhang und bezieht man die Marktkapitalisierung der untersuchten Banken mit ein, ergibt sich folgendes Bild: Die zunehmende Komplexität der internen Kontrollmechanismen führt in fünf von sechs Fällen zu einem steigenden Risikoexposure.

Das ist verblüffend. Denn die internen Mechanismen sollten ja dazu dienen, die Risiken zu mindern. Sie wurden auch nicht freihändig vergeben, sondern von den zuständigen Aufsichtsbehörden auf ihre Tauglichkeit überprüft. Folglich hätten sie maßgeschneiderte und somit bessere Kontrollmechanismen darstellen sollen. Offenbar ist jedoch das Gegenteil eingetreten. ­Immerhin: In der Kategorie, die aus großen Risikobanken mit mittelhoher Komplexität der Risikobemessung besteht, kommt es dann doch zu einer Reduzierung des Risikos. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass größere Banken mit einem riskanten Geschäftsmodell über das nötige Know-how verfügten, mittelkomplexe Modelle zur Risikokontrolle zu entwerfen – und auch relativ erfolgreich umzusetzen.

Bock-Gärtner-Pathologie

Verallgemeinert man nun die Implementierung interner Marktrisikomodelle und misst sie ab 1996, als eben diese Implementierung über ­einen Zusatz zu Basel I zum ersten Mal möglich wurde, zeichnet sich überhaupt ein relativ pervertiertes Bild ab: Für Banken der mittleren und niedrigen Risi­kostufen nahm das Risikoexposure ab. Für Banken im Hochrisikobereich nahm das Risikoexposure hingegen deutlich zu. Man hatte den Bock zum Gärtner gemacht, indem man den risikobehafteten Instituten ­Instrumente in die Hand gab, eben diese ­Risiken kleinzurechnen. „Das führte zu ­einer Unterkapitalisierung und letzten Endes dazu, dass vor allem Europas Systembanken schlecht darauf vorbereitet waren, mit der Subprime-Krise von 2007 und noch viel weniger mit der darauf folgenden Eurokrise umzugehen“, erklärt Gehrig.
Wenngleich die Ergebnisse statistisch robust erscheinen „und wir unser Bestes getan haben, keine wichtigen Variablen unter den Tisch fallen zu lassen“, haben die Autoren ihre Daten in „einem zweiten Schritt im Rahmen des Differenz-von-Differenzen-Ansatzes überprüft“, erklärt Iannino. Mit anderen Worten: Die Autoren haben sich „Was wäre, wenn …“ gefragt. Zu diesem Zweck haben sie über eine Modellrechnung erhoben, wie sich die europäischen Kapitallücken entwickelt hätten, wenn es die bereits beschriebenen Reformen nie gegeben hätte. Dann haben sie diese Prognose mit der Realität rund um die beiden wichtigen „Basel-Momente“ verglichen. Bei diesen Momenten handelt es sich, wie erwähnt, um 1996, als Basel I um die Möglichkeit erweitert wurde, Marktrisiken intern zu bewerten, und um 2006 als Basel II in Kraft trat.

Was wäre, wenn …?

Lässt man nun zwei Prognosen von den jeweiligen Punkten 1996 und 2006 weg starten und vergleicht sie mit den tatsächlichen Ereignissen, tut sich eine gewaltige Differenz bei der Kapitallücke auf: Der in der Realität eingetretene Kapitalbedarf ist doppelt so hoch wie jener, der eingetreten wäre, wenn man auf die Reformen des ­Basel-Regelwerks verzichtet hätte (siehe Grafik unten). „Unsere Resultate lassen den Schluss zu, dass die internen Risikomodelle deutlich zur mangelnden Widerstandskraft der europäischen Banken beigetragen haben“, erklärt Gehrig. Tatsächlich hätten die beiden internen Modellan­sätze – also sowohl die zur Messung des Markt- als auch die zur Evaluierung des Kreditrisikos – „dazu geführt, dass das Exposure gegenüber systemischen Risiken massiv gestiegen ist“, führt Iannino fort. Zwar sei ab 2014 ein deutlicher Rückgang der aggregierten systemischen Risiken zu bemerken, die Kapitalisierungslücke liege aber auf dem Niveau, das unmittelbar vor der Großen Finanzkrise erzielt wurde. Und die vielleicht schlechteste Nachricht: „Trotz aller Bemühungen seitens der Regulatoren gibt es kein Indiz für ­eine Normalisierung der Kapitalisierung auf Vorkrisenniveaus“, wie Gehrig feststellt.

Hans Weitmayr


Anhang:

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