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Produkte & Strategien

2/2021 | Produkte & Strategien
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Family Office 2.0

Das Multi-Family-Office Finvia geht mit der Zeit und setzt auf Digitalisierung. Mithilfe seiner neu ­entwickelten Plattform haben Kunden Zugang zu ihrer Asset Allocation, allen wichtigen Dokumenten und sonstigen Informationen.

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Die Digitalisierung ist keine technische Spielerei, sondern Notwendigkeit, meint man bei Finvia. Traditionelle Family Offices, die kein digitales Angebot hätten, dürften den Anschluss verpassen und bald mit einem nicht mehr kommunizierbaren Angebot dastehen.

© Matthias Oertel, FINVIA, ipopba | stock.adobe.c

Wir bringen das Multi-Family-Office in das digitale Zeitalter.“ Was sich nach markigem Werbespruch anhört, macht neugierig. Schließlich denkt man beim Begriff „Family Office“ eher an dunkel getäfelte Wände und gediegenes Mobiliar als an Hightech und Digitalisierung. Aber genau das schreibt sich die Finvia ­Family Office GmbH aus Frankfurt auf die Fahnen. Im Januar 2020 wurde das Multi-Family-Office von sechs Gründern ins Leben gerufen, die überwiegend aus Führungspositionen bei UBS ­Sauerborn und HQ Trust stammen. Schon 16 Monate nach der Gründung betreut das Family Office private Vermögen mit einem Volumen von rund 2,5 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 50 Mitarbeiter. „Wir bieten einerseits exzellente und ganzheit­liche Beratung durch unsere Experten und andererseits eine moderne digitale Plattform, die alle Daten verständlich aufbereitet, bewertet, und jederzeit abrufbar macht“, beschreibt Christian Neuhaus das Konzept von Finvia. Er ist einer der sechs Gründer und Chief Client Officer. Traditionell sei es gängige Praxis, so erzählt er, dass Kunden per Monatsultimo – mit ein bis zwei Wochen Verzögerung – einen gebundenen ­Report erhalten. Dann gebe es einen Termin mit einem Mitarbeiter des Family Office, in dem mit dem Kunden über die Marktlage und gegebenenfalls nötige Anpassungen der Vermögensstruktur gesprochen werde. Auf Basis dieses Gesprächs werde dann die neue Asset Allocation erarbeitet. Sobald diese fertig sei, besuche man den Kunden ein weiteres Mal, um mit ihm die geplanten Änderungen final zu besprechen. „In Zeiten, da die Kapitalmärkte in einer seichten Aufwärtsbewegung dahinplätschern, mag das so gehen. Das letzte Jahr hat uns aber gezeigt, dass es auch anders kommen kann. Wenn Sie am 20. März 2020 überlegen wollen, wie Sie Ihre Risiken reduzieren können, brauchen Sie als Kunde zeitnah Ihre aktuellen Daten“, so Neuhaus.

Dynamische Asset Allocation

Er erklärt, wie es bei Finvia läuft: „Am Anfang der Geschäftsbeziehung besprechen wir mit dem Kunden, was die Ziele sind, die er mit seinem Vermögen erreichen möchte. Das kann etwa regelmäßige Liquidität oder ein bestimmtes Vermögenswachstum sein.“ Sein Family Office übersetzt die Ziele in konkrete Zahlen, steuert die Liquiditätsanforderungen und leitet eine strategische Asset Allocation ab. „Wenn dann an den Kapitalmärkten massive Änderungen eintreten, können wir dynamisch eine neue strategische Asset Allocation erstellen. Die Zielfunktion ist: Mit welcher Asset Allo­cation kann ich in der jetzigen Situation das Ziel mit der höchsten Wahrscheinlichkeit erreichen?“

Bei Finvia ist die Errechnung einer strategischen Asset Allocation innerhalb einiger Minuten erledigt; dann kann gleich mit der Umsetzung begonnen werden. „Eine solche dynamische Asset Allocation ist für ein klassisch geführtes Family Office schlicht nicht machbar“, erklärt Neuhaus die Vorteile seiner ­Digitalisierungsstrategie.

Ab Sommer neue App

Noch in diesem Jahr soll die digitale Plattform auch als App angeboten werden. „Dazu haben wir gerade die Anforderungen und Wünsche unserer Kunden gesammelt, die wir dann in ­unsere App einfließen lassen“, so Neuhaus. Der Kunde kann dann jederzeit und überall per Handy seinen aktuellen Vermögensstatus abrufen. Das können auch Kunden der meisten Onlinebanken, „aber nicht über alle Assetklassen hinweg“, hakt Neuhaus ein. „Im liquiden Bereich ist das tatsächlich längst nichts Neues. Hier arbeiten auch wir mit Schnitt­stellen und übernehmen die Daten der Depotstellen. Sie werden von uns allerdings noch einmal kontrolliert und kuratiert. Im ­illiquiden Bereich gibt es das aber bisher noch nicht. Dafür haben wir eigens 15 Vermögensbuchhalter eingestellt, die das Bild für den Kunden entsprechend abrunden.“

So zeigt die App beispielsweise auch alle Private-Equity-spezifischen Kennzahlen wie die relative und die absolute Wertentwicklung, IRR, TVPI-Multiplikator etc. Bei den Immobilien kann sich der Kunde alle relevanten Dokumente anzeigen lassen, beispielsweise Kaufvertrag, Notarurkunde, Bauakte, Hausgeldabrechnungen, Grundsteuerbescheide etc. „Sie können in die App auch Schmuck oder Uhren einbringen, zum Beispiel den Kaufvertrag, Fotos, Gutachten. So haben Sie im Fall von Brand oder Diebstahl alles Relevante zur Hand und sind funktionsfähig. Ganz nebenbei kann es auch einen gewissen Unterhaltungswert haben“, lacht Neuhaus.

Die Dokumente sind archiviert und weiterleitbar. Ihrem Steuerberater können die Kunden die Dokumente auch über eine ­DATEV-Schnittstelle zur Verfügung stellen. „Das entlastet die Kunden administrativ ­immens!“, ist Neuhaus stolz.

Auf den ersten Blick wirkt die App sehr übersichtlich. „Wir wollten die App nicht überfrachten. Daher sieht man in der ersten Ebene nur die Spitze des Eisbergs, also nur den Bereich, wo sich etwas ändert“, so Neuhaus. Hier werden die folgenden Fragen beantwortet: Wie hoch ist mein Vermögen? Wie entwickelt es sich im Zeitablauf? Was ist die Performance (relativ/absolut)? Sichtbar sind hier auch die aktuelle und die ­strategische Asset Allocation, ebenso die Differenz zwischen Soll- und Ist-Zustand, die sich etwa durch Marktpreisbewegungen ergibt. Auch den Stand seiner aktuellen ­Liquidität sieht der Kunde – konsolidiert über alle Bankverbindungen.

Auf der nächsten Ebene kann er die Wert­entwicklung jeder einzelnen Position einsehen. Eine Ebene darunter sind die ­KIIDs oder sonstige Dokumente hinterlegt.

Beratung wird fokussierter

Neuhaus möchte die App und die sonstigen digitalen Angebote nicht als Beschneidung der Beratung verstanden wissen, sondern als Ergänzung. „Digitalisierung bedeutet bei uns nicht, dass der Kontakt zum Kunden verringert wird. Vielmehr kann ­dadurch die Beziehung zwischen Kundenberater und Kunde fokussierter sein – und es bleibt mehr Zeit für eine sinnvolle Beratung.“

Wenn der Kunde es möchte, kann er auch ein traditionelles PDF-Dokument oder einen Ausdruck erhalten. Aber Neuhaus meint, dass die Digitalisierungsaffinität längst nicht mehr am Alter festzumachen ist. „Zwar ­verjüngt sich unsere Kundenbasis, aber wir haben auch viele klassische Family-Office-Kunden, die die Fortschrittlichkeit unseres Angebots honorieren. Sie sind von den funktionalen Möglichkeiten überzeugt und nutzen sie ausgiebig.“ Das Durchschnitts­alter der Finvia-Kunden liegt bei rund 50 Jahren.

Mit der Digitalisierung können sich die Finvia-Mitarbeiter auch neue Kundenschichten erschließen. „Viele traditionelle Family Offices bieten ihre Dienstleistungen erst ab einem Vermögen von 30 bis 40 Millionen Euro an“, so Neuhaus. „Aber es gibt in Deutschland natürlich auch Menschen, die über kleinere Vermögen verfügen und trotzdem Bedarf nach einer ganzheitlichen Beratung haben. Durch den Effizienzgewinn aus der Digitalisierung können wir Menschen ab einem Gesamtvermögen von fünf Millionen Euro vollumfänglich betreuen.“

Darunter wird es schwierig, insbesondere wenn auch alternative Investments getätigt werden sollen oder wenn man in Single Funds ­investieren möchte. Das durchschnittliche Vermögen der Finvia-Kunden liegt zwischen 20 und 30 Millionen Euro.

Die Kosten bewegen sich je nach Vermögensgröße um 0,5 Prozent der betreuten Vermögenswerte, plus Zuschläge für komplexe Vermögen. „Es macht schon einen Unterschied, ob wir zwei oder 50 Gesellschaften verbuchen müssen, und wie viele Gesellschafter zu betreuen sind.“

Institutionelle Kunden betreut Finvia nur wenige. „Wir haben keinen Aktuar“, begründet das Neuhaus, „aber wir unterstützen einige Kommunen beim Vermögenscontrolling, der Erstellung der stra­tegischen Asset Allocation oder in der ­Managerselektion.“ Für die Zukunft will er die Betreuung von weiteren institutionellen Kundengruppen aber nicht ausschließen.

Eigene Weiterentwicklung

Bei der App und den weiteren digitalen Anwendungen setzt Finvia auf Standardsoftware, die anschließend inhouse an die spezifischen Bedürfnisse der Family-Office-Kunden angepasst wird.

Die Frage nach dem Datenschutz stellt sich natürlich auch bei Finvia, gerade weil das Gesamtvermögen konsolidiert dargestellt wird.

„Natürlich haben wir alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die möglich sind, um hier größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten“, erklärt Neuhaus. So liegen die ­Daten beispielsweise in Deutschland auf dem Server der Bayerischen Landesbank. Auch auf gängige Sicherungsschritte wie ­eine Zwei-Faktor-Authentifizierung bei der Anmeldung greift Finvia zurück. „Trotzdem ist es leider unmöglich, hundertprozentige ­Sicherheit zu gewährleisten, auch nicht bei einem analogen Haus“, gibt Neuhaus zu ­bedenken. „Außerdem haben wir sogenannte White Hats engagiert. Das sind im Prinzip von uns bezahlte Hacker, die nach Schwachstellen in unseren Systemen ­suchen.“

Die Frage, ob der typische Family-Office-Kunde schon so weit ist, sein digitales Angebot zu nutzen, dreht er einfach um: „Ich sehe es eher so, dass die traditionellen Family Offices in nicht allzu weiter Zukunft den Anschluss verpassen und mit einem nicht mehr kommunizierbaren Angebot ­dastehen werden.“ Die typischen Kunden seien viel autonomer als früher und schauen sich eben gern auch mal am Sonntagabend ihr Vermögen an. „Das Kodak- oder Nokia-Phänomen ist doch die größte Heraus­forderung für Family Offices, wenn man moderne Bankdienstleistungen zu günstigen Preisen an jeder Ecke bekommt. Unsere Kunden wollen heute viel mehr Freiheiten als früher, und sie wollen unabhängig von unseren Öffnungszeiten sein.“

Anke Dembowski


Anhang:

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