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Low-Touch-Komprimierung

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4/2019 | Produkte & Strategien
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Vom Schlagzeug zur bAV

Paul Wessling ist Vorstand der Müllerei-Pensionskasse in Krefeld und leitet den VVB-Fachkreis ­„Kapitalanlagen und Asset Management“. Nur wenige sind im Themenkreis bAV so kompetent wie der vielseitige Kölner, der es versteht, mit seiner ungebrochenen bAV-Begeisterung auch andere anzustecken.

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Man kann sich Paul Wessling auch gut in der Politik vorstellen. Aber er winkt ab: „In die Politik kann ich nicht gehen, weil es für mich schwierig ist, Themen behandeln zu müssen, von denen ich keine Ahnung habe, und mir dieses auch nicht anmaße.“

© Bettina Koch, Fotoatelier Herr

Wer meint, dass Menschen, die sich intensiv mit Regulierungsthemen beschäftigen und entsprechend kompetent sind, ein eher sprödes Naturell besitzen, kennt Paul Wessling nicht. „Er ist eine ganz besondere Mischung aus rheinischer Frohnatur und präzisem Kenner der Versicherungen, der bAV, der Pensionskassen und deren Regulierung. Es gibt, glaube ich, kein Problem der Anlageverordnung oder im praktischen Management einer Kasse, das er nicht kennt“, beschreibt ihn der Branchenkollege und Consultant Oliver Roll.

Musik und Pensionskassen

Wesslings erster Berufswunsch war allerdings nicht die betriebliche Altersvorsorge, als junger Mensch träumte er von einer Karriere als Musiker: „Ich war Drummer, aber musste das dann leider als Hobby fortführen“, erinnert sich Wessling, der auch heute noch gelegentlich vor Publikum spielt. Für ihn weist sein Instrument, das Schlagzeug, aber Parallelen zur institutionellen Kapitalanlage auf: „Als Drummer darf man eins nicht vergessen: zu zählen, über das gesamte Stück hinweg! Und auch Pensionskassen haben viel mit Mathematik und Sto­­­chastik zu tun, über das ­gesamte Leben eines Menschen hinweg“, erklärt er.

Bevor er sein musikalisches Talent in der Leitung einer Pensionskasse einsetzen konnte, hatte der Kölner aber noch einige Karriereschritte zu bewältigen. Am Anfang stand eine Lehre als Krankenversicherungskaufmann mit anschließendem Stu­dium der Versicherungswirtschaft in Köln. Zeitgleich lernte Wessling auch programmieren: „In Cobol. Mein letztes Programm ­habe ich 1999 geschrieben“, erinnert sich der bAV-Experte, der heute darüber froh ist, auch im IT-Bereich mitreden zu können. Cobol ist eine Programmiersprache, die man heute bei Versicherungsunternehmen durchaus noch vorfinde, betont Wessling: „Als ich 2015 zum Bergischen Versicherungsverein kam, um ihn auf Vordermann zu bringen, hatten die noch eine Cobol-74-Anwendung für die Bestandsverwaltung.“ Der Sanierer konnte sich die Programme ansehen und sich so einen Überblick verschaffen. Wessling: „Sepa wurde dort nicht umgesetzt, weil der Programmierer 2012 gestorben war; die Sepa-Einführung kam 2014. Das mussten wir dann selbst realisieren.“

Seine Programmierkenntnisse haben den Blick des Versicherungsexperten für Details geschärft. „Wenn man programmiert, muss man runter auf die unterste Ebene“, so Wessling, der die Ansicht vertritt, dass jemand, der Abläufe digitalisieren könne, auch gut organisieren und automatisieren kann.

Trotz aller Automatisierungsfortschritte sei der Bereich Versicherungen und Pen­sionskassen in den Jahren komplexer geworden, beobachtet er. „Nach meinem ­ersten Lehrjahr bei der Berliner Verein Krankenversicherung haben ein Mathema­tiker und ich 1979 zusammen das Projekt Beitragsrückerstattung allein durchgeführt“, erinnert sich Wessling. „Heute benötigen Sie für ein solches Projekt mindestens 20 Mitarbeiter!“

Auch beim Thema institutionelle Vermögensverwaltung lernte Wessling das „Handwerk“ von der Pike auf. Nach einer Zwischenstation als Leiter der Buchhaltung bei der Kölner Postversicherung führte ihn sein beruflicher Weg zum IT-Unternehmen MSG. „Dort habe ich Vermögensverwaltungssoftware programmiert – für Versicherungskunden von der Allianz bis hin zur ZDF-Pensionskasse. Beim Programmieren müssen Sie tief einsteigen. Wir haben damals in den 90ern aus dem Bundesgesetzblatt heraus Programme geschrieben, was die Regulierung betraf.“

In den 1990er-Jahren war Wessling auch beim Bochumer Versicherungsverein. „Das ist ein kleines Versicherungsunternehmen, sodass dort jeder alles machen musste: ­akquirieren, policieren, migrieren und kompostieren. Es handelt sich ja schließlich um eine Sterbekasse!“, so Wessling. Bei einem Haus mit damals 25 Millionen D-Mark Bilanzsumme und einer Million Prämieneinnahmen, das unter BaFin-Kontrolle stand und von fünf Mitarbeitern betrieben wurde, ist das kein Wunder. „Bei einem solchen Volumen können Sie nicht viel auslagern, das wäre viel zu teuer! Also machen Sie’s halt selbst!“

Netzwerken

Betrachtet man die Fotos, könnte man auf den Gedanken kommen, Wessling zöge es in die Politik. Aber das tut es hier nicht. Aufgenommen sind sie im ehemaligen Plenarsaal in Bonn, wo wir Wessling auf einer BaFin-Konferenz getroffen ­haben. Er ist ein passionierter Konferenzteilnehmer: „Da bekommt man Information aus erster Hand. Natürlich kann man später in den Medien auch die Veranstaltungsberichte lesen, aber wenn du hingehst, hörst du auch das, worüber nicht geschrieben wird. Die Zwischentöne, die kann man nirgendwo lesen. So wie hier bei der BaFin-Konferenz. Da nimmt man doch sofort wahr: Wie kommt die Botschaft von Dr. Grund bei den Kollegen hier an?“

VVB-Fachkreis

Er sorgt auch selbst dafür, dass bAV-Experten zusammenkommen. Seine Plattform ist der Fachkreis Kapitalanlagen und Asset Management des VVB, den er seit 12 Jahren organisiert. „Am 24. Oktober 2006 hatten wir die erste Tagung bei Dr. Carsten Zielke, damals Versicherungsanalyst bei der West-LB, veranstaltet.“ Da kommt es wieder zum Vorschein: das präzise Parathaben von Details und der Spaß am Netzwerken …

Die Freude, die er in die Organisation seiner Fachtagungen mit hineinbringt, empfinden auch seine Wegbegleiter. Zum Beispiel Olaf Krumnack, der von Beginn an die Arbeitskreistagungen mit ihm gemeinsam organisiert hat. „Es bereitet sowohl große Freude, mit Paul zu arbeiten als auch mit ihm zu feiern. Meines Wissens gibt es in Deutschland niemanden, der die unterschiedlichen Aufsichtsregime für institutionelle Inves­toren besser versteht und anwendet, sowohl aus Sicht der Regulatorik, die er in Konsultations- und Ausschussarbeit mitgestaltet, als auch in seinen ­diversen Funktionen in der Rolle eines ­Instis selbst“, bestätigt Krumnack.
Wer noch nicht bei einer Arbeitskreis­tagung war, sollte das unbedingt nachholen. Man spürt sofort, dass die Referenten dort nicht in Erwartung einer hohen Vergütung hingehen, sondern weil Wessling sie eingeladen hat.

Der Netzwerker

„Netzwerken halte ich für eine absolute Notwendigkeit, und mir macht es auch unglaublich viel Spaß, mich mit anderen auszutauschen. Da kann man seine Kollegen fragen: Wie machst du das, wie machst du jenes? So etwas ist extrem hilfreich. Wenn du ein gutes Netzwerk hast, musst du dich nicht immer auf dich allein ­verlassen.“

Das läuft bei ihm in beide Richtungen. „Ich schätze Paul Wesslings Fähigkeit, das Netzwerk zu betreuen, und freu mich jedes Mal auf ein Wiedersehen“, erzählt Ralf Langhoff, besonderer Vertreter des Vorstands der Babcock Pen­sionskasse VVaG. „Er hat mich durch sein Netzwerk sehr schnell Fuß fassen lassen. Schon beim zweiten Treffen hat er mir den ehrenamtlichen Vorstandsjob in Gerthe angeboten, und es war mir ein Vergnügen, mit seiner Hilfe die Kasse von der Bundes- in die Landesaufsicht zu bringen und dann zu fusionieren. Dabei hilft Paul immer bei regulatorischen Fragen und beschafft geeignete Finanzprodukte für Club Deals. Er opfert sein Wissen und seine ungebrochene Begeisterung für das Thema bAV für kleinere Sterbekassen und auch ­deren Schieflagen.“

Robin Hood der Sterbekassen

Apropos Schieflagen: Als sein schönstes berufliches Erlebnis sieht Wessling die Sanierung der Gerther Sterbekasse. „Ich habe die Kasse mit einer Absenkung der Überschussgutschriften um 96 Prozent übernommen. Die Überschüsse der letzten 30 Jahre waren weg. Der Vorstand dieser Kasse hat nämlich gemeinsam mit einer Bank Gelder veruntreut. Als das auffiel, hat die BaFin die Lizenz für das Neugeschäft entzogen und eine Sonderbeauftragung eingesetzt.“ In den Jahren 2009 bis 2019 sanierte Wessling die Kasse so weit, dass er sie auf eine andere Sterbegeldversicherung übertragen konnte. „Ich bin stolz darauf, dass ich mehrere Millionen von den Protagonisten der Veruntreuung wieder reinholen konnte.“ Der Weg dahin verlief allerdings steinig. Im ersten Jahr seiner Übernahme kam es zu 50 Prozent Stornoanteil in den Versicherungsleistungen, als die Schieflage bekannt wurde. 

„Die Leute wollten einfach raus. Und Neugeschäft gab’s natürlich auch nicht!“, erinnert sich Wessling. Mühevoll gelang es ihm, das Vertrauen wiederherzustellen, indem er Ruhe in die Kapitalanlage brachte. Die Probleme bei einer solchen Sanierung kommen ­dabei aus mehreren Richtungen: „Es war schon schwierig, einen Anwalt für die Prozesse zu finden. Aber ich wollte, dass die Bösewichte bestraft werden und die Kasse wieder auf die Füße kommt.“ Auch die Abstimmung der Finanzierungs- und Sanierungspläne mit der ­BaFin im Zuge des Wiederaufbaus der Kasse bezeichnet der bAV-Profi heute als „interessant“, was man wohl als ­Euphemismus für „Knochenarbeit“ verstehen muss: „Ich musste jeden Monat bilanzieren und an die BaFin berichten – über zehn Jahre lang.“ Bei so viel Übung verwundert es kaum, dass er sich in Sachen Bilanzierung auskennt wie kaum ein ­Zweiter.

Konsolidierung erwartet

Angesprochen auf die Zukunft der Pen­sionskassen, meint Wessling: „Es wird eine Konsolidierung bei den Pensionskassen ­geben. Viele, wie wir auch, haben bei der BaFin beantragt, dass sie Versorgungswerke verwalten dürfen.“ Versicherer können das von sich aus machen, während regulierte Pensionskassen für diesen Geschäftszweig eine Genehmigung brauchen. Zu den Dienstleistungen für andere Kassen gehören dann etwa das Inkasso, Auszahlungen, die Bestands- und Kapitalverwaltung. Auf diese Weise können Kassen Dienstleistungser­träge generieren. „Vielleicht sehen wir auch ­einen Zusammenschluss von Branchenkassen“, meint er. Insgesamt müssten Pensionskassen mehr in den Fokus der Bevölkerung treten. „Ich sehe das bei meinen Müllern. Für sie steht die bAV nicht im Mittelpunkt. Wir müssen die Erwerbstätigen aber dazu bringen, sich mit bAV zu beschäftigen.“ Er erwähnt einige der Vorteile. „Die bAV wird sowohl steuerlich als auch über die Sozialversicherungsfreiheit der Beiträge gefördert, und das Betriebsrentenstärkungsgesetz hat weitere Verbesserungen gebracht. Jetzt ist man sogar dabei, die doppelte Verbeitragung in der Sozialversicherung abzuschalten, was Ulla Schmidt und Karl Lauterbach 2003 eingeführt haben!“ Jetzt klingt Wessling doch wieder politisch: „Zu den frei­willigen Beiträgen bei privater Fortführung der bAV gab es im Juni 2018 ein Urteil, das die Gier der Krankenkassen eingedämmt hat. Mal sehen, was wir in diese Richtung noch Positives bewegen können!“

Er erwähnt, dass die Pensionskassen trotz der Niedrigzinsphase noch Renditen von über drei Prozent erwirtschaften. Auf der anderen Seite stehe die Entwicklung der ­gesetzlichen Rentenversicherung ja schon fest: „Aus der Pyramide wurde ein Pilz! Man muss die bAV in genau die Medien bringen, die sich normalerweise nicht mit solchen Themen befassen. Wir brauchen den Mainstream!“

Wessling meint, die Politik sollte die Pensionskassenregulierung präziser auf das Geschäft, das Pensionskassen betreiben, ausrichten, und nennt ein Beispiel: „Berufsständische Versorgungswerke – das ist ja erste Säule – haben ein sogenanntes offenes Deckungsplanverfahren. Die müssen keine unmittelbare Äquivalenz darstellen.“ Deutsche Lebensversicherungen und Pensionskassen müssen hingegen an jedem Bilanzstichtag die Deckungsrückstellungen aufbauen, damit der Beitrags-Barwert dem ­Leistungs-Barwert entspricht. „Die müssen immer 100-prozentig finanziert sein, obwohl ja nicht alle Leute sofort in Rente ­gehen.“ Bei Versorgungswerken werde also die Langfristigkeit des Geschäfts besser ­berücksichtigt als bei den Pensionskassen, kritisiert Wessling. „Das sollte man harmonisieren, schließlich ist das Geschäft das Gleiche.“

Mit der Harmonie sind wir wieder bei der Musik angekommen. Sie habe dazu geführt, dass er sich als Jugendlicher sozialisiert habe. „Musik konditioniert. Wenn man als Drummer in einer Band spielt, ist man der versteckte Dirigent. Die Leute wissen anzufangen, wenn der Drummer vorzählt, und hören auf, wenn er aufhört.“ Taktgefühl brauche man sowohl in der Musik als auch in der Gesellschaft. „Wenn man sich unterhalten oder Überzeugungen durchsetzen will, ist Taktgefühl nicht schlecht.“ Man kann nur hoffen, dass Wessling als Drummer noch mehr in der bAV dirigieren kann.

Anke Dembowski


Paul Wessling

Er ist Vorstand der Müllerei-Pensionskasse und hat eine über 40-jährige Erfahrung in der Rechnungslegung von Lebens- und Sachversicherern, war verantwortlich für die Entwicklung und ­vielfache Betreuung von Anwendungen zur Versicherungstechnik, MARisk wie auch Asset-Management-Systemen bei Lebensversicherern/Pensionskassen und hatte die Leitung der Kapitalanlagen-verwaltung und des Rechnungswesens sowie Treuhandmandate bei Erst- und Rückversicherungsunternehmen.

Vor allem die Beachtung aufsichtsrechtlicher sowie handels- und steuerrechtlicher Sachverhalte war Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der Beratung der Bankenbranche zur Gestaltung und Umsetzung geeigneter Anlageideen mit Sicherstellung des ­Berichts-
und Meldewesens als auch die Messung ihrer Ergebnisbeiträge im ALM-Prozess.

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