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2/2021 | Produkte & Strategien
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Klare Kante

Silke Stremlau ist Vorstand der Hannoverschen Kassen, einer kleinen, nachhaltig agierenden ­Pensionskasse. Was das Thema Nachhaltigkeit angeht, ist Stremlau eher Überzeugungstäterin, als dass sie es als lästige Pflicht ansieht.

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Silke Stremlau lebt mit ihrem 15-jährigen Sohn und ihrem Partner am Rande von Hannover. Für Politik und gesellschaftliche Veränderungen hat sie sich schon immer interessiert. Weitere Hobbys sind Tanzen, Kochen, ihr Garten, Lesen und die solidarische Landwirtschaft.

© Christian Wyrwa

Man merkt ihr an, dass sie das Thema Nachhaltigkeit nicht nur auf ihre Fahnen schreibt, sondern es lebt. Aber nicht in der oft komplizierten Art, wie so viele heutzutage, sondern modern und klar. Vielleicht liegt das daran, dass Silke Stremlau studierte So­zialwissenschaftlerin ist und dann mehr oder minder zufällig bei der imug Beratungsgesellschaft landete, wo sie den Bereich „Nachhaltiges Investment“ aufbauen und leiten durfte.

Seit 2018 ist sie im Vorstand der Hannoverschen Kassen und verantwortet die Bereiche Kapitalanlage, Nachhaltigkeit und Personal. Die Hannoverschen Kassen wurden vor 30 Jahren von Waldorf-Schulen ­gegründet, die sich damals entscheiden mussten, ob sie in die Rentenversicherung Bund einzahlen oder eine eigene Kasse gründen wollten. Mittlerweile sind den Kassen auch andere nachhaltig ausgerichtete Unternehmen, gemeinnützige Organisationen, Pflegeeinrichtungen und Biobauern beigetreten, sodass es nun 546 Mitgliedseinrichtungen gibt. „Wir sind in dem Sinne keine klassische Versicherung, sondern ­leben den Dreiklang bAV, Nachhaltigkeit, Solidarität“, meint Stremlau.

Moderne Solidarformen

Die Solidarformen erklärt Stremlau so, dass die Hannoverschen Kassen unter anderem eine solidarisch geführte Beihilfekasse haben. „Hier zahlen die Arbeitgeber Beiträge für ihre Mitarbeitenden in einen Topf. Daraus werden zum Beispiel Kosten für eine Brille, für Osteopathie oder Homöopathie bezahlt“, erklärt Stremlau. „Das läuft als moderne Solidarform: Alle zahlen ein, das Geld wird nach bestimmten Kriterien vergeben, und wenn der Topf leer ist, kann da­raus in dem Jahr nichts mehr ausgezahlt werden.“ Die Hannoverschen Kassen denken aber noch weiter: „Bei uns werden Überlegungen angestellt, wie man die Rente anders gestalten kann. Vielleicht nicht ausschließlich in Form von Geld, sondern teilweise in Realform, beispielsweise durch Wohnrechte oder dass die Bauern, die bei uns Mitglied sind, Bioprodukte liefern.“ Man merkt, dass Stremlau über die Kapitalanlage der Hannoverschen Kassen hinaus denkt und dass sie Gedanken über neue Gesellschaftsmodelle reizen.

Natürlich muss sie sich auch mit den üblichen ­Herausforderungen von BaFin-beaufsichtigten Pensionskassen und dem Kapitalmarkt auseinandersetzen: Niedrigzins, Regulierung, Personalknappheit. Zusammen verwalten die Hannoverschen Pensionskassen und die Alterskasse ein ­Bilanzvolumen von 469 Millionen Euro. Von den 13.526 Versicherten sind 2.598 Rentner und 10.928 Aktive, bilanziert wird nach HGB.

„In der Alterskasse haben wir ­einen Rechnungszins von durchschnittlich 2,77, in der Pensionskasse von 2,41 Prozent, für Neuzugänge ab 1. August 2018 sind es nur noch 0,9 Prozent. Im letzten Geschäftsjahr konnten wir eine Nettoverzinsung von 3,0 Prozent erzielen. Damit liegen wir im guten Mittelfeld“, erklärt Stremlau.

Ein gewisser Stolz über dieses Ergebnis schwingt mit, denn Stremlau steht nicht nur unter dem Druck, die versprochenen Renten zu leisten, sondern auch unter den Augen ihrer Mitglieder, die in Sachen Nachhaltigkeit besonders genau hinsehen. „Was die ideellen Werte ­angeht, haben unsere Mitglieder hohe Anforderungen. Auf unseren Mitgliederversammlungen gibt es immer kritische Nachfragen“, so Stremlau. Sie gibt ein Beispiel: Letztes Jahr hatte die Pensionskasse einen Immobilienfonds im Portfolio, der in Wohnimmobilienprojekte in B-Städten investiert, die unter ökologischen Aspekten saniert wurden. „Die Rendite war gut. Aber der Geschäftsführer dieses Fonds hat über Twitter AfD-Thesen verbreitet, die wir und unsere Mitglieder für nicht tolerierbar hielten. Wir haben klare Kante gezeigt und sind aus dem Fonds ausgestiegen“, so Stremlau.

In den allgemeinen Klagegesang über die Regulierung, etwa die Offenlegungsverordnung, stimmt sie nicht ein. „Natürlich kaufen wir auch ESG-Ratings, aber Finanzratings benötigen wir ja auch. Dann kostet das eben 500 Euro pro Titel. Das gehört halt dazu und ist letztlich Teil unserer Risikovorsorge, da wir dadurch einen 360-Grad-Blick auf die Unternehmen bekommen.“

Da, wo sie kann, engagiert sie sich. „Auch wenn wir eine relativ kleine Kasse sind, betreiben wir gelegentlich Engagement. Beispielsweise haben wir die Deutsche Hypothekenbank angeschrieben, um sie zu mehr Transparenz bei ihrem CO2-Fußabdruck zu bewegen. Jeder sollte probieren, in seinem Bereich etwas zu machen, dann ist es am Ende in der Summe viel, was wir erreichen.“

Transparenzbericht

Weitere Überlegungen zu ideellen Werten und Nachhaltigkeit finden sich im Transparenzbericht der Hannoverschen Kassen, der als fortschrittlich gilt. „Den haben wir vor drei Jahren zum ­ersten Mal veröffentlicht. Darin legen wir unser gesamtes Portfolio offen und erläutern das Nachhaltigkeitskonzept und die Zielkonflikte, die sich in der Praxis ergeben. Es ist ja nicht immer alles nur schwarz oder weiß“, sagt Stremlau.

Mit ihrem Nachhaltigkeitskonzept wurden die Hannoverschen Kassen von der Pensions-Akademie mit dem ESG Pensions Award 2021 ausgezeichnet. „Das hat uns sehr gefreut und motiviert“, so Stremlau, „zeigt es doch, dass wir auch als kleines Haus transparent sein können und dass wir geordnete und nachvollziehbare Prozesse haben.“

Risikoanlagen hochfahren

Als sie 2018 zu den Hannoverschen Kassen kam, war die Kapitalanlage sehr sicherheitsorientiert. „Ich fand damals eine sehr geringe Aktienquote vor. Seit ich hier bin, fahren wir unseren Anteil an Bank- und Staatsanleihen runter und stocken Unternehmensanleihen auf. Wir erhöhen auch unsere Anlagen in erneuerbare Energien, Green Bonds und wollen künftig auch unseren Infrastrukturanteil ausbauen, natürlich nachhaltige Infrastruktur“, so Stremlau.

Von der Regulatorik fühlt sie sich nicht getrieben, sondern eher treibt sie die Regulatoren an, noch mehr Nachhaltigkeits-PS auf die Straße zu bringen. Dazu greift Stremlau auch zur Feder. So hat sie 2019 ein Kapitel über „Nachhaltigkeit als Chance. Haltung, Regulatorik und Querdenken im Finanzmarkt“ für die Publikation „BaFin-Perspektiven“ geschrieben. „Notwendig sind ein konsequentes Umlenken der investiven Gelder in transformative Unternehmen und Projekte, eine kluge und konsequente Regulierung mit den richtigen Lenkungs­anreizen und eine neue Haltung bei den ­Finanzmarktakteuren – samt geändertem Geschäftsgebaren“, schreibt sie den Aufsehern und ihren Kollegen in der Branche ins Heft. Auch für das Buch „Nachhaltige ­Finanzwirtschaft. Grundlagen und Konzepte für die Praxis“ steuerte sie ein Kapitel über die Transformation der Hannoverschen Kassen zu einer selbst geführten Organisa­tion bei. Hier schreibt sie zum Beispiel: „In vielen Unternehmen und Institutionen gibt es zwar moderne Leitbilder, flache Hierarchien und wohlklingende Führungsgrundsätze. Die Realität wird aber von einem Großteil der Mitarbeitenden anders erlebt. Hierarchische Organisationen existieren nach wie vor, wenige oben geben den Ton an, Kritik ist nicht erwünscht oder schadet demjenigen, der sie ausspricht.“

An einem Kapitel für ein weiteres Buch, in dem es um Nachhaltigkeit von Pensionskassen geht, schreibt sie gerade. Es soll im Sommer veröffentlicht werden. „Ich verdiene mit dem Schreiben nichts. Aber durchs Schreiben werden die eigenen Gedanken sortierter und struktu­rierter“, erwähnt sie am Rande.

Suche nach dem anderen Weg

Reine Lippenbekenntnisse gehen Stremlau gegen den Strich. Sie hat weder privat noch geschäftlich ein Auto. „In der Kasse fahren wir alle nur Bahn und nutzen Ökostrom“, erklärt sie. Alles Weitere sei in den „Nachhaltigkeitsgrundsätzen“ aufgeschrieben und werde auch so gelebt. Sie will sich nicht lange mit Dingen aufhalten, die in ihren Augen selbstverständlich sind. Viel mehr will sie an der Gesellschaft, an der Arbeitswelt, an wirtschaftlichen Para­digmen etwas ändern – dafür nimmt sie sich gern Zeit. „Wir gehen immer von wirtschaftlichem Wachstum aus und brauchen auch die zwei oder drei Prozent für unsere Modelle. Ich möchte aber darüber nachdenken, wie eine Wirtschaft anders stattfinden kann. Wie könnte eine Post-Wachstumsgesellschaft aussehen?“

Den Zielkonflikten, die sich dann ergeben, stellt sie sich und diskutiert sie mit Mitarbeitern und Gremien. Ein Immobilienbeispiel: „Wir kaufen mit der Stiftung trias Grundstücke und verpachten diese dann an sozial-ökologische Wohnprojekte. Wir verpflichten uns, die Grundstücke über 100 Jahre nicht zu verkaufen, um sie der Spekulation zu entziehen.“ Im Portfolio der Hannoverschen Kassen finden sich auch fünf Wohnhäuser in Berlin. „Hier haben wir mit den Mitgliedern diskutiert, inwiefern es gerechtfertigt ist, dass die Mieten unsere Renten finanzieren“, berichtet Stremlau. Geeinigt hat man sich, dass unabhängig vom Berliner Mietendeckel die Mieten zehn Prozent unter dem Mietenspiegel bleiben und damit kein Treiber für ein immer weiter steigendes Mietenniveau sind. „Solche Diskussionen sind für uns ein großer Ansporn. Es ist wichtig, sich immer wieder zu fragen: Kann man das solidarisch lösen? Da muss man mal unkonventionell denken, mal was ausprobieren, vielleicht auch mal Fehler machen und daraus lernen“, meint Stremlau engagiert.

Waldinvestments diskutieren sie gerade intern – allerdings kontrovers –, und wegen der Ablehnung der Todesstrafe leistet sie es sich, keine US-Anleihen im Depot zu haben. „Wir wollen nicht an Staaten partizipieren, die die Todesstrafe praktizieren. Es gibt genug andere Anleihen“, meint Stremlau. Bei Tesla ist sie nicht dabei, „obwohl Elon Musk ein cleverer Typ ist, aber er hält letztlich am Geschäftsmodell Auto fest. Elektromobilität ist aber nicht die Lösung, sondern es muss definitiv weniger Autos geben.“

Hoher Frauenanteil

Auffällig ist der hohe Frauenanteil bei den Hannoverschen Kassen. Der Vorstand besteht aus zwei Frauen, im Aufsichtsrat sind drei von sechs Mitgliedern weiblich. „Dass der Aufsichtsrat paritätisch besetzt ist, ist Absicht. Dass der Aufsichtsratsvorsitz weiblich ist, hat sich so ergeben“, so Stremlau und ergänzt: „Wenn die Leitung in ­einem Unternehmen divers aufgebaut ist, dann haben Sie keinerlei Probleme, gute Frauen zu finden.“

Auch unter ihren Versicherten ist der Frauenanteil hoch, was aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen eine Herausforderung darstellt. „In der Alterskasse haben wir einen Frauenanteil von 64 Prozent, in der Pensionskasse von 70 Prozent. Insgesamt sind Waldorf-Lehrer:innen langlebiger als der Durchschnitt; die gesunde Lebensweise scheint sich zu lohnen“, lacht Stremlau. Daher hat sie auf die neuen RB20-Sterbetafeln umgestellt.

Auch an einem guten Arbeitsklima und einer zukunftsfähigen Organisations­entwicklung ist sie interessiert. „Ich ­habe mich viel mit internen Prozessen beschäftigt. Pensionskassen versuchen oft, nur von der Kapitalanlagenseite zu kommen, aber das ist zu kurz gesprungen. Hier brauchen wir größere Ver­änderungen und andere Denkweisen.“

Kosten sind auch für die Hannoverschen Kassen ein Thema. „Natürlich versuchen wir, die Verwaltungskosten so gering wie möglich zu halten“, sagt Stremlau „Wir ­haben zum Beispiel schöne Büroräume am Pelikanplatz in Hannover. Die sind jetzt aber zu groß, weil wir durch Corona viel aus dem Homeoffice arbeiten. Daher überlegen wir, unsere Büroräume teilweise ­unterzuvermieten.“

Auch einen Spezialfonds, der hohe Gebühren und eine zu geringe Nachhaltigkeit aufwies, hat sie aussortiert. „Das können wir besser selbst managen, zumal es sich dabei um einen Mischfonds gehandelt hat“, so Stremlau. Außerdem hat sie gerade ein neues Kapitalverwaltungsprogramm gekauft, von dem sie sich mehr Effizienz erhofft.

Neben ihrer Vorstandstätigkeit ist Stremlau auch stellvertretende Vorsitzende des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung. „Das ist für mich eine große Ehre und ein echtes Herzensthema! Es macht ­natürlich Arbeit, aber es treibt mich an, im Bereich Nachhaltigkeit etwas zu bewegen!“ Daneben ist sie Aufsichtsrätin bei der ­UmweltBank in Nürnberg. „Das sind nur ein paar Tage im Jahr – und jetzt eben ein paar Videokonferenzen. Letztendlich wird man dadurch nicht dümmer!“

Anke Dembowski


Silke Stremlau frei assoziierend zu …

… Nachhaltigkeit: „Eine absolut wichtige und immer wieder herausfordernde Denkrichtung. Für mich ein Ansporn im ganzen Leben.“

… Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage: „Geht, ist einfach, macht Freude, absolut zukunftsfähig!“

… Gutmenschentum: „Interessante Assoziation. Natürlich ist Gutmenschentum überflüssig. Aber oft ist es auch ein Totschlagargument von denjenigen, die sich weniger Gedanken machen wollen.“

… Überbevölkerung: „Eine Herausforderung, mit der wir umgehen müssen. Aber wir sollten nicht mit dem Finger auf Länder des globalen Südens zeigen, ­sondern müssen uns in Europa und den USA an der eigenen Nase packen und unseren ökologischen ­Fußabdruck reduzieren.“

… Wachstumsparadigma: „Es lohnt sich, das zu hinterfragen. Dazu müssen wir aus den eigenen tradierten Denkmustern herauskommen. Ich möchte mir auch eine Welt ohne Wachstum vorstellen können.“

… Greenwashing: „Ist ein aktuelles Übel und in der Finanzbranche ein beliebtes Mittel der heutigen Zeit. Gleichzeitig ist das ein Aufruf an Investor:innen und Privatanleger:innen, zu hinterfragen, was sich hinter all den schönen Worten verbirgt.“

… Frauen und Finanzen: „Wenn ich mich im Freundeskreis umschaue, ist das immer noch eine Herausforderung. Dabei sind Frauen oft die besseren Anleger, weil sie eine langfristigere Sichtweise ­haben. Das Interesse der Frauen an Finanzen zu stärken, ist eine wichtige Aufgabe, weil zurzeit Frauen stärker von Altersarmut betroffen sind als Männer.“


Interesse an Nachhaltigkeit

Silke Stremlau (Jahrgang 1976) ist seit 2018 im Vorstand der Hannoverschen Kassen, einer nachhaltigen Pensionskasse. Sie ­verantwortet dort die Bereiche Kapitalanlage, Nachhaltigkeit und Personal. Zuvor war sie als Generalbevollmächtigte bei der Bank im Bistum Essen tätig. Zwischen 2000 und 2015 hat sie als ­Gesellschafterin bei der imug Beratungsgesellschaft den Bereich „Nachhaltiges Investment“ aufgebaut und geleitet und dort eine umfassende Expertise in Sachen Sustainable Finance entwickelt.

Sie studierte an der Universität Oldenburg Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Umweltpolitik und an der Akademie deutscher Genossenschaften (ADG) erlangte sie den Grad Dipl. Bank­betriebswirtin Management.

Silke Stremlau ist zudem stellvertretende Vorsitzende des Sus­tainable-Finance-Beirats der Bundesregierung sowie Aufsichtsrätin bei der UmweltBank in Nürnberg.

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