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3/2025 | Produkte & Strategien

Investoren kehren zurück

Schwellenländeranleihen profitieren von attraktiven Zinsen, starken Fundamentaldaten und der Rückkehr der Investoren. Das macht das Segment Emerging Market Debt aktuell interessant.

Die Entwicklung in den aufstrebenden Volkswirtschaften verläuft weiter positiv. Sie treiben heute untereinander deutlich mehr Handel als früher, und ihre Anleihen sind weniger riskant als noch vor einigen Jahren. Ratingagenturen führen hier heute mehr Up- als Downgrades durch.
Die Entwicklung in den aufstrebenden Volkswirtschaften verläuft weiter positiv. Sie treiben heute untereinander deutlich mehr Handel als früher, und ihre Anleihen sind weniger riskant als noch vor einigen Jahren. Ratingagenturen führen hier heute mehr Up- als Downgrades durch.© GMF

Des einen Leid, des anderen Freud. Dieses Sprichwort kommt einem in den Sinn, wenn man den anhaltenden Rückgang des US-Dollars und die gleichzeitige Stimmungsverbesserung gegenüber den Schwellenländern betrachtet. „Aktien aus Schwellenländern haben sich aufgrund attraktiver Bewertungen und einer jahrelangen Untergewichtung durch die Anleger überdurchschnittlich gut entwickelt“, schreibt das Analyse- und Fondsdatenhaus Morningstar. Die jüngste Rallye stellt eine Umkehrung der lang anhaltenden Underperformance gegenüber den Industrieländern dar. Morningstar verweist hier insbesondere auf die Underperformance gegenüber US-­Aktien, bei denen ein KI-getriebener Technologieschub für beeindruckende Gewinne gesorgt hat. Das scheint sich nun wieder zu normalisieren.

Geringere Schuldenlast

Aber nicht nur Aktien aus den Schwellenländern sehen ein Revival. „Insgesamt rücken Emerging Markets bei vielen ­Investoren wieder stärker in den Fokus, und zwar sowohl das Aktien- als auch das Fixed-Income-Segment“, beobachtet Wouter Van Overfelt. Er ist Portfoliomanager und Head of Emerging Markets Bonds bei Vontobel in Zürich und geht davon aus, dass die Schwäche des US-Dollars mittelfristig ­anhalten wird: „Die Dollarschwäche hat verschiedene ­Ursachen. Eine davon ist die hohe Schuldenquote der USA. Jetzt lohnt sich der Blick in die Emerging Markets. Die Staaten dieser Region haben eine geringere Schuldenlast als die USA und andere westliche Industrieländer. Sehen Sie sich Frankreich an, das 2025 eine Schuldenquote von etwa 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat. Italien und Griechenland stehen sogar noch schlechter da. Emerging Markets haben eine deutlich niedrigere Schuldenquote; sie liegt im Schnitt bei etwa 65 Prozent. Die Länder sind außerdem in der Lage, schneller aus der Verschuldung herauszuwachsen als die G7-Länder.“ Beim Bewältigen der Schuldenlast dürfte neben dem politischen Fokus auf Wachstum auch die oft günstigere demografische Entwicklung unterstützend wirken, die viele Schwellenländer aufweisen.

Geld fließt zurück

Der schwächere Dollar und die vergleichsweise geringe Verschuldung verbessern das Renditeprofil insbesondere von Lokalwährungsanleihen und sorgen für breitere Kapitalzuflüsse in Nicht-Dollar-Anlagen. Diese sind zuvor – angesichts der aggressiven Straffung der Geldpolitik durch die Fed im Jahr 2022 – aus den Schwellenländern in die USA abgeflossen. 2023 und 2024 sowie besonders seit Jahresbeginn 2025 floss dann viel Geld in die Schwellenländer zurück, vornehmlich in Lokalwährungsanleihen. „Entscheidend ist, dass ein Großteil dieses Kapitals strategischer und institutioneller Natur ist“, sagt Cathy Hepworth, Bereichschefin Emerging Market Debt bei PGIM. Sie führt die überschaubaren Leistungsbilanzdefizite, die viele Schwellenländer aufweisen, glaubwürdige Inflationsziele und starke lokale Märkte ins Feld. Diese Verbesserungen verringerten das Risiko starker negativer Reaktionen selbst bei externen Schocks. „Emerging-Markets-Anleihen sind heute längst nicht mehr so fragil wie früher“, sagt Hepworth. „Anleger, die bereit sind, über die Schlagzeilen hinauszuschauen und sich mit den Fundamentaldaten auseinanderzusetzen, können attraktive und nachhaltige Chancen nutzen.“

Mit ihren Fonds investiert sie daher in Schwellenländerwährungen, soweit zulässig, und erwartet, dass diese Posi­tionen mit höheren Carry-Erträgen eine Quelle für positive Alpha-Renditen sind, wie es sich bereits in der Vergangenheit gezeigt hat.

Leistungsbilanzüberschüsse

Auch Uday Patnaik sieht die Emerging Markets aktuell als ziemlich resilient an: „Das Wachstumsgefälle zwischen Emerging Markets und den Industrieländern ist derzeit sehr robust. Dieses Jahr wird es bei etwa 2,5 Prozent liegen; das ist respektabel“, ist Patnaik positiv gestimmt. Er leitet das Emerging Market Debt Team bei L&G. Auch die Leistungsbilanzüberschüsse der Emerging Markets seien gesund und die Ausfallquoten bei Anleihen sehr niedrig, insbesondere im Vergleich zu 2022. „Der JPMorgan Index für Emerging Market Bonds enthält ungefähr 74 Länder. Für dieses Jahr prognostizieren wir keinen einzigen Zahlungsausfall in diesen 74 Ländern“, so Patnaik.

Die Ratingagenturen versehen zuletzt deutlich mehr Schwellenländer mit Upgrades als mit Downgrades. „Dies spiegelt sich auch in den Kreditratings für Schwellenländer wider“, sagt Patnaik. Auch die Inflationsraten in den Emerging Markets rangieren aktuell eher am unteren Ende, sowohl in Schwellenländern mit Investment Grade als auch in solchen mit niedrigerer Bonität. „Selbst in High-Yield-Ländern wie der Türkei oder Argentinien, wo die Inflation ein Problem darstellte, beobachten wir einen Rückgang der Preissteigerung. Die Länder implementieren zurzeit die richtigen politischen Maßnahmen.“ Er wird noch deutlicher: „Ich glaube, das nächste große Risiko könnte auch aus den Industrieländern anstelle der Schwellenländer kommen.“

Eine der politischen Maßnahmen ist, dass die Emerging Markets versuchen, sich unabhängiger von den Industriestaaten zu machen, insbesondere von der schwer einschätzbaren, erratischen Zollpolitik der USA. Das scheint ihnen zu gelingen. Van Overfelt stellt fest, dass die Schwellenländer mittlerweile deutlich mehr Handel untereinander betreiben. „Vor etwa 30 Jahren haben Emerging Markets am liebsten Handel mit Industrieländern betrieben. Heute sehen wir, dass sie bereits 65 Prozent ihres Handels untereinander abwickeln.“ Insbesondere China richtet seine Wirtschaft verstärkt auf den Binnenkonsum aus, was auch positive Effekte auf die übrigen Schwellenländer hat, insbesondere in Asien.

Er hält sowohl Unternehmens- als auch Staatsanleihen der Emerging Markets für interessant, wobei zuletzt mehr Staatsanleihen emittiert wurden. „Auffällig ist, dass Unternehmensanleihen der Schwellenländer ein besseres Rating haben als Staatsanleihen. Besonders viele Unternehmensanleihenemissionen sehen wir derzeit aus dem Nahen Osten, und es gibt auch viele Emittenten aus Lateinamerika“, sagt Van Overfelt, wobei diese oft mit relativ kurzen Laufzeiten ausgestattet sind. „30-jährige Laufzeiten finden Sie eher bei Government Bonds als bei Corporates.“ Dabei verzeichnet er auch Bemühungen bei den Emittenten aus den Emerging Markets, die institutionelle Nachfrage nach ESG-zertifizierten Anleihen zu bedienen.

Interessant trotz niedriger Credit Spreads

Die Verbesserung der Fundamentaldaten vieler Unternehmen in Schwellenländern haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert, und das drückt auf die Credit Spreads: „Derzeit wird der JPMorgan Emerging Market Corporate EMBI Broad Diversified Index mit Credit Spreads gehandelt, die nahe bei ihren historischen Tiefstständen und mehr als 100 Basispunkte unter ihrem Zehnjahresdurchschnitt liegen“, sagt Evariste Verchere, Head of Public Debt beim Schweizer Impact-Investment-Manager BlueOrchard.

Risikobereinigt hält er besonders Unternehmensanleihen in Hartwährung aus Schwellenländern für attraktiv: „Bei einer Rendite des Index von etwa 6,1 Prozent und einer Duration von 4,2 Jahren wäre eine Ausweitung des Credit Spreads um mehr als 140 Basispunkte erforderlich, um die Carry-Erträge auszugleichen.“ Zudem sei ein Credit Spread von 200 Basispunkten zwar aus historischer Sicht nicht hoch, bleibe aber im Vergleich zu Unternehmensanleihen aus Industrieländern attraktiv, die bei gleichwertigen Ratings etwa 80 Basispunkte enger gehandelt werden. „Angesichts der wirtschaftlichen ­Unsicherheit, der sich stabilisierenden Inflation und der ­erhöhten Realzinsen waren festverzinsliche US-Dollar-Anleihen selten so attraktiv wie heute“, resümiert Verchere.

Diversifikationsaspekt

Er hebt auch den Aspekt der Diversifikation hervor, da ­bereits innerhalb des Segments Emerging Markets Fixed Income eine gute Streuung gegeben ist: verschiedene Länder auf unterschiedlichen Kontinenten mit unterschiedlichen Rohstoffvorkommen, Handelsaktivitäten und politischen Ausrichtungen. Insbesondere Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern hätten bei strategischen Allokationen in der Vergangenheit keine wesentliche Rolle gespielt. „Wir sind jedoch der Ansicht, dass diese Anlageklasse derzeit ­potenziell attraktive Chancen bietet. Dank eines vielfältigen Universums, das mehrere Wirtschaftsmodelle umfasst, können Anleger von diesem sich wandelnden Wirtschaftsparadigma profitieren. Darüber hinaus lassen sich idiosynkratische Risikoprämien wie beispielsweise politische Risiken durch Diversifizierung erfassen und steuern, wodurch ihre Auswirkungen auf die Gesamtvolatilität des Portfolios begrenzt werden“, so Verchere. Natürlich sei eine sorgfältige Bonitätsanalyse unerlässlich, um das Ausfallrisiko zu reduzieren. „Doch die hochwertigeren Segmente des Universums der Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern profitieren auch von den gestiegenen Realzinsen im US-Dollar. Diese Dynamik bietet einen gewissen Schutz vor Verlusten im Fall eines wirtschaftlichen Abschwungs“, meint Verchere. Insbesondere in Zeiten, in denen die Ausnahmestellung der USA abnimmt, rücken Emerging Markets Bonds in den Fokus. „Die Leistungsbilanzüberschüsse und Devisenreserven steigen, der Schuldenstand und das BIP sind relativ stabil, es gibt aktuell keine Staatspleiten, und die Schwellenländer sorgen global für Wachstumsimpulse. Für Investoren signalisiert das: Worauf warten wir?“, meint Patnaik enthusiastisch.

Anke Dembowski

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