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4/2021 | Steuer & Recht
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Wundervolle Datenwelt

Immer mehr Daten werden benötigt, auch um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Mit dem European Single Access Point (ESAP) sollen Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten von Unternehmen gesammelt und Nutzern zur Verfügung gestellt werden.

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GDV und BVI drängen im Schulterschluss auf eine zeitnahe Umsetzung der zentralen Datenplattform ESAP sowie auf einen effizienten, automatisierten Datenzugang. Die Hoffnung ist, dass durch den ESAP die Marktmacht der Datenprovider eingedämmt wird.

© BVI, Siarhei | stock.adobe.com

Was sich da entwickelt, könnte der Traum von Investoren und Asset Managern werden – und der Alptraum kommerzieller Datenanbieter: der European Single ­Access Point (ESAP). Zu diesem EU-Projekt will die EU-Kommission Ende November 2021 einen Gesetzentwurf veröffentlichen, auf den Investoren warten. Sie wollen, dass dieses Projekt zügig vorangetrieben wird.

Der ESAP ist ein Teilstück des Green Deal und des EU-Aktionsplans. Investoren und Asset Manager sehen ihm äußerst positiv entgegen, denn sie stehen unter Druck: Sie sind auf eine zunehmende Fülle von Daten angewiesen, um ihre finanzielle und nichtfinanzielle Berichterstattung bewerkstelligen zu können. Die Regulatorik verpflichtet sie, Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Investments zu berücksichtigen und über den Erfüllungsgrad zu berichten. Seit 10. März 2021 müssen sie die Offenlegungsverordnung anwenden und ihre Dokumentation entsprechend erweitern. Dazu benötigen Investoren Daten ihrer Portfolioinvestments. Da die Ansprüche an die Berichterstattung immer weiter hochgeschraubt werden, wächst der Datenbedarf.


Enormer Bedarf an Daten
Doch die Investoren fühlen sich in die Arme von Datenanbietern getrieben. Für den Bezug von Finanz- und insbeson­dere von Nachhaltigkeitsdaten müssen sie mittlerweile tief in die Tasche greifen. Zweiflern an dieser Tatsache sei ein Blick auf den Börsenkurs des Daten- und Indexanbieters MSCI Inc. (US55354G1004) empfohlen. Dass sich dieser in den vergangenen fünf Jahren mit einem Plus von 683 Prozent fast versiebenfacht hat, zeigt, wer hier am längeren Hebel sitzt und zu den Profiteuren des Nachhaltigkeitstrends gehört.

Bereits am 18. Dezember 2020 hat die EU-Kommission einen ersten Entwurf für den ESAP veröffentlicht, der bis 12. März 2021 zur Konsultation gestellt war. Die EU-Kommission muss erst die Ein­gaben von 183 Parteien verarbeiten, sodass nun bis  23. November 2021 ein weiterentwickelter ESAP-Entwurf erwartet wird. „Der Entwurf wird noch viele technische Fragen offenlassen, aber er ist ein wichtiger Schritt, um die Verfügbarkeit von Daten für Fondsgesellschaften zu verbessern und die zunehmenden regulatorischen Meldepflichten kostengünstiger erfüllen zu können“, dämpft Rudolf Siebel die Hoffnung darauf, dass darin schon alle Details festgelegt sind. Siebel ist Geschäftsführer des deutschen Fondsverbandes BVI.


Jeder will Daten
Die Idee hinter dem ESAP ist folgende: Bereits jetzt sind die meisten Unternehmen verpflichtet, Informationen zu veröffentlichen, aber sie werden in den unterschiedlichsten Registern gesammelt: an den Börsen, im Handelsregister, bei den Gewerbeämtern – nicht zu vergessen die Jahresberichte und Internetseiten. Die Unternehmen sind es also gewöhnt, eine Vielzahl von Daten zusammenzutragen und an bestimmte Stellen zu liefern.

In Zukunft sollen die Unternehmen, die ohnehin ihre Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten liefern müssen, diese in ­eine konsolidierte europäische Datenbank einspeisen. Zwei Dinge erhofft man sich davon: Auf der einen Seite sollen Investoren dadurch Zugang zu Unternehmensinformationen erhalten, was auch die leidige Abhängigkeit von den Datenlieferanten verringern könnte. Auf der anderen Seite will man kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) den Zugang zu Kapital erleichtern, was ja ebenfalls ein Ziel der Kapitalmarktunion ist.

Auch in den USA gibt es eine konsolidierte Datenplattform: die Electronic Data Gathering and Retrieval Platform, kurz: EDGAR.


Schulterschluss GDV/BVI
Den Investoren ist die in Europa ent­stehende Datenquelle so wichtig, dass BVI und GDV am 30. August 2021 einen gemeinsamen Brief an die EU-Kommission geschrieben haben. Darin betonen sie ihre zwei wichtigsten Wünsche in Bezug auf den ESAP:

  • Das Projekt soll mit zeitlicher Präferenz behandelt werden, denn die Zeit drängt.
  • Der ESAP soll konzeptionell und technisch so aufgebaut werden, dass ein nahtloser automatisierter Datentransfer stattfinden kann, der möglichst wenige Re­striktionen beinhaltet.


Rudolf Siebel erklärt, warum die Zeit drängt: „Voraussichtlich wird der ESAP nicht vor 2025 zur Verfügung stehen. Die Asset Manager brauchen die Daten aber schon Anfang 2023, denn ab dann müssen sie die Taxonomie- und Transparenzverordnung erstmalig anwenden und detailliert nachteilige Auswirkungen von Investitionsentscheidungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren veröffentlichen. Wenn die Asset Manager bis dahin nicht über den ESAP auf die notwendigen Daten zugreifen können, werden sie die Informationen von kommerziellen Datenanbietern kaufen müssen.“

Bei allem Drängen auf der Zeitachse ist Investoren und Asset Managern aber auch wichtig, dass der ESAP von Beginn an ­praxistauglich ist. „Damit ESAP ein Erfolg wird, dürfen die Fehler bei früheren europäischen Großprojekten – etwa der European Rating Plattform – nicht wiederholt werden“, schreibt der GDV in einer Verlautbarung. Die European Rating Plattform (ERP) wurde von der ESMA im Dezember 2016 eingeführt, um Nutzern einen Zugang zu kostenlosen Informationen über Ratings und Ratingausblicke zu bieten. Am Ende war die Integration der ERP-Daten jedoch beschwerlich und hat in der Praxis nicht zum gewünschten Erfolg geführt.

In ihrem Schreiben erläutern GDV und BVI daher, welche Anforderungen sie an das Konzept des ESAP und an die Datenqualität haben. Eine Voraussetzung für hohe Datenqualität und die leichte Nutzbarkeit der Daten ist, dass die Vorgaben für die ESAP-Datenfelder klar definiert werden. Hier fordern die beiden Verbände, dass ­Begriffsdefinitionen, Bezugszeiträume und Maßeinheiten vorgegeben werden. Das sei unter anderem wichtig, um die Vergleichbarkeit der Daten von Unternehmen zu ­Unternehmen und von Land zu Land sicherzustellen.


Klassifizierung der ­Taxonomie
Und weil man gerade dabei ist, sollten die Daten auch so strukturiert sein, dass die User sie entsprechend der von der EU-­Taxonomie genutzten Klassifizierung von nachhaltigen Aktivitäten (NACE) weiterverwenden können. Das bedeutet, dass die beiden Ebenen Unternehmen (LEI/ISIN) und Sektor (NACE) technisch verknüpft werden können.

Die Nutzer wollen die Daten aber nicht nur automatisiert beziehen, sondern auch automatisch weiterverarbeiten können. ­Daher soll der ESAP „als eine einheitliche Datenbank konzipiert sein und keine Kaskadenstruktur, zusammengesetzt aus verschiedenen Datenbanken in den jeweiligen europäischen Mitgliedstaaten, aufweisen“, fordert der GDV. Außerdem benötigen die User der Datenbank Rechtsklarheit hinsichtlich des Zugangs, der Verwendung, Verarbeitung sowie Speicherung und Weitergabe der ESAP-Daten. Das wäre gewährleistet, wenn ­lediglich eine einzige Datennutzungsvereinbarung mit einem Datenbankbetreiber – nämlich ESAP – geschlossen werden müsste. Die Notwendigkeit für eine Vielzahl an Nutzungsvereinbarungen mit verschiedenen über den ESAP verknüpften Datenbanken möchte man vermeiden.


Auch für Immobilien
Spricht man mit Asset Managern aus dem Immobilienbereich, würden diese gern sehen, dass der ESAP auch einheitliche Datenformate über Immobilien bereitstellt. „Soziale und Governance-Daten beziehen sich eher auf Unternehmen, die am Ende Mieter unserer Objekte sind oder Transak­tionspartner. Ökologische Daten lassen sich auch bei Immobilien gut erfassen. Wir benötigen die Daten auf Objektebene, weil unsere Investoren immer öfter nach den ökologischen Daten auf Fondsebene fragen“, erklärt Dariush Almasi. Er ist Head of Investment and Asset Management Germany bei Mimco Asset Management in Berlin.

Die Environmental Due Diligence gewinnt auch im Immobilienbereich eine immer höhere Bedeutung, denn sie bestimmt nicht nur die Investitionsbereitschaft potenzieller Käufer, sondern auch die Kreditvergabewilligkeit der Finanziers. „Früher wurde der letzte Euro in die Architektur gesteckt, heute eher in die Nachhaltigkeit“, ­beobachtet Almasi. Entsprechend verteuert sich auch die Datenerfassung. „Sicher sind die erhobenen Daten und Labels, die wir beziehen, jeden einzelnen Euro wert, aber sowohl die Anforderungen als auch die Preise steigen. Haben wir früher für eine Environmental Due Diligence bei einem klassischen Mehrfamilienhaus einen vierstelligen Betrag bezahlt, sind es heute eher 10.000 bis 15.000 Euro.“

Er stellt fest, dass die ESG-Fragenkataloge zu Immobilien in den einzelnen Ländern heute noch sehr unterschiedlich sind. Sein Wunsch wäre ein einheitlicher Fragenka­talog, damit er europaweit einheitliche ­Modelle anwenden kann. „Die Investoren möchten ja zunehmend grenzüberschreitend investieren“, so Almasi.

Eine einheitliche und transparente Datengrundlage mit gemeinsam definierten Begriffen wären ihm durchaus etwas wert. „Bisher beziehen wir unsere Daten aus vielen unterschiedlichen Quellen, vom Handelsregister bis hin zu Daten verschiedener Immobilienverbände sowie Datenplattformen. Da wäre eine einheitliche Datengrundlage über den ESAP schon sehr hilfreich. Aber die Daten sollten im Netzwerk sowie intuitiv nutzbar sein, ähnlich wie bei Xing oder LinkedIn“, wünscht sich Almasi.


Kosten
Zu welchem Preis die Datenbank ESAP genutzt werden kann, steht noch nicht fest. „Ich nehme an, dass es auf jeden Fall ein kostenpflichtiges Angebot sein wird. Aber wenn die Daten gut genug sind, sind wir ­natürlich bereit, etwas dafür zu bezahlen“, meint Almasi.

Die bisherigen Datenanbieter dürften der Entwicklung des ESAP mit gemischten ­Gefühlen begegnen. „Ich habe schon erste kritische Reaktionen der Datenanbieter gehört“, sagt Almasi vorsichtig. „Das ist eine logische Folge, wenn es einen neuen Wettbewerber gibt.“

Auch wenn sich der BVI ein für die Nutzer kosten- und lizenzfreies Angebot wie bei der EU-Ratingdatenbank ERP der ­ESMA wünscht, geht er nicht unbedingt davon aus, dass der Datenbezug kostenlos sein wird. „Soweit die Unternehmen ihre Daten direkt einliefern, könnte das Angebot kostenlos sein. Heute werden Finanzdaten von den Unternehmen aber an Handelsregister geliefert, die teilweise die Daten nur kostenpflichtig an Nutzer abgeben. Es ist daher fraglich, ob die Handelsregister ihre Daten, beispielsweise Jahresberichte, kostenlos an den ESAP liefern. Aber auch die anderen Datenanbieter werden sich nicht auf eine völlig kostenfreie Bereitstellung einlassen, insbesondere nicht von ESG-Ratings und 
-Analysen. Wir setzen uns dafür ein, dass der Bezug der Nachhaltigkeitsinformationen aus dem ESAP nicht zu einem zusätzlichen Geschäft für die Datenanbieter wird“, sagt Siebel.


Reaktionen der Datenanbieter
Offenbar versuchen zumindest einige der (ESG-)Datenanbieter, ihre Kunden an sich zu binden, und verlängern die Laufzeit ihrer Lizenzverträge. „Bislang hatten die Lizenzen meistens eine Laufzeit von einem Jahr. Jetzt werden sie teilweise auf drei Jahre ­verlängert“, weiß Siebel. Aber damit hat er kein großes Problem. „Problematisch ist, dass Datenanbieter bei vielen Lizenzen auch die Preise indirekt erhöht haben, indem sie den Anwendungsbereich der Lizenzen verändert haben. Sie konnten nicht mehr ­genutzt werden, wenn zum Beispiel alternative Handelsplätze zum Einsatz kamen. Mit solchen Unsicherheiten können Fondsgesellschaften die Entwicklung der Marktdatenkosten schwer planen.“ Wenn mit der Verlängerung der Vertragsdauer auch die Preise fixiert werden, hat Siebel ­jedoch nichts gegen längere Vertragslauf­zeiten.

Wen die EU-Kommission mit der Durchführung des ESAP beauftragen wird, steht auch noch nicht fest. Siebel: „Hierzu erwarten wir am 23. November noch keinen Vorschlag.“


Anke Dembowski


Anhang:

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