Gefragte Alternativen
Wie deutsche Versicherungen in alternativen Anlagen investiert sind, was sie dabei von anderen Investorengruppen unterscheidet und welche Umschichtungen geplant sind, zeigt eine Studie des Bundesverbands Alternative Investments (BAI).

»Versicherungsunternehmen verwalten mehr Vermögen als andere Investorentypen und investieren, unterstützt durch spezialisierte Teams und fundiertes Fachwissen, in größerem Umfang in alternative Anlageklassen als andere institutionelle Investoren“, nennt Florian Bucher, Referent und Marktanalyst beim Bundesverband Alternative Investments (BAI), einen Beweggrund, warum er die Studie „Deutsche Versicherungsgesellschaften 2024: Versierte Investoren auf dem globalen Markt für Alternative Investments“ verfasst hat. Die Bedeutung deutscher Versicherungen für den Kapitalmarkt untermauert die jüngste Ausgabe von „Fakten zur Versicherungswirtschaft“ des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) mit ein paar Zahlen: So sind deutsche Versicherungen, gemessen an den verwalteten Kapitalanlagen in Höhe von rund 1,9 Billionen Euro, die bedeutendsten heimischen institutionellen Investoren. Zum Vergleich: Deutsche Pensionskassen verwalten gemeinsam etwas mehr als 200 Milliarden Euro, Pensionsfonds rund 60 Milliarden Euro.
Bucher arbeitet in seiner aktuellen Studie auf Basis des breiten „BAI Investor Survey 2024“ im Speziellen heraus, wie deutsche Versicherungen im seit Jahren an Bedeutung gewinnenden Segment „Alternative Anlagen“ agieren respektive allokieren, inwieweit Unterschiede zu anderen heimischen Institutionen, aber auch zu internationalen Versicherungen bestehen und welche Hürden zu meistern sind.
Vielfach investiert
Das Kapitel über die Gewichtung von Alternative Investments in den Portfolios von Versicherungsunternehmen unterstreicht, dass diese Anlagen eine zentrale Rolle in den Portfolios der deutschen Versicherungsunternehmen spielen und in fast allen Portfolios vertreten sind. Am weitesten verbreitet ist eine der wohl älteste Alternativen zu Anleihen und Aktien: Immobilien (Equity). Immerhin 95,65 Prozent aller befragten Versicherungen sind in Immobilien investiert. Zum Vergleich: Bei den anderen Institutionellen beläuft sich die Quote auf 81,54 Prozent.
Auf Platz zwei der Beliebtheitsskala der deutschen Versicherungsmanager liegt Infrastructure Equity mit 93,48 Prozent. „Infrastrukturinvestitionen haben die Investitionen in Corporate Private Equity an Bedeutung überholt“, merkt Bucher an (siehe Grafik „Worin Institutionelle investieren“) an. „Die Daten zeigen, dass ein wesentlich größerer Anteil von Versicherungsunternehmen in alternative Anlageklassen investiert als andere Arten von Investoren“, betont Bucher. Bei einem anderen Kriterium haben die Assekuranzen ebenfalls die Nase vorn.
Erfahrene Profis
Der BAI-Umfrage zufolge erklärt sich der festgestellte höhere Anteil alternativer Investments in den Portfolios der Versicherungen unter anderem durch die größere Erfahrung der dafür verantwortlichen Manager. „Auf einer Skala von „1 – Anfänger“ bis „6 – Experte / internes Team“, gaben 37 Prozent der befragten Versicherungsunternehmen an, Experten für alternative Anlagen zu sein, verglichen mit nur 24,6 Prozent der anderen Investoren“, erläutert Bucher. Wie zu erwarten sind auch in den Erfahrungsstufen fünf und vier mehr Versicherungsunternehmen vertreten. Hingegen wurden die Stufen zwei und drei (relativ geringe Erfahrung in alternativen Anlagen) von Versicherungsunternehmen deutlich weniger genannt.
Die größere Expertise der Assekuranzen ist erklärbar mit den im Vergleich zu Nicht-Versicherungen insgesamt höheren Kapitalanlagesummen und den daraus resultierenden Ressourcen, die das Vorhalten eines größeren hausinternen Know-hows oder gar eigens auf Alternative Investments spezialisierter Teams ermöglichen oder erforderlich machen.
Kein Automatismus
Wer jetzt glaubt, dass größere Expertise und höhere Kapitalanlagesummen automatisch dazu führen, dass Versicherungen in ihren Portfolios im Vergleich zu anderen Institutionellen prozentual höhere Gewichtungen von Alternative Investments haben oder diese querbeet zukünftig (stark) erhöhen werden, wird durch die BAI-Umfrage respektive Autor Bucher eines Besseren belehrt: „Der höhere Anteil von Versicherungsunternehmen, die in alternative Anlagen investiert sind, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie einen höheren Anteil an alternativen Anlagen im Portfolio haben als andere Arten von Investoren.“
Der BAI-Studie zufolge sind Versicherungsunternehmen aufgrund der bereits erfolgten Commitments in Alternative Investments oftmals bereits in einem „fortgeschritteneren Entwicklungsstadium“. Einige der befragten Häuser haben ihre gesteckten Allokationsziele bereits erreicht. Vor allem diese Versicherungen müssen in der Folge eigene oder externe aufsichtsrechtliche Beschränkungen berücksichtigen, die eine Aufstockung zumindest eine Zeitlang erschweren. „Dies kann auf regulatorische Faktoren oder interne Risiko-Ertrags-Faktoren zurückzuführen sein. Diese Faktoren verhindern eine weitere Erhöhung der Allokation von alternativen Anlagen durch neue Investitionen in alternative Anlageklassen oder die Ausweitung bestehender Allokationen“, unterstreicht Bucher. Hinzu kommt, dass nach der Zinswende klassische Anleihen Versicherungen endlich wieder jene Zinskupons bieten, die zur Erreichung der eigenen Renditeziele notwendig sind und daher weniger Gelder für Alternative Investments übrig bleiben.
Nach der Erhebung des allgemeinen Status quo zu Beginn der Studie arbeitete der BAI respektive Bucher im dritten Kapitel heraus, bei welchen Alternative-Investment-Segmenten im Speziellen die Versicherungen ihre Bestände erhöhen, gleich belassen oder reduzieren wollen – und wie dies im Vergleich zu Nicht-Versicherungen aussieht.
Umschichtungspläne
Dabei zeigt sich, dass bei jedem einzelnen Alternatives-Segment (bis auf Immobilien) Versicherungen ihre bestehenden Allokationen tendenziell erhöhen statt reduzieren wollen. „Die Analyse zeigt jedoch auch, dass mit Ausnahme von Corporate Private Debt die erwarteten Allokationssteigerungen bei alternativen Vermögenswerten für Versicherungsunternehmen geringer sind als bei anderen Anlegertypen“, merkt Bucher an und erinnert daran, dass Versicherungen im Bereich Alternatives vielfach schon in der Nähe ihrer gewünschten Zielallokationen sind.
Ein Beispiel dafür ist der „Klassiker“ Private Equity, wo mittlerweile fast 87 Prozent aller befragten Versicherer investiert sind – verglichen mit 64,62 Prozent bei den Nicht-Versicherungen. Das hat Auswirkungen auf zukünftige Allokationsabsichten. Lediglich 38,9 Prozent der Versicherungen wollen hier aufstocken, bei Nicht-Versicherungen beträgt dieser Wert 47,5 Prozent. Die Aufrechterhaltung des aktuellen Status quo planen 50 Prozent der Versicherungen (47,5 % der Nicht-Versicherungen), eine Reduktion will jede neunte Versicherung (11,1?%), aber nur jede zwanzigste Nicht-Versicherung (5?%).
Während Versicherungen bei Private Equity zur Genüge investiert sind, sieht dies bei Corporate Private Debt ganz anders aus. Hier haben Versicherungen das größte Investitionsbedürfnis bei allen Segmenten: Immerhin 56,67 Prozent wollen aufstocken, jede Dritte (33,3?%) will den aktuellen Status quo aufrechterhalten. Reduzieren will interessanterweise jede zehnte Versicherung. Von den Nicht-Versicherungen wollen im Segment Corporate Privat Debt 52,38 Prozent der Befragten erhöhen, 42,86 Prozent den Status quo belassen und 4,76 Prozent reduzieren (siehe Grafik „Alternative Investments in Unternehmen“).
Interessante Infrastruktur
Ebenfalls aufstocken wollen Versicherungen das Segment Infrastructure Debt – jede zweite Adresse (50?%) plant dies. 46,4 Prozent wollen den Status quo belassen, eine extreme Minderheit (3,6?%) will reduzieren. Damit ist Infrastructure Debt neben Corporate Private Debt die einzige alternative Anlageklasse, bei der mindestens 50 Prozent der Versicherungen die Allokation erhöhen wollen. Die nicht dem Versicherungslanger zugehörigen Institutionellen wollen ebenfalls in 50 Prozent der Fälle Infrastructure Debt erhöhen, zu 38,9 Prozent konstant lassen und zu 11,1 Prozent reduzieren.
Auf der Eigenkapitalseite, also Infrastructure Equity, wollen Versicherungen hingegen nur zu 44,74 Prozent ihre Allokationen erhöhen. 47,37 Prozent wollen diese konstant lassen, 7,89 Prozent planen eine Reduktion. Im Gegensatz dazu wollen zwei von drei Nicht-Versicherungen (66,67?%) Infrastructure Equity erhöhen, jeder Vierte votierte für Beibehalten und 8,33 Prozent für Reduzieren. (siehe Grafik „Alternative Investments in Infrastruktur“).
Unbeliebte Immobilien
Während bei den bislang vorgestellten alternativen Segmenten betreffend höhere Allokationen grosso modo die grünen Vorzeichen überwiegen, sieht dies bei Immobilien komplett anders aus.
„So wollen mehr Versicherungsunternehmen ihre bestehenden Allokationen in Real Estate Equity und Real Estate Debt reduzieren als aufstocken. Dies gilt sowohl für Versicherungsunternehmen als auch für andere Investoren“, merkt Bucher mit Verweis auf die Grafik „Alternative Investments in Immobilien“ an.
Dieser ist zu entnehmen, dass Versicherungen bei Real Estate Debt nur in 11,5 Prozent und bei Real Estate Equity gar nur in 7,9 Prozent der Fälle eine Erhöhung der Allokationen planen. Entsprechende Reduzierungen beabsichtigen 47,1 Prozent (Real Estate Debt) respektive 39,5 Prozent im Falle von Real Estate Equity. Eine Beibehaltung planen bei Real Estate Debt 50 Prozent der Versicherungen, bei Real Estate Equity 52,6 Prozent.
Größerer Appetit
Der BAI arbeitete in der Folge auch heraus, inwieweit sich die Allokationspläne der heimischen Versicherungen von ausländischen Versicherungen unterscheiden. Dafür griff Bucher auf eine globale Umfrage von BlackRock aus dem dritten Quartal 2024 zurück, in der die Allokationsabsichten sowohl von Investoren weltweit als auch von jenen aus der EMEA-Region veröffentlicht wurden, und stellte diese den eigenen BAI-Daten gegenüber. Aus deutscher Sicht ist dabei erwähnenswert, dass heimische Versicherungen im Vergleich zu ihren internationalen Mitbewerbern Corporate Private Debt besonders attraktiv finden. Während dieses Segment laut BlackRock die Versicherungen auf globaler Ebene nur in 30 Prozent der Fälle und aus „EMEA“ gar nur in 13 Prozent der Fälle aufstocken wollen, beabsichtigen dies beachtliche 56,67 Prozent der deutschen Versicherungen.
Diese zeigen auch im Bereich Infrastruktur sowohl auf der Fremd- als auch auf der Eigenkapitalseite überdurchschnittlich großen Appetit, berichtet Bucher: „Bemerkenswert ist, dass ein deutlich höherer Anteil der deutschen Versicherungsunternehmen plant, ihre Infrastrukturinvestitionen zu erhöhen als ihre Kollegen weltweit und in der EMEA-Region.“ Während bei Infrastructure Debt globale und EMEA-Versicherungen nur zu 30 respektive 29 Prozent zukaufen wollen, beläuft sich dieser Wert bei deutschen Versicherungen auf beachtliche 50 Prozent. Auf der Eigenkapitalseite wollen gar nur 30 Prozent (global) und 24 Prozent (EMEA) ihre Allokationen erhöhen, während deutsche Versicherungen dies in 44,74 Prozent der Fälle planen.
Erklärbar ist dies wohl mit der Tatsache, dass angesichts einer schlechten deutschen Infrastruktur und entsprechenden Erneuerungsbedarfs deutsche Versicherungsmanager großes langfristiges Finanzierungspotenzial orten, das zudem den eigenen Bedürfnissen nach langfristigen Assets auf der Aktivseite der Bilanz entgegenkommt. Hinzu kommt, dass diese Investments für deutsche Investoren im Vergleich zu ihren internationalen Kollegen noch relativ neu sind und damit automatisch eine höhere Nachfrage respektive ein höherer Nachholbedarf besteht.
Herausforderungen
Zu guter Letzt befragte der BAI die deutschen Investoren, welche Hindernisse sie bei Investments in alternative Anlagen sehen. Am öftesten genannt (Mehrfachnennungen möglich) – und zwar jeweils von den Versicherungen – wurden „Illiquidität“ (47,8?%) und „Regulierung“ (45,7?%). Diese beiden Punkte beschäftigen Versicherungen wesentlich mehr als Nicht-Versicherungen, die hier in 23,1 und 32,2 Prozent der Fälle zustimmten. Auf Platz drei ex aequo mit 34,8 Prozent der Nennungen seitens des Versicherungslagers liegen „Mangel an Transparenz in Privatmärkten“ und „Bewertungsprobleme“. „In den Gesprächen nannten die Investoren vor allem die Frage der qualifizierten Infrastruktur als regulatorische Herausforderung für Versicherungsunternehmen im Zusammenhang mit der Solvency-2-Verordnung“, merkt Bucher an. Die genauen Zahlen können Sie der Grafik „Zahlreiche Herausforderungen“ entnehmen.
Anton Altendorfer