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4/2020 | Produkte & Strategien
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Führungsanspruch der Fondsnation

Seit 1. September hat der norwegische Staatsfonds mit Nicolai Tangen ­einen neuen CEO. Die Neuaufstellung seines Teams sowie deutliche Ansagen zu Managementstil und Investments zeigen, dass Tangen einiges vorhat.

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Der norwegische Staatsfonds ist in weiten Teilen des Planeten investiert. Dabei wagt er sich – in geringem Maße, aber immerhin – auch auf exotischere Märkte in Afrika oder Asien vor. Geografisch wird sich am Emerging-Markets-Exposure in Zukunft wenig ändern, die USA werden zulasten Europas aufgestockt.

© Tartila | stock.adobe.com

So ziemlich das Erste, was Nicolai Tangen als neuer CEO des weltgrößten Staatsfonds umgesetzt hat, war eine radikale Umstellung seines Führungsteams – und es wurde schnell klar, dass er, was die Zukunft des Norges Bank Investment Management (NBIM), wie der norwegische Ölfonds offiziell heißt, betrifft, keine Sentimentalitäten kennt. So wurde die Zahl der Mitglieder des von seinem enorm erfolgreichen Vorgänger Yngve Slyngstad zusammengestellten Gremiums von zwölf auf neun reduziert.

Dass es sich bei Tangen um einen ehemaligen Hedgefondsmanager handelt, der gewohnt ist, Ungleichgewichte und Ineffizienzen in Rendite umzuwandeln, klingt in einer Bemerkung an, derzufolge er sich „von der Straffung des Teams Synergien erhofft“. Des Weiteren dürfte er mit dem Thema Effizienzsteigerung auch noch lang nicht durch sein und den Fonds radikal ins Zeitalter von IT und Digitalisierung führen wollen: „In den kommenden Jahren werden wir weiterhin mit neuen Technologien arbeiten, die das Management des Fonds verbessern.“ Denn im 21. Jahrhundert sei der NBIM nicht mehr nur ein Finanzinstitut: „Wir sind auch eine IT-Firma.“

Führungsrolle

Also müsse man „in Sachen Technologie und bei der Analyse von großen Datenmengen eine Führungsrolle übernehmen, um so die höchstmögliche Rendite für künftige Generationen zu erwirtschaften“, so der CEO. Als Beispiel für die Technologielas­tigkeit der Organisation führt er die jährlich 30 Millionen Wertpapiertransaktionen des Fonds ins Feld: „Das ist mehr, als die ­Osloer Börse abwickelt.“

Ein weiteres Thema, auf das sich der Topmanager einschießt, ist die Gleichberechtigung. Mit den ersten Umstellungen im Führungsteam liegt der Frauenanteil dort bei 33 Prozent – was gegenüber der gesamten Belegeschaft, wo die Durchdringungsquote bei gerade einmal 21 Prozent liegt, als Fortschritt zu werten ist. Tangen zeigt sich mit dem Status quo aber alles andere als ­zufrieden: „Das reicht nicht. Eine meiner Top-Prioritäten lautet Diversität. Eine gute Organisation braucht Mitarbeiter, die aus den ­unterschiedlichsten Perspektiven agieren.“ Diese schnellen Aktionen waren insbesondere angesichts der Kritik an Tangens Vergangenheit als Hedgefondsmanager – und einem daraus resultierenden ­möglichen Interessenkonflikt – enorm geschickt. Wer kritisiert schon einen Manager, der in einem staatsnahen Betrieb auf Kosteneffizienz und Diversität pocht?

Doch abseits dieses Aktionismus stellt sich die Frage, wie Tangen, der sich als ­Antwort auf öffentliche Kritik auch von ­Investments im ausmaß von mehreren ­hundert Millionen Euro getrennt hat, auf die Investmentstrategie des Fonds einwirken kann?

Die generelle Ausrichtung wurde ja ­bereits ein Jahr vor seinem Amtsantritt mit dem Positionspapier „Strategy 2020 – 2022“ ziemlich ausreichend definiert. Der zur Jahresmitte rund 10,7 Billionen Kronen oder rund eine Billion Euro schwere Fonds sollte demnach „die Richtung fort­setzen, die in der Strategie 2017–2019 vorgegeben wurde“, wie es in dem Report heißt.

Diversifikation vorantreiben

Dem Bericht zufolge sollen die bisherigen Investments in Aktien und Anleihen durch Engagements in ungelistete Immobilienprojekte und Energieinfrastruktur ergänzt werden. Bislang sieht die Portfolioaufteilung (Anm.: siehe Weltkarte) folgendermaßen aus: 69,5 Prozent Aktien, 27,6 Prozent Anleihen, der Rest Immobilien und Infrastruktur aus dem Sachwertbereich. Die Investitionen erfolgen weltweit mit einem Fokus auf Nordamerika und Europa. Norwegen ist aus dem Anlageuniversum aus­genommen, um „eine Überhitzung zu vermeiden“, wie es im betreffenden Positionspapier heißt.

Doch nicht nur über die Assetklassen sollen Diversifizierungseffekte erzielt werden, sondern auch über „ein Set an Investmentstrategien, die ein kontrolliertes Risiko und eine effiziente Kostenstruktur ausweisen“ – womit also auch die Welt der Faktorinvestments stärker erkundet werden soll. Ferner will der Fonds seine „Rolle als Eigentümer ausspielen“, also über aktives Engagement „die langfristigen ökonomischen Interessen des Fonds wahrnehmen“ und den Status als „globale, performanceorientierte und ­effiziente Organisation beibehalten“.

ESG kein Primärziel

Auffällig an diesen prominent kommunizierten Zielen ist, dass der ansons­ten mitunter inflationär verwendete Begriff „ESG“ bei der Zusammenfassung der 2022er-Strategie kein einziges Mal vorkommt. Das ist weniger überraschend, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Denn für den Fonds ist Nachhaltigkeit kein singuläres Ziel, sondern vielmehr ein Mittel zum Zweck – und der heißt eben „Performance“.

Das wurde zuletzt ersichtlich, als der NBIM im Vorjahr weitreichend aus seinen Ölinvestments ausstieg. Die ersten Reaktionen von Verfechtern fossiler Divestments waren euphorisch – die Norweger wurden als Vorreiter einer möglichst CO2-neutralen Investmentstrategie gefeiert. Tatsächlich hatte das Management diesen Schritt aber nur aus Gründen gesamtwirtschaftlicher ­Risikominimierung vorgeschlagen. Denn Norwegen hat als Volkswirtschaft mit der eigenen Ölindustrie ohnehin schon ein ­gewaltiges Exposure in diese Richtung. ­Investitionen in globale Öl- und Gasunternehmen erhöhen somit unnötigerweise das Klumpenrisiko. Der Fonds sieht die norwegische Volkswirtschaft mit all ihren Leistungen also als riesiges Portfolio, das möglichst effizient, risikoarm und profitabel verwaltet werden soll.

Neue Aktienstrategie

Bereits Ende Oktober, also gerade einmal zwei Monate nach seinem Amtsantritt, hat der CEO gezeigt, dass er diesen Auftrag genauso ernst nimmt wie sein Vorgänger, und eine recht wesentliche Neuausrichtung der Aktienstrategie bekannt gegeben. Und zwar soll der Anteil, den europäische Papiere am gesamten Aktienexposure haben, von 33 auf 26,5 Prozent verringert werden. Eingeräumt werden muss, dass ein allgemeiner Vorstoß in diese Richtung bereits im Vorjahr erfolgt ist. Damals wurde noch recht vage eine ­Anpassung des Gesamtexposures an die globale Gewichtung nach Marktkapitali­sierung angeregt, was zu einer automatischen Reduzierung der europäischen Assets führen sollte.

Ausnahme für Emergings

Dass diese passive Anpassung aber kein wirklicher Automatismus ist, sondern eine verkappt aktiv gemanagte Reduzierung, zeigt sich an der Einstellung zu den Emerging Markets. Denn ein diesbezügliches ­Engagement müsste bei einer tatsächlich automatischen Anpassung nun ebenfalls ­zurückgefahren werden. Bereits im Vorjahr hieß es dazu aber von Seiten des Fonds, dass man „die Benchmark für Emerging Markets nicht ändern sollte“. Denn man ­habe während der vergangenen 20 Jahre „als staat­licher Minderheitseigentümer ­positive ­Erfahrungen in der Region gemacht“, so die Begründung des Fonds an das zuständige Finanzministerium, das letzten Endes Entscheidungen dieser Art frei­geben muss.

Nachvollziehbare Entscheidung

Marktteilnehmer wie Peter E. Huber, seit Mai 2020 mit dem vermögensverwaltenden Multi-Asset-Fonds Huber Portfolio wieder am Start, zeigen durchaus Verständnis für den teilweisen Rückzug aus Europa. Er „vermutet, dass die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklung ausschlaggebend war. Während die Unternehmen im S&P 500 Index bis zur Corona-Pandemie von einem Gewinnrekord zum nächsten eilten, haben die Mitglieder des EuroStoxx 600 Index ihr Gewinnniveau aus der Zeit vor der Finanzkrise 2008/2009 nie mehr erreicht. Während in den USA eine wirtschaftsfreundliche Politik betrieben wird, wabert in Europa der Wind der ehemaligen DDR durch die Amtsstuben. Politische Börsen haben zwar normalerweise kurze Beine, aber nicht, wenn sie strukturell bedingt sind.“

Tatsächlich scheint auch die Nonchalance, was vordergründige ESG-Ziele betrifft, die Entscheidung des NBIM zu erleichtern, die Investments in Europa zurückzufahren. Denn laut Huber gebe es zwar „immer ambitioniertere Klimaziele“, die sich vielleicht auf diversen ESG-Skalen ­positiv auswirken – genau diese Ziele führten aber „zu einer derartigen Überforderung der Unternehmen, dass sich letztendlich über eine sinkende Investitionsbereitschaft Wachstum und Klimaschutz gegenseitig ausschließen. Pläne für ein Lieferkettengesetz und ein Unternehmensstrafrecht, Anspruch auf Homeoffice und angedachte Steuererhöhungen belasten einseitig unsere Unternehmen, sodass man bereits darüber nachdenkt, sie vor der ,unlauteren Konkurrenz aus Drittstaaten‘ schützen zu müssen, wie Ursula von der Leyen meint. Nur wird uns das heute nicht als Planwirtschaft, ­sondern als Industriepolitik verkauft“, echauffiert sich Huber. Analysiert das NBIM-Management die Lage ähnlich – und davon ist auszugehen –, dann hat der Staatsfonds also beschlossen, auf möglichst hohe virtuelle ESG-Scores aus Europa zu verzichten, ineffiziente Märkte zu meiden und sein Augenmerk stärker auf andere Ziele zu richten. Dass die Entscheidung, in Zukunft stärker auf die USA zu fokussieren, von den Stakeholdern des Staatsfonds wohl eher nicht in Frage gestellt wird, dürfte seit der Präsentation der Zahlen zum dritten Quartal feststehen. Denn in diesem Zeitraum kam der NBIM auf eine Rendite von 4,3 Prozent, was hauptsächlich auf das Konto der Aktienbestände geht. Vor allem in den USA entwickelte sich der Aktienmarkt im Sommerquartal stark: Der Index der Technologiebörse Nasdaq schaffte ein Plus von zehn Prozent, S&P 500 und Dow Jones legten immerhin noch etwa acht Prozent zu. Insgesamt stieg der Wert des Fonds um 412 Milliarden Kronen. Zwar seien die Finanzmärkte im Sommer von der Unsicherheit im Zusammenhang mit der Pandemie geprägt gewesen, wie Tangen bei der Präsentation der Zahlen für das dritte Quartal meinte, „nichtsdestotrotz ­haben die Aktienmärkte eine gute Rendite gebracht, vor allem dank der starken Entwicklung im US-Technologiesektor“. Aus Sicht des Fonds ist das ­Ergebnis umso ­erfreulicher, als sich die Verluste selbst in der ersten Jahreshälfte mit minus 3,4 Prozent recht moderat entwickelten, wobei im Fixed-Income-Bereich ein abfederndes Plus von 5,1 Prozent erwirtschaftet werden konnte.

Ölfondsnation

Will man insgesamt verstehen, wie der norwegische Fonds und sein Management „ticken“, lohnt es sich, abschließend einen Blick auf die im Vorjahr als Report camouflierte Festschrift „Investing with a man­date“ zu werfen. Der damalige CEO Yngve Slyngstad resümierte im Vorwort zum 30-jährigen Bestehen des Fonds: „Am 25. Oktober 1969 hat Norwegen die ersten ­Öl­-­­vorkommen in der Nordsee entdeckt. 50 Jahre später ergibt der gesamte Wert der bis ­dahin geförderten Ölbestände kumuliert 10.000 Milliarden Kronen. In diesem halben Jahrhundert ist Norwegen von einer Ölnation zu einer Ölfondsnation geworden.“

Externes Management

Die Kenntnis dieser Einstellung ist übrigens nicht nur für Marktteilnehmer, sondern auch für institutionell agierende Asset Manager wichtig. Denn knapp vier Prozent des Fondsvermögens werden über externe Profis verwaltete. Absolut war das per Jahresende 2019 ein Vermögen von 389 Milliarden Kronen – was gegenüber dem Vorjahr einem Wachstum von 27 Prozent entspricht. Tangen hat bereits öffentlich erklärt, dass er die externe Schiene auch weiterhin offen halten will. Immerhin konnten externe ­Manager über die vergangenen 20 Jahre ­eine durchschnittliche Überrendite von zwei Prozent für die Ölfondsnation Norwegen ­erwirtschaften.    

Hans Weitmayr


Anhang:

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