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Kostenoptimierung mit ETFs - aber bitte nachhaltig

Wie ESG Kriterien in ETFs berücksichtigt werden und auf diese Weise nachhaltig sowie effizient investiert werden kann, erläutert der ETF-Spezialist Michael Huber von Invesco beim Investmentforum am 4. Juni in Frankfurt. Erfahren Sie mehr!

 

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4/2018 | Produkte & Strategien
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Smart Beta pur

Angesichts der Befürchtung, dass die aktuelle Aufschwungphase bei Aktien auch einmal enden könnte, steigt die Zahl von Multi-Faktor-Investments, die marktneutrale Strategien verfolgen.

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Der Vormarsch der Faktor- bzw. Multi-Faktor-Konzepte (Smart Beta) hält weiter an. Angesichts der zunehmenden Sorge, dass der seit 2009 anhaltende Börsenaufschwung in eine ­länger währende Korrektur münden könnte, bieten immer mehr Fondshäuser Lösungen an, die ihre Smart-Beta-Lösungen gegenüber dem Gesamtmarktrisiko absichern.

© Andrey Popov | stock.adobe.com; Jens Hannewald

Grundsätzlich wünschen sich die meisten Investoren immer dasselbe: stabile Renditen bei kontrolliertem Risiko. Nach einem zehn Jahre währenden Börsenanstieg verlagert sich dieses Wunschprofil aber mehr und mehr in Richtung „kontrolliertes Risiko“. Eine der jüngeren Antworten der Finanzproduktanbieter auf diese Forderung ist die Kombination aus Faktor-Investing und marktneutralen Strategien.

Dass Faktor-Investing ein Teil dieser Strategien ist, dürfte dem Boom in diesem Bereich geschuldet sein. Obwohl in Expertenkreisen nach wie vor darüber diskutiert wird, ob die – bei der Analyse historischer Daten erkennbare – Outperformance der Faktoransätze auch in Zukunft stabil bleiben kann, ist das Interesse an Anlagevehikeln, die auf Faktoren wie Dividendenrendite, Momentum, Volatilität etc. basieren, anhaltend hoch. Laut Lyxor ETF Research hat sich das in Smart-Beta-ETFs investierte ­Volumen in Europa seit Januar 2012 von 3,3 auf mehr als 37 Milliarden Euro (Juni 2018) erhöht. Und allein im September 2018 flossen netto weitere 1,4 Milliarden Euro in diese Produktklasse. Dennoch ist auch Faktor-Fans klar, dass sich in einer längeren Korrekturphase mit reinen Long-only-Investments Verluste nicht vermeiden lassen werden. Die Idee, Faktorstrategien marktneutral umzusetzen, drängt sich daher fast schon auf. Das Neu­tralisieren des Marktrisikos mithilfe von leerverkauften Indizes ist eigentlich die ursprüngliche Idee von Hedgefonds (daher auch der Name), allerdings verfolgen längst nicht mehr alle Hedgefonds dieses Konzept, was sich auch in den Daten widerspiegelt. Jens Kummer, Senior Portfolio Manager bei der StarCapital AG (ehemals Mars Asset Management) meint dazu: „Betrachtet man die monatliche Performance aller Hedgefonds, so fällt auf, dass viele Fonds hohen Marktrisiken ausgesetzt sind. Selbst in der Aggregation von über 2.100 Fonds in einem Index bleibt die ­Abhängigkeit zum Aktienmarkt überraschenderweise erhalten. So reduziert der HFRI Fund Weighted Hedge Fund zwar das Risiko (Volatilität) gegenüber dem breiten Aktienmarkt, doch die Korrelation ist mit 87 Prozent weiterhin sehr hoch.“ Hedgefonds sind daher auch nicht mehr die erste Wahl, wenn es darum geht, marktneutral zu inves­tieren.

Die neuen Produkte, die Faktor- und Long/Short-Strategien verbinden, wenden sich hingegen exakt an jene Anleger, die Faktor-Alpha suchen, Gesamtmarktrisiken hingegen fürchten. Und hier bemühen sich die Anbieter derzeit, neue Lösungen zu promoten. Theoretisch könnte man dabei sogar auf den Leerverkauf der Indizes verzichten. „Ein möglichst marktunabhängiges Port­folio erhält man durch die Kombination von Positionen in negativ korrelierten Faktoren, also beispielsweise Long-Value und Short-Growth. Dies ist eine hedgefondsähnliche Vorgehensweise“, beschreibt Peter König von delta management consulting, der institutionelle Investoren bei der Implementierung von Faktorstrategien berät, eine mögliche Strategie, fügt aber gleich hinzu: „In der Praxis ist aber die Absicherung des Marktrisikos eines Faktorportfolios über ­Futures leichter umzusetzen. Dabei ist zu beachten, dass viele Faktorstrategien ein Markt-Beta von größer oder auch kleiner eins aufweisen. Um ein wirklich marktunabhängiges Alpha zu erhalten, muss die Hedging-Strategie dann entsprechend angepasst werden“, so König.

Auch Jens Kummer will mit seinem MARS L/S Factor Allocation Index eben die Unabhängigkeit von Aktien- und Zinsmärkten oder sogar eine negative Korrela­tion erreichen. „Das gelingt uns, die Korrelation ist rückblickend sogar leicht negativ, obwohl das Netto-Exposure zu Aktien immer bei genau null Prozent ist. Diese positive Eigenschaft geht auf die beabsichtigten Ausprägungen zu bestimmten Faktoren zurück, die in Phasen stark fallender Aktienmärkte die größten Renditebeiträge erzielen“, so Kummer.

Auch M.M.Warburg & Co will in diesem Markt mitmischen: „Durch die Überführung unseres Multi-Smart-Beta-Ansatzes in eine marktneutrale Welt isolieren wir sys­te­matisch Faktorprämien, unabhängig von der Richtung der Märkte“, erklärt Ralf ­Budinsky, der diese Strategie als Leiter der Produktentwicklung mitgestaltet hat. „Seit Mai 2017 realisieren wir diese Strategie in einem Spezialfondsmandat. Und vor Kurzem konnten wir ein weiteres Mandat mit ­einem signifikanten Volumen akquirieren. Dies hat uns nun dazu motiviert, diese ­Strategie in einem Publikumsfonds, dem Warburg Aktien Marktneutral Global, auch einem breiten Investorenkreis zugänglich zu machen.“

Strategien in der Praxis

Obwohl die angebotenen Strategien grundsätzlich dasselbe Ziel verfolgen, unterscheiden sie sich doch im Einzelnen in ­einigen wesentlichen Punkten. Die zentrale Gemeinsamkeit besteht darin, dass hier durchwegs auf mehrere Faktoren gesetzt wird. Die Anbieter unterscheiden sich aber im Hinblick auf die Anzahl der berücksichtigten Faktoren. Darüber hinaus verfolgt ­jeder Anbieter seinen eigenen „Konstruk­tionsplan“ zur Beschreibung einzelner Faktoren, was sich in Art und Anzahl der verwendeten Unternehmenskennzahlen sowie deren Gewichtung widerspiegelt.

Während es sich bei den Produkten von Amundi, Lyxor und J.P. Morgan um ETFs handelt, bei denen die Strategie über einen Index abgebildet wird, bevorzugt Warburg den UCITS-Rahmen für seinen Publikumsfonds. StarCapital lässt ebenfalls einen ­Index auf seine Strategie berechnen, dessen Performance über einen Swap abgebildet werden kann. Die in Oberursel bei Frankfurt ansässige Investmentgesellschaft ist ­zudem der einzige Anbieter, der die Short-Seite über Einzelaktien abbildet, während alle anderen Anbieter ihrem Multi-Faktor-Portfolio auf der Long-Seite Aktienindex­futures auf der Short-Seite gegenüberstellen. Darüber hinaus unterscheiden sich die ­Anbieter nach dem Investmentuniversum, in dem sie nach Faktorprämien fischen: Während sich Amundi und StarCapital auf Europa beziehungsweise Euroland beschränken, begeben sich Warburg und Lyxor international auf die Suche nach Faktorprämien. Ganz besondere Beachtung sollte dem eingebauten Investitionsgrad geschenkt werden. So ist das Produkt von Lyxor mit ­einem Hebel ausgestattet. Der ETF von J.P. Morgan ist nicht vollständig marktneutral, sondern lässt ein gewisses Market Exposure zu, weil das die potenzielle Zielrendite erhöht – allerdings auch das Risiko.

Das jüngste Produkt von Warburg strebt eine Rendite von zwei Prozent über dem dreimonatigen Euribor an. Dabei werden sechs Faktorprämien simultan vereinnahmt. „Jeder dieser Faktoren lässt sich ökonomisch oder verhaltenstheoretisch erklären und konnte empirisch nachweisbar eine Outperformance gegenüber kapitalisierungsgewichteten Aktienindizes erzielen“, erklärt Budinsky. „Wir verfolgen einen Bottom-up-Ansatz, bei dem wir mithilfe einer proprietären Optimierungsmethodik und ausgehend von den einzelnen Aktien und deren fun­damentalen Eigenschaften direkt das Multi-Faktor-Portfolio ansteuern. Dadurch können die Verwässerungseffekte, die sich aus den Abhängigkeiten der einzelnen Faktoren erge­ben, vermieden werden“, ergänzt Budinsky.

Eine Ergebnisbetrachtung der angebotenen Strategien ist derzeit nur über relativ kurze Zeiträume möglich. Für ein Aktien­exposure mögen die Resultate nicht schlecht sein, aber laut Anbieter handelt es sich ja gerade um marktneutrale Strategien. Also waren es offenbar die Faktorprämien, die seit Anfang 2018 wenig beziehungsweise negative Beiträge gebracht haben. Kummer meint dazu: „Bei den marktneutralen Multi-Faktor-Strategien geht es tatsächlich um das reine Alpha, das die Faktoralloka­tion bringt. Hier gab es in diesem Kalenderjahr einen Trendwechsel, beispielsweise beim Faktor ‚Größe‘. Normalerweise laufen Mid Caps besser als Large Caps, aber das hat sich in den letzten drei Monaten geändert.“
Budinsky verweist auf das geteilte Ergebnis der letzten beiden Jahre: „2017 haben alle Faktorprämien mit Ausnahme von ­Value eine Outperformance generieren können. Dies war ein außergewöhnlich gutes Jahr für Faktorstrategien. In unserem am 15. Mai 2017 aufgelegten Spezialfonds konnten wir bis Jahresende einen Wertzuwachs von 4,51 Prozent erwirtschaften.“ Auch im aktuellen Jahr haben die meisten Multi-Faktor-Strategien zunächst recht gut funktioniert, einige konnten ihrem Anspruch, auch in Stressphasen der Aktienmärkte zu performen, auch gerecht werden. Die Durststrecke für Faktorprämien und darauf basierende Fonds setzte erst im zweiten Quartal mit dem Aufflammen des Handelsstreits mit den USA und dem Wiederaufkeimen der Italien-Krise ein. Budinsky: „Während die Risikoprämien in normalen Zeiten sukzessive vereinnahmt werden können, sind politische Börsen, in denen die Fundamentaldaten in den Hintergrund ­rücken, Gift für Faktorstrategien.“

Kein Free Lunch

2018 zeigt sich, dass Faktorprämien kein Free Lunch sind, sondern eine Abgeltung für Risiken darstellen, die sich zwischenzeitlich in Schwankungen und (relativen) Verlusten manifestieren. Für den zukünf­tigen Erfolg der Produkte hängt es also ­davon ab, ob sich die Faktoren künftig wieder wie langfristig erwartet entwickeln, um das in diesem Jahr verlorene Terrain gut­zumachen.   

Anke Dembowski


Anhang:

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