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3/2021 | Produkte & Strategien
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Wir brauchen kollektive Systeme

Wir sprechen mit Hans Melchiors über die Altersvorsorge. Der ehemalige PSV-Chef baut gerade ein neues Institut auf, das sich mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen beschäftigt.

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Hans Melchiors lebt mit seiner Frau seit vielen Jahren in Hamburg. Die meiste Zeit seines Berufslebens kümmerte er sich um das Thema bAV, zuletzt als Vorstand Mitglieder und Finanzen beim Pensions-Sicherungs-Verein (PSV). Aktuell gründet er die Gesellschaft IWG Wirtschaft & Gesellschaft GmbH & Co. KG – Institut für angewandte Forschung.

© René Lahn

Hans Melchiors kann auf ein 40-jähriges Berufsleben in der betrieb­lichen Altersvorsorge (bAV) zurückblicken, zuletzt als Vorstand Mitglieder und Finanzen beim Pensions-Sicherungs-Verein (PSV). Das ist die Selbsthilfeeinrichtung der deutschen Wirtschaft zum Schutz der bAV im Fall einer Insolvenz des ­Arbeitgebers. Seine Vorstandsmitgliedschaft beim PSV hat Melchiors mit Mai 2021 niedergelegt, aber das Thema bAV lässt ihn nicht los. So ist er weiterhin im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für ­betriebliche Altersversorgung (aba) aktiv, und aktuell baut er ein neues Institut auf, das sich mit den Themen Demografie und Altersvorsorge beschäftigt. „Nun kann ich auch einmal kritische, brisantere Punkte ansprechen – das konnte ich früher aus Rücksicht auf meine jeweilige Aufgabe teilweise nicht“, meint Melchiors. „Mit unserer neuen Gesellschaft Wirtschaft & Gesellschaft wollen wir unsere akkumulierte Erfahrung und die neu gewonnene Freiheit nutzen und kritisch reflektieren. Dort betreiben wir Forschung rund um das Thema Altersvorsorge.“

Mindestlohn gehört ­angepasst

Melchiors erklärt, warum er für das Thema bAV brennt: „Die Altersvorsorge ist ­eines der großen gesellschaftlichen Themen und staatlichen Aufgaben. Der Bundeshaushalt der Bundesrepublik Deutschland beträgt 2021 547,7 Milliarden Euro. Davon sind 284,6 Milliarden für soziale Sicherung, Familie und Jugend sowie die Arbeitsmarktpolitik – und allein davon über 100 Milliarden für die Altersvorsorge: Zuschüsse zur Rentenversicherung, Grundsicherung und Erwerbsminderung. Und die Tendenz ist hier steigend!“ Das zeige den Handlungs­bedarf, um ein effizientes, aber auch von der breiten Mehrheit als gerecht empfundenes Alterssicherungssystem zu erhalten.

Den Blick fürs Machbare bestätigt ihm auch sein Wegbegleiter Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Herr Melchiors ist in der bAV-Szene exzellent vernetzt, denkt sehr politisch und kann daher auch immer gut einschätzen, was realistisch umsetzbar ist und wo vielleicht Hürden bestehen.“
Spricht man mit Melchiors, wirkt er ­gesetzt und diszipliniert. Dass er aber auch kämpferisch ist, merkt man an seinen teilweise deutlichen Aussagen. Er hält das ­Altersvorsorgesystem in Deutschland für in die Jahre gekommen und tritt dafür ein, es zu modernisieren. „Die Altersversorgung für die Niedriglohnbezieher und die sozial Schwachen funktioniert hierzulande nicht gut. Aber gerade deren ­Altersvorsorge liegt im gesellschaftlichen Interesse. Wirtschaftspolitisch muss die bAV mit den Gehältern verzahnt werden. Wenn Beschäftigte zu niedrige Löhne beziehen, kommen sie mit der Altersvorsorge nicht weiter“, meint Melchiors. Seiner Meinung nach sollte jeder von seiner Rente ­leben können, der 45 Jahre lang gearbeitet hat, auch wenn es im Mindest- beziehungsweise Niedriglohnbereich war. „Viele Menschen, die eine normale Erwerbsbiografie haben, schaffen es nicht, sich aus der Grundsicherung zu befreien. Daher gehören  der Mindestlohn oder die Altersversorgung angepasst“, wird er politisch.

Altersarmut treffe heute verstärkt Frauen. „Jede Epoche hat ihre Fragestellung. Im 19. Jahrhundert war es die frühkapitalistische Ausbeutung; heute sind es Altersarmut und Generationengerechtigkeit. Frauen sind zwar in der Arbeitswelt emanzipierter, aber wenn sie Kinder bekommen, steigen sie ­immer noch häufig aus dem Beruf aus und erst Jahre später wieder ein. Das wirft sie in Sachen Alterssicherung zurück, aber die Gesellschaft profitiert von den Kindern, weil sie das System stabilisieren.“ In diesem Zusammenhang setzt er sich mit dem ­Soziologen und Nationalökonomen Max Weber auseinander, der sich zu diesem ­Thema und über ungleiche Lebenschancen geäußert hat. Über ihn unterhält er sich ­gelegentlich auch mit seiner Frau, die evangelische Pastorin ist.

Melchiors hat einen Lösungsansatz: „Man braucht weiterhin kollektive Vorsorgesysteme, insbesondere für Bezieher niedriger Einkommen.“ Hier sei man bereits auf ­einem guten Weg. „Immerhin gibt es durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) einen staatlichen Zuschuss zur bAV von 30 Prozent für Niedriglohnbezieher. Und sowohl in der Zusatzversorgung als auch in der Krankenversicherung sind 100 Euro monatlich frei. Renten aus der bAV werden bis zu 208 Euro nicht auf die Sozialleistung im Alter, die Grundsicherung, angerechnet.“ Das sei ein guter Start, aber in diese Richtung müsse man weiter denken, meint Melchiors. Man solle lieber während der Erwerbsphase helfen, als erst dann, wenn die Rente für ein normales Leben nicht ausreicht und man zum Bittsteller wird. Die Gesellschaft werde so oder so in die Pflicht genommen, aber früher sei es leichter als später. Man kann wohl davon ausgehen, dass er nicht lockerlässt. Alexander Gunkel bescheinigt ihm zwar eine „freundlich-fröhliche Art im persönlichen Umgang“, aber eine „große Hartnäckigkeit in der Sache“.

Vereinfachung der bAV

Wolle man die Basis der bAV verbreitern, dürfe man sie nicht zu kompliziert gestalten. „Man muss die Durchführungswege einfacher machen! Das darf für die Leute nichts Nebulöses sein“, fordert Melchiors. Auch Riesterverträge seien zu kompliziert in der Handhabung – und erst recht die anderen Durchführungswege. „Es muss auch für kleine Unternehmen etwas Zurechtge­schnittenes geben! Wir brauchen bAV-Produkte, die der Anstreicher oder der Schreinermeister versteht und die er für seine ­Mitarbeiter machen kann, ohne sich lange einlesen zu müssen.“

Zumindest müsse jeder Einzelne den Teil der bAV verstehen, der für ihn wichtig ist. Hier seien auch die Unternehmen gefordert. Die Altersvorsorge bei den Unternehmen anzusiedeln hält er für richtig: „Daher kommt das Gehalt. Da ist man am Point of Sale und kann gut argumentieren, einen Teil des Gehalts für die Altersvorsorge einzu­setzen.“

Für eine gute Idee hält er die angedachte jährliche Information über die zu erwartenden Altersleistungen, kombiniert aus gesetzlicher Rente, bAV und privater Vorsorge. „So können sich die Bürger regelmäßig mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzen und sehen, wo sie gegebenenfalls noch etwas tun sollten. Wir müssen häufiger und engagierter über die Altersvorsorge sprechen“, meint Melchiors.

Obwohl man ihn eher im Lager der ­Lebensversicherungen verortet, wird er bei der Frage zur Notwendigkeit von Garantien deutlich. „Anders als Kapitalanlagegesellschaften können Versicherer die Langlebigkeit bereits beim Abschluss eines Vertrags absichern und den jeweiligen garantierten Rentenwert mitteilen. Was hilft es zu wissen, dass Sie mit 67 100.000 Euro erhalten, wenn Sie nicht wissen, was das an garantierter lebenslanger Rente bedeutet?“, fragt er. Aber er gibt auch zu: „Derzeit sind ­Garantien sehr teuer und in einer disruptiven Kapitalanlagewelt nur noch schwer zu halten. Deshalb sehe ich heute auch reine Kapitalanlagen als sinnvoll an; allerdings nur für den Teil, der nicht für die Erhaltung eines normalen Lebensstandards im Alter benötigt wird.“ Ansonsten müsse die Gesellschaft ohnehin einspringen. Er verweist auf Siemens. „Mit dem neuen Modell in der Direktzusage hat Siemens etwas Tolles eingeführt. Dort gibt es eine Zusage in Höhe von 90 Prozent der Beiträge, und wenn das Kapital anwächst, wird auch das Zusagenniveau wieder angezogen.“

Mit dem Geld, das nicht zwingend für die Erhaltung eines normalen Lebensstandards im Alter benötigt wird, könne man auch am Aktienmarkt spekulieren, meint Melchiors. Allerdings nicht ohne Warnung. So verweist er darauf, dass es am japanischen Markt 30 Jahre gedauert hätte, bis das alte Marktniveau wieder erreicht wurde. „Aktuell läuft es natürlich gut, aber auch in Europa hatten wir Zehnjahreszeiträume, in denen sich am Aktienmarkt nicht viel getan hat“, warnt Melchiors vor zu großer Aktieneuphorie.

Hauptsache, kollektive ­Systeme

Er kann sich sogar vorstellen, dass in der ersten Säule nach und nach eine Kapitaldeckung auf Aktienbasis eingerichtet wird, die langfristig die Systeme entlasten könnte. Hier nennt er Norwegen als gelungenes Beispiel. „Dazu brauchen Sie unbedingt große, kollektive Systeme, die langfristig ausgelegt sind. Auch der norwegische Staatsfonds ist schon mal für ein oder zwei Jahre rückläufig gewesen, aber das ließ sich über das Kollektiv ausgleichen. Bei Versicherungen haben Sie eben auch kollektive Systeme“, bricht er noch einmal eine Lanze für Versicherungen. Mit kollektiven Systemen wie Metallrente oder Chemie-Pensionsfonds sei auch der Anteil der Beschäftigten an der bAV signifikant höher. „Das hat viel mit Vertrauen zu tun“, meint Melchiors.

Er hat noch ein Thema, das ihm am ­Herzen liegt: Nachhaltigkeit. „Ich halte das Thema für sehr wichtig, insbesondere weil ich meinen Kindern und Enkeln nicht eine ruinierte Umwelt hinterlassen möchte.“ Er hat zwei Töchter, zwei angeheiratete Söhne und bisher drei Enkel. In seiner neu ge­wonnenen Freizeit will er mehr mit seinen Enkeln spielen, aber auch lesen, wandern, Gitarre und Handball spielen und mit Freunden diskutieren. „Wir alle müssen glaubhaft an einer Reduzierung der Emissionen arbeiten, an einer soliden und nachwachsenden Nutzung der Natur interessiert sein und alles dafür tun, dass wir Umweltrisiken nicht mit ökonomischen Zwängen aufwiegen, sondern innovativ die richtigen Lösungen suchen“, sagt Melchiors.

Was er seinen Kindern zur Altersvorsorge empfiehlt? „Jedes Kind hat natürlich seine eigene Situation und seinen ­eigenen Kopf. Ich rate aber immer, nicht alle Eier in ein Nest zu legen, sondern eine breite Diversifizierung anzustreben. Natürlich sollen sie einen bAV-Vertrag abschließen, aber zusätzlich auch gern ein Haus kaufen und in ETFs investieren.“ Und eine Lebensversicherung abschließen? „Nun ja, Lebensversicherungen befinden sich derzeit tatsächlich in einer Umbruchphase, vielleicht sind nicht alle derzeit ideal.“ Man merkt, dass ihm dieser Satz weh tut, hat er doch so lange in der Versicherungsbranche gearbeitet.

Neues Institut

Auf sein neues Institut Wirtschaft & Gesellschaft freut er sich; die Verträge würden gerade vom Notar bearbeitet. „Wir starten das Institut zu dritt. Neben Prof. Dr. Franz Schultheis, der seit vielen Jahrzehnten zu gesellschaftlichen und sozialen Fragestellungen in St. Gallen und aktuell in Friedrichshafen forscht, und Sebastian Sturm, der unter anderem viele Jahre in der Versicherungswirtschaft gearbeitet hat und nun im Change Management tätig ist, werde ich der dritte Partner sein.“

Von dieser interdisziplinären Zusammensetzung verspricht er sich einen ganzheit­lichen Überblick und innovative Lösungen. Die drei wollen unter anderem ­eigene Forschung zum Themenfeld ­Altersvorsorge betreiben und die Ergebnisse veröffentlichen, aber auch Forschungsaufträge von privaten und staatlichen ­Organisationen bearbeiten. „Uns geht es nicht um das Finden von Schuldigen oder Verantwortlichen, sondern wir suchen nach Lösungen. Dabei arbeiten wir komplett unabhängig und frei von Verpflichtungen.“ In einem disruptiven Wandel, wie wir ihn derzeit sehen, funktionierten bestehende Handlungsweisen nicht mehr. „Man kann nicht mit alten Antworten neue Probleme lösen, da alte Antworten an den Problemen be­teiligt waren. Wenn man nur einen ­Hammer hat, meint man, alle Probleme wären Nägel. Insbesondere in der Digitalisierung führt das zum Crash“, so Melchiors.    

Anke Dembowski


Hans Melchiors frei assoziierend zu …

… Gesundes Altern: „Lange körperliche und geistige Fitness, aktiv bleiben und der Gesellschaft was ­zurückgeben.“

… Familie: „Sehr wichtig fürs eigene Gleichgewicht.“

… Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage: „Sehr wichtig, aber bitte keine konkreten staatlichen Vorgaben! Institutionen sollten eine Selbstverpflichtung und ­stabile langfristige Rahmenbedingungen bekommen.“

… Europäische Konvergenz: „Nur da, wo es sinnvoll ist. Wir sind weit davon entfernt, da auch die ­Lebensumstände sehr unterschiedlich sind.“

… Gleiche Regularien für Versicherungen und Pensionskassen: „Das Gegenteil sollte angestrebt werden: Für die bAV sollte das Arbeits- und Versicherungsrecht angepasst werden.“

… Alte Besitzstände in der bAV: „Veränderte ­Rahmenbedingungen sollten zügig zu gesetzlichen ­Anpassungen führen, sonst haben wir wie aktuell ­einen Rückstau, der kaum zu bewältigen ist.“

… Portabilität von bAV-Verträgen: „Wichtig! ­Eigentlich ist das vielfach schon vorhanden, aber ­sicher noch ausbaufähig.“


Einige ehrenamtliche Tätigkeiten:

  • Vorstandsmitglied aba
  • Fachausschuss Regulatorik und Kapitalanlage der aba
  • Bundesausschuss Arbeitsmarkt und Alterssicherung BWR
  • Beirat im Institut der Versicherungsmathematischen ­Sachverständigen für Altersversorgung (IVS)
  • Gründung der Initiative Gesundheitswirtschaft e. V.

Ein Leben für die bAV

  • 1972 Ausbildung als Bundespolizeibeamter
  • U. a. Schutz von Helmut Schmidt und Hans Dietrich Genscher, Ausbildung von Polizeihunden
  • 1981 wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Bergischen Universität Wuppertal und Unternehmensberatung
  • 1986 Volksfürsorge: Entwicklung von bAV-Konzepten und ­Gründung von Versorgungseinrichtungen (u. a. Ukassen)
  • 1990 Condor-Versicherungsgruppe: BL bAV und GF einer Fondsvertriebsgesellschaft
  • 2000 HVB Gruppe: BL und zuständig für die bAV der Gruppe, VV der HVB PK und HVB Ukasse
  • 2002 Gründung des ersten in Deutschland zugelassenen Pen­sionsfonds – Chemie-PF und HVB PF und deren Vorstand, teilweise überlappend mit der letzten und der nächsten Position
  • 2004 Volksfürsorge: Vorstand für bAV, verschiedene weitere Mandate in PF, PK
  • 2008 HanseMerkur Gruppe: Vorstand (kurz, da dann doch ­keine bAV als Schwerpunkt)
  • 2011 PSVaG: Vorstand Mitglieder und Finanzen
  • 2021 Gründung der Gesellschaft IWG Wirtschaft & Gesellschaft GmbH & Co. KG – Institut für angewandte Forschung
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