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1/2018 | Produkte & Strategien
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Direct Lending für Einsteiger

Das Berliner Start-up-Unternehmen CrossLend sieht sich als europäischen Marktplatz für Performing Loans und wendet sich dabei an institutionelle Investoren.

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Über die von CrossLend angebotene Struktur können sich Investoren ein Kreditportfolio nach Region, Kategorie der Assets (z. B. Autos, Immobilien, Maschinen etc.), Bonität, Laufzeit und Kredithistorie des Originators zusammenstellen, so wie sie es brauchen.

Foto: © Alexander Limbach | stock.adobe.com

Nach den Erfahrungen der Subprime-Krise lösen die Worte „verpackte“ und „Kredite“ bei vielen Investoren zuallererst einmal Skepsis aus. Dabei wird in der Regel übersehen, dass die ursprüngliche Idee, eine große Anzahl bonitätsschwacher Kredite zu kombinieren, im Grunde gut war. Ähnlich wie in der Junk-Bond-Krise Ende der 1980er-Jahre führten letztlich Übertreibungen in die Katastrophe. Als Folge der Probleme wurde die Assetklasse „Direct Lending“ in den letzten Jahren fast nur von Investoren aus dem Bankenbereich beziehungsweise von einigen größeren Versicherungen eingesetzt. Letztere halten zum Teil allerdings beträchtliche Portfolios an direkten Immobilienfinanzierungen. Bei der Allianz Leben sind es neun Prozent des Sicherungsvermögens.


Bisher oft Klumpenrisiken
Bremsend wirkt bei diesem Thema auch die geringe Zahl marktfähiger Konzepte beziehungsweise Produkte. Im Alleingang dürfte Direct Lending für viele institutionelle Anleger kaum in Frage kommen, selbst wenn sie grundsätzlich an einer Diversifikation in diese Richtung interessiert sind. Ein Berliner Start-up arbeitet in diesen Tagen an einer Lösung, die diese Sparte einer größeren Anzahl von professionellen Anlegern zugänglich machen will. Die 2014 gegründete Firma CrossLend kauft Banken die von ihnen bonitätsgeprüften Kredite ab, verbrieft sie einzeln und bietet sie Investoren als Wertpapier an. Die 1:1-Verbriefung ermöglicht eine sehr granulare Portfoliostruktur, schließlich haben Immobiliendarlehen im Schnitt eine Höhe von 300.000 Euro und Konsumentenkredite von 12.000 Euro. Die Investoren, die schon mit CrossLend zusammenarbeiten, kaufen Abschnitte in der Größenordnung zwischen 15 Millionen und 100 Millionen Euro. Die einzelnen Verbriefungen sind zwar „unrated“, aber die Portfolios können geratet werden, wenn der Investor dies wünscht.


Vorteile ergeben sich durch den Verkauf der Darlehen auf beiden Seiten: Die Bank behält den Kunden, lagert das Risiko aus und entlastet ihre Bilanz, und die institutionellen Investoren gewinnen Zugang zu einer Assetklasse, die zumindest teilweise neu ist, oder sie erweitern ihre Diversifizierung in diesem Bereich.


Die Idee ist nicht ganz neu: Beispielsweise gibt es Debitos, eine Auktionsbörse für notleidende besicherte und unbesicherte Kredite. Oder Firmen wie Auxmoney, mit denen Privatleute ihren Kreditwunsch über private Anleger finanzieren können. „Bei CrossLend verbriefen wir aber keine not­leidenden, sondern Performing Loans. Und wir bewegen uns nicht im B2C-, sondern im B2B-Geschäft. Außerdem bieten wir ­unsere Dienste nicht in einem nationalen, sondern im europäischen Format an“, zeigt Oliver Schimek die Unterschiede auf. Er ist CEO und Gründer des Start-up-Unternehmens CrossLend, das mittlerweile 50 Mitarbeiter beschäftigt.


Bei Start-ups ist es wichtig zu wissen, welche Expertise und Erfah­rung die Gründer haben. Schimek selbst ist studierter Physiker und gründete 2010 ein Quant-Start-up im Währungshandel. Anschließend befasste er sich als CFO bei dem Unternehmen Kredi­tech mit dem Thema Credit-Scoring im B2C-Bereich, was ihm Erfahrung in der Verarbeitung von Masseninformationen zu Krediten brachte. 2014 gründet er dann CrossLend.
Regulatorisch handelt es sich bei CrossLend nicht um ein Kreditinstitut, sondern Schimek hat den Umweg über Luxemburg gewählt, um dort mit einer Verbriefungslizenz arbeiten zu können. „Wir möchten uns aktiv der Aufsicht unterstellen. Luxemburg ist bekannt für seine innovativen Rahmenbedingungen für Verbriefungsstrukturen. Als reguliertes Verbriefungsvehikel können wir für bestimmte Dienst­leis­tungen auch den EU-Passport nutzen“, erklärt Schimek. Wenn für die Kreditvergabe vorne eine Bank benötigt wird, kooperiert CrossLend mit der BIW-Bank, die mittlerweile FinTech Group Bank heißt und ihren Sitz in Frankfurt a. M. hat. Sie arbeitet u. a. auch mit Flatex und Jung, DMS & Cie. zusammen.


Damit der ursprüngliche Kreditgeber aber noch „skin in the game“ hat, muss er mindestens fünf Prozent der Darlehenssumme auf den eigenen Büchern behalten. Die Problematik, dass Banken leichtfertig schlechte Kredite vergeben können, weil sie ohnehin verpackt und weiterverkauft werden – eine Praxis, die letztendlich zur Finanzkrise 2007/2008 geführt hat –, möchte man so vermeiden. Die über den Selbstbehalt hinausgehende Darlehenssumme geht über CrossLend an eine andere Bank oder an einen sonstigen institutionellen Investor. Die kreditgebende Bank macht weiter das Servicing für den Kredit und hält den Kontakt zum Darlehensnehmer. „Wir fungieren dabei als Marktplatz und bieten die Abwicklungsinfrastruktur. Dazu bieten wir einen einfachen Onboarding-Prozess für den Originator, ­erfassen die Daten und machen eine Due Diligence in allen relevanten Bereichen des Kreditvergabeprozesses“, so Schimek. CrossLend betrachtet beispielsweise, um welche Art von Kredit es sich handelt, wie die Kredithistorie bei dem jeweiligen Kreditinstitut bisher war, wie lang die (Rest-)Laufzeit ist und wie die IT der kreditgebenden Bank aussieht. „Mit den erfassten Daten erstellen wir ein Exposé und stellen dieses den Investoren vor“, erklärt Schimek das Geschäftsmodell. Er betont, dass es ein Novum auf dem europäischen Markt ist, dass sich Investoren die Performance eines Darlehensoriginators so direkt und transparent ansehen können.


Im Endeffekt können sich Investoren auf diese Weise ein diversifiziertes Darlehens­portfolio zusammenstellen, gestreut nach Regionen, Themen, Laufzeiten und so weiter. Je nach Risiko können die erwarteten Erträge bei Darlehen nämlich stark voneinander abweichen. Bei Immobiliendarlehen betragen sie derzeit etwa rund 1,8 Prozent und bei Autokrediten zwischen 2,5 und 4,0 Prozent.


„ABS-Strukturen sind nicht ‚look through‘, aber unsere Verbriefungen schon“, nennt Schimek einen Unterschied. „Außerdem sind wir deutlich eigenkapitaleffi­zienter.“ ABS-Papiere werden hinsichtlich der Eigenkapitalerfordernis „bestraft“, da die Struktur nicht look-through-fähig ist. „Für Basel-III-Investoren werden unsere Notes als Loans behandelt“, ist Schimek ­zufrieden.


Risikoumverteilung
CrossLend übernimmt auch eine wichtige Umverteilungsfunktion: Das Unternehmen teilt Medium-Risk-Produkte wie KMU-Darlehen, die in Europa häufig im Medium- Risk-Bereich liegen und bisweilen schwierig zu vermarkten sind, in einen High-Yield- und einen Low-Risiko-Part. Je nach Risikoappetit können beispielsweise Pen­sionskassen, Versicherungen oder Banken den Low-Risiko-Teil wählen und Hedgefonds oder Family Offices den High-Risk-Part mit entsprechend höheren Rendite­erwartungen nehmen.


Diese Risikoumverteilung wird durch die granulare Durchsicht auf die Einzeldarlehen und die besondere Risikostruktur von Krediten über die Zeit möglich. Die Ausfallwahrscheinlichkeit zum Beispiel eines Konsumenten- oder Immobiliendarlehens ist nämlich in den ersten Jahren der Laufzeit besonders hoch. Hier wären seitens des Darlehensgebers eigentlich deutlich höhere Zinsforderungen angebracht als die über die Laufzeit festgelegte Zinshöhe. Mit den Jahren der Darlehenslaufzeit gewöhnt sich der Kreditnehmer an die Belastung und konnte seinen Willen und sein Vermögen, das Darlehen korrekt zu bedienen, unter Beweis stellen.

Entsprechend sinkt die Ausfallwahrscheinlichkeit (siehe Chart im Anhang). Theoretisch könnte der Gläubiger nach den ersten Jahren für das geringere Ausfallrisiko geringere Zinsen akzeptieren, aber in der Realität bleiben die Darlehenszinsen über die gesamte Kreditlaufzeit gleich. „Durch das Time-Tranching der Kredite können wir Investoren zielgenau ein passendes Portfolio zusammenstellen“, erklärt Schimek. „Es gibt derzeit zu wenige Investoren, die das Me­dium Risk tragen können oder wollen. Die Industrie der Private-Debt-Fonds ist hier noch nicht weit genug entwickelt, und für regulierte Investoren ist das Risiko häufig zu hoch. Daher benötigt der Markt eine Möglichkeit, diese Risiken zu transformieren, ähnlich wie das die Tranchen eines ABS-Papiers abbilden. Wir machen das über die Zeitkomponente.“


Darlehensbörse geplant
Noch ist die direkte Ansprache der Inves­toren notwendig, aber die Gründung einer europäischen Darlehensbörse ist in Planung. „Hier hilft es, dass die Darlehen jeweils verbrieft sind, denn an der Börse werden künftig die entsprechenden Wertpapiere gehandelt.“ Die Käufer der Wertpapiere können sich dann selbst ihr Kreditportfolio nach Region, Kategorie der Assets (z. B. Autos, Immobilien, Maschinen etc.), Bonität, Laufzeit und Kredithistorie des Originators zusammenstellen, so wie sie es brauchen. Insofern bestimmt der Investor das Pooling, nicht der Originator, wie das bei den ABS-Strukturen der Fall ist.


Die Idee, dass am Ende die erste „European Debt Exchange“ stehen könnte, hat auch die weltweit größte Terminbörse Chicago Mercantile Exchange (CME) auf den Plan gerufen. Der Venture-Arm der CME hat sich an CrossLend als Investor beteiligt. „Das ist CMEs erste Beteiligung in Europa überhaupt“, ist Schimek stolz.


Daneben ist auch Klaus Hommels Beteiligungsgesellschaft Lakestar an CrossLend beteiligt, die in der Vergangenheit auch schon in Firmen wie Facebook, Spotify, Skype und AirBnB investiert hat. Ein ­weiterer Kapitalgeber des Berliner Start-ups ist der Luxembourg Future Fund (LFF), der europäische Technologieunternehmen un­terstützt, die zur Weiterentwicklung des Venture-Capital-Ökosystems in Luxemburg beitragen.


Politisch passt das Angebot gut in die Landschaft. Über das angebotene Modell von CrossLend hat die Bank weiterhin die Möglichkeit, ihr Kerngeschäft der Darlehensvergabe uneingeschränkt zu betreiben und ihre lokalen Kenntnisse sowie ihre ­Kreditexpertise einzusetzen. Durch den (teilweisen) Verkauf der Darlehen kann die Bank aber ihre Risiken reduzieren und die Bilanzsumme verkürzen, was sich die ­Basel-Regulatoren ja wünschen.


„Mit unserem Geschäftsmodell treten wir nicht wie die B2C-Kreditplattformen in den Wettbewerb mit den Banken, sondern wir sind die Partner der Banken. Denn wir ­helfen ihnen dabei, im Backend effizienter zu werden“, so Schimek. Darüber hinaus entspricht das Geschäftsmodell dem Konzept der Kapitalmarktunion mit ihren standardisierten Darlehensverbriefungen (siehe Kasten im Anhang). Genau solche Darlehensverbriefungen sind europapolitisch gewollt. Hinzu kommt, dass Luxemburg sich in dem Zusammenhang als europäische Drehscheibe solcher Verbriefungsstrukturen etablieren möchte. Entsprechend positiv wird CrossLend dort aufgenommen. So war beispielsweise der luxemburgische Finanzminister Pierre Gramegna auf CrossLends Eröffnungsfeier, die am 22. Februar 2018 in ­Luxemburg stattfand. Dort begrüßte auch Olivier Selis, CEO von Lux Future Lab, CrossLend und seine Gäste mit den Worten: „CrossLend ermöglicht es Gläubigern, Risiken zu diversifizieren und zu mitigieren, und zwar auf Ebene von Einzeldarlehen. Dadurch hilft das Unternehmen, die Realwirtschaft mit Liquidität zu versorgen und so das europäische Wirtschaftspotenzial besser zu erschließen.“ Lux Future Lab ist eine Organisation, die Fintech-Start-ups in Luxemburg unterstützt.


Es bleibt abzuwarten, wie sich CrossLends Angebot bei den Investoren etablieren wird. An Darlehen mangelt es zumindest nicht. „Wir könnten jährlich Darlehen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro von den Originatoren erhalten“, erklärt Schimek. „Wenn wir davon ein Drittel verbriefen, sind wir gut dabei!“ 


Anhang:

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