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2/2019 | Steuer & Recht
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Zwang zum Guten

Die ESG-Regulierungswelle rollt und löst einen gesellschaftlichen Druck aus, der es die längste Zeit zu verunmöglichen schien, sich kritisch zu dem Thema zu äußern. Jetzt formiert sich jedoch erster Widerstand gegen auftretende Fehlentwicklungen.

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Ob die ESG-Regulierung für Investoren dazu führt, dass mehr Geld in „gute“ Projekte fließt und „schlechte“ Projekte nicht mehr finanziert werden, ist keineswegs sicher. Und ob dadurch die nachhaltige Entwicklung letztlich vorangetrieben wird, ebenso wenig.

© Christoph Hemmerich, stockpics | stock.adobe.com

Der Starinvestor Bert Flossbach ist in der Öffentlichkeit zwar für klare Worte bekannt, nicht jedoch für Wutausbrüche. Seine Abrechnung mit dem Thema ESG war aber in ihrer Intensität bemerkenswert und entsprechend schlagzeilenträchtig. Zur Erinnerung: Im vergangenen Frühjahr verglich er die Entwicklungen im Nachhaltigkeitsbereich mit denen der Finanzkrise – allerdings mit einem Unterschied: „Derzeit ist es nicht Gier, die das Hirn frisst, sondern bedauerlicherweise der Wunsch nach ­einem reinen Anlagegewissen.“ Der Vorwurf saß. Scheinheiligkeit, gepaart mit Dummheit, sei demnach der ­Treiber des ESG-Booms. Doch ist das nur die Einzelmeinung eines auf Daten und Fakten getrimmten, streng objektiv agierenden Investors, oder steckt hinter dieser ­geharnischten Kritik mehr? Sind Investoren, insbesondere institutionelle Investoren, die richtigen Adressaten, um den Kli­mawandel zu stoppen? Wie effektiv ist der Ansatz, Investoren durch regulatorische Zwänge zu ESG-Investments zu bewegen – werden auf diese Weise die angestrebten Ziele erreicht? Und nicht zuletzt die Frage: Wie sieht es mit den Kosten und Risiken aus?

Eine neue Kritiker-Front

Geht man diesen Fragen nach, stellt man fest, dass Flossbach bei Weitem nicht der Einzige ist, der mit der aktu­ellen Entwicklung beim ESG-Thema seine Probleme hat. Selbst Vertreter von Stiftungen, deren Auftrag lautet, sich für besagte Ziele einzusetzen, beginnen die derzeit verfolgten Ansätze mit Skepsis zu betrachten. So ortet etwa Petra Träg, Geschäftsführung der SOS-Kinderdorf-Stiftung, beim Pushen von ESG-Fragen mehr oder weniger ein Abputzmanöver der Politik: „Die ESG-Regulierungen, über die Kapitalanleger einbezogen werden, sind im Grunde ein Zeichen dafür, dass die Nachhaltigkeitsziele durch die bisherigen Maßnahmen nicht erreicht werden. Deswegen werden die Kriterien für nachhaltige Kapitalanlagen im Rahmen der EU-Taxonomie definiert.“ Investoren sollen also richten, was die Politik nicht geschafft hat. Aus Sicht der Politiker ist dieser Weg nicht ­ungeschickt: Erstens haben Kapitalströme naturgemäß den größten Einfluss auf wirtschaftliche Entwicklungen, und zweitens müssen politisch Verantwortliche auf diese Weise selbst keine unpopulären Entscheidungen treffen.

Einen offenbar bewusst herbeigeführten Zuständigkeitsverlust ortet auch Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI- Gruppe: „Wenn das zuständige Verkehrs­ministerium schon auf seiner Webseite proklamiert, man solle alle Ideen weglassen, die Leute verärgern könnten, kann man nur feststellen: So gelingt die Verkehrswende und damit auch der Klimaschutz nicht.“ Oliver Roll, Gründer der Beratungsgesellschaft 4AlphaDrivers, der ausdrücklich ­betont, dass er die ESG-Ziele begrüßt, sieht eine „Problematik, die dadurch entsteht, dass der Prozess oktroyiert wird – der Zwang ist das Problem. Wir müssen auch den Investoren ‚Diversity‘ in den jeweiligen Ansätzen lassen, um kreative Lösungen und Wege zu suchen. Alles andere sind massive Eingriffe in die Eigentumsrechte – und da geben wir vielleicht mehr auf, als wir ­gewinnen, bloß weil wir momentan diese Ziele gut finden.“

Störender Definitionsmangel

Was viele Akteure, die bisher noch nicht auf einem klaren ESG-Kurs segeln, an der Thematik stört, ist ihre Schwammigkeit. „Die ESG-Kriterien gibt es nicht – und die richtige Lösung schon gar nicht. Am Ende kann sich der Vermögensverwalter irgend­etwas aus einem großen Lösungstopf aus­suchen. Ob das aber der Umwelt hilft, ist fraglich“, meint etwa Frank Wieser. Er ist Kuratoriumsmitglied und Finanzverantwortlicher der Schmitz Stiftungsgruppe in Düsseldorf und Vermögensbeirat im Münchner „Haus des Stiftens“. Wieser rechnet nicht mit einer spürbaren Allokationswirkung durch die ESG-Regulierung: „Institutionelle Anleger achten sicherlich auf die Nachhaltigkeit der Vermögensanlage und haben dies schon immer getan. Mit großen Alloka­tions­veränderungen muss man aber nicht rechnen. Entweder haben institutionelle Anle­ger diese Kriterien schon immer berücksichtigt, oder die Projekte sind schlichtweg zu klein, um einen echten Effekt zu ­haben.“ Zur regulatorisch geforderten höheren Transparenz hinsichtlich nachhaltiger Kriterien meint er: „Durch das ESG-Reporting wird die Welt mit Sicherheit nicht besser, aber eine Verbesserung ergibt sich womöglich dadurch, dass man zum ersten Mal in dieser Dimension über ESG in der Finanzanlage spricht.“ Dieser Punkt wird von vielen Akteuren als wohl zentralste Auswirkung einer gesetzlichen ESG-Vorgabe für Investoren gesehen: Selbst Gegner der Idee müssen sich mit ihr beschäftigen und werden unweigerlich für die Thematik sensibilisiert.

Lenkungsmechanismus versagt

Bewusstsein zu schaffen, ist ein ehrenwertes Ansinnen, das entscheidende Ziel muss aber darin bestehen, Geldströme in Bereiche umzuleiten, die für die Klimaschutzziele und ähnliche Anliegen vorteilhaft sind. Dass eine ESG-Regulierung das bewirken kann, wird von Frank Wettlauffer schwer in Zweifel gezogen. Er leitete 13 Jahre lang das Geschäft mit institutionellen Kunden bei der Bank Sarasin und arbeitet heute als unabhängiger Berater – unter ­anderem für einen nachhaltig ausgerichteten Fonds. Wettlauffer: „Wir können noch so viele konventionelle Anlagen durch Umwidmung in Nachhaltigkeitsfonds ‚grün‘ machen und den Grad des ‚Grünseins‘ ­zertifizieren lassen – für eine nachhaltige Entwicklung bringt das fast nichts, zumindest keine Zusätzlichkeit.“ Den Grund für den man­gelnden Zusatznutzen sieht er in der dienenden Funktion des Finanz­sektors: „Nur in den seltensten Fällen werden Kapitalinhaber auf die Idee kommen, eine attraktive grüne Investition durchzuführen, und sich dann den Projektentwickler, das Grundstück, die Produktionsanlage, die Mitarbeiter und die Abnehmer suchen.“

Vielmehr sei üblicherweise ein Unternehmer der Auslöser, und die Kapitalgeber hätten nur eine passiv-komplementäre Funktion. Sie entscheiden: Ist das Projekt unter Rendite-Risiko-Gesichtspunkten attraktiv? „Falls ja, wird es finanziert, falls nein – dann nicht“, so Wettlauffer. Dabei sei anzunehmen, dass sich ­eine Finanzierung zu risikoadäquaten Konditionen finden lasse, solange eine Unternehmung legal und aussichtsreich ist – und zwar unabhängig davon, ob die Anlage nachhaltig sei oder nicht. „Möchte die ­Politik die Kapitalströme zugunsten von nachhaltigen Investitionen lenken, dann muss sie durch Änderungen der politischen Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass sich diese besser rechnen. Dann kommt die Finanzierung von ganz allein“, ist Wettlauffer überzeugt.

Parallele zu Juncker-Fonds

Die Problematik ähnelt dabei jener, die für den „Europäischen Fonds für strategische Investitionen“ (EFSI) von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker befürchtet wird. Mithilfe des Juncker-Fonds sollten Infrastrukturinvestitionen im Umfang von 315 Milliarden Euro angestoßen werden. Kritiker des Fonds bezweifeln aber, dass dadurch tatsächlich Projekte finanziert werden, die sonst nicht durchgeführt worden wären. Sie vermuten, dass lediglich ­ohnehin geplante Projekte so umformuliert und angepasst werden, dass sie EFSI-­förderfähig werden.

Positiv-Beispiele

Dass gute Regulierung in ESG-Fragen hilfreich sein kann, sehen aber auch Prak­tiker aus dem Asset Management so. So führt etwa der innovationsfreudige Acatis-Chef Hendrik Leber als gelungenes Beispiel für gut gesetzte Rahmenbedingungen die Regulierung der Fangquoten an, die das Leerfischen der Meere verhindern soll. Da die Politik hier gute Grundparameter fest­gelegt habe, hätten sich Unternehmen darangemacht, statt Hochseefischerei profitable Aquakulturen und Krebszuchtteiche zu betreiben. „Der Staat hätte nie so viel Fantasie wie private Unternehmen. Daher sollte er nicht zu detailliert eingreifen, sondern lediglich intelligente Parameter festlegen. Die ­Industrie folgt dann sehr schnell und effizient. Moderne Technologie macht dabei bestimmte Prozesse effizienter oder überhaupt erst möglich“, meint Leber.

Wie einst die Gurke

Auch für die UN-Nachhaltigkeitsziele kann er sich erwärmen: „Sie stellen generelle Ziele der Menschheit dar, die auch von privaten Unternehmen als solche erkannt und verfolgt werden, um den Menschen die gewünschten Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Sie im Auge zu behalten, halte ich für sinnvoll.“

Die EU scheint in ihrem Ansatz zur ESG-Regula­torik aber grosso modo eher dem ­legendären Gurkenkrümmungsgrad-Gebot zu folgen. Ähnlich wie im Jahr 2004, als die Union zum Kopfschütteln vieler die zugelassene Krümmung von Gurken ausdefinierte, könnte auch dieses Mal über das Ziel hinausgeschossen werden. Die entsprechenden Gesetzgebungsvorschläge umfassen Regelungen zu Investorenpflichten und ­Offenlegungsanforderungen, zur Klassifizierung von Nachhaltigkeit, zu Indizes und Richtwerten sowie zu Beratungspflichten. So sieht Artikel 30 der EbAV-II-Richtlinie laut Einschätzung der Schweizer Beraterfirma MME vor, dass Pensionskassen und Pensionsfonds eine schriftliche Erklärung über die Grundsätze ihrer Anlagepolitik ausarbeiten.

Dabei haben die Unternehmen auch auf die Frage einzugehen, wie bei der Anlagepolitik Belangen aus den Bereichen Umwelt, Soziales und der Unternehmensführung Rechnung getragen wird. Die Unternehmen müssen einen transparenten Prozess dokumentieren, der klarmacht, wie und warum sie in welche Anlagen investieren und wie sie sicherstellen, dass dabei ESG-Kriterien erfüllt werden. Als Instrument ­dafür sind unter anderem Negativ- und ­Positivlisten vorgesehen. Weiter steht für deutsche Versicherer und Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung die Pflicht zu Szenarioanalysen und Klimastresstests im Raum. Damit könnten die Finanz­dienstleis­ter umweltbezogene Risiken in den Unternehmen besser identifizieren, bewerten, überwachen, steuern und kontrollieren, lautet eine Einschätzung der deutschen Finanzmarktaufsicht BaFin.

Umsetzungsschub

Gerade im Risikomanagement wird die Finanzbranche laut MME-Ansicht noch nachrüsten müssen: Laut einer Branchenumfrage, die die BaFin Anfang vergangenen Jahres durchgeführt hat, wenden erst rund sechs Prozent der Erst- und Rückversicherungsunternehmen und der Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung bereits Klimastresstests im Rahmen des Kapitalanlage-Risikomanagements an (Anm.: Für weitere Ausführungen zu den ESG-Regulatorien siehe Artikel „Immer noch vage“).

Vor der Vielschichtigkeit dieser Aufgabe warnt Roll: „Die Kapitalanlage für insti­tutionelle Investoren ist bereits komplex. Denken Sie an Regulierungswerke wie Solvency II oder Basel III.“ Er verweist darauf, dass es die Aufgabe der Investoren sei, mit niedrigen Beiträgen eine möglichst hohe Rendite zu erreichen. „Das im bereits so lang anhaltenden Niedrigzinsumfeld zu bewerkstelligen, ist herausfordernd genug. Wenn jetzt den Kapitalanlageverantwortlichen auch noch gesellschafts- und industriepolitische Ziele angehängt werden, ist das möglicherweise eine Überfrachtung der Aufgaben der Kapitalanlageverantwortlichen.“ Er rät davon ab, die Komplexität und die Verantwortung der Investoren und der Kapitalsammelstellen auf diese Weise zu erhöhen.

Blick Richtung USA

Wenn es um Regulatorien geht, schielen Marktverfechter wie Leber gern in Richtung USA. Denn wie beispielsweise auch Cydney Posner, Anwältin in der ­international aufgestellten Kanzlei Cooley, auf dem Harvard Law School Forum on Corporate Governance and Financial Regulation festhält, „ist in den USA die Regulatorik im Gegensatz zum Rest der Welt zurückgefahren worden“. Das ist aus Lebers Sicht nicht zum Schaden der Gesellschaft geschehen. Er gibt ein Beispiel: „Ich habe neulich in den USA den ‚Impossible Burger‘ getestet. Er enthält einen Blutersatzstoff, der aus gentechnisch veränderter Hefe produziert wird und beim Braten den Geschmack von Fleisch liefert. Dieses Essen kommt zwar aus dem Bioreaktor, aber es ist vegan, erspart Massentierhaltung und die damit oft einhergehende Rodung von Wäldern. Bei Firmen wie Beyond Meat und ­zukünftig auch Impossible Foods können Investoren ohne Zwang durch ESG-Regulierung investieren“, so Leber.

Auch die Firma Cargill hat es dem Asset Manager angetan. Sie stellt in ihrer Bio­raffinerie in Blair, Nebraska, aus Mais ein Stevia-identisches Süßungsmittel her, das die menschliche Ernährung positiv verändern kann, da es ein Zuckerersatzstoff ist. „Damit lässt sich die in den USA sehr weit verbreitete Krankheit Diabetes eindämmen und Fettleibigkeit vorbeugen“, erklärt ­Leber. „Das Unternehmen macht prima ­Gewinne, weil es seine Produkte gut absetzen kann!“ Oder die US-Eisenbahngesellschaft Burlington Northern Santa Fé, Teil von Berkshire Hathaway, die Drohnen und modernste Technologie einsetzt, um die Strecke im Vorfeld zu prüfen. „Das Unternehmen erhöht die Sicherheit und die Attrak­tivität des Bahntransports, was wiederum hilft, den klimabelastenden Individualverkehr einzudämmen“, sagt Leber. „Die Dinge müssen sich rechnen. Dazu muss der Gesetzgeber die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Dann sorgen die kapitalistischen Prinzipien von allein dafür, dass Investoren darin investieren.“

Rent-Seeking

Die Vehemenz, mit der im Gegensatz zu den USA immer mehr ESG-Regeln über die Marktteilnehmer hereinbrechen, hat laut 4AlphaDrivers-Chef Roll nicht zuletzt mit dem wachsenden Einfluss der dahinter stehenden – und entstehenden – ESG-Industrie zu tun. Laut Roll geht es schlicht um „Rent-Seeking“, also die Generierung von Einnahmen ohne echte Wertschöpfung: Unternehmen, staatliche Einheiten und Asset Manager müssen bereits jetzt ein umfangreiches ESG-Reporting erstellen, wozu entsprechende Experten gebraucht werden. Es bedarf neutraler ESG-Siegel und Labels, was ebenfalls viele in Lohn und Brot bringt.

„ESG-Index-Provider und Datenanbieter freuen sich, denn sie werden mit neuen ­Aufträgen nur so überhäuft. Schließlich verkauft sich fast keine Anlage mehr ohne ESG-Siegel oder eine entsprechende Benchmark“, beobachtet Roll. Hinzu kommen Weiterbildungsanbieter, Konferenzorganisatoren, neue Verbände, ­Interessengruppen und Initiativen, die sich gezielt für das eine oder andere SDG-Ziel einsetzen. Viele schließen sich an, weil zum einen die Zielsetzung sympathisch ist, und zum anderen erfordert es der gesellschaftliche Druck.

Kontraproduktiv

Dieser Trend könnte aber auf lange Sicht kontraproduktiv werden und den Anliegen der ESG-Verfechter sogar zuwiderlaufen – bespielsweise, indem er paradoxerweise zu einem Fachkräftemangel im realen Nachhaltigkeitsbereich führt. Denn schon jetzt bindet die Asset-Management-Branche viele gut ausgebildete Talente, die im eigent­lichen Produktionssektor, nämlich bei der Konstruktion und der Weiterentwicklung von Produkten und der effizienteren Gestaltung von Produktionsprozessen, fehlen.

Wenn nun die Komplexität im Asset-­Management-Sektor weiter erhöht wird, ist davon auszugehen, dass noch mehr Talente von den produktiven Bereichen abgeworben werden. Erste Klagen von Ent­wick­lungs­hilfeorganisationen gibt es bereits, wonach ihre Mitarbeiter von Anbietern von Nachhaltigkeitsindizes oder -labels abgeworben werden, da diese sich mit dem ­Thema der Nachhaltigkeitsmessung bereits auskennen.

Die besten Köpfe wandern ab

Doch auch auf einer ganz anderen Ebene könnte die ESG-Dynamik laut Wettlaufer im Finanzsektor zu negativen Effekten in der realen Nachhaltigkeitsindustrie führen: „Der ­Aktionismus der Politiker verhindert effektive realwirtschaftliche Maßnahmen, da ,ja schon etwas getan wird‘. Wenn Politiker ­damit beschäftigt sind, den Finanz­sektor zu regulieren, können sie nicht gleichzeitig ­andere – effektive – Gesetze zur nachhal­tigen Entwicklung verabschieden.“ Womöglich gilt auf Ebene des individuellen Anlegers Ähnliches: „Warum sollte man sich für ein energiesparendes Auto entscheiden, wenn man schon durch grüne Kapitalanlagen CO2 einspart? Die Augenaus­wischerei dürfte also zu weniger nachhal­tigem Verhalten der Konsumenten führen. Insofern sind nachhaltige Kapitalanlagen für eine nachhaltige Entwicklung wahrscheinlich sogar kontraproduktiv“, befürchtet Wettlauffer.

Religiöse Züge

Problematisch ist aus Rolls Sicht, dass ­eine objektive Diskussion der ESG-The­matik kaum mehr möglich scheint. Ganz im Gegenteil ortet er bereits „eine Art säkulare Religion, die zuweilen Züge annimmt, die so etwas wie ‚Orthodoxie‘ einfordern. Die Diskussion bringt wie bei theologischen Diskussionen im Mittelalter auch Häresievorwürfe mit sich: Wer nicht dafür ist, wird schnell als Nachhaltigkeitsverweigerer verunglimpft.“ Die Dogmatik in der Diskus­sion lasse kaum Fragen zu, was die Krea­tivität bei der Lösungsfindung massiv einschränke. „Es geht um die Rettung unseres Planeten, die Erneuerung der Wirtschaft und darum, diese Welt zu einem besseren Platz für die Menschheit zu machen. Bei derart groß angelegten Zielen muss man die Dinge immer wieder hinterfragen und kreativ – ­also auch abweichend – denken dürfen“, fordert Roll.

Nicht weit genug

Die Verfechter einer möglichst aktiven ESG-Politik sehen all das natürlich dia­metral entgegengesetzt. So bemängelt das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), dass oft nur die ökologische Komponente Berücksichtigung findet. Der FNG-Vorstandsvorsitzende Volker Weber sagte hierzu: „Ein alleiniger Fokus auf die EU-Klimaziele wird dem Nachhaltigkeitsthema nicht gerecht und kann sogar kontraproduktiv zu den Zielen des EU-Aktionsplans sein, weil damit wichtige soziale Aspekte wie Respekt vor Arbeits- und Menschenrechten sowie die Governance der investierten ­Unternehmen nicht berücksichtigt werden.“

Angelika Delen, Head of Institutional & Distribution Clients, and SRI beim Beratungsunternehmen Mercer, ist der Meinung, dass Politik und Investoren bei der Erreichung von ESG-Zielen Hand in Hand ar­beiten müssten. „Die natürlichen Ressourcen sind ein zentrales Thema, das gesellschaftlich in den Vordergrund gerückt ist. Die öffentliche Hand kann diese Dinge nicht ohne den Privatsektor managen. Die Investoren haben ein besonderes Fach­wissen und sollten sich hier auf jeden Fall engagieren“, erklärt sie, und weiter: „Die ­sozialen und umweltpolitischen Probleme werden uns alle treffen. Und es wird sich jeder benachteiligt fühlen, der als Erster zur Lösung beitragen soll. Die Investoren ­werden sich ohnehin damit beschäftigen müssen, weil sich bei Investitionen immer die Frage nach der Nachhaltigkeit stellt. Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, versteht auch seine Risiken viel besser.“

Abschließend lässt sich sagen, dass in Europa niemand die Vorzüge oder die Notwendigkeit von nachhaltigen Zielen in Zweifel zieht. Der Disput entfacht sich an der Frage, wie viel lenkende und wie viel unsichtbare Hand eingesetzt werden soll. Übertreibungen gibt es in beide Richtungen. Derzeit scheint für die Europäische Union  die größte Gefahr jedoch darin zu bestehen, dass ESG zum Selbstzweck und somit zu ­einem hohlen ­Begriff wird.

Anke Dembowski


Anhang:

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