Assekuranzen in Aktion
Eine groß angelegte Umfrage von Goldman Sachs Asset Management unter Hunderten Versicherungen weltweit gewährte tiefgehende Einblicke in die Arbeits- und Denkweise dieser gewichtigen Investorengruppe. Die für die Studie mit dem Titel „Adaptation in Action“ befragten Versicherungen repräsentieren etwa die Hälfte der Gesamtbilanzsumme der globalen Versicherungsindustrie. Die Umfrage beleuchtet Themen wie Asset Allocation, erwartete Risiken und Renditen, geplante Umschichtungen und als zusätzlichen Schwerpun
„Der diesjährige Titel ‚Adaptation in Action‘ bringt die Innovationskraft und Entschlossenheit der Versicherer zum Ausdruck, die sich im komplexen makroökonomischen Umfeld zurechtfinden und die Branche aktiv neu gestalten“, erklärte Mike Siegel, Global Head of Insurance Asset Management and Liquidity Solutions von Goldman Sachs Asset Management (GSAM), anlässlich der Veröffentlichung der mittlerweile 15. jährlichen globalen Versicherungsumfrage seines Hauses. Für die Erhebung wurden im ersten Quartal dieses Jahres 434 Senior Investment Professionals einschließlich Chief Investment Officers (CIOs) und Chief Financial Officers (CFOs) befragt. Die teilnehmenden Unternehmen umfassen das gesamte Spektrum der Versicherungsbranche und bringen gemessen an ihren kumulierten Bilanzsummen rund die Hälfte der weltweiten Versicherungsbranche auf die Waage.
Die Studie gliedert sich in die drei übergeordneten Kapitel „Makroökonomischer Ausblick“, „Investmentausblick“ und „Industrieentwicklungen“. Im letztgenannten Kapitel wird schwerpunktmäßig der KI-Einsatz in der Versicherungsbranche evaluiert.
Zahlreiche Risiken
Zu Beginn des ersten Kapitels (Makroökonomischer Ausblick) arbeitet Goldman Sachs AM die von den Versicherungsmanagern im Rahmen der Befragung am öftesten angeführten makroökonomischen Risiken für ihre Investmentportfolios im Jahr 2026 (Anmerkung: Mehrfachnennungen möglich) heraus. Die größten Sorgen machen Versicherungsmanagern mit jeweils 52 Prozent der Nennungen „Wirtschaftsabschwung / Rezession in den USA“ sowie „Geopolitische Spannungen“. Das Risiko „Bewertungen der Kredit- und Aktienmärkte“ erreicht 46 Prozent und „Inflation“ 42 Prozent. Welche Risiken Investoren noch sehen und wie sich diese Einschätzung im Vergleich zur Umfrage 2025 verändert haben, veranschaulicht die Grafik „Die größten makroökonomischen Risiken“.
Die Investmentprofis bekamen kurz nach der Befragung durch die Studienmacher mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs Ende des ersten Quartals mit ihren Risikoeinschätzungen leider recht. Angesichts dieses militärischen Konflikts und der Sperre der für die Energie- und Rohstoffversorgung westlicher Staaten strategisch wichtigen Straße von Hormus schrieb Jan Hatzius, Chief Economist and Head of Global Investment Research bei Goldman Sachs, als Reaktion darauf in der Studie: „Wir erwarten, dass höhere Energiepreise das Wachstum dämpfen und die Headline-Inflation erhöhen werden.“
Während Hatzius lediglich von einem gedämpften Wirtschaftswachstum ausgeht, sind die Versicherer pessimistischer gestimmt – vor allem was die USA als weltweit größte Ökonomie und bisherige „Wachstumslokomotive“ anbelangt. Immerhin 55 Prozent der Assekuranzen befürchten eine US-Rezession innerhalb der nächsten drei Jahre. Dies ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu lediglich 46 Prozent in der Vorjahresumfrage von 2025.
Da US-Rezessionen oftmals schon weit vor deren statistischer Erfassung den US-Aktienmarkt belasten, erscheint es auf den ersten Blick ein wenig paradox, dass laut Studie trotz des oben geäußerten relativ hohen Konjunkturpessimismus beachtliche 88 Prozent der Investoren von einem positiven Verlauf des S&P 500 Index im Jahr 2026 ausgehen. Zum Vergleich: Einen Bärenmarkt, also einen Kursrückgang von mehr als 20 Prozent, erwartet nur jeder hundertste Anlagestratege. Die Studie zeigt damit einen sehr großen Optimismus für US-Aktien auf, der aus Contrarian-Sicht vorsichtig stimmen könnte. Offenbar hoffen die für US-Aktien optimistisch gestimmten Befragten, dass der US-Konjunktur ein „Soft Landing“ gelingt oder die mögliche Rezession nur schwach und von kurzer Dauer sein wird. Des Weiteren könnte die US-Notenbank wie in der Vergangenheit den Märkten zu Hilfe eilen, um die Leitzinsen zu senken und frische Liquidität in das Finanzsystem zu pumpen. Aber auch die Gewinnresilienz der großen Technologiekonzerne könnte die Märkte stützen.
Mehr Vorsicht
Im zweiten Kapitel (Investmentausblick) thematisiert GSAM, welche Investment-
überlegungen und -pläne die Versicherungen hegen – insbesondere bei ihren Fremdkapitalinvestments, die bei den in der Regel vorsichtig anlegenden Versicherungen aufgrund hoher Gewichtungen im Rahmen der Asset Allocation die Investmentportfolios dominieren. So fragte GSAM nach, ob die Assekuranzen die Credit-Risiken und die Duration auf Sicht von zwölf Monaten erhöhen oder reduzieren wollen. Auf Basis der erhaltenen Antworten errechnete GSAM einen Nettowert (Anmerkung: die Differenz aus Erhöhungen und Reduktionen). Im Ergebnis zeigt sich, dass netto lediglich elf Prozent der Versicherungsmanager ihre Duration erhöhen wollen. Zum Vergleich: In den drei Jahren zuvor lag dieser Wert in einer Bandbreite zwischen (netto) 27 und 37 Prozent.
Eine vergleichbare Zurückhaltung gibt es bei den Credit-Risiken, die netto lediglich 14 Prozent der Versicherer erhöhen wollen. Auch in diesem Fall ist das ein niedrigerer Risikoappetit als in den Vorjahren. Die genauen Aufschlüsselungen im historischen Vergleich können Sie der Grafik „Duration und Credit-Risiken“ entnehmen.
Die etwas defensivere Investorenhaltung beim Eingehen von Credit-Risiken erklärt sich unter anderem dadurch, dass 54 Prozent der Befragten glauben, dass sich der Kreditzyklus in einer späten Phase mit immer schlechteren Kreditqualitäten befindet. Zum Vergleich: In der Vorjahresumfrage betrug dieser Wert lediglich 45 Prozent.
Geplante Investments
Auf die Folgefrage, welche Assetklassen im Speziellen in den nächsten zwölf Monaten erhöht, gleich belassen oder reduziert werden sollen, nannten die Anlagestrategen mit 38 Prozent (Nettowert) am öftesten „Asset-Backed Finance“, die aus regulatorischer Sicht (Solvency II) Versicherungen Vorteile bei der Eigenmittelhinterlegung bringt.
Kevin Sterling, Global Head of Asset Finance and Investment Grade Private Credit bei GSAM, nennt in der Studie weitere Motive, die Versicherungen bevorzugt zu Asset-Backed Finance greifen lassen: „Die Asset-Backed-Finanzierung ist ein wesentlicher Motor für die Expansion von Versicherern in den Bereich der privaten Kreditfinanzierung – sie bietet Diversifizierung, höhere Renditen und solide strukturelle Absicherungen.“
Ebenfalls eine gewisse Absicherung in Form von bevorrechteten Zugriffen
auf das schuldnerische Firmenvermögen sowie höhere Stellungen in der Gläubigerhierarchie bieten in Zeiten eines sich verschlechternden Kreditzyklus zwei andere von den Managern bevorzugten Kreditvarianten: „Investment Grade Private Placements“ (35 %) und Senior Direct Lending (33 %). Damit können Versicherer sowohl dem Bedürfnis nach höherer Sicherheit gerecht werden als auch attraktive Illiquiditätsprämien lukrieren. Auf Platz vier respektive fünf der Nennungen liegen ex aequo „Private Equity“ und „Infrastructure Equity“ mit jeweils 25 Prozent. Wohin Investoren ihre Gelder noch allokieren wollen, zeigt ausführlich die Grafik „Geplante Käufe und Verkäufe“.
Nachdem in den ersten beiden Studienkapiteln klassische Investmentthemen beleuchtet wurden, arbeiteten die Studienautoren im dritten Hauptkapitel heraus, wie weit Versicherungen bei der Adaption von KI in ihre Arbeits- und Investmentprozesse sind.
KI in Aktion
„KI ist eine transformative Kraft, die branchenübergreifend neue Möglichkeiten eröffnet und innovative Lösungen vorantreibt, die die Produktivität steigern und das Wachstum ankurbeln“, zeichnet Marco Argenti, Chief Information Officer bei Goldman Sachs, ein optimistisch gefärbtes Zukunftsbild.
Eingedenk des großen Potenzials von KI setzen selbst die in der Regel konservativ agierenden Versicherungen mehr und mehr auf diese revolutionäre Technik – und das mit großer Dynamik.
Verwendeten im Jahr 2024 erst 29 Prozent und 2025 erst 48 Prozent der Versicherungen KI, ist dieser Wert im Jahr 2026 auf beachtliche 62 Prozent gestiegen. Spiegelbildlich erwägen dieses Jahr 34 Prozent erstmals einen KI-Einsatz, und lediglich vier Prozent zählen zu den Verweigerern.
Hauptgrund für den KI-Einsatz ist für beachtliche 83 Prozent aller Versicherungsmanager das Motiv, „operative Kosten zu senken“. Mit deutlichem Abstand folgen weitere Motive beziehungsweise der Einsatz bei firmeninternen Aktivitäten wie die „Evaluierung von Investments“ (42 %), „Zeichnen von Versicherungsrisiken“ (38 %) oder „Marketing/Kundengewinnung“ (33 %). Mehr Details dazu können Sie der Grafik „KI-Einsatz in der Praxis“ entnehmen.
Vor dem Hintergrund, dass Versicherungen zu den größten und damit wichtigsten Kapitalanlegern der Welt gehören, interessierte die Studienersteller, inwieweit KI die Investmententscheidungen, insbesondere was das zugrunde liegende Research anbelangt, beeinflusst. Dabei zeigt sich, dass 47 Prozent der Versicherungen KI bevorzugt für die Analyse „breiter Markttrends“ verwenden. 36 Prozent analysieren mittels KI „Unternehmen“ und 18 Prozent „Anlageklassen“.
Investmentpotenzial
KI dient jedoch nicht nur aus firmeninterner Sicht der Senkung operativer Kosten oder als Analyse- und Optimierungstool hausinterner Abläufe, sondern schafft außerhalb des eigenen Unternehmens interessante Investmentgelegenheiten. Schließlich benötigt eine leistungsstarke KI, die „state of the art“ sein möchte, hohe Kapitalinvestitionen in Software, Hardware und vor allem die Errichtung leistungsstarker Rechenzentren. Hinzu kommt der notwendige höhere Energiebedarf zur Betreibung der für KI notwendigen Infrastruktur.
„Wir sind davon überzeugt, dass KI und die digitale Infrastruktur der nächsten Generation eine der umfassendsten und bedeutendsten Investitionschancen unserer Zeit bieten“, erklärt Leonard Seevers, Partner und Spezialist für digitale Infrastrukturinvestments im Bereich Private Equity bei Goldman Sachs AM. „Angesichts der enormen Rechenleistung und der Entwicklung der entscheidenden Lieferketten, Komponenten und Dienstleistungen, die zur Deckung des steigenden Bedarfs erforderlich sind, sehen wir eine Welle beispielloser Chancen für Investoren, in allen Bereichen des KI-Ökosystems Wert zu schaffen.“
Diese Überlegungen stellen die meisten der befragten Versicherungen ebenfalls an, die aus Investorensicht die größten Renditegelegenheiten (56 % aller Nennungen weltweit) bei „Infrastruktur/Rechenzentren“ orten. Des Weiteren nannten die Versicherungen als interessante Investmentopportunitäten „Versorger/Energieproduzenten“ und die Anbieter von „Software“ und „Hardware“. Welche Schwerpunkte Investoren setzen wollen, zeigt die Grafik „Renditechancen durch KI“.
KI sorgt nicht nur bei den „Schaufelverkäufern“ dieses modernen „digitalen Goldgräber-Booms“ für Fantasie, sondern könnte darüber hinaus anderen Branchen ein Produktivitäts- und damit Kursteigerungspotenzial verschaffen. Eingedenk immer leistungsstärkerer KI sehen Versicherungen die Branchen „Technologie“, „Gesundheitswesen“ und „Finanzdienstleistungen“ als die größten KI-Profiteure auf Sicht von fünf Jahren.
Anton Altendorfer