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4/2025 | Produkte & Strategien

Silber – das neue Gold?

Silber ist Edel- und Industriemetall zugleich. Im Zuge der aktuellen Silber-Rallye ­nehmen es mehr Investoren als strategische Beimischung ins Portfolio. Was treibt den Preis, ist ein größeres Silber-Exposure sinnvoll, und was ist dabei zu beachten?

Silberbarren: Silber ist wegen seiner hohen elektrischen Leitfähigkeit ein wichtiges Industriemetall. 
Silberbarren: Silber ist wegen seiner hohen elektrischen Leitfähigkeit ein wichtiges Industriemetall. © A2Z AI | Generiert mit KI | stock.adobe.com

Der Silberpreis scheint seit diesem Frühjahr kein Halten zu kennen. Ein Allzeithoch erreichte er Mitte Oktober mit knapp 54 Dollar, und am 11. November lag er bei knapp 51 Dollar je Unze, ein Zuwachs von 72 Prozent seit Jahresbeginn. Gold schaffte in diesem Zeitraum ein Plus von rund 56 Prozent.

Institutionelle Investoren nehmen Silber zunehmend ins Portfolio. Weltweit manifestiert sich das wachsende Interesse zum Beispiel im Zufluss in ETPs (börsengehandelte Finanzprodukte), die die Wertentwicklung von ­Silber abbilden. Sie haben laut der Branchenorganisation Silver Institute im ersten Halbjahr bereits den gesamten Wert für 2024 überstiegen.

Seitdem setzen sich die Zuflüsse fort. So haben im August UBS und Morgan Stanley ihre Beteiligung am Shares Silver Trust, dem weltweit größten Silber-ETP, der den Silberpreis synthetisch nachbildet, aufgestockt.

„Silber ist eine interessante Mischung aus Industrie­metall und Wertspeicher, auf die sich für Investoren ein Blick lohnt“, sagt Darwei Kung, Head of Commodities and Natural Resources in der New Yorker Niederlassung des deutschen Vermögensverwalters DWS. „Es profitiert sehr stark von der Energiewende, da es ein wichtiger Grundstoff in vielen Komponenten ist. Deshalb wird die Nachfrage steigen.“

Die meisten kleineren Player evaluieren den Markt noch. „Wir sehen eine wachsende Aufmerksamkeit bei unseren Kunden gegenüber Silber“, erklärt Dr. Oliver Wilhelm, ­Leiter Firmenkunden und institutionelle Anleger bei der Solit-Gruppe. Das schweizerisch-deutsche Unternehmen berät Family Offices, Stiftungen, Pensionseinrichtungen und sehr vermögende Privatpersonen bei der Anlage in Edelmetallen. „Man möchte besser verstehen, was hier gerade passiert“, so Wilhelm. „Sie sind in einer Art Explorationsphase.“

Silber folgt dem Gold mit stärkeren Ausschlägen
Silber, das aus Investorensicht meist im Schatten von Gold steht, läuft diesem typischerweise nach – eine Gold-Rallye führt mit Verzögerung meist auch zu einer Rallye bei Silber, dann aber häufig mit stärkeren Ausschlägen. Grund für den Delay ist, dass beide über Jahrhunderte Geldmetalle waren und den Nimbus von sicheren Häfen in Krisenzeiten haben. Das gilt jedoch in viel stärkerem Maße für Gold, das einen weitaus größeren Markt hat, auf dem auch Zentralbanken regelmäßig aktiv sind. Viele Investoren engagieren sich am Silbermarkt erst dann, wenn sich der Trend bei Gold verfestigt oder die Preise dort als bereits zu hoch empfunden werden.

Die aktuelle Goldrallye begann laut World Gold Council, das die internationale Goldbranche vertritt, 2022 mit der Erwartung sinkender Zinsen und Renditen, eines schwächeren US-Dollars, höherer Inflation und zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten. „Kolossale“ Goldkäufe von Zentralbanken sorgten dem Council zufolge 2022 für ein Elfjahreshoch bei der Goldnachfrage. Seitdem haben die Zentralbanken ihre Goldbestände weiter aufgestockt.

Silber schwenkte dagegen erst 2024 in eine deutliche Aufwärtsbewegung ein. Sprott Inc. hat in ihrem „Silver Investment Outlook Mid-Year 2025“ festgestellt, dass der Silber-Bullenmarkt dieses Jahr an Stärke zunimmt. Als Hauptgründe dafür nannte der kanadische Edelmetall-Asset-Manager eine hohe Industrienachfrage und ein sich seit Jahren verstärkendes Marktdefizit.

Profiteur der Energiewende
Rund 60 Prozent des Silbers werden von der Industrie nachgefragt. Damit ist es auch abhängig von technologischen Veränderungen. Ein Beispiel dafür ist die analoge Fotografie, die in der Vergangenheit für eine große Silbernachfrage gesorgt hat und nunmehr kaum noch eine Rolle spielt. Heute dagegen sind die größten Silberverbraucher Branchen wie Photovoltaik, Elektromobilität und Elektronik, die das Metall wegen seiner hohen elektrischen Leitfähigkeit brauchen. Auch Gold wird in industriellen Anwendungen verwendet, jedoch in weit geringerem Ausmaß mit einem Anteil von nur etwa acht Prozent.

Aktuell wird der Silberpreis laut Kung auch von einer Knappheit am London Bullion Market (LBMA), dem weltweit wichtigsten Handelsplatz für physisches Gold und ­Silber, angetrieben. In letzter Zeit gab es große Käufe aus den USA, wo ein Teil des Markts US-Zölle auf Silber befürchtet. Deshalb decken sich Investoren ein.

Das Silberangebot hat laut Sprott sieben Jahre in Folge mit der Nachfrage nicht Schritt gehalten. Da die verfügbaren Lagerbestände stark zusammengeschrumpft seien, bestehe die Möglichkeit eines „Silver Squeeze“, in dem auch kleinere Nachfragespitzen starke Preisbewegungen nach oben auslösen könnten.

Die These von einem möglichen Silver Squeeze begründet Sprott unter anderem mit der sogenannten Gold-Silver Ratio, die den Goldpreis in Beziehung zum Silberpreis setzt. Das Maß liegt deutlich über seinem langjährigen Durchschnitt (91 zum Zeitpunkt des Sprott-Berichts gegenüber einem Durchschnitt von 67), was eine relative Unterbewertung von Silber gegenüber Gold, gemessen an früheren Phasen, andeutet und eine steigende Nachfrage auslösen könnte, die auf einen Angebotsmangel trifft.

SPA Capital, der größte Wealth Manager Indiens, schätzte im Juni das Angebotsdefizit in diesem Jahr auf 149 Millionen Unzen, was zwölf Prozent der weltweiten Nachfrage entspricht, und prognostiziert, dass das Defizit mindestens bis 2030 bestehen bleiben wird. Während Gold überbewertet sei, sei Silber unterbewertet, und während das Markt-Sentiment bei Gold mit „crowded long“ charakterisiert wird, entwickle sich das Interesse an Silber derzeit erst.

Physisch, ETPs oder Silberaktien
Investoren haben die Wahl, Silber-Exposure über Investitionen in physisches Silber aufzubauen, indirekt über ETFs oder ETCs oder über Fonds in Aktien silberfördernder Unternehmen. Laut DWS-Manager Kung nutzen institutionelle Investoren dafür eher ETFs oder ETCs.

Die DWS bietet den Xtrackers IE Physical Silver ETC Securities an, mit dem vor allem institutionelle Investoren Silber-Exposure aufbauen. ETC steht für „Exchange Traded Commodity“, eine Form von ETP, die den Wert eines Rohstoffs repliziert, ohne dass die Investoren den Aufwand, der mit einem physischen Kauf verbunden ist, in Kauf nehmen müssen. Im Gegensatz zu synthetischen ETCs ist der Silber-ETC der DWS mit physischem Silber besichert. „Die Handelsvolumina in unserem Silber-ETC sind in den letzten Monaten deutlich gestiegen, was darauf hindeutet, dass die Investoren mehr Silber halten“, so Kung.

Sprott bietet mit dem Sprott Physical Silver Trust ein bösengehandeltes Anlagevehikel an, dessen Wert mit physischem Silber unterlegt ist und an dem institutionelle Investoren größere Positionen halten. Dem Trust sind 2025 mehrere hundert Millionen Dollar an frischem Kapital zugeflossen. Mitte Oktober gab das Unternehmen bekannt, dass er dank Preissteigerungen und Zuflüssen einen Marktwert von zehn Milliarden Dollar überschritten hat.

Der physische Kauf ist aufgrund höherer Transaktionskosten sowie Kosten für Lagerung und Versicherung in der Regel mit höheren Kosten verbunden als die anderen Alternativen. Solit-Manager Wilhelm plädiert trotzdem dafür. „Ich würde immer physisch in Edelmetalle investieren. Denn nur dann ist man unmittelbar und unabdingbar Eigentümer.“ Konkret heißt das vor allem, dass der Investor das Emittentenrisiko vermeidet. Vor allem bei ETCs, die nicht mit physischem Metall besichert sind, kann das Investment beim Ausfall des Anbieters wertlos werden. Ist es physisch besichert, kann der Zugriff auf das Metall trotzdem juristisch schwierig sein.

Zudem gibt es steuerliche Argumente: Gewinne aus Investments in physisches Silber sind nach einem Jahr Haltefrist steuerfrei, während bei ETFs und ETCs die Abgeltungsteuer von 25 Prozent fällig wird.

Silberquote – Theorie und Praxis
Für ein Engagement in Silber sieht Wilhelm starke Argumente, vor allem die enorm wachsende Industrienachfrage und das begrenzte Angebot, was zu dem großen Angebotsdefizit führt. Silber ist hauptsächlich ein Nebenprodukt der Förderung von Kupfer, Blei, Zink und Gold – unter anderem deshalb reagiert das Angebot nur sehr träge auf wachsende Nachfrage. Darum habe Silber auch trotz seiner hohen Volatilität ein „massiv asymmetrisches Chancen-Risiken-Profil zugunsten der Chancen“, so Wilhelm.

Trotzdem dürften die tatsächlichen Silberallokationen bislang gering sein, da die aktuellen Zuwächse von einer sehr geringen Basis ausgehen. Oxford Economics hat 2022 in der Studie „The relevance of silver in a global multi-asset portfolio“ die Quoten in institutionellen Portfolios auf „no more than 0.2 %“ geschätzt. Dagegen sei für Investoren mit mittlerem Risikoprofil auf Sicht bis 2032 eine Allokation von sechs Prozent empfehlenswert, so das Wirtschaftsforschungsinstitut. Für risikoaverse Investoren liegt die optimale Silberallokation demnach bei 5,6 Prozent, für risikoaffine bei 5,8 Prozent. Oxford Economics verweist neben den Renditechancen auf die geringe Korrelation von Silber mit anderen Assetklassen wie Aktien und Anleihen.

Auch wenn Wilhelm die Einschätzung zu den positiven Eigenschaften von Silber im Portfolio teilt, möchte er keine bestimmte Silberquote empfehlen: „Für manche ­institutionellen Anleger ist Silber eine taktische Satellitenposition, in die sie vielleicht zwei Prozent allokieren. Bei manchen vermögenden Privatpersonen sehen wir teils Quoten von über 50 Prozent.“

Anspruchsvolleres Risikomanagement
An das Risikomanagement stellt Silber besondere Anforderungen, vor allem wegen seiner hohen Volatilität. Diese war historisch gesehen mit 25 bis 30 Prozent deutlich ausgeprägter als bei Gold mit 15 bis 18 Prozent. Das kommt daher, dass der Goldmarkt, gemessen am Marktwert des existierenden Metalls, etwa um den Faktor zehn größer ist, das tägliche Handelsvolumen ist sieben- bis achtmal ­größer. Damit wirken sich Veränderungen der Nachfrage bei Silber spürbar stärker aus. Die Nachfrage selbst ist bei Silber wegen seiner Doppelrolle als Edel- und Industrie­metall deutlich volatiler. Das unelastische Angebot verstärkt die Volatilität weiter.

„Silber ist als Industriemetall von der Industrienachfrage abhängig“, betont Kung von der DWS. „Es profitiert von zyklischem Wachstum, ist aber auch von Konjunkturschwächen betroffen. Das macht das Risikomanagement bei Silberinvestments herausfordernder.“

Trotz des intakten Aufwärtstrends von Silber sind Rücksetzer Wilhelm zufolge jederzeit möglich. Deshalb sei für Investoren Gewinnsicherung bei Silber noch wichtiger als bei Gold. Die Volatilität könne etwa mit Cost Averaging geglättet werden, bei dem man das Investment auf einen längeren Zeitraum streckt und regelmäßig einen festen Betrag investiert. Dadurch erwirbt der Investor bei niedrigen Preisen mehr und bei hohen Preisen weniger Anteile. Das senkt den durchschnittlichen Kaufpreis gegenüber dem Einsatz der vollen Investitionssumme zu einem ungünstigen Zeitpunkt mit hohen Preisen.

Als Inflations-Hedge taugt Silber nur bedingt. „Es korreliert mit Gold, ist aber erheblich volatiler“, erklärt Kung. „Außerdem fehlt bei Silber die stützende Nachfrage der Zentralbanken.“ Im langfristigen Rückblick ist sein Werterhalt geringer als bei Gold, und kurzfristig gibt es ausgeprägtere Schwächephasen.

Doch dank seiner Rolle als wichtiges Industriemetall kann es im Verbund mit Gold und anderen realen Assetklassen wie zum Beispiel Immobilien zum realen Werterhalt beitragen. Für eine Verbindung von Gold- und Silberinvestments plädiert Christian Rauch, CEO des Edelmetallhändlers Degussa: „Während Gold vor allem für ­Stabilität steht, bringt Silber zusätzliche Breite und Dynamik ins Portfolio. Die Kombination beider Metalle schafft eine ausgewogene Balance zwischen Substanz, Wachstum und Stabilität.“

Für deutsche institutionelle Anleger, die ein Sicherungsvermögen bilden müssen, stellt die Anlageverordnung eine Restriktion bei der Anlage in Edelmetalle dar. „Die Anlageverordnung begrenzt unsere Möglichkeiten, in Edelmetall zu investieren“, sagt Frank Oliver Paschen, der als Vorstandsmitglied der Pensionskasse der Hamburger Hochbahn für die Kapitalanlage zuständig ist. „Denn physisches Edelmetall und Aktien tragen zur Risikokapitalquote bei.“ Sein Unternehmen ist mit 500 Kilogramm in physischem Gold im freien Vermögen und Edelmetallaktien nach eigenen Angaben wahrscheinlich die Pensionskasse mit der höchsten Edelmetallquote im Portfolio.

Ein wichtiger Unterschied von Silber gegenüber Gold ist, dass es als Reservewährung der Zentralbanken keine Rolle spielt. Im Gegensatz dazu halten sie einen signifikanten Teil des verfügbaren Goldes auf der Welt und sind auch für einen Großteil der jährlichen Transaktionen verantwortlich. Grund dafür sind Eigenschaften von Gold, die Silber nicht in demselben Maß aufweist. Neben seiner Inflationsresistenz und der leichten Liquidierbarkeit auch in Krisenzeiten ist das zum Beispiel auch seine hohe Wertdichte. Gold ist knapp doppelt so dicht wie Silber und pro Unze etwa 80-mal so teuer. Daraus ergibt sich ein Platzbedarf von nur etwa einem Hundertfünfzigstel im Vergleich zu demselben Wert in Silber.

„Ich sehe nicht, dass die Zentralbanken in relevanten Mengen Silber kaufen werden“, sagt Kung. „Schon allein deshalb, weil Silber wegen seiner viel niedrigeren Wertdichte erheblich schwieriger zu transportieren und zu lagern ist als Gold.“

Trotzdem wird spekuliert, dass auch Silber als strategische Reserve der Zentralbanken eine Nebenrolle bekommen könnte. Doch bisher gibt es nur wenige unbestätigte Medienberichte, etwa dass die russische Zentralbank eine strategische Silberreserve aufbauen will.

Sollten sich diese Berichte jedoch manifestieren, könnte das spürbare Auswirkungen auf den Silberpreis haben. „Solche Signale könnten das Sentiment gegenüber Silber noch weiter verbessern“, sagt Wilhelm, der auch Verlautbarungen großer Asset Manager zu dem grauen Metall aufmerksam verfolgt. „Es wird interessant sein zu beobachten, ob sich große Vermögensverwalter zu Silber äußern.“

David Verbeek

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