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2/2021 | Produkte & Strategien
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ESG à la Scharia

Islamic Finance steht in den westlichen Industrieländern noch nicht wirklich im Fokus der Investoren. Lokale und globale Trends sowie überraschend hohe Erträge von schariakompatiblen Fonds und Indizes könnten jedoch zu einer verstärkten Nachfrage führen.

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Religion und Geld: Diese Paarung war stets konfliktgeladen. Islamic Finance könnte aber mit seinem hohen ethischen Ansatz Rückenwind durch die hohe Nachfrage nach ESG-Produkten erhalten. Lokal profitieren schariakonforme Anlagen von den Bemühungen Londons, als Finanzplatz – auch nach dem Brexit – die Nummer eins in Europa zu bleiben.

© Muhammad Fadhli | stock.adobe.com

Will man zumindest eine erste Ahnung davon erhaschen, wie sich die ökonomische Weltanschauung des islamischen Kulturkreises von jener der westlichen Industrienationen unterscheidet, lohnt es sich, das Wort „Riba“ etwas genauer zu analysieren. Im Westen kennt man diesen Begriff in seiner Inter­pretation als „Zins“, der ja im islamischen Recht verboten ist. Die ursprüngliche arabische Wortbedeutung ist jedoch „Exzess“ oder auch „exzessiv“. Das ist insofern inter­essant, als es klar macht, dass dem islamischen Finanzwesen grundsätzlich ein durchgehendes ethisches Fundament zugrunde liegt. Damit drängen sich Parallelen zur institutionalisierten ESG-Implementierung auf, die ja ebenfalls von ethischen Grundsätzen getragen wird – hinzu kommt, dass Islamic Finance, ähnlich wie ESG (Economic, Social, Governance), in den vergangenen Jahren einen veritablen Boom erlebt hat. Laut Daten des „Islamic Finance Development Report 2020“ von Refinitiv und ICD (Islamic Corporation for the Development of the Private Sector) ist der schariakompatible Finanzmarkt im Jahr 2019 um 14 Prozent gewachsen. Rund 2,9 Billionen US-Dollar wurden Anfang 2020 im islamischen Finanzwesen verwaltet, bis 2024 sollen es 3,7 Billionen sein – um es in Relation zu setzen: Diese Zahl entspricht in etwa der gegenwärtigen gesamten Marktkapitalisierung des Euro Stoxx 50. Potenzielle Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind in diesen Projektionen bereits berücksichtigt.

Ein guter Teil dieses Wachstums kommt aus dem institutionellen Bereich. Sukuk – also islamkonforme Anleihen – und islamische Fondsprodukte, die ein Wachstum von 30 Prozent aufwiesen, gehörten zu den wichtigsten Treibern eines Wachstums, „das sich trotz der Unsicherheit im Markt, ausgelöst durch schwache Ölpreise und gedämpftes industrielles Wachstum, eingestellt hat“, wie es im Report heißt. Und wenngleich die Pandemie natürlich ebenfalls ihre Spuren hinterlassen hat, sprechen einige Faktoren dafür, dass Islamic ­Finance an Bedeutung gewinnen sollte – wobei einer dieser Faktoren grosso modo eher mit Unsicherheit als mit Chance in ­Zusammenhang gebracht wird: der Brexit.

London macht mobil

Denn mit dem Ausstieg aus der EU sah sich London in seinem Status als wich­tigstes Finanzzentrum bedroht. Als Vorbote eines potenziellen globalen Bedeutungsverfalls ist laut John R. Bryson, Professor of Enterprise and Economic Geography an der University of Birmingham, die sinkende Bedeutung Londons als Europa-Börsenplatz interpretiert worden, hat doch Amsterdam im Februar 2021 London bei den abgewickelten Transaktionen von europäischen Aktien zum ersten Mal hinter sich gelassen und die britische Hauptstadt im einschlägigen Ranking auf Platz zwei verwiesen. Diese Entwicklung müsse sich laut Bryson aber nicht notwendiger­weise auf den gesamten Finanzplatz übertragen, weist das UK gegenüber der EU doch einige Wettbewerbsvorteile auf. Dazu gehört die im Gegensatz zur Union bestehende legistische Einheit, die eine höhere Beweglichkeit in Strukturfragen ermöglicht. Will London seinen Status als wichtigstes Finanzzentrum bewahren, muss das Land genau diese Agilität auch umsetzen: „Die City muss bei der Entwicklung im Bereich Green und ­Islamic Finance innovativ bleiben“, so Bryson.

ALF im UK gelandet

Dass die britischen Entscheidungsträger diese Analyse teilen und somit eine gute Chance auf Umsetzung dieser Forderung besteht, hat einer der wichtigsten Player an den Finanzmärkten bereits demonstriert: die Bank of England (BoE). Die britischen Währungshüter haben nämlich zu Beginn dieses Jahres ihre ­Alternative Liquid Facility (ALF) etabliert. ­Diese soll neben den herkömmlichen Einrichtungen der Bank of England ­einen weiteren Zugang zu Liquidität ermöglichen. Im Gegensatz zu den etablierten Notenbank­instrumenten, die zinsgetrieben sind, ist ALF Wahlah-basiert. Wahlahs sind Fazilitäten, die fondsähnlich aufgesetzt sind. Anstatt Zinsen auszuzahlen, werden die Erträge nach Kosten an die Investoren überwiesen.
Der Unterschied zur Zinszahlung ist aus westlicher Sicht nicht sofort klar, ergibt sich aber aus dem islamischen Verständnis, wonach das Risiko immer geteilt werden muss. Das ist in diesem Fall mit einer ­Gewinnbeteiligung gewährleistet, wäre es bei einer normalen Riba-Zahlung aber nicht, da diese erfolgen würde, egal ob das zugrunde liegende Produkt gerade Gewinn macht oder nicht. Aus diesem Grund konnten islamische Banken in London – und sonst wo – nicht in kurz laufende Staatsanleihen oder ähnliche zinsgetriebene Cash-Äquivalente investieren, um so ihre Liquidität effizient zu managen. Stattdessen mussten sie auf andere, kostspieligere Lösungen ausweichen und beispielsweise hohe Beträge an zinsfreien Cash-Positionen halten. Andrew Hauser, bei der BoE Executive Director Markets, ist jedenfalls vom Erfolg der Fazilität überzeugt und ­erwartet, „dass ALF im selben Maß wachsen wird wie der britisch-islamische Bankensektor und beim ­Nützen von hochqualitativen liquiden ­Sukuk-Assets unterstützen wird.“

Globaler Trend

Neben diesen lokalen Besonderheiten sollte aber auch der globale Trend hin zu ESG-Assets dem Sektor Islamic Finance zugutekommen. Das haben das CFA-Institut und die UNO-Teilorganisation PRI (Principles for Responsible Investment) in ihrer Studie „ESG Integration and ­Islamic Finance: Complementary ­Investment Approaches“ herausge­arbeitet. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Islamic Finance in der ethisch-sozialen Interpretation radikaler ist als herkömmliche ESG-Standards (siehe Grafik „Härter als ESG“). Das trifft nicht zuletzt auf das Screening zu, das im ESG-Bereich von vielen unabhängigen Faktoren abhängt, während es bei Islamic Finance strikt reguliert und in jedem Fall anzuwenden ist.

Dass auf der anderen – und auf den ­ersten Blick paradoxen – Seite bei Islamic Finance kaum ESG-Integration geschieht, liegt ebenfalls im regulatorischen beziehungsweise zertifizierten Bereich.

Komplexe Regulierung

Ein islamkonformes Produkt braucht nämlich eine entsprechende Zertifizierung, die regional unterschiedlich ausfallen kann und laut Doug Bitcon, Head of Credit Strategies des in Dubai ansässigen Asset Managers Rasmala, „in der GCC-Region (Gulf Cooperation Council) am striktesten ist“. Allerdings gebe es „einen geringeren Fokus auf ökologische Aspekte, weil die meisten Volkswirtschaften in dieser Region von fossilen Brennstoffen abhängen“. Aus Sicht von John Sandwick, General Manager der in Saudi-Arabien ansässigen Safa Investment, „gäbe es bei einer Zertifizierung von islamischen Produkten nach ESG-Standards angesichts der hohen ESG-Nachfrage in Europa wahrscheinlich mehr christliche als muslimische Käufer“.

Enorm profitabel

Doch wie schlagen sich schariakonforme Produkte mit – vorerst nicht zertifizierter – ESG-Schiene auf der Ertragsseite? Stichprobenartig nicht schlecht. So hat der BIMB Malaysia Shariah ESG Equity Fund 2020 eine Rendite von 19,1 Prozent eingefahren. Die durchschnittliche Performance eines malaysischen Fonds lag im selben Zeitraum laut einem Bericht von Funds Europe bei 17,1 Prozent. Auch im Vergleich zur einschlägigen Emerging-Markets-Benchmark, dem J.P. Morgan ESG EMBI Global Diversified Index, fällt die Performance des ­Scharia-Fonds stärker aus, hat der JPM ­Index in den zwölf Monaten bis Redak­tionsschluss doch ein Plus von 14,3 Prozent – und somit gleich 4,8 Prozentpunkte weniger – erzielt.

Da Islamic Finance gegenwärtig nach wie vor ein Randthema darstellt, ist der Marktzugang aber nicht einfach. Die überwiegende Mehrzahl der Fonds kommt aus der GCC-Region und asiatischen Ländern, allen voran Malaysia und Indonesien.

Und wieder die Briten

Nur vereinzelt wagen sich Europäer aus der Deckung wie zuletzt Schroders – ­womit sich der britische Kreis wieder schließt. Der Schroders Islamic Global Equity Fund ­wurde im Dezember 2020 lanciert, „da wir erkannt haben, dass Scharia-Investoren im Markt zu wenig Angebot vorgefunden ­haben“, wie Doug Abbott, Head of UK ­Intermediary, erklärt. Der Fonds investiert in einem Universum von 2.600 Titeln über einen integrierten Multi-Faktor-Ansatz und soll über einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren den Dow Jones Islamic Market World Index outperformen. Dieser hat über die vergangenen fünf Jahre ein annualisiertes Plus von mehr als 15 Prozent erzielt. Das Management ist darauf bedacht, seine Scharia-Kompatibilität herauszustreichen: Im Rahmen der Einkommenspurifizierung wird „jeder Dividendenertrag, der nicht schariakonform ist, für wohltätige Zwecke gespendet“, so Abbott.
Man könnte auch sagen: britische Innovationskraft at its best.  

Hans Weitmayr


Anhang:

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