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1/2020 | Produkte & Strategien
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Das Interesse an Infrastrukturfonds ist teilweise größer als das Angebot: Investoren finden sie aufgrund stabiler und relativ hoher laufender Erträge bei vergleichsweise geringen Risiken interessant.

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Die Allianz investierte schon 2015 in ein umfangreiches Abwasserprojekt in London. Aufgrund der Vorteile, die Infrastrukturanlagen langfristig ausgerichteten Investoren bieten können, finden sie zunehmend Eingang in die Portfolios, häufig als Bond-Ersatz.

© GMF
Als Steuerzahler könnte man die Frage stellen, mit welchem Recht Regierungen staatlich finanzierte Infrastruktur privatisieren. Schließlich wird damit privaten Investoren die Chance eröffnet, sehr langfristig risikoarme Einnahmen zu erzielen, die der Staat durchaus gut gebrauchen könnte. Tatsache ist aber, dass viele Staaten die anstehenden notwendigen Infrastrukturmaßnahmen ohne private Betei­ligung nicht schaffen würden. Michael ­Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln), geht sogar so weit, einen staatlichen Infrastrukturfonds für Deutschland zu fordern. 450 Milliarden Euro soll dieser Fonds schwer sein, „um in der kommunalen Infrastruktur, für Verkehr, Energie und digitale Netze, für Bildungsinfrastruktur und für die Klimapolitik auch nur das Gebotene zu erreichen“, so Hüther. Ein Infrastrukturrat könne beauftragt werden, um die einzelnen Projekte vorab einer Nutzen-Kosten-Ana­lyse zu unterziehen. „Eine zukunftsfähige Infrastruktur schafft einen Ermöglichungsraum für private Innovationen und Investitionen“, erklärt Hüther. 
 
Aus der Sicht institutioneller Anleger ist die Tatsache, dass immer mehr ehemals staatliche Aufgaben an die Privatwirtschaft ausgelagert werden, angesichts der Zins­landschaft ein Segen, denn Infrastruktur­investments sind vergleichsweise risikoarm, und die damit verknüpften Einnahmen fließen im Normalfall zuverlässig und sind gut planbar.  
 
Es überrascht daher nicht, dass das aggregierte Kapital, das in europäischen Infrastrukturfonds liegt, 2019 aber mit rund 41 Milliarden US-Dollar (rund 36,32 Milliarden Euro) den bisher höchsten Stand erreichte, wie aus Zahlen des Datenanbieters Preqin hervorgeht (siehe Charts „Die Nachfrage nach Infrastrukturinvestments ist hoch“). Hinsichtlich der Deals zeigen die Preqin-Daten, dass sowohl die Zahl der Deals als auch das aggregierte Deal-Volumen für europäische und nordamerikanische Infrastrukturprojekte derzeit hoch ist, wobei die Deal-Anzahl für beide Regionen 2017 ihren Höhepunkt erreichte.
 
Ganz große Investoren schließen die Deals direkt ab, weil sie in den letzten Jahren eigene Infrastrukturteams sowohl auf der Equity- als auch auf der Debt-Seite aufgebaut haben. Erst kürzlich investierte die Talanx-Versicherungsgruppe zusammen mit weiteren deutschen Großanlegern einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag in die Finanzierung von zwei Windparks. Im ­Dezember 2019 hatte Talanx in den noch im Bau befindlichen Solarpark „Bienve­nida“ in Spanien und im Januar 2020 in ­einen Solarpark in der Nähe von Sevilla, ebenfalls in Spanien, investiert.
 
Auch Allianz und Münchner Rück sind seit Jahren im Infrastrukturbereich aktiv, Aufmerksamkeit erregten dabei das Allianz-Engagement in das Abwassersystem Londons, in das 2015 rund 5,7 Milliarden Euro investiert wurden. Auch beim Thema Energiewende setzt Deutschland darauf, dass große institutionelle Investoren mitziehen, andernfalls wären die nötigen Investitionen auch kaum zu schaffen. 
 
Die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe (ÄVWL), die dafür bekannt ist, auch Investments abseits des Mainstreams zu tätigen, beteiligte sich bereits 2017 gemeinsam mit Siemens Financial Services am Onshore-Windpark „Nordlicht“ in Nordnorwegen. 2018 refinanzierte die ÄVWL die Straßenbahnlinie 1 in Saragossa, der Hauptstadt der Region Aragonien in Spanien. Da Straßenbahnen als CO2-freundliches Transportmittel gelten, schreibt die Ärzteversorgung in ihrem Mitgliedermagazin: „Saragossa ist ­eine Investition, die sowohl aus nachhaltigen als auch aus Risiko-Rendite-Gesichtspunkten alle Anforderungen erfüllt.“
 
Fonds bevorzugt
 
Andere Investoren, die weniger Personal für die Anlagen im Alternatives-Bereich bereitstellen können, gehen lieber den Weg über Fonds. „Bei Infrastrukturinvestments bevorzugen die Investoren eher Einzel- als Dachfonds, denn die Kosten für die dop­pelte Struktur lohnen sich hier weniger als im Private-Equity-Bereich, wo noch höhere Renditen erwartet werden“, weiß Detlef Mackewicz, Gründer und Eigner des Consultingunternehmens Mackewicz & Partner aus München. 
 
Die besonders vorsichtigen Fondsinvestoren würden am liebsten erst in die zweite oder dritte Generation eines Anbieters gehen, denn dort ließe sich besser beurteilen, wie sich ein Infrastrukturfondsmanager in einer Krise – etwa in der Finanzkrise 2007/08 – bewährt hat. „Diese Überlegung ist zwar nachvollziehbar, reduziert aber die Anzahl der Fonds, die in Frage kommen. Dann bleiben je nach Zeitpunkt nur noch 15 bis 20 Fonds zur Auswahl“, bedauert Mackewicz.
 
„Investitionen in Infrastrukturfonds hätten vermutlich längst die Investments in Private Equity überholt, wenn es ein vergleichbares Angebot gegeben hätte“, fährt Mackewicz fort. Denn auch wenn Private-Equity-Investments mit zehn bis 20 Prozent die höhe­ren Renditen erwarten lassen, böten auch Infrastrukturinvestments mit sechs bis 14 Prozent relativ hohe Renditen. „Die zusätzlichen Vorteile, die Infrastrukturinvestments im Vergleich zu Private-Equity-Fonds bieten, sind niedrigere Risiken und frühe laufende Einnahmenströme, die weitgehend stabil sind“, erklärt Mackewicz.
 
Daher boomen Infrastrukturfonds. Beispielsweise wuchs „Bridge“, die Plattform für Infrastrukturkreditfonds von Edmond de Rothschild Asset Management, seit Auflage des ersten Fonds im August 2014 bis Ende Januar 2020 auf über 2,6 Milliarden Euro. Das Vertriebsergebnis liegt damit deutlich über dem Zielvolumen, das Rothschild bei Gründung seiner Infrastrukturkreditplattform geplant hat. Und es soll weitergehen: Mit der Auflage des Fonds Bridge V im Jahr 2020 will Edmond de Rothschild AM weiter an diesem Wachstumssegment teil­haben.
 
Angesichts der hohen Investitionstätigkeit stellt sich die Frage, ob womöglich bereits zu viel Geld für zu wenige Deals im Infrastruktursegment unterwegs ist. „Unseres ­Erachtens sind die risikobereinigten laufenden Erträge für Core-Infrastrukturanlagen auf relativer Basis weiterhin attraktiv“, schreibt J.P. Morgan AM in seinem Global ­Alternatives Outlook 2020. Es sei jedoch zu beobachten, dass einige Anleger ihre Risikotoleranz weiter erhöhten, um die erwarteten laufenden Erträge aufrechtzuerhalten.
 
Aufgrund der gestiegenen Risikotoleranz und des spätzyklischen Umfelds empfiehlt J.P. Morgan AM, aktuell im Infrastrukturbereich Core-Anlagen den Vorzug zu geben. Seit 2006 bietet der Asset Manager in diesem Segment einen Fonds mit ­einer Evergreen-Struktur an, der es mittlerweile auf ein Volumen von 12,5 Milliarden US-Dollar (rund elf Milliarden Euro) gebracht hat. Der Fonds streut sein Vermögen über hunderte Einzelassets aus unterschiedlichen Regionen und Sektoren. Als Middle-Market-Strategie vermeidet es dieser Ansatz, in die oft relativ teuren sogenannten „Trophy Assets“ zu investieren. 
 
Warum dieser Fonds offenbar den derzeitigen Investorenvorstellungen entspricht, bringt Sebastian Schu, Senior Client Advisor für institutionelle Kunden bei J.P. Morgan Asset Management, schnell auf den Punkt: „Mit unserem Core-Infrastruktur-Ansatz lässt sich ein attraktiver laufender Ertrag von fünf bis sieben Prozent erzielen. Hierbei profitieren wir vom Cashflow der Einzelassets und sind nicht von Wertsteigerungen abhängig.“ Gerade die hohe Stabilität der Erträge sorgt dafür, dass viele Investoren solche Infrastruktur­investments als Ersatz für traditionelle Investments einsetzen. Investoren sollten allerdings bei Infrastrukturinvestments einen sehr langfristigen Anlagehorizont haben und anerkennen, dass es sich bei Infrastruktur-Assets um illiquide Vermögenswerte handelt.
 
Da viele Infrastrukturvorhaben mit der Produktion oder Durchleitung CO2-neutral gewonnener Energie oder umweltfreundlichen Verkehrsmitteln zu tun haben, erfüllen sie oft auch Nachhaltigkeitsvorstellungen der Investoren. Ein aktuelles Beispiel gibt Martin Seitle, der mit seinem ­Organic-Garden-Projekt ein ökologisches Stromverbundprojekt vorantreiben will. Der Unternehmer plant, im ersten Halbjahr 2020 einen Infrastruktur-Greenbond aufzulegen. Damit sollen die ersten drei Standorte in Deutschland für seine ökologischen Gewerbezentren finanziert werden, die ein Gesamtfinanzierungsvolumen von rund 154 Millionen Euro umfassen.
 
Seitle beschreibt die Idee hinter seinen Gewerbeparks: „Kernstück ist ein Bioheizkraftwerk, das durch das Verbrennen von Holzhackschnitzel CO2-neutralen Ökostrom produziert und in das öffentliche Netz einspeist. Die hierbei entstehende Abwärme wird in eine Fischzuchtanlage zum Anwärmen des Wassers gegeben. Dort werden Lachs, Zander und Garnelen gezüchtet.“ Außerdem werde die Abwärme zum Beheizen von Glasgewächshäusern in den kalten Jahreszeiten verwendet, wo Gemüse angebaut wird. Wärme und Kälte benötigt auch die auf dem Parkgelände ansässige Pilzzuchtanlage, die Champignons produziert. Die Reststoffe aus der Gemüse- und Pilzproduktion werden mit Feinmaterial der Brennstoffe und zertifizierter Holzasche aus der Verbrennung des Kraftwerks vermischt, um daraus Kompost zu gewinnen. Das Abwasser aus der Fischzucht geht nach einer Reinigung in die Glashäuser als Gießwasser. „Somit werden alle vermeintlichen Reststoffe vollständig genutzt“, erklärt Seitle. Das Beispiel zeigt: Die Möglichkeiten, in Infrastrukturprojekte zu investieren, sind vielfältig und teilweise auch ungewöhnlich. „Es ist in diesem Segment sinnvoll, breit zu diversifizieren, Infrastruktur ist keine homogene Anlageklasse“, betont Mackewicz.
 
Anke Dembowski 

Anhang:

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