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4/2020 | Produkte & Strategien
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Grüne Welle

Grüne Anleihen haben ihre Nische verlassen und fassen in immer mehr institutionellen Portfolios Fuß. Dabei profitieren Green Bonds gleich von mehreren Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, die ihnen ­zusätzlichen Wachstumsschub geben.

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Grüne Anleihen haben sich in den letzten Jahren zu einem ernst zu nehmenden Rentensegment weiterentwickelt. Das wird vor allem am stark gestiegenen Volumen deutlich.

© DWS, derek | stock.adobe.com

Green Bonds sind nicht länger ein Nischenmarkt. Die bisherigen Zahlen sind bereits durchaus signifikant“, erklärt Hagen Schremmer, CEO von BNP Paribas Asset Management Deutschland. Das bestätigt ein Blick auf das Emissionsvolumen dieser grünen Anleihen, deren Erlöse für Projekte mit Umwelt- und Klimabezug zweckgebunden eingesetzt werden müssen. Was als zartes Pflänzlein 2007 mit einer Klimaschutzanleihe der Europäischen In­ves­titionsbank (EIB) und einem damaligen weltweiten Neuemissionsvolumen von weniger als einer Milliarde US-Dollar begann, ist inzwischen zu einem ernst zu nehmenden Investmentuniversum herangewachsen. Mittlerweile werden Green Bonds in ganz anderen Dimensionen, gemessen am Emissionsvolumen, emittiert. Nach einem Rekordvolumen von mehr als 250 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 soll auch 2020 eine neue Bestmarke erreicht werden, prognostiziert beispielsweise die Climate Bonds Ini­tiative. Ein neuer Rekord könnte sich ausgehen: Bloomberg-Daten zufolge wurden in den ersten drei Quartalen des noch laufenden Jahres bereits mehr als 200 Milliarden US-Dollar an Green Bonds begeben. Das ist um zwölf Prozent mehr als zum Vorjahreszeitraum.

Von Jahr zu Jahr höhere Anleihenbegebungen haben dazu geführt, dass zu Beginn des vierten Quartals 2020 ein historischer Meilenstein erreicht wurde. Alle jemals getätigten Green-Bond-Emissionen (inklusive der inzwischen wieder fällig gewordenen Anleihen) überschritten kumuliert die Marke von einer Billion-US-Dollar. Das hat Auswirkungen. Mit einem inzwischen ausstehenden Volumen von mehr als 700 Milliarden US-Dollar ist das Green-Bond-Universum mittlerweile größer als die Märkte für europäische Hochzinsanleihen oder globale Wandelanleihen. „Der Markt für grüne Anleihen ist eines der dynamischsten, am schnellsten wachsenden Fixed-Income-Segmente. Der Green-Bond-Markt ist zu groß geworden, um ihn ignorieren zu können. Er erlebte in den vergangenen fünf Jahren eine große Veränderung – von einem Nischen-Impact-Segment zu einer Gelegenheit für jeden Anleiheninvestor“, erklärt Bram Bos, Lead Portfolio Manager Green Bonds bei NN Investment Partners.

Das Ende der Fahnenstange hat das Green-Bond-Wachstum noch lange nicht ­erreicht. NN IP prognostiziert in einer im Oktober veröffentlichten Green-Bond-­Studie, dass der weltweite Markt für grüne Anleihen auf eine Billion Euro bis Ende 2021 und zwei Billionen Euro bis 2023 anwachsen könnte. Vor dem Hintergrund, dass auch in China und den USA grüne Anleihen an Bedeutung gewinnen, sollte nach Einschätzung von ­Bertrand Roucher, Portfolio Manager und Senior Credit Analyst bei Mirova, das hohe Wachstumstempo noch bis Ende dieses Jahrzehnts anhalten. „Dann dürfte vielen Unternehmen der nachhaltige Umbau ihrer Geschäftsmodelle weitgehend geglückt sein. Der Bedarf an grünen Anleihenfinanzierungen wird dann zurückgehen.“

Rechtzeitig positionieren

Bei Green Bonds steigt nicht nur das ausstehende Anleihenvolumen, auch insgesamt ist der Markt gereift. Interessierten sich früher nur deklarierte ESG-Investoren für diese Papiere, greifen nunmehr auch klassische Kapitalsammelstellen bei den Emissionen kräftig zu. Das könnte jenen Inves­toren, die früher als andere Anleger Positionen aufbauen, zugutekommen, erklärt Arnaud-Guilhem Lamy, Spezialist für Anleihen und nachhaltiges Investieren bei BNP Paribas AM: „Die Assetklasse ist erwachsen geworden: Bis 2018/19 bestimmte das Angebot die Nachfrage, nun dreht sich das Verhältnis. Die Nachfrage nimmt stärker zu, als das Angebot mitwachsen kann. Das heißt, Green Bonds werden künftig teurer. Wer rechtzeitig einsteigt, profitiert.“

Wichtiger Meilenstein

Neben namhaften Emittenten aus dem Unternehmenssektor, die nach der sommerlichen Ferienzeit im ­traditionell emissionsreicheren Monat September den Green-Bond-Markt anzapften – beispielsweise Verizon, Orange, Société Générale oder Volkswagen mit gleich zwei Tranchen –, sorgten im genannten Monat die Green-Bond-Marktdebüts von Schweden und ­insbesondere jenes von Deutschland für ­erhöhte Investorenaufmerksamkeit. Mit der ersten grünen Bundesanleihe folgte die ­hiesige ­Finanzagentur spät, aber doch an­deren Staaten. Darunter sind Frankreich (das bereits 2017 Green Bonds emittierte und mit mehr als 27 Milliarden Euro ausstehendem Volumen europäischer Marktführer ist), Belgien, Irland, die Niederlande und Polen, das 2016 als erstes europäisches Land einen in Euro denominierten Green Bond lancierte. „Wir denken, dass dies ein wichtiger Meilenstein für den Markt grüner Anleihen ist, da der Markt für deutsche Staatsanleihen einer der wichtigsten Orientierungspunkte auf den Kapitalmärkten ist“, sagt Bos.

Liquidität vor Rendite

Obwohl die grüne Bundesanleihe (ISIN: DE0001030708) einen Zinskupon von null aufweist, war das Interesse an dem zehnjährigen Papier (8/2030) mit einem ausstehenden Volumen von 6,5 Milliarden Euro enorm: Investoren reichten Gebote von mehr als 33 Milliarden Euro ein, um von den vom Bund mandatierten Banken im Rahmen eines Syndikatsverfahrens eine ­Zuteilung zu 104,717 Prozent zu erhalten und damit im Fall des Haltens bis zur Fälligkeit einen sicheren Verlust zu machen. Einer, der trotzdem gezeichnet hat, war ­Simon Bond, Director Responsible Investment Portfolio Management bei Columbia Threadneedle und Portfoliomanager des Threadneedle (Lux) European Social Bond Fonds. Der Fondsmanager nennt seine Beweggründe: „Die grüne Bundesanleihe trägt vor allem dazu bei, die Liquidität des Portfolios zu gewährleisten – und durch die Mittelverwendung zugleich positive Entwicklungen fördern.“

Deutschland hat vor der Anleihenbe­gebung im eigens erstellten „Green Bond Framework“ folgende fünf Sektoren fest­gelegt, denen die Green-Bond-Emissionserlöse zugutekommen: 1) Verkehr; 2) inter­nationale Zusammenarbeit; 3) Forschung, Innovation und Bewusstseinsbildung; 4) Energie und Industrie sowie 5) Land- und Forstwirtschaft, Naturlandschaften und Biodiversität.

„Bei der Auswahl der grünen Haushaltspositionen orientiert sich der Bund an etablierten internationalen Marktstandards, beispielsweise  den Nach­haltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs), und insbesondere an den Green Bond Principles der International Capital Market Association (ICMA)“, erläutert Vishal Khanduja, Director Investment Grade Fixed Income (IGFI) Portfolio Management and Trading bei ­Eaton Vance Management. Manchen ESG-Investoren ist das aber längst nicht streng genug. „Obwohl wir es für eine positive Entwicklung halten, dass Deutschland begonnen hat, grüne An­leihen zu emittieren, ist der Rahmen für grüne An­leihen des Landes nicht so klar an internationalen Standards wie den Green Bond Principles sowie den Taxonomien der EU und der Climate Bond Initiative ausgerich­tet wie einige andere grüne Staatsanleihen“, sagt Bos. „Zum Beispiel wird ein großer Teil dieser Erlöse aus grünen An­leihen für Züge und Schieneninfrastruktur verwendet werden, was auch den Güterverkehr mit fossilen Brennstoffen umfassen könnte.“

Viel beachtete Zwillingsanleihe

Die grüne Bundesanleihe fand international vor allem wegen ihres Konzepts als „Zwillingsanleihe“ große Beachtung. Das bedeutet, dass für diese und auch allen ­zukünftig begebenen grünen Bundesanleihen als „Zwilling“ auch eine mit identen Ausstattungsmerkmalen (vor allem Kupon und Laufzeit) versehene, „klassische“ Bundesanleihe existiert. Jedes Papier hat seine eigene ISIN. „So haben Investoren jederzeit Preistransparenz und können sehen, wie teuer oder günstig die grüne Anleihe im Vergleich ist“, erklärt ­Lamy. Bei der Lancierung der grünen Bundesanleihe hat die Bundes­finanzagentur die bestehende konventionelle (Zwillings-)Anleihe (0 %, 8/2030) mit der ISIN DE0001102507 um 6,5 Milliarden Euro auf ein Volumen von nunmehr 27,5 Milliarden Euro aufgestockt und diese 6,5 Milliarden Euro zur „Marktpflege“ in den Eigenbestand des Bundes überführt. Diese Aufstockung des konventionellen Bonds soll dem Markt auch zeigen, dass grüne Bundesanleihen zumindest bis auf Weiteres ein niedrigeres ausstehendes Volumen haben sollen als ihre klassischen Zwillinge. Laut NN IP will die Bundesfinanzagentur mit diesem Schritt vermeiden, dass grüne Anleihen eines Tages die Marktliquidität klas­sischer Bundesanleihen negativ beeinflussen. Investoren scheinen derzeit jedenfalls mehr Gefallen am neuen Green Bond zu finden. Während die konventionelle Bundesanleihe Ende Oktober zu einem Kurs von 106,35 Prozent notiert, wird die mit identischen Merkmalen ausgestattete grüne Anleihe mit 106,59 Prozent um 24 Basispunkte höher gehandelt. Unterm Strich ­haben sich beide Investments für Investoren gerechnet.

Zinskurve im Aufbau

Deutschland hat es nicht bei der einen grünen Anleihe belassen und wird diese  Emission nicht nur in regelmäßigen Intervallen aufstocken, wie es beispielsweise Frankreich mit seinem einzigen Green Bond macht, der dadurch auf mehr 27,4 Milliarden Euro ­Volumen angestiegen ist.

Deutschland plant ganz im Gegenteil die Begebung weiterer Green Bonds, wobei die zweite Emission im November mit einer Laufzeit von fünf Jahren stattfand. Emittiert wurde ein Volumen von gut 4,6 Milliarden Euro, die Aktion war um das 1,3-fach überzeichnet. Die Rendite lag bei minus 0,85 Prozent.

„Deutschland plant eine Green-Bond-Zinskurve mit der Hinzufügung von Credit-Instrumenten mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren“, sagt David Zahn, Head of European Fixed Income, Franklin Templeton Fixed Income. Dieser Schritt erlaubt es anderen Green-Bond-Emittenten und ESG-Marktteilnehmern, sich an dieser Referenzkurve mittels Risikoaufschlägen (Spreads) zu orientieren. Inklusive der zwei neuen grünen Bundesanleihen verfügt die Eurozone über sechs staatliche Green Bonds mit Laufzeiten von fünf bis 20 ­Jahren und Ratings von AA bis AAA mit einem ausstehenden Gesamtbetrag von über 60 Milliarden Euro.

„Das Prinzip der ‚grünen Zwillingsanleihen‘ ist eine neue und innovative Form der Emission von grünen Anleihen, die wir ­befürworten. Wir halten dieses Modell für eine viel bessere Option als das Konzept, das derzeit von der dänischen Regierung geprüft wird, die versucht, separate grüne Etiketten oder Aufkleber auszugeben, die an jeder herkömmlichen Anleihe angebracht werden könnten“, erklärt Bos.

Neuer Riese

Die Investorenblicke richten sich derzeit aber nicht nur nach Deutschland, sondern auch auf die Europäische Union. Diese plant, im Rahmen ihres „Green Deals“ die CO2-Emissionen zu reduzieren und den Um- und Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Coronakrise auch über die Begebung gemeinschaftlicher EU-Green-Bonds zu finanzieren. „Der EU-Wiederaufbaufonds wird den Green-Bond-Markt beflügeln: 30 Prozent des Gesamtvolumens von 750 Milliarden Euro, also 225 Milliarden Euro, sollen in Klimaschutzprojekte fließen und folglich über EU-Green-Bonds ­finanziert werden“, erinnert Marcio da Costa, Portfolio Manager SSA & Green Bonds bei Bantleon. Die EU will das Emissionsvolumen über sieben Jahre verteilt platzieren, wobei Costa erwartet, dass ein bedeutender Teil der ­Anleihen mit Laufzeiten von bis zu 30 Jahren  in den kommenden drei Jahren begeben wird. Mit diesem Schritt nimmt die EU als Institution den Platz als weltweit größter Green-Bond-Emittent ein und könnte nach Einschätzung da Costas mit zunehmendem Emissionsfortschritt einen Anteil von zirka zehn Prozent am globalen Green-Bond-Markt einnehmen. Angesichts des welt­weiten Wachstums des Green-Bond-Marktes dürfte der EU-Anteil aber wieder schrumpfen, hält da Costa fest. Der grundsätzliche Aufwärtstrend hält jedenfalls weiterhin an, erklärt Zahn: „Die Begebung der EU-Green-Bonds wird den Euro-Green-Bond-Markt signifikant vergrößern und Europa ermöglichen, seine Führungsposi­tion als Emissionsplatz für Green Bonds auszu­bauen.“

Der Euro-Green-Bond-Markt verfügt mit Deutschland und der EU bald über zwei Benchmark-Emittenten mit höchster Bonität und einer grünen Sekundärmarktkurve. „Zudem werden EU-Anleihen aufgrund des verhältnismäßig großen Emissionsvolumens und der hohen Bonitätsnote ebenfalls den Status als grüner Referenzzins einnehmen. Diese Eigenschaften erhöhen die globale Bedeutung des Euro-Green-Bond-Marktes“, ergänzt da Costa. Wie bei der grünen Bundesanleihe ist auch bei den EU-Green-Bonds aufgrund des hohen Investoreninteresses mit einem Renditeabschlag gegenüber konventionellen Anleihen zu rechnen. „Sollte die überdurchschnittlich hohe Nachfrage anhalten, dann bietet sich hier aber die Chance auf Kursgewinne“, hofft der Bantleon-Fondsmanager.

Vor dem Hintergrund, dass die 225 Milliarden Euro in EU-Green-Bonds nur einen Bruchteil an Volumen auf die Waage bringen als beispielsweise die Gesamtsumme an deutschen Bundesanleihen, die zum allergrößten Teil die deutsche Staatsschuld von mehr als 2,2 Billionen Euro repräsentieren, erwartet der M&G-Rentenspezialist Mario Eisenegger bei EU-Green-Bonds eine kleine Liquiditätsprämie gegenüber Bundes­anleihen sowie eine Risikoprämie für die bestehende Gefahr einer Änderung der Denominierung. Gerade dieser Rendite-Pick-up könnte EU-Green-Bonds für jene Großanleger interessant machen, die nach risikofreien Anleihen suchen, die trotz AAA-Ratings ein wenig mehr Rendite als deutsche Bundesanleihen bieten. Gleichzeitig können Investoren mit EU-Green-Bonds-Exposure die Nachhaltigkeitsbewertung der eigenen Rententangente beziehungsweise des Gesamtportfolios erhöhen. Ein technischer Faktor verleiht EU-Green-Bonds zusätzlichen Charme. Denn die EZB soll Green Bonds bevorzugt kaufen und damit bei diesen Papieren für steigende Notierungen oder zumindest für Kursstützung sorgen.

Anton Altendorfer


Anhang:

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