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3/2020 | Produkte & Strategien
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Die im Schatten sieht man nicht

ESG-Ratings geraten zunehmend in die Kritik. Den einen sind sie zu widersprüchlich und unausgegoren, andere vermuten einen Marketing-Gag oder beklagen die mangelnde Gesamtmarktabdeckung.

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ESG-Ratings lösen aber trotz aller Vorbehalte viel Positives aus. Insbesondere unternehmensintern kann dadurch so mancher Verbesserungsprozess angestoßen beziehungsweise forciert und mehr Bewusstsein für ESG-Themen geschaffen werden.

© loys, Rawf8 | stock.adobe.com
Viele Asset Manager, die über kein eigenes ESG-Office oder eine ähnliche Nachhaltigkeitsanalyseabteilung verfügen, verlassen sich nolens volens auf externe ESG-Ratings. Wer sich näher mit den Ratings der führenden Anbieter in puncto Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards befasst, stellt schnell mehrerlei fest: Zum einen gibt es Ungereimtheiten, wie sie Bernd Flossbach, einer der Gründer der mittlerweile zum Boutiqueriesen ­mutierten Flossbach von Storch AG, und zuletzt auch Dr. Christoph Bruns, Gründer, Mastermind und Fondsmanager der Loys AG, formulierten. Bruns kritisiert, dass zu viel Gewicht auf das „E“, also Umweltfaktoren, gelegt werde, wie das ja auch die EU-Kommission in ihrer Taxo­nomie getan hat, dann komme Soziales und erst zum Schluss die überaus wichtige gute Unternehmensführung, also das „G“. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Widersprüchlichkeiten bei ESG-Ratings bei ein und demselben Unternehmen. So ratet etwa MSCI ESG, der US-Platzhirsch bei Nachhaltigkeitsratings, Tesla sehr gut, während europäische Automobilproduzenten deutlich schlechter wegkommen. Dazu kommen ­Fragen, wie sie Bruns in einem Gastbeitrag aufwarf. Er nannte als Beispiele unter anderem RWE und EDF: Wie soll man mit diesen Konzernen beim ökologischen Rating umgehen, wenn sich Erstere dramatisch in Richtung eines alternativen Energieerzeugers wandelt, während die Franzosen wegen ihres hohen Anteils an Atomstrom mit einem geringen CO2-Ausstoß aufwarten? In Bezug auf Governance moniert Bruns gute Ratings von Facebook und Google, die beide neben anderen US-Konzernen Mehrstimmrechtsaktien aufweisen und das Prinzip von „One share, one vote“ verletzen.
 
Oligopol ante portas?
 
Überhaupt fällt die zunehmende Konzentration unter den großen Ratinganbietern im ESG-Bereich auf. Hier drohen à la longue oligopolistische Zustände, wie es sie bei den klassischen Kredit-Ratings gibt. Neben MSCI ESG ist hier auch Morningstar zu nennen, das erst kürzlich Sustainalytics übernommen hat, und ISS nach dem Zusammenschluss mit oekom research. Dadurch entstehen ESG-Rating-Riesen, die ­alle nach einer eigenen Methodik vorgehen und oft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Konfusion bei den Ratingkäufern ist hier vorprogrammiert.
 
Wie es aussieht, können ESG-Ratings nur vage Anhaltspunkte liefern und exkulpieren verantwortungsbewusste Asset Manager nicht davon, diese Ratings lediglich als Ausgangspunkt für ihre eigenen Analysen zu betrachten. So sieht das auch das Matthias Born, Head of Investment bei Berenberg. Bei der Traditionsbank hat man ein eigenes ESG-Office aufgesetzt, das unter der Leitung von Rupini Deepa Rajagopalan steht. 
 
Sie sieht ein weiteres Problem darin, dass Small Caps, die oft im Bereich von Technologien tätig sind, die zukunftsbezogene Produkte und Dienstleistungen anbieten und damit von ESG-Relevanz sind, von den Rating-Riesen stiefmütterlich behandelt werden. Das liegt unter anderem daran, dass diese oftmals jungen, schlanken Unternehmen keine ESG-Abteilungen unterhalten und wenig bis gar nichts zur Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen publizieren. Solche Abteilungen und Nachhaltigkeitsberichte sind aber für die Ratinghäuser wichtig, stellen sie doch Ansprechpartner und Ausgangspunkt der Recherche dar. Großkonzerne hingegen können deutlich mehr Ressourcen auf diese Dinge verwenden, weswegen deren Abdeckung durch Nachhaltigkeits­ratings eine deutlich höhere ist. Ein typisches Beispiel für einen Fonds mit einem angeblich schlechten Nachhaltigkeitsrating ist der exzellent performende Medical BioHealth Fonds, der aber bei Morningstar nur einen von fünf Globen im Sustainability-Nachhaltigkeitsrating erhält. Gründe sind schlichtweg das Fehlen von Ratings für einen Gutteil der Positionen und eine Abneigung gegen Genforschung und -eingriffe. 
 
Der Weg ist das Ziel
 
Susanne Lederer-Pabst, Geschäftsführerin vom Third Party Marketer dragonfly finance, die den Medical BioHealth Fonds in Österreich vertreibt, führt aus: „Das Segment Biotech/Pharma ist speziell bei Small and Mid Caps noch von kaum einer Ratingagentur erfasst, ein entsprechend gutes ­Rating ist daher nicht möglich. Wenn sich ein Fondsanbieter allerdings die Mühe macht, sein Portfolio hinsichtlich ESG-relevanter Faktoren zu screenen und seinen Beitrag zur Erreichung der Sustainable Development Goals (SDGs) herauszuarbeiten, sollte das bei der Beurteilung des Fonds ­jedenfalls Berücksichtigung finden.“ Der Medical BioHealth Fonds halte jedenfalls ein Portfolio, das in Bezug auf die Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung gut abschneide. Jürgen Harter, Geschäftsführer der Medical Strategy GmbH mit Sitz in Neusäß, Deutschland, hält fest: „Besonders der soziale Einfluss ist aufgrund der starken Fokussierung auf forschende Healthcare-Unternehmen, die die meisten Innovationen zur Bekämpfung und Heilung von Krankheiten entwickeln, als ausge­sprochen positiv einzustufen.“ Es zeigt sich also auch hier: Nachhaltigkeitsratings sind keineswegs allein seligmachend, sondern müssen am Anfang eines eigenen Prozesses stehen, um sich ein unabhängiges Urteil über die ESG-Tauglichkeit von Investments zu bilden. Ansonsten besteht die Gefahr, ­Investmentopportunitäten mit viel Zukunftspotential außer Acht zu lassen. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass zunehmend mehr ­Asset Manager bereit sind, sich nicht nur von Gütesiegeln leiten zu lassen, sondern sich auch intensiver in die Materie vertiefen. Denn auch und gerade Fonds, die momentan kein Gütesiegel erhalten können, sind es wert, in die engere Auswahl genommen zu werden, um nicht nur reale, sondern nachhaltig auch soziale Rendite zu erwirtschaften.
 
Integrierte Prozesse
 
Wie das Berenberg ESG Office festhält, kämpfen die ESG-Ratinganbieter damit, ­ihre standardisierten Regelwerke – auch wenn sie diese regelmäßig adaptieren – an die Wirklichkeit in all ihrer Komplexität und Nuanciertheit anzupassen. „Sich gerade bei Small und Mid Caps zu sehr auf sein Regelwerk und seinen abzuarbeitenden ­Katalog zu verlassen, kann leicht dazu führen, dass signifikante Risiken oder attraktive Opportunitäten übersehen werden“, sagt Rupini Deepa Rajagopalan. „Dazu kommt, dass die Integration von ESG niemals outgesourct werden darf. Diese Integration von ESG soll inhärenter Teil des Arbeitsalltags von Fondsmanagern sein.“ Durch den Druck seitens der ­Investoren müssen Fondsmanagementgesellschaften ihre Investmentprozesse überarbeiten, um demonstrieren zu können, dass die Einhaltung von ESG-Kriterien einen integralen Bestandteil ihrer ­Investitionsentscheidungen darstellt. Den steigenden Anforderungen in Bezug auf ESG-Überlegungen kann das Berenberg ESG Office jedenfalls viel Positives abgewinnen. Rajagopalan dazu: „Zum einen ist es ermutigend zu sehen, wie die Stake­holder Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Zum anderen empfehlen wir Firmen, die sich mehr Transparenz verordnen und der Öffentlichkeit Einblicke in zuvor weniger transparente Bereiche ihres Unternehmens gewähren, etwa Details zum Ressourceneinsatz.“ Berenberg kommt diese höhere Aufmerksamkeit und Transparenz als Investor in Qualitätsaktien entgegen. „Wir waren immer schon an der Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle der Firmen, in die wir investieren, interessiert. Schließlich wollen wir dort investiert sein, wo widerstandsfähiges, langfristiges Wachstum besteht“, hält Matthias Born fest.
 
Quantität, nicht Qualität 
 
ESG-Ratinghäuser profitieren von der steigenden Datenmenge, die Firmen zur Nachhaltigkeitsagenda publizieren. Öffent­licher Druck und jener der Investorenschaft hat dazu geführt, dass sich beispielsweise durch die Global Reporting Initiative (GRI) eine weltweite Best Practice im Berichts­wesen zu Nachhaltigkeitsthemen und deren Impact herausgebildet hat. In relativ kurzer Zeit wurden Initiativen wie diese auf den Weg gebracht und setzen sich durch. So werden die GRI-Standards bei mittlerweile 93 Prozent der weltweit 250 größten Unternehmen befolgt. Während die Quantität der Daten exorbitant zugenommen hat, bleibt die Qualität in vielen Fällen unbefriedigend. Eine Studie von Goldman Sachs arbeitete heraus, dass ein großer Teil der berichteten Daten vage und schwer einzuschätzen sei. Beispielsweise legen 85 Prozent aller Firmen des MSCI All Countries World Index (MSCI ACWI) ihre „Community Involvement Policy“ offen, wo es um die Strategie zum gesellschaftlichen Engagement der ­Unternehmen geht. Doch die Antworten scheinen nicht geeignet zu sein, dem Leser das Gefühl zu geben, dass sich die Unternehmen produktiv in der Gesellschaft engagieren. Die reine Existenz einer solchen Strategie wird wahrscheinlich den ESG-Score heben, ohne dass jemand bewertet, wie diese Strategie konkret umgesetzt wird. Kenngrößen, deren Entwicklung über die Jahre verfolgt werden kann, finden sich ­signifikant seltener, auch bei großen Unternehmen. Somit ist es sehr schwierig, daraus einen Input innerhalb des Scoring-Regelwerks abzuleiten. 
 
Small & Mid Caps liefern wenig
 
Eine Studie von Dermerents und zwei Forscherkollegen von 2014 belegt, dass kleinere Firmen relativ zu Large Caps deutlich dünnere Berichte zur CSR (Corporate Social Responsibility) erstellen. Sehr wenige Mid Caps verwenden das GRI-Regelwerk, und die CSR betreffende Information, die sie publizieren, erreicht nicht die breitere Öffentlichkeit und damit auch nicht die Stakeholder. Große Konzerne hingegen verfügen über eine eigene CSR-Kommunika­tionsstrategie. 2011 haben 68 Prozent der Large Caps die GRI-Normen angewendet, aber nur vier Prozent der Mid Caps. 79 Prozent der Large Caps publizierten ­einen eigenen CSR-Bericht, verglichen mit bloß neun Prozent der mittelgroßen Firmen. Die Berichtstiefe unterscheidet sich auch deutlich: Während der durchschnittliche CSR-Bericht eines Large Caps 57 Seiten umfasst, sind es bei Mid Caps magere drei Seiten, steht in der Studie zu lesen. Kleinere Firmen haben also noch viel zu tun, um bei der Offenlegung in Bezug auf ESG-Kriterien mit den großen Playern mithalten zu können. Zudem muss die Qualität der offengelegten Daten insgesamt gesteigert werden, damit sich daraus bedeutsame Beiträge im Rahmen der ESG-Scoring Modelle ergeben können. 
 
Drei Ratinghäuser, drei Biases
 
Die Scoring-Methodik entscheidet letztlich über den Rating-Output. Berenberg hat drei führende ESG-Ratingagenturen und ­deren Ratings miteinander verglichen, um mehr über die Korrelation ihrer Ratings, die Marktabdeckung und mögliche Biases herauszufinden. Die Analyse lässt den Schluss zu, dass es weiterhin signifikante Unterschiede zwischen den Ratings der großen Player gibt. So liegt die durchschnittliche Korrelation bei den Ratings der drei führenden ­Ratinghäuser bei 0,56 und schwankt zwischen 0,45 und 0,71 (siehe Grafik „Gleicher Input, verschiedener Output“). Ähnliche Ergebnisse gab es im Übrigen von Berg, Koelnel und Rigibon 2019, als diese die ESG-Ratings von fünf verschiedenen Providern, nämlich KLD, Sustainalytics, Vigeo-Eiris, Asset4 und RobecoSAM, untersuchten. Diese Korrelationswerte stehen im Gegensatz zu den hohen Korrelationen bei den Credit-Ratings der beiden führenden Agenturen Moody’s und Standard & Poor’s, wo eine Korrelation von fast 0,99 zu beobachten ist. Daraus kann man auf sehr ähnliche Ratingmethodologien schließen. Die niedrigen Korrelationswerte der drei führenden ESG-Ratinghäuser hat laut Berenberg damit zu tun, dass die ESG-Analyse noch in den Kinderschuhen steckt und wir mit der Quantifizierung von ESG-Risiken noch ziemlich am Anfang stehen. Unterschiedliche Meinungen, wie man Risiken am besten in einem Gesamtscore ausdrückt, bleiben aufrecht. Fortschritte auf diesem Gebiet sind vonnöten. Trotzdem gilt, dass ESG-Einschätzungen immer eine subjektive Komponente haben werden. Jeder Asset Manager ist gefordert, sich seinen eigenen Reim ­da­rauf zu machen. 
 
Zudem lässt sich zeigen, dass alle drei Provider den Mega- und Large-Cap-Sektor sehr gut abdecken; allerdings sinkt der ­Abdeckungsgrad rapide mit der Markt­kapita­lisierung, wenn man den Mid-, Small- und Micro-Cap-Bereich betrachtet. Berenberg hat hier für die drei großen Provider anhand der ausgewählten Indizes MSCI World, MSCI Europe Micro Cap, MSCU European Small Cap und des Stoxx 600 ausgerechnet, wie viele Unternehmen ein ESG-Rating erhalten beziehungsweise wie hoch der ­Prozentsatz der Indexabdeckung bei den einzelnen Marktsegmenten von ­Mega Caps bis Micro Caps ausfällt (siehe Grafik „Unterschiedliche Abdeckungs­grade“). Zum Schluss stellte Berenberg fest, dass alle drei großen Ratinganbieter ­inhärente Biases in Richtung der großka­pitalisierten Titel und reiferer Firmen mit weniger Wachstum bei Umsätzen und ­Gewinnen sowie solchen mit niedrigerer Inves­titionsquote haben. Wer hier also blind den ESG-Ratings folgt, hat dann wohl zu wenig Wachstum im Portfolio, was sich in den letzten Jahren sicher als nachteilig ­erwiesen hätte, wo doch Growth fast immer Value schlug. Die Grafiken „Führen ­Ratings in die Irre?“ illustrieren, dass Titel mit niedrigem ESG-Score mehr Umsatzwachstum, mehr Gewinnwachstum und ­eine höhere Investitionsquote aufweisen als Aktien mit hohem ESG-Score.
 
Wie unvollkommen Ratings derzeit noch sind, kann man auch an anderen Dingen festmachen, etwa an einer Analyse, die zeigt, wie hoch der Prozentsatz der gescreenten Firmen in den einzelnen Regionen der Erde ist. Dabei gibt es einen Fokus auf Westeuropa, gefolgt von Nordamerika und Zentral-/Osteuropa, während der Abdeckungsgrad der gescreenten Firmen in Aus­tralien, Lateinamerika, Japan und im übrigen Asien deutlich niedriger ausfällt. Erwähnenswert ist auch noch die Differenz in den ESG-Ratings der drei Provider, geordnet nach Market Cap Buckets. Hier korrelieren die Ratings mit der Unternehmensgröße: Je größer die Marktkapitalisierung, desto ­höher das ESG-Rating. Insbesondere differieren die ESG-Ratings im Micro-, Small- und Mid-Cap-Segment im Verhältnis zu den Mega und Large Caps. Vor allem einer der drei Provider hat seine liebe Not mit klein- und mittelkapitalisierten Werten, die bei ihm im Verhältnis zu den beiden Konkurrenten besonders schlecht abschneiden ­(siehe Grafik „Durchschnitts­rating je Marktkapitalisierungs-Bucket“). 
 
Far from perfect
 
ESG-Ratings lösen aber trotz aller Vor­behalte viel Positives aus, denn ein besseres Rating hängt mit einem höheren Maß von Transparenz zusammen. Auch können Firmen im Vorfeld des Ratingprozesses ihr ­Rating durch geeignete Maßnahmen und Offenlegungen positiv beeinflussen. Insbesondere unternehmensintern kann dadurch so mancher Verbesserungsprozess angestoßen beziehungsweise forciert und mehr Bewusstsein für ESG-Themen geschaffen werden. Unternehmen sind durchaus daran interessiert, eine erfolgreiche Kooperation mit ESG-Ratingagenturen durchzuführen, und unterstützen deren Bemühungen, Transparenz, Vergleichbarkeit und Standardisierung zu erhöhen. Problematisch dabei ist, dass der Feedback-Prozess nicht standardisiert ist und von Provider zu Provider unterschiedlich ausfällt. Auch sind nicht alle Ratinganbieter transparent, was ihre Prozesse anbelangt. Mittlerweile gibt es mehr als 150 ESG-Ratingagenturen, und alle benutzen ihre eigenen Kriterien, was sich in unterschiedlichen Fragebögen niederschlägt, die unterschied­liche Daten und Informationen abfragen. 
 
Sollte ein Investor seine Anlageentscheidungen ausschließlich auf Basis dieser ESG-Ratings fällen, wäre das sehr bedenklich. Ein niedriges ESG-Rating – oder gar das Fehlen eines solchen – kann dazu führen, dass der Aktienkurs dadurch nicht an seinen fairen Wert herangeführt wird. Für einen vernünftigen Umgang mit ESG-Ratings ist eine Voraussetzung, diese auch kritisch zu hinterfragen und mit eigenen Recherchen anzureichern, um die Zukunftsdimension besser einzufangen, als das bei Ratings geschieht, die sich meist auf Daten aus der Vergangenheit stützen. ESG-Ratings sind „work in progress“ und trotz aller Bemühungen noch nicht wirklich überzeugend – allerdings kursbeeinflussend, wie man beim Internetmodeeinzelhändler Boohoo (siehe Kasten) sehen konnte.
 
Dr. Kurt Becker

Der Fall Boohoo

Aufdeckung von Unzulänglichkeiten der ESG-Ratings am Beispiel des britischen Online-Fast-Retailers.

Fast Retailer sind Modeketten, die unglaublich rasch neue Kollektionen aus dem Boden stampfen können, um ihren meist jungen und nicht sehr zahlungskräftigen Kunden (Teens und Twens), die einem großen Druck in puncto modische Bekleidung ausgesetzt sind, topmodische Produkte anbieten können. Der Preis ist hier ein wichtiges Kaufkriterium, doch die Nachhaltigkeitsproblematik darf dabei nicht vergessen werden. Schließlich ist diese Klientel sensibel vor allem in Bezug auf Verstöße gegen ökologische und soziale Spielregeln und können einem Unternehmen, das grober Verstöße bezichtigt wird, durch „Cancelling“ jederzeit die Sympathie entziehen, was aufgrund der Teilnahme an sozialen Netzwerken zu einer Protestlawine mit garantiertem Shitstorm werden kann.

Aktie im Sturzflug

Einen solchen Gau erlebte Anfang Juli 2020 Boohoo, nachdem in einer Zeitung über illegal niedrige Löhne bei einem Subunternehmen des Modeanbieters in Leices­ter berichtet wurde. Mit einem Stundenlohn von 3,50 Pfund wurde der gesetzlich festgelegte Mindestlohn jedenfalls deutlich unterschritten. Dieser – National Minimum Wage (NMW) genannt – liegt gemäß Statista am 1. April 2020 für 18- bis 20-Jährige bei 6,45 Pfund, für 21- bis 24-Jährige bei 8,20 Pfund sowie für jene, die älter als 25 sind, bei 8,72 Pfund. In der Folge sank der Kurs der Boohoo-Aktie von 387,5 Pence am 3. Juli bis auf 210 Pence am 15. Juli 2020. In der Spitze bedeutete das einen Rückgang der Marktkapitalisierung von 4,88 auf 2,64 Milliarden Pfund oder sage und schreibe 45,8 Prozent. Joachim Klement, Investmentstratege bei Liberum Capital in London, schrieb in einem Blog-Beitrag, dass dieser unerfreuliche Zwischenfall für ESG-Inves­toren eine wichtige Lektion war. Denn die Beschuldigungen bezüglich moderner Skla­verei haben – zumindest kurzfristig – nicht nur Milliarden an Börsenkapitalisierung vernichtet, sondern auch Schockwellen durch die entlang von ESG-Richtlinien investierenden Anleger gesendet. So gab es beispielsweise einige ESG-Fonds, die in Boohoo investiert waren – und ein Fonds, der für sich in Anspruch nahm, besondere Aufmerksamkeit auf die Arbeitsbedingungen der Firmen zu legen, hatte Boohoo sogar als größte Fondsposition gehalten, weiß Klement.

Chronologie des Grauens

Nun, was das ESG-Rating von Boohoo anbelangt, war dies eine vernünftige Entscheidung. Denn im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten Asos und Zalando lag das durchschnittliche ESG-Rating von Boohoo nicht deutlich schlechter und erschien so manchem Investment Manager als gar nicht so schlechtes Investment. Gemessen an einem Universum von mehr als 19.000 Aktien weltweit, lag Boohoo besser als 71 Prozent aller Aktien und damit dicht hinter seinen Peers Asos (73 Prozent) beziehungsweise Zalando (79 Prozent). Das visualisiert die Grafik „Drei Onlinemodehäuser im Vergleich“. Und alle drei Aktien lagen übrigens im obersten Drittel der Vergleichsgruppe bezogen auf ihre ESG-Ratings.

Wer also nur auf die Ratings der ESG-Daten achtete, die die Unternehmen öffentlich machten, konnte tatsächlich der Ansicht sein, dass ­Boohoo ein vergleichsweise gutes Investment wäre. Klement: „Das übersieht allerdings ein großes Problem beim ESG-In­vestieren, denn es gibt keine einheitlichen Offenlegungsstandards. Jede Firma ist frei, die Kenngrößen auszusuchen, die es berichten möchte.“

Keine einheitlichen Offenlegungsstandards

Offenlegungen in Bezug auf ESG-relevante Daten seien mit dem Einsatz von Zeit und Geld verbunden. Speziell kleinere Firmen hätten gar nicht die Kapazitäten, um so viel Information bekanntzugeben wie die großen Player. ESG-Investoren und Ratingagenturen wollten natürlich so viel Information wie möglich erhalten, müssten aber das nehmen, was ihnen die Unternehmen zukommen ließen. Um nicht ­unfairerweise kleinere Unternehmen zu bestrafen, würden oft Ratingeinstufungen aufgrund der verfügbaren Daten getroffen – und die Tatsache, dass Daten fehlen, werde ignoriert.

Manipulation

Diese Praktik ermöglicht es bestimmten Firmen, die etwas zu verstecken haben, nur für sie günstige Informationen zum Unternehmen zu publizieren. So hübscht man sich auf für die ESG-Investoren und stellt damit Firmen in den Schatten, die im Großen und Ganzen bessere Praktiken aufweisen, aber mehr Informationen über ihr Geschäft bekannt machen. Hier ist die wichtige Information das Fehlen von Information, hält Klement fest. Der „Fashion Transparency Index“ befasst sich mit mehr als 200 Modemarken weltweit und analysiert, wer wie viel von sich preisgibt. Hier geht es also nur um das Ausmaß von Transparenz, nicht um eine Wertung der Unternehmenspraktiken. Vergleicht man hier die drei Online-Retailer, hätten die rote Flaggen wehen müssen, denn Boohoo gab in jeder Kategorie des Transparenzindex viel weniger Daten bekannt als Asos und Zalando. In puncto Nachvollziehbarkeit erhielt ­Boohoo nämlich null Punkte (siehe Grafik „Transparenz im Detail“).

Das Unternehmen gab überhaupt nichts dazu bekannt, wo man einkauft beziehungsweise fertigen lässt und wo die Rohmaterialien herkommen. Und genau da lag ja auch der Hase im Pfeffer. Klement: „Damit will ich nicht sagen, dass die ­Unternehmensführung absichtlich den Skandal bei dem Zulieferer vertuschen wollte oder systematisch Information zu den Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zurückgehalten hat. Das müssen die laufenden Ermittlungen erst untersuchen.“

Fazit

Verantwortungsvollen ESG-Analytikern und Investoren hätte klar sein müssen, dass die mangelnde Nachvollziehbarkeit – auch im relativen Vergleich mit den Peers – ein potenzielles Risiko darstellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Investmentgemeinde die richtigen Lehren aus diesem Flop zieht und ihr Augenmerk verstärkt auf den Offenlegungsgrad richtet. Sonst erwartet sie in Bälde ein weiterer Gau. Ein Weckruf ist Boohoo allemal. Mitte August notierte die Aktie im Übrigen fast bei 300 Pence und hatte damit die Hälfte der Wegstrecke nach unten bereits wieder wettgemacht, weil das Management, durch das Aufpoppen des Skandals aufgeschreckt, Besserung gelobte und den Zulieferer auslistete. Vielleicht werden ja einmal diese sogenannten „Fallen Darlings“ der ESG-Inves­toren ein lohnendes Jagdrevier für restriktionsfreie Investoren, die ihre Investments nicht durch die ESG-Brille betrachten und Fire Sales durchführen, denn anders ist der rapide Kursverfall von Boohoo nicht zu deuten. Irgendwie fühlt man sich an „Fallen Angels“ erinnert, die aufgrund der Fondsbestimmungen nach dem Abschied vom Investment-Grade-Rating zügig abverkauft werden, sodass High-Yield-Investoren nur mehr die Hände aufhalten müssen. Boohoo scheint zu zeigen, dass ein überzogener Kursverfall für Non-ESG-Investoren Chancen bietet, auf Mean Reversion und mittelfristig auf ein höheres ESG-Rating zu setzen. So haben dann auch ESG-Pleiten und die Unvollkommenheit der ESG-Ratings ­ihre schönen Seiten.


Anhang:

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