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1/2018 | Produkte & Strategien
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„Ethik? Das Wort gefällt mir nicht“

Mauro Meggiolaro setzt sich auf Hauptversammlungen seit Jahren für die Durchsetzung nachhaltiger Geschäftsgebarungen ein. Als Koordinator der neuen institutionellen Plattform „Shareholders for Change“ wird er das 2018 europaweit tun – mit vielleicht bald 30 Milliarden Euro im Rücken.

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Mauro Meggiolaro in seinem Berliner Lieblingscafé – mit dem angeblich besten ­italienischen Essen der Stadt.

Foto: © Tim Flavor

Wenn Mauro Meggiolaro bei einer Hauptversammlung auftaucht, kann das eine ganze Bandbreite an Reaktionen auslösen. Die ­einen rollen mit den Augen, die anderen machen sich über ihn lustig, wieder andere schreien ihn an. Das liegt an der Hauptbeschäftigung des umtriebigen Italieners: Er ist Board­room-Aktivist. Allerdings nicht für einen Hedgefonds, sondern für einen bislang eher unbekannten Vorreiter in Sachen nachhaltiges und ethisches Investieren – der Investorenplattform „Shareholders for Change“ (SFC). Das Netzwerk, dem Meggiolaro als Koordinator vorsteht, wurde im Dezember 2017 ins Leben gerufen und soll eine Art Task Force für Stiftungen, Pensionsversicherer oder Banken bilden, die ihre ESG-Prinzipien auf sich allein gestellt nicht ganz so effizient durchsetzen können, wie sie das gern würden. Über die Plattform werden Interessen gebündelt, Informationen ausgetauscht, und es soll auf Unternehmen Druck ausgeübt werden, nachhaltige Prinzipien in das eigene Geschäftsmodell zu implementieren. Das soll in vielen Fällen dort geschehen, wo es – auch medial gesehen – am wirkungsvolls­ten ist: auf den jeweiligen Hauptversammlungen.


Entschlossenheit
Die Plattform befindet sich noch in der Gründungsphase. Doch trotz des frühen Entwicklungsstadiums sollte man die Entschlossenheit der Organisation nicht unterschätzen: Sie umfasst bereits jetzt sieben Mitglieder in vier Ländern (siehe Textkasten „Shareholders for Change“) und repräsentiert Assets im Volumen von 22 Milliarden Euro. „Das ist nicht nichts“, meint ein zufriedener Meggiolaro. „Wir führen derzeit Gespräche mit weiteren potenziellen Mitgliedern in der Schweiz und in Deutschland. Das würde unsere repräsentierten Assets auf 30 Milliarden steigern und unseren Hebel beim Durchsetzen nachhaltiger Prinzipien natürlich verstärken.“


Meggiolaro entspricht nicht unbedingt dem Klischee des institutionellen Investors. Beruflich pendelt er zwischen Mailand und Berlin hin und her. In der Bundeshauptstadt arbeitet er von seinem Home Office aus. Wir treffen ihn an einem klaren, aber eiskalten Februartag in der Monti Caffè Bar – einem der Lokale, das den ehemaligen Bürgermeister der Stadt wohl zu dem Spruch „Arm, aber sexy“ verleitet hatte. Hätten wir von unserem Gegenüber Anzug und Krawatte erwartet, wären wir enttäuscht worden. Meggiolaro bevorzugt italienischen Chic mit Hang zum Understatement.


Nicht zu unterschätzen
Wer den SFC-Koordinator aufgrund seines legeren Auftretens unterschätzt, begeht wahrscheinlich einen Fehler. Der studierte Ökonom geht dem konfliktreichen Job eines Board­room-Aktivisten schon lange nach – lange bevor es diese Berufsbezeichnung in Europa überhaupt gab. Dabei hat er immer im Bereich ESG und SRI nachgehakt – auch das lange bevor diese Begriffe in Europa gebräuchlich waren. Konkret war es das Jahr 2005, als Meggiolaro auf der Hauptversammlung des Küchengeräteherstellers Merloni auftauchte. Das Management des Unternehmens, das inzwischen zu Whirlpool gehört, war nicht ganz auf die Stoßrichtung seiner Fragen vorbereitet. Nachhaltigkeit im Unternehmen? Welche Relevanz sollte das haben? Heute lacht Meggiolaro darüber: „Die haben uns ein bisschen komisch angeschaut“, erinnert er sich zurück. „Heute sind diese Fragestellungen ganz normal. Es geht um Umwelt, Steueroasen, alles Mögliche.“


Unwohl fühlt sich der Italiener, wenn es um die begriffliche Abgrenzung seiner ­Tätigkeit geht, insbesondere wenn der Begriff „Ethik“ fällt. „Das ist ein großes Wort, das mir eigentlich nicht gefällt“, eines, das zum Moralisieren einlade – und genau das will der Plattformkoordinator nicht. „Es stimmt, wir wollen etwas bewegen, aber wir wollen das ohne erhobenen Zeigefinger tun. Vielleicht ist Nachhaltigkeit wirklich das bessere Wort, weil es mehr umfasst.“


Persönlich angegriffen
Meggiolaros Wille, Dinge zu verändern, kann ansteckend sein – und gerade deshalb und vielleicht paradoxerweise zu Enttäuschung und fallweise Verbitterung führen. Er erinnert sich an eine Hauptversammlung beim italienischen Stromkonzern Eni. Dort stellte sich Meggiolaro jährlich ein. Als er auf besagter Hauptversammlung ein Vorhaben des Unternehmens im Bereich Umwelt und Solar mit den Worten „Viel Kommunikation und wenig Substanz“ kritisierte, „ist der CEO explodiert“, erzählt Meggiolaro. „Sie kommen jedes Jahr her, und egal, was wir umsetzen, nie sind Sie zufrieden.“ Im persönlichen Gespräch nach der Präsentation der Zahlen habe sich herausgestellt, dass das umstrittene Projekt vom CEO selbst auf den Weg gebracht worden war. „Es ist erstaunlich, wie die Dinge manchmal persönlich genommen werden“, wundert sich Meggiolaro. Am Ende habe man einen persönlichen Termin vereinbart und die Sache aus der Welt geschafft.


Mit der Plattform Shareholders for Change will Meggiolaro nun länderübergreifend agieren. Auch in Deutschland – dort konnte der Italiener schon bei Rheinmetall Erfahrung sammeln. Das Unternehmen betreibt in Italien ein Werk, das Kriegsmaterial herstellt. Erst so war Meggiolaro auf die Deutschen gestoßen, die nach außen hin extrem verschlossen agieren. Zur Hauptversammlung sind keine Kameras zugelassen. Eine beklemmende ARD-Dokumentation mit dem Titel „Bomben für die Welt“ nahm sich das Unternehmen trotzdem vor – mit Meggiolaro als Interviewpartner. Geglückte Kommunikationsarbeit sieht anders aus.


Seelenschau
„Hauptversammlungen sind ein guter Ort, um etwas über die Seele eines Unternehmens herauszufinden“, fasst Meggiolaro zusammen. Welche Menschen sind vor Ort, welche Art von Fragen wird gestellt, oder – vielleicht nicht ganz ernst gemeint – was wird am Buffet angeboten?


Softe Faktoren können jedoch nur ein Teil der Analyse sein. Wichtig ist es auch, das Thema Nachhaltigkeit so gut wie möglich zu quantifizieren. Auch hier war der 42-Jährige ein Vorreiter, hat er sich doch bereits 2002 darangemacht, SRI-Ratings für die Banca Etica zu erstellen. Während heute ­jeder noch so kleine Fonds auf Morningstar mit einem Nachhaltigkeits-Rating versehen wird, war das damals noch vollkommenes Neuland.


Die Liste
Mit dem geplanten Wachstum des Netzwerks wird es dem Koordinator von SFC nicht möglich sein, sämtliche Hauptversammlungen selbst zu besuchen, das heißt, auch personell wird man sich breiter aufstellen oder auf die Kapazitäten der Mitglieder zurückgreifen müssen. Für dieses Jahr stehen unter anderem Eni, Enel, Inditex – und Meggiolaros Freunde von Rheinmetall auf der Liste.


Informelle Treffen wird es unter anderem mit dem Management der Bürosoftware-Schmiede SAP geben. Meetings dieser Art sind eine zweite Schiene, auf die die Plattform setzen will. Es handelt sich dabei um ein subtileres Mittel, durch das man abseits der großen HV-Bühne auf die Unternehmen einwirken will.


Doch wie vertragen sich die hehren ­Ansinnen der Plattform mit den Zwang, Rendite zu erwirtschaften? Denn dass die Ausschließung von Investments aufgrund von nachhaltigen Kriterien Ertrag kosten kann, hat ziemlich prominent und medienträchtig der norwegische Staatsfonds ausgewiesen. Konfrontiert man Meggiolaro mit den Kalkulationen der Skandinavier, kommt Emotion auf. „Ich kenne diese Zahlen. Das ist lächerlich.“ Der angebliche Minderertrag belaufe sich auf 0,1 Prozent pro Jahr. Näher an der Null ­könne man gar nicht sein – eine vernachlässigbare Größe also.


Eine Gegenfrage
Doch wenn dem so ist, wenn diese 0,1 Prozent tatsächlich vernachlässigbar sind, was darf Nachhaltigkeit eigentlich kosten? Bei dieser Frage wird die Schwäche des gesamten Themenbereichs deutlich – er bleibt, trotz aller erfolgter Quantifizierung, schlussendlich eines: schwammig. Dem kann sich auch Meggiolaro nicht entziehen. Also beantwortet er die Frage mit einer Gegenfrage: „Was bringt es mir, wenn ich 80 Prozent Rendite habe, aber dann die Umwelt zerstört ist?“


Dass das Thema Nachhaltigkeit ein ­finanzielles Zukunftsthema werden würde, war Meggiolaro jedenfalls schon 2003 klar. Damals erstellte er für die Banca Etica im Rahmen seiner Tätigkeit als Head of CSR Research ein Portfolio, das den Faktor „Nachhaltigkeit“ beinhaltete. Das Resultat war eine Exklusion der Finanz- und Ölbranche. „Man hat mich damals zunächst einmal für verrückt erklärt“, erinnert sich der Italiener zurück. Auf den zweiten Blick waren die Portfoliomanager dann aber doch interessiert. „Denn um die Öl- und Finanz­titel zu ersetzen, hatte ich natürlich nach Ersatzunternehmen gesucht.“ Mit einem Mal entstand so ein Portfolio, das relativ unkorreliert war, entsprechend zur ­Diversifikation beigetragen hat und in Wirklichkeit Risiken und Volatilitäten extrem gesenkt hat.


An dieser Stelle gibt es eine Art inhaltlicher Versöhnung mit dem norwegischen Staatsfonds: Auch dieser hat ja zuletzt empfohlen, Öltitel aus dem Portfolio zu nehmen. Die Argumente sind von einem Portfoliostandpunkt dieselben, die Meggiolaro 15 Jahre zuvor ins Feld geführt hatte – Risi­kostreuung.


Doch ist dieser Aspekt der Nachhaltigkeit am Ende nicht doch nur eine Art Mode­erscheinung? Ein Verkaufsargument, mit dem man neue Kundenstöcke erschließt, ­einen Hype kreiert, der in einen Boom mündet und sich schlussendlich als ebenso nachhaltig erweist wie der Neue Markt in Frankfurt? Meggiolaro verneint das entschieden. Es stimme schon, das Umfeld habe sich verändert, das Konzept der Nachhaltigkeit sei zu einer Industrie geworden, was es kleineren Spezialisten schwerer mache, ein allein stehendes ­Geschäftsmodell zu finden. „Jede große Fondsgesellschaft bietet jetzt nachhaltige Produkte an“, so Meggiolaro.


Insgesamt wertet er das aber als einen positiven Trend, als eine Art Entwicklungsschritt: „Das ist vielleicht das Zeichen dafür, dass wir in eine postmoderne Finanzwelt getreten sind.“ Es ist zwar nach wie vor unmöglich, Investoren mit „rein ethischen Argumenten von einem Finanzprodukt zu überzeugen“. Man muss Mehrwert in Form von Rendite oder Risikominderung oder Diversifikation anbieten können. Auf der anderen Seite fällt es aber auch immer schwerer, Investments ohne einen nachhaltigen Überbau zu argumentieren. Am Ende wird Nachhaltigkeit also kein Sonderthema, ­sondern eine Selbstverständlichkeit sein. Für Meggiolaro würde das bedeuten, dass es seinen Job nicht mehr gibt. „Stimmt“, lacht er. „Ich arbeite an meiner Selbstauf­lösung. Das wird aber noch dauern.“   
 

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Textkasten:

Die Plattform für nachhaltig agierende institutionelle Investoren ist in Europa die erste ihrer Art – und hat starke Verbindungen in die USA.


Die Plattform „Shareholders for Change“ (SFC) soll institutionellen Investoren mit Spezialisierung auf ESG-Kriterien helfen, ihre Prinzipien bei börsennotierten Unternehmen durchzusetzen. In der Regel sind die Mitglieder an diesen Unternehmen über Fondsinvestments höchstens indirekt beteiligt. Auf sich allein gestellt ist der Einfluss dieser Inves­toren also beschränkt. Die SFC-Plattform erwirbt einen symbolischen Anteil an den Unternehmen, auf die Einfluss genommen werden soll, und interveniert auf den jeweiligen Hauptversammlungen (HVs) im Namen aller Mitglieder. Derzeit sind das sieben ­institutionelle Investoren aus vier Ländern – und zwar: Bank für Kirche und Caritas eG (Deutschland), Ecofi Investissements, Groupe Crédit Coopératif (Frankreich), Etica Sgr, Gruppo Banca Etica ­(Italien), fair-finance Vorsorgekasse (Österreich), Fondazione Finanza Etica (FFE, ­Italien), Fundacion Fiare (Spanien) und Meeschaert Asset Management (Frankreich). Verhandlungen werden mit zwei weiteren Investoren in der Schweiz und Deutschland geführt, auch nach Großbritannien und die Niederlande hat man die Fühler ausgestreckt. Sollten die Bemühungen erfolgreich sein, würde die Plattform ein Vermögen von 30 Milliarden Euro ­repräsentieren.
Auf der Aktivitätenliste von SFC stehen für 2018 die HVs von Eni, Enel, Leonardo-Finmeccanica, Acea, Rheinmetall, Generali, Inditex/Zara. Über einen gemeinschaftlich signierten Briefverkehr, Resolutionen und Treffen mit dem Management soll ein Dialog mit SAP, Shell, Telecom Italia ­eröffnet werden.


Die Initiative ist in Europa die erste ihrer Art. Ein Vorbild nimmt man sich an der ICCR, dem Interfaith Center for Corporate Responsibility. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hier um eine ursprünglich religiöse Investoreninitiative. Gegründet wurde sie in den 1970er-Jahren in den USA. Erstes Ziel war es, via Unternehmensebene Druck auf das Apartheidsregime in Südafrika auszuüben. Inzwischen umfasst die Plattform 300 global agierende Investoren mit einem verwalteten Vermögen von 400 Milliarden US-Dollar.
SFC befindet sich in regem Informationsaustausch mit ICCR – das betrifft auch die personelle Ebene. Mit Laura Berry arbeitet die ehemalige Geschäftsführerin des ICCR in der Ethikkommission der Banca Etica. Sie wird in Zukunft auch als Beraterin des Netzwerks agieren.


Anhang:

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