Zurück- gekämpft
Die Frage danach, ob es sich bei KI um eine Blase oder ein nachhaltiges Phänomen handelt und ob sie den Homo sapiens letzten Endes ersetzen wird, ist fast so alt wie die Technologie selbst. Der vermeintliche Underdog in diesem Spiel konnte zuletzt jedenfalls Boden gutmachen.

Künstliche Intelligenz ist, abhängig vom jeweiligen Experten, gleichbedeutend mit einer ökosozialen Apokalypse oder der Schlüssel zu einem veritablen Utopia. Die Technologie hat sich laut diesen Quellen an den Märkten entweder zu einer kompletten Blase aufgebauscht oder ist aufgrund des schier endlosen Potenzials massiv unterbewertet. Angesichts einer derartigen – mitunter emotionalen – Polarisierung sind die Einschätzungen des französischen Fondshauses Carmignac wohltuend gelassen. Auf der Jahreskonferenz, die im Januar in Paris stattgefunden hat, gab beispielsweise Maxime Carmignac, CEO von Carmignac UK, folgende Maxime aus: „Künstliche Intelligenz hat sich zu einem wichtigen geopolitischen und industriellen Thema entwickelt und erfordert daher ein tiefes Verständnis ihrer Anwendungsfälle, Wertschöpfungskette und Risiken.“ Während das Fondshaus selbst die Technologie in ihren Prozessen implementiert – etwa im Bereich des Research – und dem Thema auf Veranstaltungen einen äußerst prominenten Slot einräumte, fiel die Einordnung bemerkenswert konservativ aus. Anstatt Parallelen zur industriellen Revolution mit all ihren gravierenden gesellschaftlichen Umbrüchen zu ziehen, erinnert die KI-Dynamik die Franzosen unter anderem an die Einführung der Eisenbahn (siehe Grafik „KI-Impact in der historischen Einordnung“). Carmignac untersucht dabei die Zeitspanne von 1830, als die Technologie Fuß zu fassen begann, bis 1910, als sie eine fest etablierte Größe im volkswirtschaftlichen Gefüge war.
Historische Einordnung
Verglichen wird dabei die Entwicklung dreier Variablen: Infrastrukturkosten, Gewinn und Marktkapitalisierung. Das Bild ist eindrucksvoll: Während die ersten 50 Jahre die Kosten den Gewinn quasi auffraßen, stieg die Marktkapitalisierung von Eisenbahnaktien auf mehr als 60 Prozent des US-Aktienmarktes an. Erst nach 1890 gab es eine markante Schere zwischen Gewinn und Kosten – und zwar zugunsten des Profits. Nahezu gleichzeitig implodierte der prozentuelle Anteil der Kapitalisierung auf knapp über 20 Prozent. Carmignacs Schluss: „Die Unternehmen, die die Verbreitung neuer Technologien durch das Aufbauen einer Blase mittragen, sind nicht notwendigerweise die Hauptnutznießer.“
Es kommt also zu Marktbereinigungen, man könnte auch sagen: Winner takes all. Parallelen zu den Magnificent Seven der Gegenwart sind relativ evident, tatsächlich erscheint das gegenwärtige Szenario im historischen Rückspiegel jedoch relativ moderat. Denn die sieben Unternehmen machten bei Redaktionsschluss „nur“ etwa ein Drittel des US-Aktienmarktes aus. Das kann bedeuten, dass wir uns erst am Anfang einer Blase befinden, oder die Übertreibung ist tatsächlich geringer, als sie es im Eisenbahnzeitalter war. Der Bahnvergleich ist insgesamt interessant und wurde in der Vergangenheit auch schon von anderen Häusern bemüht – etwa von der im österreichischen Linz angesiedelten Boutique Kepler-Fonds. Auch dort sah man bereits vor zwei Jahren Parallelen zur Entwicklung des Eisenbahnsektors im 19. Jahrhundert.
Frage nach Mehrwert
Carmignac geht in seiner Analyse aber einen Schritt weiter. Denn der prinzipielle Kurstreiber an den Märkten ist natürlich die erwartete Steigerung der Produktivität – womit wir uns im analytischen Rahmen wieder näher an der industriellen Revolution befinden. Interessanterweise zieht Carmignac jedoch ein jüngeres Phänomen heran – und zwar das der Elektrifizierung. Die Einführung dieser Schlüsseltechnologie hat das US-Produktivitätswachstum mehr als verdreifacht (siehe abermals Grafik „KI-Impact in der historischen Einordnung“). Dazu Carmignac: „Die KI-Revolution ist ein vielschichtiger Prozess und erinnert uns an die flächendeckende Abdeckung mit Elektrizität und den daraus resultierenden Innovationsschub.“
KI im Asset Management
Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass die Technologie tatsächlich einen Mehrwert liefert. Und hier bietet sich das Asset Management als durchaus passables Analyseobjekt an. Dank Pionieren wie Hendrik Lebers Acatis, die bereits seit Jahren KI-gesteuerte Fonds am Start hat (siehe Grafik „Aktive KI mit Äquidistanz zur Benchmark“), und Vordenkern wie Günter Jäger, dessen AI-Outperformance Index inzwischen eine Historie von sieben Jahren hat, kann die Performance von durch KI verwaltete Fonds ganz gut eingeordnet werden. Auch hier kommt es zu durchaus verblüffenden Einsichten.
Zunächst wollen wir die Entwicklung von KI-Fonds per se betrachten (siehe Grafik „KI-Outperformance“). Hier erfasst Jäger seit 2019, wie viele KI-Fonds ihre jeweilige Benchmark übertroffen haben, und wertet aus, wie weit diese Outperformances gehen. Nach sieben Jahren sollte sich ein gewisser Trend etabliert haben. Die von Plexus seit 2019 ausgewertete Performance über drei Monate ist am durchgängigsten dokumentiert. Um den Vergleich so konsistent wie möglich zu gestalten, haben wir uns also die jeweiligen Dreimonatsperformances von 2019, 2025 und als Stichprobenjahr in der Mitte 2022/2023 herangezogen.
Einige Caveats gibt es natürlich: Der Vergleich ist rein empirisch und auch nicht gewichtet. Die Zahl der Fonds variiert im Index über die Jahre ebenfalls. So waren es im Jahr 2020, wie damals von uns erfragt, elf Fonds. Inzwischen sind weitere Anbieter aufgenommen worden – ein konkretes Update gab es zuletzt von Plexus-Seite leider nicht.
Trotz der Einschränkungen entsteht ein interessantes Bild: In den ersten voll ausdokumentierten Monaten des Jahres 2019 tauchen die größten Schwankungen auf: Dreimal schaffen mehr als die Hälfte der Fonds eine Outperformance. Auf der anderen Seite rutscht dieser Wert aber auch zweimal Richtung zehn Prozent. Gegen Mitte des Beobachtungszeitraums 2022/2023 zeichnet sich eine solide und beeindruckende Verbesserung der Leistung ab: Viermal werden die 50 Prozent übertroffen, Rücksetzer in einem Ausmaß, wie sie 2019 beobachtet wurden, bleiben komplett aus. KI scheint ihren Rhythmus gefunden zu haben.
Dann jedoch die Gegenwart: Nur einmal schafft mehr als die Hälfte der Fonds die Outperformance. Vom Trend her scheinen sich die 25 Prozent zu verdichten. Der Verdacht erhärtet sich, wenn man die bei Redaktionsschluss (11. März 2026) aktuellsten, allerdings nicht mehr in die Grafik eingeflossenen Daten mit einbezieht: Hier liegt die Dreimonatsperformance bei knapp über 25 Prozent. Der Verdacht, dass KI tendenziell schwächer geworden ist als noch vor zwei Jahren, erhärtet sich, wenn man sich die nominale Outperformance aller Fonds als Median ansieht. Diese lag zum ersten Beobachtungszeitpunkt bei minus 0,18 Prozent, kletterte dann auf plus 0,3 Prozent und ist im Januar auf minus 0,6 Prozent abgeglitten.
Institutionelle als Avantgarde
Stellt sich die Frage, ob sich das auf die Nachfrage nach KI-Strategien ausgewirkt hat: Mathis Mörke, der an der ESCP Business School wirkt und regelmäßig die Performance des Plexus-Index kommentiert, meint: „Der Blick auf jene KI-Strategien im Plexus AI-Outperformance Index, die als Publikumsfonds aufgelegt wurden, ist bezüglich der Netto-Neugeldzuflüsse im Jahr 2025 etwas ernüchternd. Denn der durchschnittliche Netto-Neugeldzufluss der im DACH-Raum domizilierten Fonds lag gerade einmal bei 14 Prozent. Dieser Durchschnittswert ist sogar noch durch wenige Ausreißer geprägt – der Median der Zuflüsse war leicht negativ. Das belegt: Eine breite Kapitalrotation in KI-basierte Publikumsfonds ist noch nicht im Gange. Eine deutlich andere Dynamik zeigt sich, wenn man Spezialmandate und institutionelle Allokationen betrachtet. Ein Beispiel dafür ist die Merger-Arbitrage-Strategie von First Private: Der entsprechende Publikumsfonds wies Ende 2025 ein Volumen von rund 36 Millionen Euro auf. Allerdings gewann der Manager im Sommer 2025 auf Mandatsbasis den Zuschlag eines der weltgrößten Staatsfonds – im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Weitere Beispiele: J.P. Morgan reservierte sich bei Numerai die Kapazität für Investments über 500 Millionen US-Dollar. Und ein kanadischer Pensionsfonds mit mehr als 300 Milliarden Dollar Assets under Management vergab ein bedeutendes Mandat an Neo Ivy.“
Der Vergleich der KI-Performances untereinander ist zwar interessant. Letzten Endes stellt sich aber doch die Frage, wie sich aktive KI-Fonds im Vergleich zu menschlichen Managern schlagen. Selbige sind ja bereits mit dem Aufkommen passiver Strategien unter Druck geraten. Stimmen, die meinten, KI wäre der letzte Sargnagel, gab es durchaus. Doch ein Blick auf aktuelle Vergleichsdaten, wie sie erst im Februar 2026 Scope herausgegeben hat, offenbart Erstaunliches: 2025 war das Jahr des humanen Comebacks.
2025: Humanes Comeback
Grundlage der Scope-Analyse ist wie bei Plexus die Outperformancequote. Sie quantifiziert den Anteil der aktiv verwalteten Fonds in einer Vergleichsgruppe, die ihre Benchmark im jeweiligen Berichtszeitraum übertroffen hat. 2025 schlugen in den acht untersuchten Peergroups 571 Fonds ihren Vergleichsindex. Insgesamt wurden rund 2.000 aktive Fonds mit mindestens einem Jahr Track Record untersucht. Damit liegt die durchschnittliche Outperformancequote bei etwa 30 Prozent – gegenüber 2024 eine Verbesserung von rund zehn Prozentpunkten. Sechs der acht Peergroups weisen eine höhere Outperformance Ratio auf als 2024. „Die Verbesserung der Quote um etwa 50 Prozent zeigt, wie stark Veränderungen in der Marktdynamik und den Trends die aktive Leistung beeinflussen können“, meinen die Scope-Analysten Laszlo Harsanyi und Oksana Ianko. Sieht man sich die Daten im Detail an, so haben im Jahr 2025 menschliche Aktienmanager, die sich am MSCI World messen, ihre Benchmark zu 34,6 Prozent geschlagen (siehe Tabelle „Es gibt noch Hoffnung für den Homo sapiens“). Die Zwölfmonats-KI-Outperformance lag im Januar 2026, den aktuellsten Zahlen bei Redaktionsschluss, deutlich unter 25 Prozent.
Noch besser wird die menschliche Performance in relativ ineffizienten oder von Analyseabteilungen unterdurchschnittlich gecoverten Märkten wie Japan oder den Emerging Markets. Im Vergleich zu den USA gibt es weniger rasch zugängliches Analysematerial, das heißt, eine besondere Kenntnis der Märkte kann bei gutem Management zu erheblichen Mehrerträgen führen. Speziell auf Japan bezogen meinen die Scope-Analysten: „Der japanische Aktienmarkt bot 2025 zahlreiche Ineffizienzen und idiosynkratische Chancen, die aktive Manager gezielt nutzen konnten.“
In Deutschland gelang es wiederum 17 Fonds, den Vergleichsindex zu übertreffen. Dies steht in starkem Kontrast zu 2024, als nur ein Fonds die Benchmark schlagen konnte. „Der wohl wichtigste Grund für die Outperformances liegt in der Diversifizierung der Marktkapitalisierung. Der MSCI Germany Index weist eine mehr als doppelt so hohe durchschnittliche Marktkapitalisierung auf wie der Durchschnitt der outperformenden Fonds. Aktive Fonds profitierten von ihrer Flexibilität, in mittlere und kleinere Gesellschaften zu investieren“, wie die Scope-Analysten erklären. Einschränkend muss gesagt, werden, dass diese Outperformance mit der Länge des beobachteten Zeitraums zurückgeht und beispielsweise bei MSCI-orientierten Managern auf Fünfjahressicht von 34,5 auf nur mehr sechs Prozent zusammenschmilzt. Für die Emerging Markets konnte der Vorsprung gut verteidigt werden, er steht für denselben Zeitraum bei über 30 Prozent.
AWie in vielen Bereichen, in denen KI seit dem großen ChatGPT-Moment eingesetzt wird, gilt, dass der Mensch in Sondersituationen immer noch einen Vorsprung gegenüber maschinellen Denkprozessen hat. Es mag sich bei der guten Performance menschlicher aktiver Fondsmanager im Jahr 2025 vielleicht nur um eine Momentaufnahme gehandelt haben, genauso gut ist es aber möglich, dass der gezielte Einsatz von KI-Tools – etwa wie eingangs erwähnt durch Carmignac – die Arbeit der menschlichen Manager erleichtert und verbessert. Die Vergleichsszenarien, die die Franzosen zwischen KI auf der einen Seite sowie Eisenbahn und Elektrizität auf der anderen Seite ziehen, ließen dann den Schluss zu, dass KI ein Mittel zur Produktionssteigerung und weniger ein Ersatz für menschliche Intelligenz ist.
Hans Weitmayr