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Integration von ESG-Kriterien bei Infrastruktur-Investitionen

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1/2019 | Produkte & Strategien
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Niedrigzinsdruck

Die Pensionskassen haben das Niedrigzins-Dilemma in besonderem Maß zu spüren bekommen. Ein Drittel befand sich unter „intensivierter Aufsicht“, weil die Kapitaldecke zu dünn war. Mittlerweile ­haben einige von ihnen den Weg aus der Misere gefunden

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Erst Manndeckung, dann Senkung des Garantiezinses, jetzt erste Schließungen: Viele Pensionskassen haben ihre Solvabilitätskapitalanforderungen nicht ausreichend bedeckt und müssen ­Maßnahmen ergreifen, um ihre Bilanz wieder auszugleichen. Die Maßnahmen scheinen nicht bei allen, aber bei vielen zu greifen.

© Faros Consulting GmbH & Co. KG, dabbeldi | stoc

Im Mai letzten Jahres titelte die Bild-Zeitung „Millionen Betriebsrenten in Gefahr“ und bescherte damit deutschen Pensionskassen eine Flut besorgter Mitgliederanrufe. Unerfreulich ist daran, dass die Schlagzeile zwar übertrieben formuliert ist, dabei aber nicht völlig an der Realität vorbeigeht. Denn die Pensionskassen sind tatsächlich in Bedrängnis: „Auf der Aktivseite kämpfen Pensionskassen schon länger mit den extrem niedrigen Zinsen und auf der Passivseite mit sehr langen Verpflichtungen, die sich durch die steigende Lebenserwartung noch verlängern“, erklärt Klaus Stiefermann, Geschäftsführer des Pensionskassenverbandes aba. Ralf Filipp, Experte für Pensionskassen beim Beratungsunternehmen Mercer, ergänzt: „Hinzu kommt, dass viele Verpflichtungen Anfang des Jahrtausends eingegangen wurden, teilweise noch mit Zinsversprechen von 3,5 oder vier Prozent. Damals haben sich die Laufzeiten der Verpflichtungen der Kassen stark verlängert, was den Hebel der niedrigen Zinsen noch erhöht. Mittlerweile sind die meisten Vier- und 3,5-Prozent-Tarife der Pensionskassen für das Neugeschäft und zum Teil auch für neue Beitragszahlungen bei bestehenden Verträgen geschlossen.“

Dem medialen Alarm vorausgegangen war eine Meldung der BaFin, wonach die Lage wegen der anhaltenden Niedrigzinsen „noch ernster als vor zwei Jahren“ sei. Schon damals warnte der zuständige BaFin-Direktor Frank Grund, dass „bald einzelne Pensionskassen nicht mehr aus eigener Kraft ihre Leistungen in voller Höhe erbringen“ könnten. Anfang 2018 hatte die Aufsichtsbehörde rund ein Drittel, nämlich 45 der damals 137 deutschen Pensionskassen unter „intensivierte Aufsicht“ genommen. BaFin-Präsident Felix Hufeld prägte dafür den Fußballbegriff „Manndeckung“. „Unter Manndeckung genommen zu werden, bedeutet für die Pensionskassen viel Arbeit“, weiß Uwe Rieken, Geschäftsführer von ­Faros Consulting. „Die Manager der Kassen müssen dann zusätzlich zur normalen Berichterstattung in kurzfristigen Abständen – teilweise quartalsweise – an die BaFin berichten und jede ihrer Maßnahmen erklären. Immer öfter werden auch die Aufsichtsräte in die Verantwortung genommen. Sie müssen sich dezidiert zu Fragen der Finanzierbarkeit und der Kapitalanlagepolitik äußern.“ Paul Wessling, Vorstandsvorsitzender der Müllerei Pensionskasse, erklärt die ­Inhalte dieser Berichte: „Pensionskassen müssen sich darin über ihren Umgang mit der Niedrigzinsphase äußern. Beispielsweise müssen sie eine Prognose des Versicherungs- und Kapitalanlagegeschäfts über die nächsten zehn Jahre abgeben. Alle Kassen, die einen Rechnungszins von mehr als 0,9 Prozent haben, werden dabei besonders kritisch unter die Lupe genommen.“

Alarm kam frühzeitig

Mittlerweile haben zahlreiche Pensionskassen etwas gegen ihre missliche Lage ­getan, sodass aktuell nur noch 31 unter intensivierter Aufsicht stehen, immerhin ein Rückgang der Problemfälle um 30 Prozent von Mai 2018 bis heute. „Viele Kassen ­haben Maßnahmen ergriffen und beispielsweise Kapitalzusagen von ihren Träger­unternehmen erhalten“, erklärt ein BaFin-Sprecher. Einen Teil des bisherigen Erfolgs schreibt er dem frühen Einschreiten seiner Behörde zu: „Uns war es wichtig, frühzeitig auf die Probleme der Pensionskassen hinzuweisen. Es sollte uns keiner den Vorwurf machen: Warum hat die BaFin nichts ­gesagt? Rechtzeitig Probleme anzugehen ist ein wesentlicher Bestandteil einer wirk­samen Aufsicht.“

Versicherungsunternehmen beobachten gespannt, wie die Sanierung der Pensionskassen verläuft, denn auch sie leiden unter den niedrigen Zinsen. Fraglich ist aber, ob den Lebensversicherern genau dasselbe Maßnahmen-Repertoire zur Verfügung steht wie den Pensionskassen. Auf der einen Seite gibt es bei ihnen keine Arbeitgeberhaftung, sodass sie nicht einfach Zuschüsse fordern können. Auf der anderen Seite ­können nur wenige Pensionskassen auf ein Polster ähnlich der Zinszusatzreserve (ZZR) bei Lebensversicherungen zugreifen. „Pensionskassen stellen keine ZZR, sondern eine sogenannte Zinsverstärkung. Anders als bei den Lebensversicherern ist das bei uns aber kein verbindlicher Formelalgorithmus, sondern die Pensionskassen vereinbaren mit der BaFin individuell einen Absenkungs­modus“, erklärt Wessling.

Das Problem bei den Pensionskassen ist: „Sie müssen ihren Rechnungszins an die aktuelle Zinslandschaft anpassen, also absenken. Ein niedrigerer Rechnungszins sorgt dafür, dass bei gleichbleibender Rentenhöhe der heutige Barwert der Verpflichtungen ansteigt oder bei gleichem Barwert die Rentenzahlungen nur niedriger ausfallen können. Und weil Pensionskassen sehr lang laufende Verpflichtungen haben, ist der ­Hebel besonders groß“, erklärt Filipp.

Da der Arbeitgeber am Ende die Lücke auffüllen muss, kann dieser sich theoretisch überlegen, ob er die Deckungsrückstellung der Pensionskasse jetzt aufstocken oder später die Differenz zu den versprochenen Rentenzahlungen ausgleichen möchte. „Da man aber nicht weiß, wie leistungsfähig der Arbeitgeber künftig einmal sein wird, drängt der Betriebsrat häufig darauf, dass sofort nachgeschossen wird“, weiß Stiefermann.

Arbeitgeber schießen nach

Daher haben die Arbeitgeber bei der ­Sanierung der Pensionskassen, die an Un­ter­deckung litten, spürbar ins Portemonnaie gegriffen. Auf dem diesjährigen Neujahrsempfang der BaFin wies deren Präsident Felix Hufeld darauf hin, dass der überwiegende Teil der Kassen die Niedrigzinsphase aus eigener Kraft oder mithilfe eines Trägers überstehen werde. Er wolle aber nicht tatenlos zusehen, wenn nichts getan wird. „Wenn wir es als Aufsicht für notwendig ­erachten, können wir Pensionskassen das Neugeschäft untersagen, was wir bekanntlich schon gemacht haben“, so Hufeld.

Es stellt sich die Frage, warum es speziell die Pensionskassen so arg erwischt, obwohl sie ein ähnliches Geschäftsfeld betreiben wie die Lebensversicherer. „Der Grund liegt in den besonders langen Verbindlichkeiten der Pensionskassen“, sagt Martin Schrader, Vorstandsvorsitzender der in Frankfurt ansässigen Pensionskasse Rundfunk (PKR). „Die durchschnittliche Vertragslaufzeit bei den Pensionskassen liegt bei 20 Jahren und mehr. Für unser Haus beträgt sie 21 Jahre. Die Lebensversicherer haben durchschnittliche Restlaufzeiten von etwa acht bis zwölf Jahren, weil viele Verträge aus steuerlichen Gründen auf zwölf Jahre Laufzeit abgeschlossen wurden.“ Außerdem gibt es bei Lebensversicherungsverträgen eine Stornoquote, während Betriebsrentenverträge in der Regel nicht vorzeitig aufgelöst werden und demnach die meisten Verträge in die lebenslange Verrentung kommen. „Ein weiterer Grund dürfte im engen Geschäftsfeld der Pensionskassen liegen, die quasi als Monoliner unterwegs sind und überwiegend nur Leibrenten und Hinterbliebenenversorgung anbieten, während Versicherer auch Kapitalauszahlungen leisten und weitere Geschäftsfelder wie Sach-, Kranken- und sonstiges Versicherungsgeschäft betreiben, die die Passivduration reduzieren“, so Schrader.

Auch das ungünstige Timing wirkt nega­tiv. Filipp dazu: „Zwar konnten einige Pensionskassen bereits 100-jähriges Jubiläum feiern, aber seit 2002 wurden Pensionskassen in Deutschland insbesondere mit der Einführung des Rechts auf Entgeltumwandlung für das Massengeschäft geöffnet, was zu vielen Neugründungen von Pensionskassen durch Versicherungsunternehmen und zu zahlreichen neuen Mitgliedern führte.“ 2005 hatten Pensionskassen schon wieder an Attraktivität eingebüßt: Durch das Alterseinkünftegesetz wurde das Steuerprivileg um Direktversicherungen erweitert. Zuvor wurde im Jahr 2004 durch das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) die private Fortführung der Verträge durch ausgeschiedene ­Arbeitnehmer unattraktiv gemacht, weil die späteren Leistungen mit Krankenversicherungsbeiträgen belastet werden. Die nur kurze Blütezeit führte dazu, dass heute mehr Geld in die Pensionskassenverträge hineinfließt als heraus. Dadurch haben viele Pensionskassen kleine Bestände, die noch dazu mit hohen Garantiezinsen ausgestattet sind, weil sie zwischen 2002 und 2005 abgeschlossen wurden.

Erfolgreiches PK-Management

Vorausschauend hat Schrader, als er 2008 zur Pensionskasse Rundfunk kam, gleich mehrere Dinge in Angriff genommen, die hier als Beispiel für ein erfolgreiches Maßnahmenbündel vorgestellt werden. „Als ich neu bei der PKR war, wurden wir damals dafür gelobt, dass die stillen Reserven unserer Aktivseite stetig anwuchsen. Damit einher ging jedoch auch ein immer größer werdendes Risiko für die Passivseite der ­Bilanz, denn es bestand ein erheblicher Durations-Mismatch. Zwar war es auch riskant, als ich 2008 und 2009 lang laufende Papiere gekauft habe, aber heute ist klar: Es war die richtige Entscheidung, das Down­side-Risiko einer lang anhaltenden Niedrigzinsphase zu eliminieren“, freut sich Schrader. Mittlerweile beträgt die durchschnitt­liche Restlaufzeit der Papiere 27 Jahre.

Neben der Durationserhöhung auf der Aktivseite hat Schrader das Eigenkapital der Kasse massiv erhöht. „Wir haben jetzt eine Eigenkapitalquote in Höhe von acht Prozent der Deckungsrückstellung, rechtlich vor­geschrieben sind lediglich 4,3 Prozent.“ Darüber hinaus hat er die Bonität der gehaltenen Papiere verbessert. „97 Prozent unserer Rentenwerte sind AA oder besser geratet“, so Schrader.

Außerdem hat Schrader durchgesetzt, freiwillig eine Zinszusatzreserve zu bilden. „Die haben wir von 2014 bis 2017 aufgebaut“, erklärt er. Die Asset Allocation hat sich mit zunehmender Risikotragfähigkeit von einer 100-prozentigen langlaufenden Rentenanlage in einen Mix aus Rentenan­lagen und Realwertinvestments verändert. „Seit Ende 2016 halten wir 15 Prozent ­unserer Anlagen in einem Spezial-AIF, der überwiegend in Aktien und Immobilien investiert ist.“ Zusätzlich hat er Bankenrisiken signifikant reduziert, indem er von Bank­anleihen in Corporates umgeschichtet hat.

Problemfälle werden sichtbar

Nicht alle Pensionskassenvorstände haben so umsichtig gehandelt, bei vielen Kassen wurde die Zwickmühle aus niedrigen Zinsen und langlaufenden Verpflichtungen in den 2000er-Jahren deutlich. Dadurch trat die Frage auf, wie sich eine Pensionskasse in Schieflage wohl sanieren ließe. Erprobt wurden viele Maßnahmen.

Schon zwischen 2001 und 2008 wiesen laut BaFin sieben Pensionskassen in Deutschland eine Unterdeckung auf. Eine davon war die Pensionskasse der Deutschen Wirtschaft (PKDW), die im Jahr 2002 eine Unterdeckung von gut 150 Millionen Euro aufwies. Die Mitgliederversammlung vom 27. Juni 2003 beschloss die Kasse zu sanieren, indem man die Leistungen jährlich um 1,4 Prozent kürzte. Leistungskürzungen oder Beitragserhöhungen können bei Pen­sionskassen, die als Versicherungsverein ­organisiert sind, in der Satzung vorgesehen sein und dienen dazu, den Zusammenbruch von Pensionskassen zu verhindern. Im Einzelfall müssen sie von der BaFin abgesegnet werden. Im Gegensatz dazu müssen Wettbewerbskassen, die in der Regel dereguliert sind, die garantierten Renten wie „normale“ Versicherungsunternehmen halten.

„Kommt es zu Rentenkürzungen, kann der Betriebsrentner auf die Subsidiärhaftung seines Arbeitgebers zählen, der die Lücke bis zur von ihm versprochenen Leistung ausgleichen muss“, erklärt Stiefermann von der aba. Das wurde auch im Revisionsverfahren mit der Pensionskasse der Deutschen Wirtschaft (PKDW) durch das Hessische Landesarbeitsgericht bestätigt (Urteil vom 3. 3. 2010 – 8 Sa 187/09). In der Urteils­begründung steht: „Die Pensionskasse mag berechtigt gewesen sein, gemäß § 22 ihrer Satzung Fehlbeträge durch Herabsetzung der Leistungen auszugleichen (…). Diese Bestimmung gehört aber nicht zur Leis­tungszusage der Beklagten und schränkt diese nicht ein. Die bei Pensionskassen ­üblichen Satzungsbestimmungen über Leis­tungsherabsetzung sind nicht Inhalt des Versorgungsversprechens des Arbeitgebers.“

Auch bei weiteren Pensionskassen kam es zu Problemen: etwa  bei der Babcock Pensionskasse. Ihr Bestand – damals knapp 500 Millionen Euro – sollte an die Swiss Life übertragen werden, allerdings wäre dazu eine Nachreservierung von 60 Millionen Euro notwendig gewesen. Der geplanten Übertragung wurde nicht stattgegeben, und so wurde die Kasse auf Drängen der BaFin im Jahr 2007 saniert.

2013 kam die Novartis Pensionskasse ­unter „Manndeckung“. Zur Stärkung ihrer Risikotragfähigkeit ergriff die Kasse folgende Maßnahmen: Auslagerung des Managements an die Unternehmensberatung Willis Towers Watson, Restrukturierung der Kapitalanlagen, Bildung von pauschalen Rückstellungen. Zudem wird der Rechnungszinssatz innerhalb von 15 Jahren von 3,5 auf 2,55 Prozent abgesenkt. Außerdem zahlte das Trägerunternehmen zusätzliche Beiträge, inklusive eines Nachrangdarlehens in Höhe von drei Millionen Euro. „§ 178 VAG gibt die Möglichkeit der Außenfinanzierung durch das Trägerunternehmen“, erklärt Wessling. „Es handelt sich hier um nachträgliche Gründungsstockdarlehen, für die gemeinsam mit der BaFin ein Tilgungsplan vereinbart wird.“

Kürzungen im Future Service

Mitte 2016 kündigte die Neue Leben Pensionskasse (NLP) an, die Betriebsrenten drastisch zu senken. Zum 1. Januar 2017 wurden die Garantiezinsen auf 1,25 Prozent zurückgenommen, auch für künftige Beiträge in laufenden Verträgen, die teilweise noch mit einer Garantie von 3,25 Prozent ausgestattet waren. Die NLP gehört dem hannoverschen Versicherungskonzern Talanx sowie acht großen Sparkassen.

2017 sorgte der Fall der BVV, der Pen­sionskasse für Mitarbeiter der Finanzwirtschaft, für Aufmerksamkeit, weil die BVV mit ihrer Bilanzsumme von über 28,5 Milliarden Euro Deutschlands größte Pensionskasse ist. Sie senkte die Zinsen für alle Verträge, die bis Ende 2004 abgeschlossen wurden, von garantierten 4,0 auf 2,75 Prozent. In den Publikumsmedien schlug der Fall BVV keine großen Wellen, weil die Trägerunternehmen aus der Finanzwirtschaft die Zusatzbeiträge für ihre Mitarbeiter weitgehend geräuschlos übernahmen. „Außerdem ist die Kürzung von künftigen Anwartschaften noch eine recht homöopathische Maßnahme. Gravierender wäre eine Kürzung auch der bereits erdienten Anteile“, meint Filipp.

Es ging weiter. Im Oktober 2018 gab die Deutsche Steuerberater Versicherung VVaG bekannt, dass sie seit 31. Dezember 2017 die Eigenmittelregeln der ­BaFin nicht mehr erfüllen könnte. Ihr fehlten 17,7 Millionen Euro, und die Eigenmittel beliefen sich auf nur noch 55,3 Prozent der Solvabilitätskapitalanforderung. Derzeit arbeitet die Kasse einen Sanierungsplan aus. Den müssen Kassen der BaFin innerhalb von zwei Monaten vorlegen, nachdem sie entsprechende Probleme gemeldet haben. Details über die ­geplanten Maßnahmen veröffentlicht die Steuerberater-Kasse bislang nicht.

Für Schlagzeilen sorgten Ende des Jahres 2018 die Pensionskasse der Caritas und deren Konzernschwester Kölner Pensionskasse. Zusammen organisieren sie die Betriebsrenten für rund 55.000 Mitarbeiter von ­Caritas und anderen katholischen Einrichtungen. Bei der Caritas PK fehlten rund 80 Millionen bei einer Bilanzsumme von etwa 800 Millionen Euro. Hier lag das Problem offenbar nicht nur in den niedrigen Zinsen, sondern es soll einen Übertragungsfehler bei den Kalkulationsgrundlagen zur Berechnung der Deckungsrückstellungen gegeben haben. Dieser Fehler hat sich über mehrere Jahre durch die Bilanzen gezogen. Die beiden Kassen hatten einen Sanierungsplan vorgelegt, den die BaFin als „unzureichend“ zurückwies. In der Folge untersagte die Aufsicht beiden das Neugeschäft. Der langjährige Vorstandschef der beiden Kassen, Christof Heinrich, verließ zum 30. November 2018 das Unternehmen, und sein Nachfolger Olaf Keese wird nun die Sanierung übernehmen. Hinauslaufen wird es wohl auf Leistungskürzungen im Future und im Past Service.

Kapitalanlage professionalisiert

Weitere mögliche Maßnahmen, um die Bilanz einer Pensionskasse wieder ins Lot zu bringen, liegen in der Kapitalanlage. „Lange Zeit hat es funktioniert, die frei werdenden Gelder einfach in zehnjährige Bundesanleihen zu investieren, und man war safe, weil der Kupon über dem Niveau der Garantiezinsen lag“, weiß Uwe Rieken. ­Filipp ergänzt: „Die Arbeit von PK-Vorständen ist heute nicht mehr vergleichbar mit der von früher. Mit den heutigen niedrigen Zinsen bekommen die Pensionskassenmanager keine ausreichend hohe Rendite mehr. Viele Pensionskassen haben keine Reserven gebildet, weil sie keine Aktien oder Immobilien hatten. Daher haben fast alle ihre ­Kapitalanlage umstrukturiert und enorm verbreitert.“ Sie gehen nun auch in Risikoanlagen wie Infrastruktur, Emerging Market Bonds und Private Equity und Private Debt.

Liquidität spielt bei Pensionskassen eine weniger wichtige Rolle als bei Versicherern, da sie keine Storni bedienen müssen. Daher rät Rieken Pensionskassen zu einem bes­seren Durationsmatch. „Da sind die Lebensversicherer schon deutlich weiter als die Pensionskassen.“

Asset Manager haben natürlich auch ­Ideen, wie die Pensionskassen ihre Kapitalanlagestruktur verbessern könnten. „Privates Kapital wird in Infrastruktur benötigt, um Weiterentwicklung, Erhalt und Renovierung sicherzustellen. Beispielsweise im Tele­kommunikationsbereich, bei der Wasserreinigung oder im Logistiksektor. Sie bieten transparente und stabile Einkommensquellen, die wirtschaftszyklisch unabhängig sind“, sagt Rainer Fritzsche, geschäftsführender Gesellschafter von Ovidpartner GmbH. „Dabei sollten Pensionskassenmanager auch über den Tellerrand Europas hinaus schauen. Gerade Investments in Kanada und den USA unterliegen strengen Gesetzen. Selbst wenn die Währungsabsicherung heute einen guten Teil der Rendite kostet, bleibt netto immer noch ein Ertrag, der weit über den Zinsmöglichkeiten in der Eurozone liegt.“ Heribert Danner, geschäftsführender Gesellschafter von W & S Portfoliomanagement aus Ulm, möchte ein Risikomodell ­anbieten, um Pensionskassen ein stärkeres Engagement in risikotragenden Anlagen zu ermöglichen: „Gemeinsam mit Prof. Daniel Schallmo von der Hochschule Neu-Ulm ­haben wir ein System von Ampelindikatoren entwickelt, das eine laufende Überwachung verschiedener Indizes ermöglicht und Wahrscheinlichkeiten für fallende und steigende Märkte signalisiert. Durch diese Risikoüberwachung können sich Pensionskassen stärker als bisher in Aktien engagieren.“

Tatsächlich hat sich die Kapitalanlage der Pensionskassen verändert. Weil der Pen­sions­kassenverband aba hierzu keine Daten veröffentlicht, kann hier womöglich Universal-Investment das aussagekräftigste Bild vermitteln, denn die Gesellschaft adminis­triert Spezialfonds für Pensionskassen und andere Institutionelle. Ende 2018 waren es 292 Milliarden Euro und damit rund 18 Prozent des gesamten vom BVI erfassten Spezialfondsvermögens.

„Pensionskassen haben ihre Anlagen in den letzten Jahren stark diversifiziert. Alternative Investments wurden dabei immer wichtiger“, beobachtet Katja Müller, Mitglied der Geschäftsleitung von Universal-Investment. Zuletzt seien insbesondere ­Immobilien und Private Equity gefragt gewesen. „Gerade Pensionskassen müssen passend zu ihren langfristigen Verbindlichkeiten Anlagen mit stabilen Cashflows finden. Immobilien mit Miet- oder Pachtverträgen über viele Jahre sind hier gut geeignet“, so Müller, „ein gutes Verhältnis von Risiko und Rendite finden wir auch durch die Diversifizierung mit Eigen- und Fremdkapitalinstrumenten. Dazu gehören Private Equity und Infrastrukturprojekte, aber auch Unternehmensfinanzierungen und Kredite für Projekte in erneuerbaren Energien. ­Aktuell sind etwa 5,5 Prozent aller Spezialfonds auf unserer Plattform in Immobilien und elf Prozent in Alternative ­Investments angelegt.“ Ansonsten hätten sich bei Pensionskassen Renten- und Aktienanteile seit 2011 immer stärker angenähert und stünden nun beide jeweils bei rund einem Drittel der Volumina. Allerdings halten Pensionskassen neben ihren Spezialfonds auch direkte Rentenbe­stände. „In Wirklichkeit liegt die Aktienquote vermutlich deutlich unter 30 Prozent“, meint Wessling, „eine sehr hohe ­Aktienquote fällt den Pensionskassen nämlich spätestens beim nächsten Stresstest auf die Füße. Beim letzten Stresstest am 31. 12. 2018 mussten wir Aktien mit 22 Prozent stressen.“

Marktkonsolidierung

Auch die Herbeiführung größerer Einheiten kann helfen. Pensionskassenbestände müssen sehr lange verwaltet werden, im Prinzip bis zum Tod des letzten Hinterbliebenenrentners. Das führt bei mehreren Kassen dazu, dass die Bestände zu gering für eine effiziente Verwaltung werden. „Das ist ein strukturelles Problem und führt zu Run-offs oder Verschmelzungen. Diese sind betriebswirtschaftlich oft vernünftig, aber regu­latorisch schwierig“, meint Rieken und ergänzt: „Die Aufsicht muss einer solchen Maßnahme in jedem Fall zustimmen und sieht sich hier als Anwalt der Rentner. Sie wacht darüber, dass die Mitglieder der Pensionskassen nicht schlechter gestellt werden durch einen Run-off oder Verschmelzung.“ Das bestätigt BaFin-Mann Grund auf einer BaFin-Pressekonferenz im Mai 2018: „Wir prüfen sehr genau, ob die hohen gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind und die Belange der Versicherten auch unter dem neuen Dach gewahrt wären.“

Das Dilemma der Kleinteiligkeit bleibt indes: Derzeit führt die BaFin 134 Pensionskassen auf, die zusammen Kapitalanlagen von 164 Milliarden Euro verwalten. Im Schnitt sind das gerade einmal 1,2 Milliarden Euro pro Kasse. „Das zeigt, wie kleinteilig das Pensionskassengeschäft ist“, meint Wessling. „Bei besonders kleinen Kassen kann es dazu kommen, dass die laufenden Kosten das Vermögen fressen.“

Am Markt fand bereits eine Konsolidierung statt. In Österreich sind nur noch neun Pensionskassen übrig, nachdem es 2004 noch 21 gab. Im Jahr 2017 wurde dort beispielsweise die EVN-Pensionskasse an die VBV-Pensionskasse übertragen, und die Siemens Pensionskasse ist in der überbetrieblichen Valida Industrie Pensionskasse aufgegangen. Für Deutschland listet die ­BaFin für 2017 nur noch 134 Kassen auf, 2015 waren es noch 140.

Profiteur der Konsolidierungsbewegung sind Run-off-Gesellschaften wie die Frankfurter-Leben-Gruppe. Sie übernahm 2018 die Bestände der C&A-Pensionskasse Prudentia und der zur AXA-Gruppe gehörenden Pro bAV Pensionskasse AG. Zuvor hatte sie die Lebensversicherungsbestände von Arag und Basler bei sich konsolidiert. Eine weitere Run-off-Plattform ist Viridium, die die Bestände von Heidelberger Leben, Skandia Deutschland, Scottish Widows und Protektor übernommen hat. Bestände einer Pensionskasse hat Viridium bislang noch nicht übernommen, möglicherweise sind ihr diese zu klein. Hier treten eher die Hoechster PK, die Verka, Atora (ex Delta Lloyd) und die Hamburger Pensionsverwaltung (HPV) als Konsolidierer auf, wobei die HPV mittlerweile die Bestände von sieben Pensionskassen verwaltet, unter anderem der PK Ernährung und Genuss, der PK Schenker und der Henkel Versorgungskasse.

Durch Zusammenlegungen oder die Auslagerung von Verwaltungsaufgaben erhofft man sich über die Erzielung von Skaleneffekten geringere Verwaltungskosten und ein effizienteres Kapitalanlagen- und Risikomanagement. Erst kürzlich bekamen Pensionskassen strengere Meldepflichten auferlegt, was bei kleinen Kassen relativ viele Kapazi­täten bindet. Schon 2013 erklärte Robert Windischmann, damaliger Vorsitzender der Schenker Pensionskasse, in einer Pressemitteilung, warum er die Verwaltung an die HPV übertragen hat: „Ein Großteil unserer Arbeit dient nicht mehr den begünstigten Arbeitnehmern, sondern der Erfüllung bürokratischer Anforderungen. Das ist von einer einzelnen Pensionskasse nicht mehr zu bewältigen. Mit dem Schritt zur HPV haben wir eine optimale Zukunftslösung für unsere Pensionskasse erreicht. Durch zahlreiche Synergieeffekte erzielen wir eine deutliche Kosteneinsparung und haben Zugang zu neuen Arten der Kapitalanlagen, die nur mit einem großen Partner oder im Verbund rentabel realisiert werden können.“

Alles in allem ist die Misere der Pensionskassen ein praxisnahes Lehrbuchkapitel. Zum einen zeigt sie, dass die Markt- und Zinsbewegungen langfristige Garantien zu einem Würgeisen werden lassen können. Sie verdeutlicht, dass es bei allem Bemühen um sichere Renten die Möglichkeit geben sollte, die Rentenhöhe in bestimmten Bandbreiten atmen zu lassen. Zum anderen hat die heuti­ge Situation die Marktteilnehmer aufgerüttelt, ihr Business-as-usual-Terrain, bei dem in zehn Jahre laufende Staatspapiere investiert wurde, zu verlassen und kreativ zu werden. Entsprechend haben viele Kassen ihr Anlageuniversum erweitert. Das verspricht risikoangemessene Renditen mit zum Teil niedrigeren Korrelationen als früher. Auch auf der Kostenseite wird nach Optimierungsmöglichkeiten gesucht. Bleibt zu hoffen, dass die Pensionskassen durch das sicher unbequeme Wachrütteln am Ende besser aufgestellt sind als vorher. „Aus unse­rer Sicht geht das nicht ohne den Gesetzgeber“, meint Filipp, „er sollte eingreifen und Erleichterungen schaffen. Er sollte die Bedeckungsvorschriften lockern, damit die Kas­sen Luft zum Atmen kriegen.“    

Anke Dembowski


Pensionskassen – einer von fünf Durchführungswegen in der bAV

Einige Pensionskassen in Deutschland konnten bereits ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Die eigentliche Blütezeit währte nur kurz: von 2002 bis 2005

Eine Pensionskasse ist eine rechtlich selbstständige Einrichtung zur Altersversorgung, die ihren Versorgungs­berechtigten einen Anspruch auf Leistung bei Alter, Invalidität und Tod einräumt. ­Damit ist sie eine spezielle Art Lebensversicherung und unterliegt der Versicherungsaufsicht. Während das Lebensversicherungsgeschäft Solvency-II-getrieben ist, dürfen die Pensionskassen weiterhin unter der Regulatorik von Solvency I und der EbAV-II-Richtlinie bleiben.

Firmen- und Gruppenpensionskassen

Man unterscheidet Firmenpensionskassen (z. B. Bayer, BASF, Babcock, Audi) und Gruppenpensionskassen, die für mehrere Unternehmen einer Branche tätig sind. Beispielsweise ist der BVV für Mitarbeiter der Finanzbranche zuständig. Einige Versicherungsunternehmen sind dazu übergegangen, sogenannte Wettbewerbskassen zu gründen, in die Mitarbeiter von Unternehmen aller Branchen gehen können (z. B. R+V, Allianz, Swiss Life, HDI, Gothaer). Außerdem unterscheidet man in Deutschland „regulierte“ und „deregulierte“ Pensionskassen (siehe Tabelle).

Versicherer und Pensionskassen sind per § 89 VAG verpflichtet, stets über „anrechnungsfähige Eigenmittel“ mindestens in Höhe ihrer jeweiligen Solvabilitätskapi­talanforderungen zu verfügen. Sind die ­Eigenmittel geringer als das erforderliche Solvabilitätskapital, liegt eine Nichtbe­deckung vor. Für solche „Versicherungs­unternehmen in besonderen Situationen“ ist in §§ 132–137 VAG ein klar definierter Prozess vorgesehen: Stellt das Versicherungsunternehmen eine Verschlechterung seiner finanziellen Lage fest, und könnte dies die Erfüllbarkeit der Verpflichtungen oder die Zahlungsfähigkeit gefährden, muss das ­Versicherungsunternehmen unverzüglich die BaFin darüber informieren. Das Unternehmen hat dann zwei Monate Zeit, einen realistischen Sanierungsplan zur Genehmigung vorzulegen.


Interessenvertretung

in Deutschland:
Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba): vertritt alle Pensionskassen in Deutschland.

Arbeitsgemeinschaft kommunale und kirchliche Alters­versorgung (AKA): vertritt 24 kommunale und kirchliche Zusatzversorgungskassen + 2 Sparkasseneinrichtungen.

Verband der Firmenpensionskassen (VFPK): vertritt die ­Interessen der regulierten Pensionskassen in Deutschland.

in Österreich:
Fachverband der Pensionskassen SVPK: vertritt die Pen­sionskassen in Österreich.

in der Schweiz:
Schweizerischer Pensionskassenverband ASIP: vertritt die rund 930 Pensionskassen in der Schweiz.

in Europa:
PensionsEurope, Brüssel: europäischer Dachverband für ­betriebliche Vorsorgeeinrichtungen (23 Verbände aus 21 Ländern).

European Association of Public Sector Pension Institutions (EAPSPI): vertritt die kommunalen Vorsorgeeinrichtungen.


Anhang:

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