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1/2020 | Produkte & Strategien
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Sachliche Krisenstrategien

Sachwerte können unter anderem als Diversifikator zu den ­herkömmlichen Märkten oder auch als Absicherung gegen Inflation und makroökonomische Risiken eingesetzt werden. PGIM hat drei Strategien entworfen, die genau diese Funktionen erfüllen.

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Sachwertinvestments schlagen eine direkte Brücke zwischen Real- und Finanzwirtschaft. Der Zugang und ihre tatsächliche Funktionsweise sind jedoch oft komplex. Die Investment Manager von PGIM haben sich in einer  umfangreichen Arbeit mit der Materie auseinandergesetzt und unterschiedliche Strategien für institutionelle Investoren entworfen.

© GMF, X Y Z | S TOCK.ADOBE.COM
Dass Sachwerte in den vergangenen Jahren einen veritablen Nachfrageboom erlebt haben, lag am viel zitierten „Anlagenotstand“ – ein Zustand, der sich im Rahmen der Corona-Krise als Luxusproblem herausstellen könnte. Börsennotierte Aktien waren hoch bewertet, die Anleihenmärkte lieferten verzerrte Ertragsprofile ab, also wurde versucht, von den ­öffentlichen Märkten weg und hin zu schwerer zugänglichen Märkten mit entsprechenden Liquiditätsprämien zu diversifizieren. Vor diesem Hintergrund legte PGIM 2019 ein White Paper mit dem Titel „The Diversity of Real Assets: Portfolio Construction for Institutional Investors“ auf. Das Papier erhielt einen Savvy Investors Award – und wie sich im aktuellen Umfeld zeigt, durchaus zu Recht. Denn das Autorenduo Harsh Parikh und Wenbo Zhang widmete sich – durchaus weitsichtig – nicht nur Diversifikationsoptionen, sondern auch Möglichkeiten, sich gegen Inflation und ökonomische Stagnation zu schützen. Gerade letztgenannter Aspekt könnte ob der aktuellen Ereig­nisse zu einer Weiterführung des Sachwertbooms führen. 
 
Parikh weist dabei darauf hin, dass sich „manche Sachwerte, beispielsweise Immobilien. schon lange in den Portfolios der ­Investoren befinden. Ihr Potenzial und Risiko sind also hinlänglich bekannt.“ Diese vermeintliche Vertrautheit verführt jedoch dazu, „Segmente wie Immobilien, Infrastruktur und Wald als eine einzige Sachwertkategorie zu verstehen“, warnt Zhang. 
 
Starke Unterschiede
 
Tatsächlich ist es jedoch so, dass die vermeintlich schon sehr zugespitzte Asset­klasse über Subkategorien verfügt, die in denselben makroökonomischen Szenarien höchst unterschiedliche Reaktionen an den Tag legen. Also identifizieren die Autoren zunächst die Subkategorien und arbeiten beispielsweise im Bereich Landwirtschaft den Unterschied zwischen Dauerkulturen wie Zitrusfrüchten und einjährigen Kulturen wie Weizen, Mais oder Sojabohnen aus. Demnach ist der Vorteil von einjährigen Kulturen, dass sie in der Regel über Fu­tures-Märkte leichter zugänglich, dafür aber auch auf Rohstoffzyklen anfällig sind. Im Gegensatz dazu laufen Dauerkulturen relativ glatt über diese Zyklen hinweg, sind aber wiederum anderen Risiken ausgesetzt, die sich beispielsweise über lange Reife­perioden manifestieren: Kommt es auf einer Zitrusplantage zu einer Naturkatastrophe, können Totalausfälle entstehen, bevor die angebauten Pflanzen auch nur den ersten Ertrag abgeworfen haben.
 
Krisen-Hedge
 
Aggregiert man diese beiden landwirtschaftlichen Ansätze, kommt man zu hervorragenden Renditen, die sich vor allem in konjunkturellen Abschwungphasen hoch resilient gezeigt haben. „Tatsächlich gehört die Landwirtschaft zu den wenigen Assetklassen, die 2008 positive absolute Erträge erwirtschaftet haben – und zwar 15,8 Prozent“, wie Parikh erklärt. „Denn selbst während Rezessionen ist die Nachfrage nach den meisten landwirtschaftlichen Produkten relativ unelastisch, was darauf schließen lässt, dass sich dieser Sektor ­relativ unabhängig von den traditionellen Finanzmärkten entwickelt.“ Die Autoren schlagen vor, den NCREIF Farmland Property Index nachzuahmen, der zu 44 Prozent aus Dauerkulturen und zu 56 Prozent aus einjährigen Kulturen besteht. 
 
Immer wieder im Gespräch sind auch Waldanbauflächen. Gerade im deutschsprachigen Raum werden diese nach Skandalen im Retailvertrieb aber mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Auch die beiden PGIM-Autoren warnen vor „hohen möglichen idiosynkratischen Risiken wie zum Beispiel Wetterkapriolen, Eigentumsfragen, regula­torischen Unsicherheiten und Umwelt­bedenken“. Die Preise waren laut PGIM „volatil und weisen langfristig keinen echten Trend auf“. Auch hier sind die Investmentmöglichkeiten divers – und zwar entsprechend der Nutzungsmöglichkeiten, sei es als Baumaterial oder zur Papiererzeugung, von Spezialhölzern, die aufgrund ihrer hohen Qualität für innenarchitektonische Zwecke dienen, bis hin zu organischen Komponenten auch im Wellnessbereich (siehe Case Study ­„Indisches Holz in Down Under“). 
 
Investmentvehikel
 
Bei Infrastrukturinvestments unterscheiden die Autoren auf Investmentvehikel-Ebene zwischen Private Equity, Private Debt und Master Limited Partnerships (MLP), über die man nicht zuletzt an Erträgen im Pipeline-Geschäft teilhaben kann. Operativ werden auf der einen Seite Brownfield-Investments angeführt, also Investments, die auf den Betrieb von Infrastruktur abzielen und anleihenähnliche Erträge abwerfen sollen. Auf der anderen Seite stehen Greenfield-Investments, also die Entwicklung von Infrastruktur mit Equity-ähnlichen Risiken. Abgesehen von weiteren weitläufig bekannten Sachwerten wie Immo­bilien, Gold, Energie und Metallen sowie „allgemeinen“ Rohstoffen, die im GSCI ­zusammengefasst werden und die wir der Einfachheit halber „Commodities“ nennen wollen, führen die Autoren noch TIPS, also Trea­sury Inflation Protected Securities, sowie Währungen ins Feld.
 
Letztere werden dabei nur der Vollständigkeit halber aufgezählt, „da diese in der Praxis hoch volatil sind und eine negative Krümmung (Anm.: Skew) aufweisen. Dazu können die Notenbanken unerwartet intervenieren, wie 2015, als die Schweizer Notenbank völlig überraschend die seit 2011 bestehende Euro-Bindung aufgab (…), weshalb wir Währungen nicht in unsere Sachwertstrategie aufnehmen“, meinen die Autoren, deren Angstschweiß man beim Thema „Währungen“ förmlich riechen kann – wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht.
 
Kleiner Kunstgriff
 
Dass die Autoren TIPS, also inflations­indexierte US-Staatsanleihen, in ihre Strategie aufnehmen, kann man wohl als Kunstgriff bezeichnen. Diese Art von Papier mit ihrer seit 1997 bestehenden und somit noch recht jungen Historie wird von den Autoren als „natürlicher Sachwert gelesen, wenn sie bis zur Fälligkeit gehalten werden“.
 
Nach eingehender Analyse der beschriebenen Charakteristika haben die Autoren nun eine Matrix aufgestellt, die die Attribute der einzelnen Sachwertsubkategorien miteinander vergleicht. Interessiert haben die Autoren dabei die Sensitivität gegenüber ­Inflation und Wirtschaftswachstum, die Zugänglichkeit für Investoren, die Güte und Zugänglichkeit von Daten, spezifische oder idiosynkratische Risiken und zu guter Letzt die sektoralen Unterschiede für den Fall, dass es innerhalb der Kategorien noch weitere Subkategorien gibt, wie etwa bei Holz oder Landwirtschaft bereits beschrieben (siehe Tabelle „Sachwerte – eine Charakterstudie“). Die so entstehende Tabelle dient als erste Orientierungshilfe. Will man sich beispielsweise so gut wie möglich von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln, kann man Liquiditätsrisiken aufnehmen, ist man auch bereit, hohe assetspezifische Risiken einzugehen, so bieten sich die bereits beschriebenen landwirtschaftlichen Dauerkulturen an, in die man im Großteil der Fälle nur über private Märkte investieren kann. Sucht man hingegen einen leichten Marktzugang und will man sich nicht über die Maßen in konjunkturelle Risiken begeben, bieten sich Investments in Core-Immobilien Equity an.
 
Nachdem Orientierungshilfen aber noch keine Strategie machen, verfeinern die Auto­ren ihren Ansatz, indem sie zunächst die Erträge und Volatilitäten der einzelnen Sachwertgruppen über einen zehnjährigen Zeitraum auswerten und mit US-Cash, zehnjährigen US-Treasuries sowie dem S&P 500 vergleichen. Annualisiert wäre hier ein Investment in „Energie und Metalle“ mit einem absoluten Ertrag von jährlich 15,9 Prozent am lukrativsten gewesen. Bei einer Volatilität von 23,8 Prozent ergibt sich immerhin noch eine Sharpe Ratio von 0,58 – der S&P 500 schafft hier nur 0,35. Risikoadjustiert wäre ein Investor bei einem ausschließlichen – und somit natürlich theoretischen – Engagement in Landwirtschaft über den NCREIF Farmland Property Index am besten gefahren: Bei Erträgen von jährlich 12,2 Prozent und einer Volatilität von 7,3 Prozent ergibt sich eine Sharpe Ratio von 1,37. Commodities und Währungen lieferten hingegen Verluste von jährlich rund einem Prozent ab.
 
Zur Absicherung
 
Nachdem man sich mit Sachwerten aber oft gegen Inflation, Wachstums- oder Aktienmarktrisiken absichern will, haben die Autoren die Korrelationen der einzelnen Assetklassen zu Inflation, Inflationsüber­raschungen, BIP-Entwicklung und BIP-Überraschungen untersucht (siehe Tabelle „Ein breites Spektrum an Sachwerten – mit unterschiedlichen Verhaltensmustern“), indem sie zu jedem Sachwert das Dimson-Beta ­errechnet haben. In diesem Zusammenhang „haben wir einen Wert als ‚Inflationsschutz‘ definiert, wenn das Beta über den gesamten Beobachtungszeitraum sowohl in der Spalte ‚Inflation‘ als auch ‚Inflation Überraschung‘ signifikant über Null lag“, erklärt Parikh. 
 
In die Kategorie „Stagnations-Hedge“ fällt ein Sachwert, sobald das Beta bei „Reales BIP / Wachstum“ und „Reales BIP / Überraschung“ über die definierten 20 Jahre in etwa dem Beta von Cash entspricht oder darunter liegt. 
 
Diversifikation
 
Bei der Zuordnung zum Diversifikationsthema war das R2 – also das Bestimmtheitsmaß – entscheidend, das sich ergibt, wenn man eine Regression des jeweiligen Werts auf Aktien- und Anleihenerträge durchführt. Dieses durfte in den jeweiligen Subperioden nicht über 0,4 steigen. Lag es darüber, war den Autoren der Zusammenhang zwischen den beiden öffentlichen Märkten und dem jeweiligen Sachwert zu hoch. 
 
Im Rahmen dieser Abgrenzungen ergab sich folgendes Ergebnis: Als Inflations-­Hedge taugen Commodities, Währungen, Energie Equity, Gold, Infrastruktur, TIPS ­sowie Energieträger und Metalle. Schutz vor Stagnation bieten landwirtschaftliche Anbauflächen, Währungen, Gold, Immobilien Debt und TIPS. „Gute Diversifikatoren sind ­Währungen, landwirtschaftliche Anbau­flächen, Gold, Energieträger und Immobilien sowie Wald und Holz“, sagt Zhang. 
 
Aus diesen Ergebnissen heraus haben die Autoren nun drei Portfolios zusammengestellt, die auf eben die genannten Funktionen fokussieren sollten, also: Inflationsschutz, Stagnations-Hedge und Diversifikation. Die Strategien wurden gleichgewichtet und jährlich rekalibriert. Schlussendlich wurden die Strategien mit öffentlich zugänglichen Indizes oder Assets verglichen: Diversifikation trat gegen den S&P 500 an, Inflationsschutz gegen US-Staatsanleihen und der Stagnations-Hedge gegen ein klas­si­sches 60/40-Portfolio.
 
Da im gegenwärtigen Umfeld Risiken für das Wirtschaftswachstum wahrscheinlich das größte Risiko darstellen, wollen wir uns die Performance und die Verhaltensmuster des Stagnations-Hedge am genauesten ansehen. Diese Strategie weist die durchschnittlich unkomplizierteste Gewichtung aus: ­Jeweils ein Viertel des Portfolios lautet auf landwirtschaftliche Flächen, Gold, Immo­bilien Debt und TIPS. Ein eingesetzter Dollar hat sich in den beobachteten 20 Jahren verfünffacht – vom absoluten Ertrag her ist das der zweithöchste Ertrag unter den drei Strategien. Auch im Vergleich zur Benchmark – in diesem Fall das 60/40-Portfolio – wirkt die Leistung nur durchschnittlich. Während Inflationsschutz und Diversifika­tion ihre Benchmarks klar übertreffen, schafft Stagnationsschutz gerade einmal ein Unentschieden. 
 
Schutz vor Crash
 
Allerdings – und das ist in Krisenszenarien wie dem, das sich mit dem Corona­virus zu Redaktionsschluss abzeichnete, entscheidend – zeigt der Chart gerade 2008, als die Große Finanzkrise die Märkte in ihrem Bann hielt, kaum eine Delle (siehe Chart „Der Vergleich macht Sie sicher …“). Die geringere Volatilität drückt sich in gerin­gerem Risiko und somit einer deutlich höheren Sharpe Ratio aus. Dieses liegt für den Stagnations-Hedge bei 0,96, während sie bei 60/40 nur auf 0,55 kommt. 
 
Ganz einfach sind diese Abfederungs­effekte jedoch nicht zu erzielen. Rund 50 Prozent des Portfolios besteht aus Assets aus den privaten Märkten mit mitunter entsprechend kompliziertem Marktzugang und erhöhten Illiquiditätsrisiken.
 
Unter den drei Strategien hat Diversifikation jedenfalls den stärksten Eindruck hinterlassen. Mit einem jährlichen Ertrag von 10,4 Prozent wurde das stärkste absolute Plus erzielt und der S&P als Konkurrent um 1,8 Prozentpunkte per annum geschlagen. Mit einer Sharpe Ratio von 0,96 erzielt Diversifikation dasselbe Rendite-Risiko-Profil wie der Stagnations-Hedge. Diese Performance hat aber ihren Preis: 80 Prozent des Portfolios wird von Assets aus dem Bereich private Märkte bestritten. Hier braucht der Investor also entweder selbst ein verhältnismäßig hohes Know-how, um diese Erträge anzuzapfen, oder er muss dieses Wissen einkaufen – womit wir bei einem wichtigen Caveat angekommen sind: Die Studie kalkuliert Transaktionskosten nicht mit ein. Die Nettoerträge fallen für den Investor letzten Endes also geringer aus.
 
Alternative Zukunftsszenarien
 
Das tut der prinzipiellen Funktionsweise aus der Vergangenheit aber keinen Abbruch – womit sich die Frage stellt, wie die ­Modelle in Zukunft beziehungsweise unter alternativen makroökonomischen Rahmenbedingungen funktionieren würden. „Der beobachtete Zeitraum war mit Ausnahme der globalen Finanzkrise von insgesamt niedriger Inflation und moderatem Wachstum gekennzeichnet“, erklärt Parikh. 
 
Doch was könnte in kürzeren Zeitabständen unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen passieren? Konkret haben die Autoren Dreijahresszenarien: „Idealzustand“ mit geringer Inflation und hohen Wachstums­raten, „Stagnation“ mit niedriger Inflation und niedrigen Wachstumsraten, „Stagfla­tion“ mit hoher Inflation und niedrigem Wachstum sowie „Überhitzung“ mit hoher Teuerung und starkem Wachstum. „Verschwommen“ sind alle Szenarien, bei denen weder Inflation noch Wachstum als eindeutig hoch oder niedrig eingestuft werden können.
 
Aus gegebenem Anlass wollen wir uns das Stagnationsszenario näher ansehen und es mit dem Idealszenario vergleichen. Wenig überraschend liefert der S&P 500 in ­einem perfekten Umfeld die höchsten Erträge ab. Das annualisierte Plus liegt bei rund 16 Prozent. „Diversifikation“ erreicht als beste Sachwertstrategie gerade einmal die Hälfte dieses Wertes. 
In einem Stagnationsszenario dreht sich diese Bild jedoch vollständig: „In einem Stagnationsszenario funktionieren die Sachwertstrategien ‚Stagnations-Hedge‘ und ‚Diversifikation‘ am besten, während Ak­tien erwartungsgemäß schlecht aus­sehen“, sagt Zhang. Aktien rutschen in einem derartigen Umfeld ins Minus, während Diversifikation und Stagnations-Hedge rund sieben Prozent per annum erwirtschaften.
 
Insgesamt erreicht also die Sachwert­diversifikationsstrategie über den Großteil der vergangenen und alternativ zukünftigen Szenarien starke Ergebnisse. Erkauft werden diese Resultate über den nicht immer einfachen Gang an private Märkte mit ­entsprechenden Kosten für den Zugang.
 
Hans Weitmayr 

Sachwerte – Case 1: Immobilien von und für Millennials

In einem boomenden Immobilienmarkt sind immer mehr Marktteilnehmer bereit, auch in Nischen zu investieren.

Das Konzept ist so „Millennial“, wie es nur sein kann: Die Rede ist von Co-Living, einem Immobiliengeschäftsmodell, das in der DACH-Region noch in den Kinderschuhen steckt, im angelsächsischen Raum jedoch schon relativ breit etabliert ist. Sieht man es nüchtern, so besteht das Co-Living-Konzept darin, Expatriates für eine begrenzte Zeit Wohnraum zur  Verfügung zu stellen. Die Protagonisten der Branche stellen an sich selbst jedoch den  Anspruch, nicht nur ein voll möbliertes Apartment, sondern gleich einen ganzen Lebensraum zur Verfügung zu stellen – im Herbst 2019 kam dann die Aussendung, wonach der Co-Living- Pionier „The Collective“ auf dem deutschen Markt startet – ein idealer Anlass, vor Ort  herauszufinden, ob das Versprechen eines Lebensraums nur auf dem Papier besteht oder wie so ein „Lebensraum“ in der Realität aussieht.

Zu diesem Zweck treffen wir uns zunächst mit Reza Merchant, CEO und Gründer von „The Collective“, und Nils Berl, einem der beiden Leiter der Berliner Niederlassung, in den  Hackeschen Höfen. Wenn wir erwartet hatten, auf einen hektisch-hyperaktiven Start-up- Manager mit auswendig gelerntem Pitch zu treffen, sahen wir uns getäuscht. Der 30-jährige Brite strahlt den Stil und die Ruhe eines Yogatrainers aus, als er uns erklärt, dass er das  Wort „Lebensraum“ als einen Lebensmittelpunkt versteht, „an dem man sich selbst  verwirklichen kann“, so der Unternehmer, der seine erste Geschäftsidee im Jahr 2010 entwickelt hat, als er noch an der LSE studierte.

In der Praxis sieht das so aus, dass bereits realisierte Standorte wie „The Collective Canary Wharf“ in London 705 Apartments umfassen und gleichzeitig alles stellen, was die Mieter zum Leben brauchen: Kindergärten, Restaurants, Waschküchen, Kinos, Fitnesscenter. „Auch in Deutschland wird rund die Hälfte der Fläche der Gemeinschaft gewidmet und für Events wie Weihnachtsmärkte zur Verfügung stehen“, so Merchant. De facto zielt das Collective-Modell darauf ab, eine Art Miniatur-Stadtbezirk zu entwickeln, den die Mieter am besten gar nicht mehr verlassen wollen. So schafft man es, die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken. Derzeit arbeitet man mit Hochdruck daran, in Deutschland „mehrere“ tausend Einheiten in den sieben großen Städten zu entwickeln“, erzählt Merchant. Zu Redaktionsschluss hatte man sich bereits für vier Projekte in Berlin und Frankfurt die Grundstücke gesichert.

Reifes Konzept

Etwas weiter ist man da schon bei den Branchenkollegen von „Stayery“. Empfangen wurden wir von Hannibal Dumont Schütte. Der quirlige Geschäftsführer will mit seinem Konzept die gleiche Zielgruppe ansprechen wie The Collective: also junge Berufstätige, die aus den unterschiedlichsten Gründen eine temporäre Bleibe suchen. Auffällig sind der extrem entspannte Umgang und eine hoch entwickelte Do-it-yourself-Attitüde. Das beginnt beim Self- Check-in und endet bei der mit Barhockern ausgestatteten Durchreiche zwischen  Waschmaschinenund Aufenthaltsraum. „Ideal für Partys und sonstige Zusammenkünfte“, erklärt Schütte. Mit dem Personal ist man per du. „Wir pflegen ein freundschaftliches  Verhältnis zu unseren Gästen, gehen auch mal gemeinsam auf ein Bier.“ Wer bei Stayery arbeitet, muss so etwas mögen. Eine traditionelle Lobby findet sich nicht, dafür ein Co- Working-Space mit tafelähnlichem Tisch, der durchgehend mit Steckdosen ausgestattet ist.  WLAN? Logisch. Durchgehend. Eine ältere Play-Station gibt es auch – Vintage statt  Hightech, man befindet sich sehr nahe am Zeitgeist, dreht den visionären Charakter aber nicht so weit wie bei The Collective. Man will keine Stadtteile bauen, sondern beschränkt sich auf  die Vermietung und den Vertrieb gut und schick ausgestatteter Apartments. In Bielefeld und Berlin werden bereits insgesamt 8.000 Einheiten betrieben, Köln und Frankfurt stehen für 2021 als Ziele auf der Agenda, Dresden soll 2022 folgen. Die Expansion erfolgt über den Cashflow,  man ist also derzeit nicht auf Investorensuche und kooperiert im Rahmen eines Joint Ventures mit CBRE beim Kauf und bei der Entwicklung von Objekten.

Deutlich offensiver bei der Investorensuche ist man bei The Collective. Da man im Gegensatz zu Stayery nicht pachtet und entwickelt, sondern die Immobilien tatsächlich  kauft, ist der  Finanzierungsbedarf höher. Nils Berl, auf dessen Visitenkarte nur „Director, Germany“ steht, nimmt de facto die Rolle des Finanzchefs ein und lockt Investoren mit Renditeaussichten, „die natürlich davon abhängen, in welcher Phase man einsteigt“. Tut man dies bereits in der  Entwicklungsphase, werden „15 Prozent plus“ als Potenzial in Aussicht gestellt. Versicherer, Vorsorgeeinrichtungen, Family Offices und Private-Equity- Investoren gehören zur Zielgruppe.

Bereits institutionalisiert ist in London der Coliv-Fonds, den The Collective in Kooperation mit DTZ Investors lanciert hat. Seed-Kapital über 70 Millionen Pfund wurde bereits aufgestellt. Angepeilt werden Investments von 650 Millionen Pfund, mit denen man über zehn Jahre hinweg eine Milliarde am Immobilienmarkt bewegen will. Mit dem Seed-Kapital wurde bereits das erste Projekt „The Collective Harrow“ erworben: ein neunstöckiges Gebäude, das Raum  für 222 Apartments und nahezu 4.000 Quadratmeter für Start-up-Geschäfte und  Gemeinschaftsflächen, darunter eine „Gemeinschaftsküche im MasterChef-Stil“, bereitstellen soll. Die Fondsbetreiber stellen derzeit einen IRR von acht Prozent in Aussicht. Das ist, so die Prognose tatsächlich hält, eine beachtliche Rendite und trifft ziemlich genau die der PGIM- Kategorie Immobilien Private Equity Core.

Sonderstellung

Co-Living-Konzepte gehören wohl definitiv zu dem, was man in letzter Zeit als „Megatrend“  bezeichnet. Die Strategie setzt auf den Generationentrend der Millennials und zielt auf deren Lebensgefühl ab. Vertreter traditioneller Immobilienstrategien erkennen das im  Hintergrundgespräch an, warnen aber davor, dass Co-Living konjunkturabhängiger ist als  herkömmliche Immobilienstrategien, da es sich bei den Mietern eben vor allem um Expatriates handelt, deren Einsatz in schlechten Zeiten möglicherweise zurückgefahren wird. Folgt man der PGIM-Systematik, müsste im Bereich „Wachstumssensitivität“ also  möglicherweise ein „hoch“ statt einem „mittel“ stehen. Wenn die Risiken aber von der Makro-Seite her höher sind als bei herkömmlichen Private-Equity-Core-Investments, müsste die Rendite ebenfalls höher ausfallen. Im Rahmen der sich zu Redaktionsschluss anbahnenden Krise könnte sich bald Gelegenheit ergeben, die Risikoprofile dieser neuen Immo-Subkategorie unter Stressbedingungen herauszufinden.


Anhang:

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