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1/2019 | Produkte & Strategien
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»Streben nach der Lebensfülle«

Uralte ESG-Tradition des Franz von Assisi in der heutigen Fondspraxis: Der Franziskanerorden entwickelte schon im 15. Jahrhundert eine ökonomische Theorie von der Fruchtbarkeit des Geldes. Er legte damit den Grundstein für ethisch verantwortliche Geldanlagen.

Die Missionszentrale der Franziskaner in Bonn ist ein international tätiges Hilfswerk, das jährlich rund 650 Projekte in über 75 Ländern fördert. Schon lange vor dem Hype um nachhaltige Geldanlagen, nämlich vor rund 30 Jahren, hat die Bonner Missionszentrale ein Konzept für ethisch verantwortliche Anlagen entwickelt. Um nicht nur die eigenen Gelder entsprechend anzulegen, sondern diese Möglichkeit auch einem breiten Publikum anbieten zu können, hat sie vor rund zehn Jahren eine nachhaltige Fondsfamilie unter dem Namen „terr­Assisi“ ins Leben gerufen. Die Fonds nutzen das Nachhaltigkeits-Research der Münchner ISS-oekom und werden von Ampega Investment in Köln verwaltet. Institutional Money sprach mit dem Franziskanerbruder Johannes, ­Sebastian Riefe, dem Manager des ­terrAssisi Aktienfonds, und David Reusch, dem Kaufmännischen Direktor der Missionszentrale in Bonn.

Warum hat die Missionszentrale der Franziskaner im Mai 2009 einen eigenen Fonds ins Leben gerufen?
Reusch: Das ist aus der Historie gewachsen. Wir haben seit etwa 30 Jahren die Entwick­lung einer Nachhaltigkeits-Kriteriologie begleitet. Wir haben dazu Forschungsgruppen unterstützt, beispielsweise Anfang der 90er-Jahre bei der Entwicklung des Frankfurt-­Hohenheimer Leitfadens. Dieser Leitfaden wird im heutigen ISS-oekom-Rating umgesetzt. Bei diesen Arbeiten kam auch die ­Frage auf, wie wir unsere eigenen Gelder anlegen können. Es handelt sich dabei um Stiftungsgelder, Treuhandgelder und die Rücklagen unseres Hilfswerks. Damals gab es keine Produkte, die unsere Kriterien abgebildet haben. Ein Teil der Verwaltungsvergütung aus den terrAssisi-Fonds geht ­direkt in unsere Hilfsprojekte in aller Welt.

Der terrAssisi-Fonds geht auf die Anschauung des heiligen Franz von Assisi zurück, der von 1181 bis 1226 lebte. Franz von Assisi predigte damals Armut und Verzicht auf materiellen Besitz. Wie passt das zum Renditeziel eines Fonds?
Bruder Johannes: Das Franziskus-Bild, das wir heute haben, ist von der Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts geprägt: Der Mann, der mit den Vögeln spricht, der den Wolf dressiert und so weiter. Das sind keine falschen Bilder, aber sie sind verzerrt. In dem Zusammenhang ist damals auch das Bild der Armut sehr betont worden. Es ist richtig, dass Franziskus die Armut gewählt hat. Allerdings hat er weniger die Armut gewählt als vielmehr die Beziehung zu den Menschen, die damals arm waren – beispielsweise die Leprösen. Franziskus schreibt, dass sein Gespräch mit einem ­Leprösen, der ausgestoßen war, sein großes Bekehrungserlebnis war. Es hat seine Weltsicht und sein Empfinden so sehr verändert, dass er ausgestiegen ist aus der reichen Bürgerwelt, zu der er einst gehörte.

Gibt es nach der franziskanischen Theo­rie eine Schwelle, ab der Rendite unanständig hoch ist? Wo ist die Grenze?
Bruder Johannes: Historisch gesehen waren Zinsen in der mittelalterlichen Kirche verboten. Es waren die Franziskaner, insbesondere die Generationen nach Franziskus, die eine ökonomische Theorie von der Fruchtbarkeit des Geldes aufgestellt haben. Sie ­haben erkannt, dass es Rendite geben kann, die im Zusammenhang des Wirtschaftsgeschehens legitim ist, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Der Franziskanerorden hat sehr energisch gegen den sogenannten „Wucher“ gekämpft. Die Grenze ist da, wo jemand anders geschädigt wird.

Wie realisieren Sie dieses Gedankengut in Ihrem Fonds?
Riefe: Wir orientieren uns am Nachhaltigkeitsprozess von ISS-oekom, wo wir mit unserem absoluten Best-in-Class-Ansatz klare Kriterien aufgestellt haben. Dabei erhält jedes Unternehmen einen Score. Hinzu kommen von der Missionszentrale der Franziskaner spezielle Ausschlusskriterien, etwa für Unternehmen aus der Rüstungsbranche oder Förderer fossiler Brennstoffe. Damit bleibt ein vorgefiltertes Universum für den terr­Assisi-Fonds übrig. Erst dann stellt sich für uns die Renditefrage, und wir beginnen mit der Portfoliokonstruktion.

Bleibt dann noch genügend Chance auf Rendite?
Riefe: Ja, das geht Hand in Hand: Wenn ein Unternehmen etwa seine Mitarbeiter gut behandelt, betrifft das den „Social“-Aspekt beim ESG-Ansatz. Mitarbeiter, die gut behandelt werden und sich entsprechend wohl fühlen, strahlen das nach außen hin aus und sind motivierter, was der Unternehmensentwicklung positiv zugute­kommt. Ich möchte den Renditeaspekt bei ESG-Anlagen aber nicht überbetonen. Viel wichtiger ist der Risikoaspekt.

Inwiefern spielt der eine Rolle?
Riefe: Es ist nachweislich so, dass es bei Unternehmen, die einen guten ESG-Score haben, seltener zu Vorfällen kommt, die den Aktienkurs massiv negativ beeinflussen, als bei Unternehmen mit einem schlechten ESG-Score. Wenn in einem Unternehmen etwas passiert, kostet das massiv Rendite. Das hat beispielsweise der Fall VW gezeigt. Mit dem ESG-Ansatz versucht man, diese Werte auszuschließen und damit das Risiko zu reduzieren.

Bei der Kapitalanlage des Fonds schreiben Sie das Thema ethisch nachhaltige Geldanlage groß. Ist eine Sache per se ethisch und nachhaltig, bloß weil „Kirche“ draufsteht oder die Kirche dahintersteht?
Bruder Johannes: So würde ich das nicht ­definieren. Auch wenn wir in die moderne Kirchengeschichte schauen, ist es nicht so, dass Kirche gleich ethisch ist – leider! Wir sind mit dem Franziskanerorden eine kirchliche Gemeinschaft, gehören also zur ­Kirche, sind aber nicht die institutionellen ­Vertreter der Kirche. Kirchliche Orden ­haben einen gewissen Spielraum, beispielsweise dort, wo es Grenzbereiche gibt oder wo ­Kirche nicht mehr hinkommt. Das ist der Reiz der Orden, auch historisch gesehen. Entsprechend gibt es gelegentlich Spannungen zwischen dem, was die Kirche sagt, und dem, was die ­Ordensgemeinschaften leben. Ich sage nicht, dass Kirche gleich ethisch ist. Vielmehr muss sich die Kirche immer neu darum ­bemühen, die Ethik, die sie lehrt und einfordert, selbst zu leben.

Über 2.000 Jahre Christentum und rund 800 Jahre Franziskanerorden stehen für eine gewisse Nachhaltigkeit, die andere Organisationen erst unter Beweis stellen müssen. Welche Grundsätze machen das Gedankengut der Franziskanerorden nachhaltig?
Bruder Johannes: In der franziskanischen Wirtschaftsgeschichte wurde erst einmal definiert, was Kapital sein kann. Nach dem damaligen Verständnis war Kapital in erster Linie Grundbesitz, und vielleicht auch Schmuck, Gold und Silber, also etwas sehr Materielles. Unter anderem brachten die Franziskaner den Gedanken des Erwirtschaftens mit Geld auf, ohne den das heutige Wirtschaften nicht möglich wäre. Sie brachten aber noch eine ganz andere Definition für ­Kapital mit ein: das Beziehungskapital – Schönheit, Wahrheit, Treue, Vertrauen als Kapital. Dabei handelt es sich um ­eine Erweiterung des Kapitalbegriffs
auf menschliche und religiöse Werte, die auch heute in die ESG-Kriterien einfließen.

Franziskus soll ja sogar auf Vorratstasche und Proviant verzichtet haben. Wie war damals die Einstellung des Franziskaner-ordens hinsichtlich der Altersvorsorge?
Bruder Johannes: Die Franziskanerbrüder sollten für ihren Lebensunterhalt arbeiten und kein Geld annehmen, mit einer ­Ausnahme: Für kranke und alte Brüder durfte Geld angenommen werden; für sie wurden zum Beispiel auch Hospize ­gebaut. Da sich Franziskanerbrüder um die Leprösen gekümmert haben, haben sich auch einige von ihnen angesteckt, die dann auch gepflegt wurden. Diese Fürsorge liegt dann wieder auf der Beziehungsebene. Menschen, die durch Krankheit oder Alter arm werden, bedürfen eben jener Beziehung, die ihnen hilft, ein würdiges Leben zu führen.

Wenn die franziskanischen Grundwerte Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind, welche Ausschlusskriterien haben Sie dann in Ihrem Fonds?
Reusch: Ausschließen wollen wir u. a. Tabak, fossile Brennstoffe, geächtete Waffen und Unternehmen mit kontroversen Geschäftspraktiken wie Bilanzfälschung, Kinderarbeit oder Korruption.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?
Riefe: SAP war beispielsweise lange Zeit eine unserer Top-Holdings. Dort gab es aber im Jahr 2017 einen gravierenden Korruptionsfall in Südafrika, sodass wir SAP verkaufen ­muss­ten.

Wie lange ist dann der Reiter „Achtung, Korruptionsfall“ auf dem Unternehmen?
Riefe: Das hängt vom Schweregrad des Verstoßes ab. ISS-oekom unterscheidet drei Schweregrade. Bei einem moderaten Verstoß ist das Unternehmen für zwei Jahre ausgeschlossen, bei einem schweren Verstoß drei Jahre und bei ­einem sehr schweren Verstoß fünf Jahre. Die Unternehmen können diese Sperrfristen reduzieren, wenn sie glaubhaft Maßnahmen ergreifen, damit solche Fälle nicht mehr vorkommen.

Wie sieht es in Ihrem Fonds mit Produzenten von Alkohol oder Kontrazeptiva aus?
Reusch: Alkohol ist bei uns kein Ausschlusskriterium. Bei Herstellern der Antibabypille haben wir die katholische Sichtweise von der Gewissensentscheidung mit im Blick. Wir setzen dabei auf die Würde des Menschen. Was wir aber ausschließen, sind Unternehmen, die in der Embryonenforschung tätig sind.

Bruder Johannes: Verantwortlichkeit ist bei uns ein großes Stichwort. Dazu ist die Würde des anderen in den Blick zu nehmen. Das kann auch bedeuten, Familienplanung zu betreiben.

Haben Sie auch Positivkriterien?
Reusch: Das Corporate-Rating, das uns ISS-oekom liefert, basiert auf über 100 Einzelkriterien. Dort werden natürlich auch positive soziale oder ökologische Kriterien, die ein Unternehmen erfüllt, berücksichtigt.

Wie verzahnen Sie die Positiv- und die Negativkriterien im Fonds?
Riefe: ISS-oekom ist unser spezialisierter ­Informationsdienstleister, der nach strengen Kriterien filtert und für die einzelnen Unternehmen einen Nachhaltigkeits-Score berechnet. Die Missionszentrale gibt dabei die Kriterien und auch die jeweiligen Toleranzschwellen vor. Der Ratingprozess ist das Herzstück unseres Fonds, und das geht weit über ein paar Ausschlusskriterien hinaus. ISS-oekom untersucht rund 3.700 Unternehmen weltweit. Nach den beiden Filterprozessen absoluter Best-in-Class-Ansatz und Ausschlüsse bleiben noch 450 Unternehmen übrig, die investierbar sind.

Wie unterscheidet sich der terrAssisi-Aktienfonds hinsichtlich der Sektor- und Ländergewichtung von seiner breiten Benchmark?
Riefe: Es handelt sich dabei um einen globalen Aktienfonds. Allerdings gibt es in den Emerging Markets nicht viele Unternehmen, die unsere Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Daher liegt unser Anlagefokus auf den Developed Markets: Prinzipiell investieren wir in den USA, Europa, Kanada, Japan und Australien. Die meisten Unternehmen, die unseren Nachhaltigkeitsfilter bestehen, sind in Europa ansässig, dort ist man in dieser Hinsicht am weitesten. In den USA finden wir wesentlich weniger Unternehmen mit guten ESG-Ratings, was zu der aktuellen Wirtschafts- und Umweltpolitik der USA passt. Da die USA global der wichtigste ­Aktienmarkt sind und die größten Unternehmen gemessen an der Marktkapitalisierung stellen, haben wir die Einzeltitelgewichtungen bei den US-Unternehmen erhöht, sodass wir jetzt zu ungefähr 45 Prozent in den USA investiert sind, während der MSCI World Index einen US-Anteil von 60 Prozent hat – lange Zeit waren wir noch stärker untergewichtet.

Und bei der Sektorgewichtung?
Riefe: Wir konzentrieren uns auf Branchen, die am besten mit dem Nachhaltigkeitsthema in Verbindung stehen und eine langfristige Story liefern. Dazu zählen für uns Unternehmen aus den Sektoren Gesundheit, Technologie und Industrie. Im Industriesektor liegt unser Fokus auf den Bereichen Mobilität, Transport und Infrastruktur. In Branchen, die einen besonders hohen Einfluss auf die Bereiche ESG ­haben, beispielsweise Energie- oder Rohstoffunternehmen, sind wir aktuell nicht investiert.

Wie sehen Sie den Trend, dass nun fast jede Gesellschaft eine ESG-Flagge hochhält?
Reusch: Mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Auf der einen Seite ist es gut, dass das Thema an Popularität gewinnt. Auf der anderen Seite muss man darauf achten, dass hier nicht nur ein ­Modetrend entsteht, sondern dass auch ein ernsthafter Nachhaltigkeitsgedanke dahinter ist, der tatsächlich gelebt wird. Als Produktinitiator versuchen wir, unser Produkt weiterzuentwickeln und sauber zu halten. Und wir wollen weitere Investoren dazu zu motivieren, nachhaltig zu investieren.

Wie wurden eigentlich früher die Ordensgelder investiert? Wurden auch seinerzeit die Ziele Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung berücksichtigt?
Bruder Johannes: Ja, das hat bei uns lange Tradition! Vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein haben die Franziskaner in ihren ­Predigten den Zinswucher angeprangert und nach Alternativen gesucht. Zusammen mit befreundeten Laien haben sie etwa 80 soziale Banken gegründet, die sogenannten „Montes Pietatis“. Heute würde man von Genossenschaftsbanken sprechen. Diese liehen Handwerkern, einfachen Bauern und Armen Geld zu einem kostendeckenden Zins. Die genannte Gruppe hätte damals von den Banken niemals Geld geliehen bekommen, sondern nur von Geldverleihern, die exorbitant hohe Zinsen gefordert haben. Diese Initiative ist dann in den Napoleonischen Kriegen beziehungsweise schon mit der Französischen Revolution untergegangen. Im Grunde genommen ist unser Fonds eine Anknüpfung an diese Tradition.

Wir danken für das Gespräch.    

Anke Dembowski

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