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3/2017 | Produkte & Strategien
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»Es geht nicht nur um Philanthropie«

Die noch junge Joachim Herz Stiftung hat ihre Gründungsphase hinter sich gebracht und stellt sich seit Jahresbeginn anlagetechnisch neu auf. CFO Ulrich Müller hat diesen Prozess von Anfang an begleitet – ein Porträt des Stiftungsstrategen.

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Ulrich Müller im Foyer der in Hamburg ansässigen Joachim Herz Stiftung. Klare Linien und ein nicht zu leugnender Hang zum Minimalistischen passen nicht nur zum Image der Hansestadt, ­sondern entsprechen auch dem Auftreten des in Bayern aufgewachsenen Finanzvorstands, der maßgeblich am Gründungsprozess der Stiftung beteiligt war.

Foto: © Ulrike Schmidt

Am Ende wird sich der Besucher an den ersten Eindruck erinnern. Jenen, den er von dem Gebäude hatte: schnörkellos, gerade Linien, effizient in der Fassadenführung und transparent, weil sehr viel Glas. Die Rede ist von der Niederlassung der Joachim Herz Stiftung, ihres Zeichens die sechstgrößte Stiftung Deutschlands, gelegen an der Peripherie von Hamburg, nahe dem Flughafen. Das Grundstück wirkt auf den ersten Blick wie ein Campus. Auch auf den zweiten. Was in Ordnung geht: Denn der Stiftungszweck besteht aus der Förderung von „Bildung, Wissenschaft und Forschung in den Natur- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Persönlichkeitsbildung von Jugendlichen und jungen Erwach­senen“.


Einer der wichtigsten Protagonisten der Stiftung ist der in Bayern auf­gewachsene Ulrich Müller. Er firmiert als Finanzvorstand und war schon da, bevor es die Stiftung überhaupt gab. Ursprünglich verwaltete er das Vermögen des 2008 verstorbenen Tchibo-Gründers Joachim Herz. Der Unfalltod des kinderlos gebliebenen Unternehmers führte zur Stiftungsgründung. Die ersten Jahre standen im Zeichen des Aufbaus. Aus einem Vier-Personen-Team, das bis dahin für die Vermögensverwaltung zuständig war, wurde ein 50-köpfiger Betrieb mit der dazu gehörenden Infrastruktur, Immobilien, Personal. Außerdem musste ein Plan geschmiedet werden, wie das vorhandene Vermögen verwaltet, aber auch dem Stiftungszweck entsprechend reinves­tiert werden soll. Wir wollten wissen, wie eine Person tickt, die einen solchen Prozess nicht nur begleitet, sondern mitgestaltet hat.


Müller ist heute für die Verwaltung von mehr als einer Milliarde Euro verantwortlich. Als Mitglied des Vorstandes übt er durchaus auch Einfluss auf die deutsche Volkswirtschaft aus. Denn die Stiftung ist über die Holding Maxingvest nicht nur an Tchibo, sondern zu 17,5 Prozent auch an Beiersdorf beteiligt – einem Unternehmen, das weltweit 17.000 Mitarbeiter beschäftigt.


Dass Müller über die dafür notwendigen Kompetenzen verfügt, daran besteht kein Zweifel. Wie die Lektüre seines Lebenslaufs belegt, kennt er das „Geschäft“ von ­allen Seiten und in allen Facetten.


Es war Mitte der 90er-Jahre, als Müller zur Allianz Gruppe stieß, wo er in der ­Corporate Finance eingesetzt wurde. Schon damals ging es „um relativ große institutionelle Beträge“, wie er erzählt. Wir haben uns in einem der Konferenzzimmer getroffen. Man sitzt sich gegenüber, die Atmosphäre ist höflich, aber reserviert. Eine Tischreihe trennt die Gesprächspartner, man spürt: Kontrolle ist wichtig.


Kontrolle über sein Leben hat Müller auch übernommen, als er von der in der Zwischenzeit ins Leben gerufenen Allianz Asset Management zum Family Office ­Wilhelm von Finck wechselte. Die heutige Deutsche-Bank-Tochter befand sich zu dieser Zeit noch in privater Hand, gelenkt von Wilhelm von Finck persönlich. Das Hauptaugenmerk damals: Immobilien mit einer starken Konzentration auf die USA. Beide Erfahrungen – die Arbeit unter und mit einem Patriarchen sowie der Immobilienfokus – stellten sich für Müller als gute Schule heraus, als es darum gehen sollte, für das Single Family Office von Joachim Herz zu arbeiten. Dort dockte er aber erst 2007 an, davor arbeitete er für den Rückversicherungsgiganten Munich Re, womit das professionelle Erfahrungsprofil seine vorläufige Abrundung erfuhr.


Die Stiftung selbst ist mit Abstand die jüngste unter Deutschlands Top Ten und ­beendete de facto erst zum Jahreswechsel ihre erste Entwicklungsphase. Zu diesem Zeitpunkt folgte Henneke Lütgerath der bis dahin an dieser Position tätigen Petra Herz als Vorstandsvorsitzender nach. „Frau Herz hat der Stiftung Leben eingehaucht“, erklärt der Finanzvorstand rückblickend und umreißt damit auch den Einfluss, den die Fami­lie auf die Stiftung hat.


Der Stiftungszweck
Vom Wesen her stellt diese zwei Dinge in den Vordergrund: zum einen den Stiftungszweck, der auf die Förderung von Bildung und Forschung ausgerichtet ist (siehe Informationskasten), aber auch das Gebaren: „Am Ende geht es auch um das Ökonomische, nicht nur um Philanthropie“, sagt Müller. Allzu sentimental wird man also bei der eigenen Investitionstätigkeit nicht. Investmentpräferenzen in Richtung Nachhaltigkeit, Ethik oder Corporate Social Responsibility gebe es zwar, sie stehen aber nicht im Vordergrund. „Wir sind weder eine Umwelt- noch eine Friedensstiftung“, sagt Müller. „Wir verfolgen unseren Stiftungszweck über die Ausgaben, nicht die Investitions­tätigkeit – wobei wir sehr genau hinschauen, damit hier keine Widersprüche entstehen.“  Nach­hal­tigkeit und Ethik werden also bis zu ­einem gewissen Maß berücksichtigt, aber eben aus einer ökonomischen Motivation. Wenn ein Unternehmen beispielsweise das Arbeitsrecht kontinuierlich verletze oder es zu konsequenten Unregelmäßigkeiten, wie derzeit etwa in der Automobilindustrie bekannt geworden, komme, so überlege man sich dort ein Engagement zweimal. Und zwar aus der Überzeugung, dass ein Unternehmen, das „veraltete, umweltschädliche Technologien verwendet, wahrscheinlich nicht nachhaltig erfolgreich sein kann“.


Mehr Dividenden
Prinzipiell ist die Investmentstrategie schon dadurch eingeschränkt, dass der Großteil der Einnahmen über die historisch gewachsene Beteiligung am Beiersdorf-Konzern kommt. Hier versucht man, so weit es angesichts der Minderheitsbeteiligung geht, den eigenen Einfluss geltend zu machen. Das geht auch in den Bereich der Ausschüttungspolitik. So erfährt man aus dem Umfeld, dass Wünsche hinsichtlich einer höheren Gewinnausschüttung durchaus aktiv und wiederholt geäußert wurden, was angesichts der rund 0,8-prozentigen Dividendenrendite auch nicht weiter verwunderlich ist. Dass die Aktie in den vergangenen Monaten stark an Wert gewonnen hat, versöhnt nur bedingt, darf die Stiftung die Beteiligung doch nicht verringern und sie zu Cash machen.


Die restlichen 25 Prozent Ertrag erwirtschaftet man in etwa zur Hälfte mit Immobilienengagements. Hier lag der Fokus bis vor Kurzem fast zu hundert Prozent auf den USA. „Wir haben uns aber gefragt, ob wir das wirklich so wollen“, erzählt der CFO. Zum Jahreswechsel nahm man schließlich im Immobilienbereich eine Neuausrichtung vor. Die Verlagerung erfolgte zugunsten Europas und hier zunächst nach Deutschland. Konkret geschah dies Anfang des Jahres in einem ersten Schritt über den 25-Prozent-Einstieg bei Competo Capital, einem deutschen Immobilieninvestor, von dem die übrigen 75 Prozent zu gleichen Teilen weiterhin der Körber-Stiftung sowie den Gründern Ralf Simon und Thomas Pscherer gehören. In weiterer Folge soll die Gewichtung der Vereinigten Staaten im Immobilienportfolio auf rund 50 Prozent verringert werden.


Neue Strategie
Weitere 12 bis 13 Prozent des Vermögens liegen in Anleihen und Aktien. Grundsätzlich darf der Wertpapierbereich bis zu 15 Prozent des Gesamtportfolios betragen. Auch hier hat das Management in jüngerer Zeit Anpassungen vorgenommen. Man ist nun bereit, ein wenig mehr Risiko zu nehmen, indem man unter anderem die Aktienquote erhöht. Konsequenterweise hat man den Fixed-In­come-Bereich auf unter zehn Prozent ­gedrückt. Jede Art von festverzinslichem Engagement wird endfällig auf Zeithorizonte von bis zu 30 Jahren gehalten. Bemerkenswert ist die Aktienstrategie der Stiftung. Hier kreiert man quasi einen eigenen Joachim-Herz-Stiftungs-ETF. „Vielleicht bringen wir es ja eines Tages auf den Markt und lukrieren so ein Zusatzeinkommen“, erklärt Müller, nur um gleich klarzustellen: „Nein, Scherz.“
Analysiert wird der Markt quantitativ, am Ende hält man je nach Bewertung rund 60 Einzeltitel. Ausschließungkriterien sind zwar vorhanden, doch auch hier herrscht das Primat des Ökonomischen. „Wir nehmen keine Health-Titel, weil wir da eine viel zu starke Überlappung mit unseren ­ohnehin schon dominanten Beteiligungen hätten“, erklärt Müller. Auch Finanzwerte und Infrastruktur bleiben unberücksichtigt – Letztere weil man zu zehn Prozent am Schienen-Logistiker VTG beteiligt ist.


Zurückhaltung bei ETFs
Die Blockbuster-Assetklasse der ETFs spielt für Müller wiederum keine Rolle. „Die bilden meist ganze Indizes ab. Das funktioniert bei unseren Restriktionen nicht.“ Zwar sei es korrekt, dass ETFs eine günstige Investmentvariante darstellen, man dürfe aber nicht vergessen, dass damit auch ein gewisser Analyseaufwand verbunden ist, was den tatsächlichen Inhalt der jeweiligen Produkte angehe. Oft stecke etwas anderes im ETF, als man glaube.


Hinzu komme, dass Müller darauf achten müsse, jedes Jahr laufend Erträge zu erwirtschaften. Diese würden im ­Aktienbereich vor allem über die Dividendenzahlungen lukriert, die bei ETFs bekanntlich entfallen. Angesprochen auf die Komplexität seines Aufgabenbereichs ortet Müller eine generelle Professionalisierung im Stiftungswesen. „Die Neigung, ich gehe mal zur Bank und lasse die machen, nimmt definitiv ab.“ Das sei nicht zuletzt dem de facto bestehenden Nullzins geschuldet: Automatische Erträge gehören seit diesem „New Normal“ der Vergangenheit an.


Eigenverantwortung
Entsprechend den neuen Herausforderungen müsse auch das Team ausgebildet sein. Wichtig ist für Müller bei der Wahl der ­Mitarbeiter auch, dass er einen „deutlich ausgeprägten Willen zur Selbstverantwortung und Selbstmotivation“ wahrnimmt. Denn im Gegensatz zu Finanzkonzernen wie etwa der Allianz müsse man „das Ergebnis ohne Wettbewerbsdruck erzielen“. Für Stiftungen gibt es weder Konkurrenten noch Benchmarks – als Orientierung dient nur die eigene Leistung. Findet man Mit­arbeiter, die diese Selbstverantwortung tragen, dann lässt er sich auch erwirtschaften, der Ertrag, der nur als eines erwirtschaftet wird: als Mittel zum Zweck – dem Stiftungszweck, wie Müller erklärt.


Anhang:

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