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3/2019 | Produkte & Strategien
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Erfolgspatent

Big Data einmal anders: Ein Gründerteam mit Patentanwalt, Finanzjournalist und Ökonometrie-­Professor wertet Millionen Patente automatisch aus und baut damit einen Investmentansatz.

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Eigene Patente von Unternehmen sind eine Art blinder Fleck in der Aktienanalyse, weil sie in den Bilanzen nicht dargestellt werden müssen. Für Investoren ergibt sich daraus eine bisher nicht genutzte Chance.

© quant ip, Björn Wylezich | stock.adobe.com

Alles begann damit, dass der damalige Chefredakteur des Magazins „Euro“, LMU-Volkswirtschaftsabsolvent Lucas von Reuss, schon früh Interesse an Big-Data-Analysen, regelbasiertem Inves­tieren und quantitativem Asset Management zeigte. Vor zwei Jahren traf er auf den renom­mierten Münchner Patentanwalt Axel Stellbrink. Dieser hat 30 Jahre Erfahrung im Patentrecht und war ehemals Partner einer der größten Patentanwaltskanzleien Europas und Mitgründer von Stellbrink & Partner, einer auf Hochtechnologie spezialisierten Boutique-Kanzlei. Der Jurist entwickelte zudem Data-Mining-Werkzeuge, um seiner Mandantschaft besseren Service und neue Dienstleis­tungen im gewerblichen Rechtsschutz anbieten zu können. Stellbrink gelangte im Zuge dieser Entwicklungsarbeit zu der Überzeugung, dass es möglich sein müsste, aus Patentdaten einen Mehrwert für die Vermögensanlage zu generieren. Bald war die Quant IP GmbH mit Sitz in München gegründet. Drittes Schwergewicht in der fünfköpfigen Gründerrunde ist Professor Stefan Mittnik, Inhaber des Lehrstuhls für Finanzökonometrie an der LMU München und dort zudem Direktor des Centers für Quantitative Risikoanalyse. Mehr als 30 Jahre Forschungstätigkeit rund um Themen des Kapitalmarktes und der quantitativen Finanzwissenschaft zeichnen ihn aus. Auch als Investor in Fintechs hat sich Mittnik einen Namen gemacht, nicht zuletzt durch die überaus erfolgreiche Beteiligung an Scalable Capital. Stellbrink und Mittnik sind Mitglieder des Beirats von Quant IP.

„Patentdaten bieten Einblick in die technologischen Entwicklungen von morgen und die Zukunftsfelder, in die Unternehmen rund um den Globus investieren“, sagt Lucas von Reuss, „uns ist es gelungen, auf Basis dieser Informationen eine regel­basierte Investmentstrategie zu entwickeln, die eine deutliche Outperformance gegenüber ihrem Vergleichsindex verspricht.“

Value reinvented

Value bleibt seit vielen Jahren – mit Ausnahme weniger kurzer Perioden wie dem Wahlquartal Trumps – hinter Growth zurück. Da ist es nur natürlich, dass Zweifel darüber aufkommen, ob die klassische Value-Prämie in Zukunft überhaupt geerntet werden kann. Disruption und technologischer Fortschritt (Digitalisierung, Robotics etc.) lassen befürchten, dass man mit Kennzahlen wie dem Kurs-Buchwert-Verhältnis künftig nicht mehr reüssieren kann. Selbst entwickelte Patente sind Bestandteil des geistigen Eigentums und finden sich als ­immaterielle Vermögensgegenstände nirgendwo – zum Unterschied von gekauften Patenten, die in der Bilanz aufscheinen. Dabei sind es unter Umständen genau diese Vermögensgegenstände, die dazu beitragen, eine Art Burggraben oder „Moat“ bilden, von dem Starinvestoren wie Warren Buffett gern sprechen. Auf einen Nenner gebracht: Finanzanalysten nutzen Patentdaten nicht für die Wertbestimmung von Unternehmen, und Patentprofis befassen sich nicht mit der Unternehmensbewertung. In diese Lücke stößt Quant IP vor und verbindet beide Welten. Mit einer gewissen Berechtigung könnte man daher sagen, dass Firmen mit vielen Patenten wie Alphabet oder Facebook damit auch eine inhärente „New Value“-Komponente besitzen und nicht nur als reine Growth Stories gesehen werden sollten.

Wissenschaftliche Basis

Den theoretischen Background für den innovativen Investmentansatz von Quant IP liefert dabei ein White Paper, das Lucas von Reuss und Philip Creutzmann seitens Quant IP gemeinsam mit Daniel Nitiuomo von der amerikanischen O’Shaugnessy Asset Management unter dem Titel „Mispriced Innovation“ verfasst haben. Der Titel sagt dabei alles: Offensichtlich preist der Markt Patente nicht hoch genug ein, sodass es zu Unterbewertungen von Firmen mit Patenten im Bestand kommt. Diese zu heben, darauf konzentriert sich der aus den Erkenntnissen des White Papers abgeleitete Investmentansatz von Quant IP. Richtig gemacht, sind Patente ein Frühindikator für das Gewinnwachstum eines Unternehmens. Die Unter­suchung stellt auf Patentanmeldungen über alle Branchen, Forschungs- und Entwicklungs-(R&D)-Ausgaben sowie eine Kombination der beiden Parameter ab. Die Quintilsanalysen zeigen deutlich, dass bei den beiden Para­metern und deren Kombination das ers­te und das zweite Quintil in puncto Sharpe und Information Ratio gegenüber dem Weltaktienindex deutlich  vorn liegen.

Basis Innovation Score

In der Praxis geht Quant IP einen ­etwas anderen Weg als in der wissenschaftlichen Arbeit. Im Detail will man sich darüber nicht äußern, stellt dies doch das Alleinstellungsmerkmal des Start-ups dar. Produkte der Firma sind einerseits der Quant IP Innovation ­Index (INIX), andererseits das aktive Fondsprodukt „Quant IP Global Innovation Leaders Fund“. Beide beruhen ganz wesentlich auf dem proprietären Innovation Score, haben aber einen Unterschied im Cut-off. Von Reuss dazu: „Wir berechnen den Score grundsätzlich für alle Branchen mit R&D und Patenten. Die Frage ist dann, wie ,forschungsintensiv‘ die Branchen im Portfolio und Index sein sollen. Im Backtest für das Indexkonzept INIX hatten wir die 26 forschungsstärksten Branchen ausgewählt. Bei diesen weisen mindestens 50 Prozent der Firmen genügend R&D- und Patentdaten auf. Im aktiven Fonds beschränken wir uns auf die forschungsintensivsten 21 Branchen. Bei ihnen weisen dann 75 Prozent oder mehr aller Unternehmen durchgängig genug R&D- und Patentdaten auf.“

Die Gewichtung der Branchen erfolgt anhand ihrer Marktkapitalisierung, während die Gewichtung der einzelnen Aktien innerhalb dieser Branchen nach deren Innovation Score erfolgt. Am Ende steht dann der INIX World, der ausgiebig auf seine Faktor- und Korrelationseigenschaften zum MSCI World untersucht wurde (siehe Grafik „Backtest INIX World“). Neben der Outperformance des INIX fällt auf, dass trotz der höheren Volatilität des Ansatzes im Vergleich zum MSCI World die Sharpe Ratio des INIX mit 0,50 deutlich vor jener des MSCI World liegt (0,35). Die Korrelation zum Weltaktienindex liegt bei hohen 0,96.
Nachdem es doch deutliche regionale, branchen- und titelbezogene Abweichungen zwischen INIX und dem MSCI World gibt, analysierte man bei Quant IP die Quellen des zirka dreiprozentigen Alphas. Dabei zeigte eine MSCI-Barra-Untersuchung im Backtest mit einem Rebalancing im Dreimonatstakt, dass seit 2004 im Schnitt gut 40 Prozent des Fonds-Alphas aus dem Inno­vationsfaktor kommen. Dies ist der größte Erklärungsfaktor, gefolgt von Länder-, Stil-, Währungs- und Branchenabweichungen.

Erstes Fondsprodukt

Beim aktiven Quant IP Global Innovation Leaders Fund spielen nur jene 21 Branchen mit, bei denen die R&D-Ausgaben von großer Bedeutung sind. Insgesamt sind nur sechs von elf Sektoren gemäß dem GICS (Global Industry Classification Standard) in den Fonds aktuell vorhanden, es sind dies IT, Healthcare, Industrie, Basiskonsum, Grundstoffe und langlebige Wirtschaftsgüter (diskretionärer Konsum). Nun könnte man meinen, dass der Ausschluss der restlichen Branchen mit dünner bis gar keiner Patentlage eine große Abweichung gegenüber dem MSCI World bedeutet. Doch dem ist bei näherem Hinsehen gar nicht so, berichtet von Reuss: „Da ja im Fondsansatz die verbliebenen Branchen im MSCI World mehr als 50 Prozent der Marktkapitalisierung ausmachen und sie im Quant IP Global Innovation Leaders Fund zueinander im gleichen Verhältnis durch die Gewichtung nach der Market Cap bleiben, sind die Abweichungen zum MSCI World wesentlich geringer, als man prima vista glauben würde.“ Die Auswahl der Innovationsführer ­erfolgt nach dem Innovation Score. Hier werden zirka 80 bis 120 Titel selektiert, die sich jeweils im obersten Drittel nach dem Innovation Score in ­ihrer Branche befinden müssen. Sie werden dann innerhalb ihrer Branche jeweils gleich gewichtet. Das kann man sich wie folgt vorstellen: Die jüngste Branche – Interactive Media & Services trat erst vor zirka einem Jahr neu ­hinzu – ist logischerweise sehr patentaffin und umfasst nur acht Werte, für die es einen Innovation Score gibt. Da das oberste Drittel Aufnahme in den Fonds findet, sind dies die beiden erstgereihten Titel, nämlich Facebook und Alphabet (Google). Zu einem Rebalancing im Quant IP Global Innovation Leaders Fund kommt es alle drei Monate, wobei kleinere Änderungen bis zu einer gewissen Toleranzgrenze aus Kostengründen unberücksichtigt  bleiben. Der Portfolioumschlag liegt laut Simulationsrechnung bei 40 Prozent (einfache Zählung).

In den fast alles entscheidenden Innovation Score fließt noch eine Value-Komponente ein. Von Reuss dazu: „Wir wollen am Ende des Tages nicht systematisch Unternehmen selektiert haben, die ewig Verluste schreiben und keine Umsätze generieren. Die Effizienz spielt hier eine wesentliche Rolle, die wir mit einer Kennzahl, die sich am Quotienten von Ausgaben zur Anzahl der Patente orientiert, abdecken.“ Nachdem die Prüfung von Patenten in Bezug auf deren Neuerungscharakter unterschiedlich ist und etwa in Japan etwas als patentfähig gilt, das für Europa oder die USA zu nah an den ­bisherigen Patenten liegt, operiert man bei Quant IP mit einem Korrekturfaktor für ­japanische Firmen. Der Algorithmus wurde seit 2017 nicht mehr verändert. Apropos ­Japan: Ein Vergleich des INIX mit dem MSCI World zeigt, dass trotz des Korrektur­faktors japanische Firmen deutlich über- und amerikanische untergewichtet sind. Das illustriert auch die Grafik „Indexvergleich“. Insbesondere defensive japanische Healthcare-Titel erhöhen das Gewicht Japans.

Indexauflage geplant

Quant IP ist mehr als nur ein weiterer junger Fondsanbieter, der auf ein Produkt setzt. Der Innovation Score und andere Daten werden auch an Asset Manager verkauft, und der Index wird ab Oktober voraussichtlich über einen großen Datenpro­vider  Finanzdienstleistern angeboten. Des Weiteren plant die innovative Münchner Boutique die Auflage mehrerer Indizes. Die Markenrechte an INIX hat man sich schon gesichert. Der Fonds ist mit an die fünf Millionen Euro noch überaus klein, ein Teil des Seed Moneys stammt vom befreundeten Vermögensverwalter Steinbeis & Häcker. Auch eine ESG-Variante ist geplant, wobei etwa ein Kombi-Score denkbar wäre. Jedenfalls zeigt sich ein hoher Overlap von ESG und Innovation Score von 80 Prozent.

Das Konzept scheint zu überzeugen. Professor Mittnik wurde jedenfalls gewonnen, er hat bereits bei seiner Scalable-Beteiligung ein gutes Händchen bewiesen. Geht das Konzept auf, wäre damit eine Versöhnung von „Value neu“ mit Growth erreicht.     

Dr. Kurt Becker


Anhang:

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